Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 7 (1934)
- Issue
- Heft 328 (16.2.1934)
- Date
- 1934-02-16
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 DIE STIMME Nr. ,128 16. Felirwar lf)3-f Gebiete, u. a. behördlichen Boykott i usvv. betreffen, liegt auch eine Beschwerj de wegen Verbots des rituellen | Schachtens vor, das für das ganze j deutsche Reich erlassen wurde, aber inin-; desteus für Olx'rschlesien nicht gelten j sollte, da es eine Zurücksetzung eines : Teiles der Bürger auf religiösem Gebiet bedeutet, die Gemischte Kommission wird; sich schon in nächster Zeit mit allen | diesen Beschwerden beschäftigen. Es ist interessant, daß die deutsche j Regierung vor kurzem die zwei frühe-; ren deutschen Mitglieder der Gemisch- * ten Kommission, die nicht Nationalsoziaj listen waren, abberufen und durch N a- . tio na 1 soz i allsten ersetzt hat.; Neuordnung in der Judenfrage. Der Reinhold-Verlag sendet uns die folgende Ankündigung: „Uebar Anregung von Minister Czermak wird dieser Tage im rührigen Wiener Reinhold-Verlag unter dein Titel „Klärung in der Juden frage“ eine Schrift erscheinen, die sich eingehend mit Czermaks „Ordnung in der Judenfrage“ auseinandersetzen wird, mit welcher vor einem Vierteljahr einer „Verständigung von Volk zu Volk“ das Wort geredet wurde. Den Standpunkt der Kirche wird der Budapester Jesuitensuperior P. Bela Bangha, der Begründer eines großen Zeitungsunternehmcus, das mehrere Tagesblätter und Zeitschriften nerausgibt, vertreten, während für das assimilatorische Wiener Judentum Ür. Oskar Yrebitsch und für die christlichen fudenstämmlinge Dr. Paul Kris Stellung nehmen werden. Im reichen Dokumenteil. der Stimmen aus allen Lagern sammelt, finden sich einige bemerkenswerte Aeusserungen Kardinal haulliabers. Schon Czermak’s „Ordnung in der Judenfrage“ fand einen überaus lebhaften Widerhall in der gesamten Oeffentlichkeit. Angesichts des Umbaues der österreichischen Verfassung kommt dieser neuen Veröffentlichung höchstes Interesse zu.“ der Kultusgomeinde, der Israelitischen Alliance und anderer jüdischer Zentral-! Organisationen begrüßt wurde, sandte ein i Telegramm an die Executive des Jüdij sehen Weltkongresses, die sooben in Prag | getagt hat, mit dem Ersuchen, die In- 1 te ressen der verfolgten jüdischen Studenten wahrzunehmen.! Für einen Burgfrieden der jüdisclicn Verbände in Deutschland. Berlin. Unter Beteiligung der Vertreter von Gemeinden, Gemeindeverbän- Papen appcliert an die Saarländischen Juden. Paris. Da die antisemitische Politik der Reichsregierung sich iifr die A bstimmungspropnganda im Saargebiet als hinderlich erwiesen hat, ist nunmehr durch den Vizekanzler von P a p e n als Saarbevollmächtigten der Reichsregierung den saarländischen Juden offiziell erklärt worden, man wolle für das Saargebiet, wenn es durch Abstimmung wieder deutsches Reichsgebiet würde, eine Ausnahme von dem Rassenprinzip machen und dort weiterhin jüdische und nichtarische Beamte duledn. Die Pariser Zeitungen weisen auf die Zustände in Oberschlesien hin, wo die Juden nicht etwa auf Grund eines bloßen Versprechens, sondern, internationaler Bindungen als vollberechtigte Bürger gelten und dennoch boykottiert und verfolgt werden. Polnische Regierungserklärung üker die jüdische Gleiclike« recktigung. Warschau. In der Sitzung des polnischen 'Sejm, in der das Budget des Innenministeriums behandelt wurde, erklärte Innenminister Pieracki: „Ich benutze die Gelegenheit, um nochmals unmißverständlich festzustellen, daß wir keinerlei Terror, sei er individueller oder kollektiver Art, dulden werden. Wir werden nie einen Rassen- und National itätenkampf ziüassen, da ein solcher dem geschichtlichen Geist unseres Volkes zuwider ist. In Polen bildet die Gleichberechtigung aller Bürger die Hauptgrundlage der Staatsmacht.“ Die Pfeilkreusjer kei Hortky* Budapest. Reichsverweser H o r t h y empfing die Führer der ungarischen Nationalsozialisten (Pfeilkreuzler) Grafen Festetics und Abgeordneten Meszko, die ihm die Bitte unterbreiteten, die Regierung zu ersuchen, der Tätigkeit der Pfeilkreuzler in Ungarn keine Hindernisse entgegenzusetzen, da fliese keineswegs einen Prangermanismus propagieren und einzig und allein den Antisemitismus mit Hittier gemeinsam haben. Die Pfeilkreuzführer gaben zu, daß in einigen Städten auch antisemitisch betonte Pfeilkreuzler- Exzesse vorgekommen seien, meinten aber, dies rechtfertige nicht die Behinderung einer „mächtigen Bewegung ungarischer Patrioten“. Professor Jacques Josepfi gestörten. Berlin. Im Alter von 69 Jahren ist Prof. Dr. rned. Jacques Joseph, einer der. bedeutendsten kosmetischen Chirurgen Deutschlands, gestorben. Joseph war einer der ersten, fler plastische Gesichtsoperationen vornahm und infolge seiner Rectifikationen abnormer Nasen, in der medizinischen Welt den Spitznamen „Nasen-Joseph“ erhielt. Im Kriege hat Professor Joseph in verzweifelten Fällen schwere Gesichts-Verstümmelte durch seine chirurgischen Kunst derartig wiederhergestellt, daß kaum etwas von den Verzerrungen des Gesichts zu merken war. Diese Mitteilung findet sich auch am Sonntag in der „Wiener Zeitung“, die jedoch den Dr. Paul Kris noch dem assimilatorischen Wiener Judentum zurechnet. Was Dr. Trebitsch anbelangt, so ist auch bei ihm die Bezeichnung „assimilatorisch“ unangebracht, weil er der jüdischen Gemeinde schon seit langem nicht mehr angehört. Er kann deshalb nicht als Wortführer irgend einer jüdischen Gruppe gelten, zumal er doch durch seinen Austritt zu erkennen gegeben hat, daß er das Judentum als seiner Zugehörigkeit nicht mehr würdig ansieht. Auch der Judenstämmling Dr. Kris ist kein vollwertiger Zeuge und seine Meinung über das Verhältnis der Juden zu den anderen Völkern kann für niemand von Interesse sein. Der Budapester Jesuitenpater Bangha, der Verfechter der Ideen und Methoden der „Erwachenden Ungarn“ scheint uns auch nicht der geeignete Autor, den Standpunkt der Kirche zu vertreten. Unvoreingenommenheit und Vorurteilslosigkeit kann man ihm kaum Zutrauen. Von Interesse ist jedoch der Schlußsatz des Waschzettels, ein Satz, den auch die „Wiener Zeitung“ abdruckt. Welche Verbindung soll zwischen einer akademischen Auseinandersetzung über die Fragen der Juden und dem Umbau der österreichischen Verfassung bestehen? Soweit die Oeffentlichkeit informiert wird, soll an Eine Erklärung des Präsidenten Dr. Friedmann. Der Präsident der Wiener Israelit. Kultusgemeinde Dr. Friedmann erklärte dem in Wien zu Informationszwecken weilenden amerikanischen Journalisten S molar: „Wir werden auch nicht den geringsten Teil der uns durch die Verfassung garantierten Rechte freiwillig aufgeben. Die Jüdische Gemeinde wird sich in keinerlei Verhandlungen mit der Regierung, die irgendeine Minderung der jüdischen Rechte zum Thema hätten, einlassen.“ Zu der Meldung über gewisse Besprechungen einzelner Persönlichkeiten mit christlichsozialen Politikern wurde dem Berichterstatter erklärt: Der Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde warnt vor solchen privaten Verhandlungen und erklärt, die Judenschaft werde von irgendwelchen Besprechungen nicht legitimierter Personen niemals Kenntnis nehmen. Erschwerung des Ausländer« Studium in Österreich. Einie Verordnung macht es jüdischen Studenten aus Amerika und aus Osteuropa unmöglich, ihre an österreichischen Universitäten begonnenen Studien hier zu beenden. Die Verordnung lautet dahin, daß der Staat wegen Raummangels an den Hochschulen und auch im Interesse der Befriedung der Universitäten und technischen Hochschulen in Wien, SaLzdie Stelle der Volksvertretung eine Ständeverfassung treten, für die als Vorbild der Mussolinische Korporationsstaat gilt. Nun hat aber die Mussolinische Verfassung nirgends eine Bestimmung über Juden oder „Die Juden“, die Juden Italiens sind den übrigen Bürgern Italiens vollständig gleichgestellt. Auch ist die Neuordnung Italiens niemals unter dem Gesichtspunkt der Errichtung eines „christlichen Staates erfolgt, weil auch Italien nicht auf die volle Mitarbeit seiner jüdischen Bürger verzichten will. In Polen ist erst vor einigen Tagen anläßlich der Abänderung der Verfassung sowohl von Pilsudski als auch von Seite des offiziellen Referenten des Sejm’, des gewesenen justizministers Dr. Car, die solenne Erklärung abgegeben worden, daß die jüdische Bevölkerung im ungeschmälerten Besitz ihres gleichen staatsbürgerlichen Rechtes verbleibt. Es liegt nicht im Interesse Oesterreichs, auch noch in Bezug auf seine 225.000 Juden in die Diskussion der Garanten der Minderheitsbestimmungen gezogen zu werden. Alle Versuche, auf dem oder jenem Wege eine Judenfrage künstlich zu schaffen, laufen letzten Endes auf Unordnung hinaus, an der sich das österreichische Judentum und seine verantwortungsbewußten Führer nicht beteiligen wollen. Was Getaufte oder Konfessionslose oder Geschäftemacher sagen oder schreiben, ist wertlos. bürg, Innsbruck und Graz durch Ausländer zu beschränken. Dazu ist zu bemerken, daß die Zahl amerikanisch-jüdischer Studenten an der Wiener Universität, die in früheren Semestern im allgemeinen hoch war, im letzten Semester infolge der antisemitischen Unruhen sich stark verminderte Es studiert in diesem Jahr an den österreichischen Universitäten eine um 1001) kleinere Zahl jüdischer Studenten als im Varjahre. Im Durchschnitt beträgt heute die Zahl der Juden an den österreichischen Hochschulen vier Prozent der Gesamtzahl der Studentenschaft, wobei allerdings an manchen Fakultäten der Universität Wien die absolute Zahl der Juden den allgemeinen Durchschniltssatz weit übertrifft. In der soeben in Wien abgehaltenen Jahresversammlung des jüdischen H o c h s c h u 1 a u s s c h u s s es Oesterreichs wurde von den Rednern die Behauptung der Antisemiten, daß Juden die österreichischen Universitäten beherrschen, als lächerlich zurückgewiesen. Die Jahresversammlung, die von der Leitung | den und der Arbeitsgemeinschaft jtidi-; scher Landesverbände, sowie hervorragen- I der Vertreter der großen jüdischen I Zweckverbände und weltanschaulichen 1 Richtungen fand am 11. d. im Berliner : Logenhaus eine Sitzung des Beirats i der Reichsvertretung der cleutj sehen Juden statt, in der der Ausj schuß der Reichsvertretumg Bericht über | seine Tätigkeit auf wirtschaftlichem, soi zialem und kulturellem Gebiet erstattete. | In der dem Bericht sich anschließenedn Aussprache wurde einmütig auf die Notwendigkeit hingewiesen, zum Zweck ungestörter Koordinierung der verschiedenen Gebiete jüdisch-öfFentlicher Tätigkeit ideologische Auseinandersetzungen in Wort und Schrift auf ein Mindest- I maß zu beschränken und hierbei ' jede Form zu vermeiden, die die eine! oder andere Seite verletzen könnte. Ganz! besonders aber müsse darauf gesehen j werden, daß Aktionen einzelner! Gruppen auf Gebieten, die der Reichsj verlretung Vorbehalten sind, unterbleiben. I In einer Entschließung wurde der Reiahsvertretung die Aufgabe übertragen, den von allen Seiten geforderten Burgfrieden zwischen den verschiedenen Verbänden und Richtungen zu fördern und über seine Einhaltung zu wachen. Der Präsident der Reichsvertretung, Rabbiner Dr. Leo Baeck, sagte in seiner Eröffnungsansprache: Alles, was wir tun, empfängt seine Bestimmung davon, wie einst die Geschichte über uns urteilen wird. Das muß auch unseren Brüdern im Auslande gesagt werden. Wir sind dankbar für die uns von ihnen gewährte materielle Hilfe zur Erhaltung unserer sozialen und kulturellen Einrichtungen; aber es ist dies eine Hilfe, die sie nicht nur uns, sondern auch sich selbst gewähren. Denn das Schicksal der deutschen Juden wird einst das Schicksal aller Juden Europas, vielleicht auch das Palästina^ werden. Verlieren wir deutschen Juden die innere Haltung, dann könnte der Tag kommen,, an dem auch jüdische Gemeinschaften des Auslandes in ihren Grundlagen erschüttert werden. Haben wir früher im geistigen Leben der Judenheit eine entscheidende Rolle ein genommen, so sind wir heute im Schicksal die Entscheidenden, nicht die, über die entsphieden wird. Auch für die Zukunft Palästinas ist unser Schioksal von höchster Bedeutung. Palästina kann vor der Gefahr stehen, durch Hemmung der für seine Entwicklung notwendigen jüdischen Zuwanderung gewissermaßen ausgotrocknet zu werden, aber auch ein, plötzlicher Wassersturz, eine Uebersch wemmung, würde das Land aufs schwerste gefährden. Das Schwarzbuch, Das „Comitö des Delegations ) uives“ in Paris, das bekanntlich von unserem verewigten Freund Leo Motzkin geleitet wurde, setzt mit diesem Buche seinen verstorbenen Führer ein Denkmal. Das Buch selbst ist eine Arbeit Leo Motzkins. Inmitten seiner Aufstrebenden Tätigkeit hatte er noch Zeit gefunden alle ihm erreichbaren Dokumente, die sich auf die Entrechtung der deutschen Juden beziehen, zu sammeln. Das „Schwarzbuch“ bringt nur Tatsachen und keine „Greueltneldungen“. Die Tatsachen allein aber sind die schrecklichsten Greuelmeldungen. Wir verfolgen den brutalen Vernich- Tatsachen und Dokumente tuhgskampf des Hitlerregimes auf allen Gebieten des Lebens, in Verwaltung, Justiz, Schule, Kunst, Wissenschaft und Wirtschaft. Spezielle Kapitel sind den Gewalttaten und den Auswirkungen der Judenverfolgungen gewidmet. Dem Buche ist ein Verzeichnis aller einschlägigen Gesetze, Verfügungen und Verordnungen angefügt. Dseses Buch sollte als wertvolle Materialiensammlung in keiner jüdischen Bibliothek fehlen. Da es aber nur die Zeit bis Sommer 1933 behandelt, wäre es zu wünschen, daß das Comitö des Delegations Juifs einen Ergänzungsabend folgen lassen möge.