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Die Stimme · 1934-02-09 · Heft 327 (9.2.1934) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Stimme
Volume
7 (1934)
Issue
Heft 327 (9.2.1934)
Date
1934-02-09
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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£ffe~9 DR ÜTTSfitt! ftr. sSr «."ÄföwiSi AUS ALLER WELT Die Kolonie von Uontessou Von unserem Pariser B. L-Berichterstatter Kürzlich verließen die ersten 70 jüdischen Emigranten Paris, um sich nach Palästina zu begeben. Ihre Waggons trugen die Aufschrift: «Merci ä la France!», und tausende Personen hatten sich zum Abschied eingefunden. Diesen 70 Menschen, durchwegs Angehörigen freier Berufe, war in Frankreich die Möglichkeit zu beruflicher Umschichtung geboten worden. Sie werden nun in Palästina ais Landwirte und Handwerker ein schweres, aber geruhsames Leben führen können und der Juden Frankreichs und der «grande nation» sicher immer in Dankbarkeit gedenken. Unter den jüdischen Flüchtlingen in Frankreich befindet sich ein Mann namens Sommerfeld, der hervorragend an der beruflichen Umschichtung seiner Leidensgenossen mitwirkt. Auch diesem Manne wurde es nicht an der Wiege gesungen, daß er einmal sein geliebtes Deutschland werde verlassen müssen, ln Berlin galt er, der große Baukflnstler, als Kapazität vo-n internationalem Rufe. In Berlin und Im übrigen Deutschland stehen viele hunderte von ihm gebaute Häuser, Villen und Paläste. In Griechenland erbaute er gelegentlich des Austausches der griechischen mit der türkisdien Bevölkerung 10.000 Häuser, die in 8 Monaten fertiggestellt werden mußten und auch rechtzeitig beziehbar waren. Die griechische Regierung und der Völkerbund sprachen ihm hiefür besondere Anerkennung aus. Und dieser Baumeister Sommerfeld faßte auch, als ihn Hitier aus Deutschland verjagte, rasch einen Entschluß. Zusammen mit einigen Freunden erwarb er in Montessou bei St. Germain das Grundstück «La Tour», das 20.000 m9 groß ist. Heute steht dort ein großes Haus, umgeben von einem Park und einem Obst- und Gemüsegarten. Diesmal baute aber Sommerfeld keinen Herrensitz, ln dem Hause von Montessou befindet sich ein Institut, das seinen Insassen die Liebe zum Boden und zu manueller Arbeit vermitteln solL In diesem interessanten Hause unterrichten gute Lehrer unter Leitung des Herrn M. Theronin von der «Versailles Ecole Nationale» die deutschen Flüchtlinge theoretisch und praktisch in der Landwirtschaft und in verschiedenen Handwerken. Alle, auch die häuslichen Arbeiten, müssen von den Flüchtlingen allein gemacht werden. Es gibt keine Dienerschaft Im Hause sieht man ehemals reiche Damen aus dem Berliner Kurfürstendamm- und Tiergartenviertel kochen, scheuern und Fenster putzen. Ein neues Haus wird gebaut, wdü 'das erst kürzlich gebaute zu klein ist, und die Bauarbeiter sind ausschließlich Emigranten, ehemalige Handlungsgehilfen, Aerzte und Anwälte. Und afie sind glücklich durch die Arbeit Es ist sicher keine Uebertreibung, wenn Sommerfelds Institut sich zum Motto die Worte gewählt hat: «Denke immer daran, daß Dich die edle ftauzösische Nation in ihr Land aufgenommen hat, und zeige Dich dafür immer dankbar!» Aber auch dem Baumeister Sommerfeld werden seine Zöglinge sicher ewige Dankbarkeit bewahren. Ihr Leben, zerbrochen durch Hitler, bekommt einen neuen Sinn. Neue jüdische Künstlerspiele I*. Tsborstr»ße 12 (Hotel Stefan.*). Tel. R-48-6-67 Ab Freitag, den 9. Februar 1934, und täglich „Die rumänische Hochzeit“ mit Anna Lerner und Dawid Saidermann Sonntag: Naehmittagavorstellung zu billigan Preisen: „DIE RUMÄNISCHE HOCHZEIT“ Die Churwa-Synagoge Als die offizielle Hauptsynagoge in Jerusalem gilt die Churwa-Synagoge im jüdischen Teil der Altstadt. Ihre Geschichte ist interessant. Die Juden in Jerusalem waren lange Zeit Jast ausschließlich Sefardim, d. h. orientalische Juden, ln den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts hatten sich aber die Aschkenasim aus Mitteleuropa bereits so vermehrt, daß sie daran denken konnten, eine eigene Synagoge zu errichten. Einen geeigneten Bauplatz hatten sie nahe dem Terrain des einstmaligen heiligen Tempels und der fetzigen Omarmoschee. Ohne besonaere Erlaubnis der Regierung in Konstantinopel durften jedoch keine Bauten errichtet werden, und diese Erlaubnis war trotz Geldopfer nicht zu erreichen. Da kam Ende Tischrl 1855 der englische Gesandte in Konstantinopel, Lord Naphir, nach Jerusalem. Er besuchte auch einen Gottesdienst zu Ehren Englands in der sefardischen Synagoge tRabbi Jehuda-hechassid». Bei dieser Gelegenheit fiel ihm der wüste, deshalb Churwa(-Ruine) genannte Platz auf. Als er hörte, daß die Bauerlaubnis für eine Synagoge nicht erlangt wurde, setzte er beim Sultan die Erlaubnis durch. Sir Moses Montefiore, der um diese Zeit gerade sich in Konstantinopel aufhielt, nahm das Dokument des Sultans nach Jerusalem mit. Die Familie Sassoon in Kalkutta spendete 3400 Gold- $tüeke für den Bau. Außerdem flössen aus allen Tellen der Hielt Spenden. Der. Bau wurde von einem Regierungsarchiiekten unternommen. Er stellt architektonisch eine hervorragende Leistung dar. Ganz in weißem Sandstein ausgeführt, hat er eine Höhe von 45 Ellen. Die Decke hat die Form einer Halbkugel und liegt ohne Säulen nur auf den Wänden. Der Fußboden ist aus Marmor. Der Bau wurde 1864 beendet. Die heilige Lade, ein in Rußland gearbeitetes Holzsehnitzwerk — sie stand vorher zwölf Jahre in Cherson in der Synagoge — erreicht eine Höhe von 25 Ellen. Das Dach gewährt den Blick auf die Sfäi/e unseres einstigen heiligen Tempels. Es besteht der Brauch, jeden Jomtow auf das Dach zu steigen und dort das Gebet <Nimphne Chatuenu» zu sagen. Der prächtige Bau kommt nach außen nicht zur Wirkung. Alte, häßliche Häuser halten ihn in Umklammerung. Am Jaffator vorbei and dann durch enge Basare durchschreitet man in der gleichfalls engen Jüdischen Straße einen niedrigen Hausbogen und steht dann gleich vor dem Aufgemg zur Synagoge. Bedeutet diese Unmöglichkeit, sich frei auszustrecken, nicht noch Galuth? England erschwert den Touristen* verkehr Warschau. Die britische Gesangtschaff in Warschau hat dem dortigen Palästinaamt der Zionistischen Organisation mitgeteQt, daß die Garantie des Palästinaamtes an Stelle der grundsätzlich festgesetzten Barkaution von 60 Pfund bei Erteilung von Touristenvisen nach Palästina als Garantie dafür, daß der Tourist die legale Aufenthaltsdauer nicht überschreiten wird, in Zukunft nicht mehr anerkannt wird. Jeder Tourist, der sich aus Polen nach Palästina begibt, wird nunmehr beim britischen Konsulat den vollen Betrag von 60 Pfund erlegen müssen, bevor er das Visum erhält In Jüdischen Kreisen wind befürchtet, daß dies sich höchst ungünstig auf die Touristenbewegung aus Polen nach Palästina, mit deren wesentlicher Verstärkung anläßlich des Purim- und des Pessach-Festes und der Levante-Messe gerechnet wurde, auswirken wird. Das Warschauer Palästinaamt hat die Zionistische Exekutive in London ersucht bei den maßgebenden Stellen zu intervenieren, um eine Zurücknahme der neuen Ein schränk ungsbestunmungen zu erwirken. Im englischen Unterhaus hatte kürzlich der konservative Abgeordnete Rankln an den Minister für die Kolonien die Frage gerichtet ob die Bestimmung, daß Palästinatouristen zwecks Sicherung ihrer Wiederausreise eine Kaution erlegen müssen, auf alle Touristenkategorien Anwendung finden solL Für den Kolonienminister antwortete Malcolm Macdonald: Es Ist beabsichtigt diese Bestimmung nur bei Palästinabesuchern anzuwenden, die nicht 1. Klasse reisen und aus Polen, Deutschland, Rumänien, Bulgarien und einigen anderen Ländern ln Osteuropa und Zentralasien kommen. Englische Faschisten London, ln einem Park im Zentrum Londons haben unerkannt gebliebene Täter, offenbar antisemitische Faschisten, ein 15 Fuß hohes Hakenkreuz mit der Inschrift «Perish Judea!» errichtet, es mit in Petroleum getränkten Fetzen umwickelt und angezündet, wo dann «Perish Judea!» (Juda verrecke) weithin sichtbar wurde. Polizei und Zivilisten löschten den Brand und brachten die Ueberbleibsel des Hakenkreuzes zur Polizeistation, um durch sie die Urheber feststellen zu können. Es meldeten sich freiwillig Passanten, die aussagten, sie hätten uniformierte Faschisten, mit Hakenkreuzen geschmückt, in einem Lastwagen, das zu verbrennende Hakenkreuz mit sich führend, gesehen. Aus Manchester wird berichtet, daß dort die antisemitischen Faschisten immer frecher werden. Aehnliche Meldungen kommen aus Leeds, wo die jüdische Gemeinde 30.000 Seelen zählt, in beiden Städten fordern die Faschisten durch Maueranschläge und Flugblätter zur Austreibung der Juden aus England, wie dies im Mittelalter geschah, auf. Die englischen Zeitungen weisen insbesondere auf die Agitation der rein antisemitischen «Nationalen Vereinigung zum Widerstand gegen jüdische Monopolbestrebungen», die ihren Sitz in Liverpool hat, hin, Diese Vereinigung wird direkt beschuldigt, mit dem Gelde des deutschen Reichspropagandaministeriums zu arbeiten. Die Vereinigung betont in einem Manifest, sie wolle Englands Bevölkerung zum Widerstand gegen die jüdischen Bestrebungen er- Nieder-, Kleider-, Wäschenähen Schnittzeichnen, Zuschneiden und Modellieren, auch Kinderkleider, lernen Sie gründlichst in den Fachschulen und Salons POLLAK-SCHALL1NGER Wien, VI., Mariahillerstr. 45, IV. Hof, i. Stock, Tel. B 25-7-41 Spezialkurse für Ausländer, EUfalm (Hirn) Umisehkia an der Kranfcnaai* beigesetzt Möckern. Der beim rassischen Stratosphlrenrekordfhig umgekommene junge jüdische Gelehrte Elijahu (llja) Ussischkin wurde mit seinen beiden Kameraden in einem Ehrengrab an der Kremlmauer in Moskau beigesetzt; ihr Grab befindet sich direkt am Lenin-Mausoleum. Der Trauerfeier am Roten Platze wohnten alle Mitglieder des Politbureaus unter der Leitung von Stalin und eine nach , Zehntausenden zählende Trauermenge bei. Vor dem Ge- . bäude des Aeroklubs in Moskau wird den drei Helden ein ( Denkmal errichtet. Elijahu Ussischkin, Sohn eines jüdischen Arbeiters, hat . ein Alters von nur 24 Jahren erreicht. Auf seine wissenschaftliche Karriere wurden große Hoffnungen gesetzt. Mit 21 Jahren graduierte er am Leningrader Physikalisch-Technischen Institut und wurde zwecks weiterer Forschungsarbeit dem weltberühmten Physiker Prof. Abram Joffe, der ebenfalls Jude ist, attachiert. Das Institut beauftragte ihn mit der Konstruktion der W i I s o n - K a m e r a, die dem Studium kosmischer Strahlen dienen soll. Im vergangenen Jahre widmete er sich ausschließlich dem Studium kosmischer Strahlungen und hielt gleichzeitig Vorlesungen am Physikalisch-Technischen Institut. Er hinterließ mehrere Abhandlungen von hohem wissenschaftlichem Wert ziehen. Die englische Presse fordert die Regierung auf, rechtzeitig Schritte zu unternehmen, um die Versuche Berlins, auf diese Weise in England Boden zu fassen, im Keim zu ersticken. Die jüdischen Logen in Stettin von der NSDAP, beschlagnahmt Ber li n, 7. Februar. Nach einer Meldung des «Berliner Tageblatt» haben SA-Leute die jüdischen Logen in Stett i n besetzt und die Gebäude nebst Einrichtung für die nationalsozialistische Partei beschlagnahmt Außerdem erfolgte die Uebergabe mehrerer anderer Logen an die NSDAP. Die Uebergabe gestaltete sich reibungslos. Ueber die Verwendung der Gebäude ist noch keine Entscheidung getroffen. Die Kultusgegcnstände verbleiben vorläufig im Besitze der Logen. Auswanderung von Juden ans Dentschland offiziell erwünscht Berlin, 7. Februar. Vor kurzem haben reichsdeutsche und ausländische Zeitungen unter der Ueberschrift «Auswanderung von Nichtarierq nicht trw ü n s c h t* den Entscheid der Finanzverwaltung gebracht, daß auswandernde Juden von der Rejchsfluchtsteuer nicht zu befreien seien; in der Begründung hieß es, im allgemeinen sei ein «deutsches Interesse an der Auswanderung von Nichtariern zu verneinen.» Aus juristischen Kreisen wird nun darauf aufmerksam gemacht, daß diese Begründung der Finanzverwaltung mißverstanden wurde, da sie die rein technische Seite der Frage im Auge hat. Dagegen heißt es in dem Erlaß des Reichsfinanzministers vom 26. Juli 1933 wörtlich: «Die Auswanderung von Personal jüdischer Abstammung ist erwünscht und darf infolgedessen nicht unterbunden werden. Anderseits ist es erforderlich, von leistungsfähigen Personen, durch deren Auswanderung die deutsche Steuerbasis geschmälert wird, eine letzte große Abgabe — die Reichsfluchtsteuer — zu erheben.» Amerikanische Juden für Ansiedlung deutschjüdischer Kinder in Palästina N e w Y o r k, 7. Februar. Eine von 1500 Delegierten besuchte Konferenz des Zentralrates der jüdischen Organisationen New Yorks hat beschlossen, eine besondere Sammelaktion einzuleiten, die zum Ziele hat, 40.000 Dollar für die Ansiedlung von 500 jüdischen Kindern aus Deutschland in Palästina aufzubringen. David Willentz — Oberstaatsanwalt von New Jersey David T. Willentz, ein führender demokratischer Anwalt und Politiker, ist zum Oberstaatsanwalt des Staates New Jersey ernannt worden. Willentz Ist 38 Jahre alt und wird als politischer Führer wie als Jurist sehr geschätzt. Bel der letzten demokratischen Konvention war er Führer der Delegation des Staates New Jersey. Er ist Mitglied der Synagogengemeinde «Schaare-Tefiloth» und Vorsitzender der Young Men Hebrew Association (religiöser Verband der jüdischen männlichen Jugend) in New Jersey. Jüdische Kunststelle II., ApernbrUckcnstr. 2. Tel. R 48-2-91. Bureau: 9 bis 1830. Den Mitgliedern der Kunötstello atehon ermäßigte Karten für folgende Theater zur Verfügung: ßtaatsoper, Burgtheater, Akademietheater, Deutsches Volketheater, Scala, Kammorsplcle, Moulln-Bouge, ‘ Casinotheater, Der liebe Augustin. — Konzerte: Alfred Plccaver, 22. Februar, Großer Konzerthaus-Soal. — Bälle: Touringclub-Iledoute, 13. Februar, ln allen Konzorthaus-Sälen; Hakoah-Jublläunmball, 17. Februar, ln allon Konwjrthaus-Sillcn. Heute: „Die Sohule der Liebe“ 1-1 e u t o findet Im llotenturm- und Hcimat-Klno die Premiere der ueueu großen Ltllan llarvoy-Operette der Fox: „Die Sobule der Diebe“ statt. LETZTE NACHRICHTEN (

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