Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 7 (1934)
- Issue
- Heft 327 (9.2.1934)
- Date
- 1934-02-09
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 327 — 9. Februar 1934 DIE STIMME PALÄSTINA NEIDET: Wieder Konflikte zwischen Revisionisten und Arbciterpartcilcrn Jerusalem, ln Petach Tikwah kam es zu scharfen Zusammenstößen zwischen Revisionisten und Mitgliedern der Arbeiterpartei (Histadruth). Anlaß hiezu gab der Umstand, daß revisionistische Inhaber einer Fabrik, in der bei Tag Histadruthmitglieder und ein Mitglied des Brith Trumpeldor beschäftigt sind, eine Nachtarbeitsschicht eingeführt haben, in der ausschließlich Revisionisten beschäftigt sind. Bei den Zusammenstößen gab es mehrere Verwundete auf beiden Seiten. Die Polizei nahm 12 Verhaftungen vor. Die Nachtarbeit der Revisionisten wird unter Polizeischutz fortgesetzt. Arabische Stimme für Verständigung mit den Juden Beirut. Die Zeitung «AI Takap Al Tai» schildert den jüdischen Aufbau Palästinas und stellt fest, daß die Juden das jahrhundertelang vernachlässigt gewesene Land in wenigen Jahren so entwickelt haben, daß alle Einwohner aus dieser Entwicklung profitieren. Der Hafen ln Jaffa hat als Warenumschlagplatz die syrischen Häfen längst überflügelt. Die Zeitung setzt sich für jüdisch-arabische Verständigung ein. Die Ermordung Arlosoroffs Jerusalem. Der Führer der Verteidigung im Mordprozeß Ariosoroff, Horace Samuel, brachte vor dem Untersuchungsgericht die Beschwerde vor, daß die Arbeitertageszeitung «Davar» und einige offenbar von Arbeiterparteilern herausgegebene Flugblätter die Behauptung verbreiten, daß Revisionisten die wegen eines anderen Mordfalles im Gefängnis sitzenden Araber Abdul M a j i s und Issar Darwisch bestochen hätten, damit sie sich auch zu dem Mord an Ariosoroff bekennen und Stavsky und die übrigen Angeklagten entlasten. Samuel deutete an, daß die Staatsanwaltschaft der ^^auptung, daß die Araber bestochen wurden, nicht fernsteht, ja sie wahrscheinlich inspiriert hat. Staatsanwalt S h i t r e e t trat diesen Ausführungen Samuels energisch entgegen. Polizeirichter B o d i 11 y erklärte, er werde gegen die Verbreitung der Behauptung von der Bestechung der Araber einschreiten. Die Beschwerde Samuels leitete er an das Oberste Gericht in Jerusalem. Das Oberste Gericht, bestehend aus den Richtern Corrie und Baker, gab der Beschwerde Horace Samuels statt und lud den verantwortlichen Redakteur von «Davar» und die Herausgeber der erwähnten Flugblätter ein, sich darüber zu äußern, wie sie dazu kommen, Stavsky und seinen Anwalt der Bestechung der Araber zu zeihen. Unter Umständen könne darin eine Verächtlichmachung des Gerichtes erblickt werden. Der Redakteur der arabischen Zeitung «Al Jamea Al Islamia» wurde ebenfalls vor das Oberste Gericht geladen. Das Verhör wurde aber bald nach dessen Beginn verschoben. Warum varlangan Afta sclnul-fflazziiBi *•11 In Geschmack und Qualität unübertroffen sind! werden unter streng orthodoxer Aufsicht des rnn oed oronn rov nin hergestelit Weiteres Alibi für Achl Melr Jaffa. Julian M e 1 z e r sagte als Zeuge vor Gericht asus, er habe den Angeklagten Achi Meir an dem Tage, an dem Dr. Ariosoroff in Tel-Awiw ermordet wurde, um 7 Uhr 55 abends in Jerusalem gesellen. Zur Daviti-Selierr-Feier ist Tel-Awiw Anläßlich des 40jährigen Jubiläums der musikalischen Tätigkeit Prof. David Schorrs fanden in Tel-Awiw unter dem Protektorate di,s Bürgermeisters M. Dizengoff Scliorr-Feiern statt. ln einer Reihe von Konzerten und Vorträgen ehrte man den verdienstvollen Jubilar im Dezember mit dem «Monat der hebräischen Musik» und einem abschließenden Bankett. Einige Tatsachen aius dem Leben Prof. Schorrs werden vielleicht den Umfang seines bisherigen Wirkungskreises charakterisieren: Im Jahre 1867 geboren, absolvierte er 1889 das Konservatorium in Moskau und wurde später daselbst Klavierprofessor. Ein glänzender Kammermusikspieler, bildete er, als ein Dritter im Bunde, das «historische Trio» (Schorr, Krein, Ehrlich). Mit umfassenden musikgeschichtlichen Lichtbildervorträgen illustrierte Schorr die historischen Konzerte des 35 Jahre lang in ganz Rußland und hn Auslande herum reisenden Trios. In seiner Eigenschaft als Präsident der «Gesellschaft zur Förderung jüdischer Musik», Sektion Moskau, war Schorr schon vor Jahren für die sich damals regende jung-jüdische Bewegung tätig. 1907 besuchte er Palästina, organisierte sodann in Moskau eine Hilfsaktion und subventionierte mit 2000 bis 2500 Goldfrancs die palästinensischen Musikschulen. Im Jahre 1926 kam Schorr aus Moskau nach Erez-Israel Df* Maxroth werden au» fainstam M*HI •*» »ugt! Sait vielen Jahren genießen die „Schmidt- Mazzoth“ das beste Renommee und werden von allen bevorzugt! Auf die Extraqualität meiner Fabrikate „Marke Schmidt N. B." auf Mazzoth, Grieß und Farvel wird besonders aufmerksam gemacht. II., Leopoldsgasse 43r und in allen besseren einschlägigen Geschäften erhältlich Telephon-Nummern A-46-1-90, A-60-2-63 und A-41-9-52 und entwickelte hier eine weitgehende musikalische Tätigkeit Was bedeutet für palästinensisches 74usikwesen Schorrs umfassende Bildung, gediegenes Organisationstalent und von echten Menschlichkeitsgefühlen beseelter Gemeinschaftssinn? Sehr viel — denn eine Reihe praktischer Ergebnisse liegt vor. Vor aHem: in der richtigen Erkenntnis des Chofsingens, als wichtigen Musik- und Nationalerziehungsfaktor die Heranbildung von Chordirigenten, die Organisierung des palästinensischen Chorwesens mit Hilfe seines veiantwortungsvollen Mitarbeiters, des begabten und überaus rührigen Musikkritikers M Rabinowitz. Musikgeschichtliche Universitätsvorträge mit musikalischen Illustrationen in den Städten und Kolonien — also wahre Volksverbreilung der Musik —, historische Kammerkonzerte, klavierpädagogische Tätigkeit, Spezialvorträge für Musikpädagogen und Kindergärtnerinnen und sonst manches führte Prof. Schorr durch, fm Laufe der Zeit ist vieles dazugekommen, manches wohl abgefallen. Unwandelbar geblieben ist aber nur sein jugendlicher Elan. Möge das gütige Schicksal dem Jubilar — «Freund des Volkes» heißt es im Lande — noch viele, viele Jahre ungehinderten und glücklichen Lebens und Schaffens gönnen. OIja S i 1 b e r m a n ri. «Dybuk» in der Mailänder Skala Mailand. Eine Bearbeitung von A n - s k i s bekanntem Schauspiel «Der Dybuk» wird demnächst als Open in der Mailänder Scafla uraufgeführt. Das Textbuch schrieb der Mitarbeiter Puccinis, Renato S i m o n i, die Musik stammt von dem jüdisch-italienischen Komponisten Lodovico Rocca. Uraufführungen an der Mailänder Scala werden in der gesamten musikalischen Welt als künstlerisches Ereignis gewertet. Vom Niedergang der Wiener Rothschild Das zu Frankfurt a. M. durch Mayer Amschel im Judenhaus zum Rothen Schild gegen Ausgang des 18. Jahrhunderts begründete Bankhaus hatte duch Salomon, den zweitgeborenen Sohn des Gründers, in Wien, als der Hauptstadt des Kaisertums Oesterreich, den wichtigsten Platz besetzt. Dies wirkte sich besonders zur Zeit des Wiener Kongresses aus, der nach Napoleons Sturz für ein halbes Jahrhundert Europas Geschicke entschied. Näheres ist in Contis «Geschichte des Hauses Rothschild» nachzulesen. Salomons Nachfahren spielten dann noch lange unter der Firma «S. M. v. Rothschild» und als Grandseigneurs inmitten der stolzen Aristokratie am Hofe der Habsburger eine große Rolle, glitten aber dann mit dem Ansehen Oesterreichs als politischer und zugleich auch als finanzieller Faktor nieder. Hiezu spielten noch zwei Gründe mit. Einmal wurden allenthalben die durch ihre Initiative ausgezeichneten Privatbankiers von den neu aufkommenden großen Aktienbanken mehr unpersönlicher Natur verdrängt; so mußten die Wiener Rothschilds an der Aufrichtung der «Oesterreichisqhen Credit-Anstalt für Handel und Gewerbe» mittun, deren Präsidentschaft freilich fortab mit dem Chef des Hauses S, M. v. Rothschild in Personalunion stand. Dann aber ist auch den Rothschilds der Fluch des Goldes nicht erspart geblieben; durch ihr Wohlleben, durch die unjüdische Nachäffung aristokratischer Allüren — von den Tafel- und Weiberfreuden bis zur edlen Jagd hinab — wurde allmählich ihre physische, geistige und sittliche Kraft aufg z-hrt. So standen sie bald hinter den in London umJ Paris errichteten Exposituren ihres Hauses nach jeder Hinsicht weit zurück. Dies gilt nicht zuletzt für ihr Verhältnis zum Judentum. Zwar blieben auch die Wiener Rothschilds im Mannesstamm durch das Hausgesetz bei sonstiger Geldbuße verpflichtet, beim jüdischen Bekenntnis auszuharren, doch schwand das immer mehr zur bloßen Aeußerlichkeit. Noch Salomon hatte sich als Stadlan (Fürsprech) jüdischer Rechte vor Fürsten und Ministern wohl bewährt. Dessen Enkel Albert betätigte sich wenigstens als Wohltäter und stiftete zu Ehren seiner Frau Bettina das Wiener Rothschild-Spital. Als ihn aber Theodor Herzl samt dem ganzen Haus Rothschild aufrief» die Führung nach dem Judenstaate zu übernehmen, fand er im Wiener Prunkpalais verschlossene Türen. Damals schrieb der Zionistenfreund Fürst Wrede im ersten Jahrgang der «Welt» jenen Schlüsselroman «Die Goldschild» und verriert sie schon damals als vom Tode gezeichnet. Auch Alberts Söhnen genügte es, sich im Vorstande der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde durch den jeweiligen Prokuristen des Bankhauses vertreten zu lassen. Und während der Chef der Pariser Linie Edmond seit den achtziger lahren des vorigen Jahrhunderts ungezählte Millionen Francs für den Wiederaufbau eines jüdischen Palästina opferte und während ira Weltkrieg englische Rothschilds bei der Befreiung des Landes vom türkischen Joch den Heldentod fanden und so zur Errichtung des Jüdischen Nationalheims mit beitrugen, gefiel es ihren Wiener Vettern, bei den Kuituswahlen im Zeichen der deutschtümmelnden «Union» die schlimmen Zionisten zu bekämpfen. Wie schwer nur gelang es Chajes, dem unvergeßlichen Oberrabbiner von Wien, das hiesige Bankhaus zu einer bescheidenen Jahresgabe für die Hebräische Universität Jerusalem zu bestimmen! Nun aber, nach dem Umsturz, folgte Schlag auf Schlag gegen das wankende Gebäude der Wiener Rothschild. Die Credit-Anstalt brach zusammen. Das Volk von Oesterreich, in all seinen Fraktionen — von den Hakenkreuzlern bis zu den Sozialdemokraten — schrie nach dem Sündenbock, nach dem Kopf der Rothschilds, obgleich es notorisch war, daß diese feudalen Herren zuletzt nur mehr ihren Namen und ihr Geld hergegeben haben, um dies von den Weltereignissen längst unterhöhlte Institut zu halten. Der Familienehre wegen mußte jetzt die Verwandtschaft aus London und Paris viele Millionen bluten, um dem christlichsozialen Regime Oesterreichs die Sanierung der Credit-Anstalt zu ermöglichen. Louis Rothschild eilte, ihr Präsidium niederzu- Icgen und aus der Leitung zu verschwinden. Die Credit- Anstalt wurde alsbald auch von den jüdischen Beamten tunlichst gesäubert. Louis und sein Bruder Dr. Alfons taten noch ein Uebriges, indem sie ihre Güter Groß-Hollenstein und Gatnaig, 15.00U Hektor samt Wäldern, Jagden, Meierhöfen und Sägcw. vkrn, der Republik Oesterreich «freiwillig» als Geschenk dar brachten. Wie um das Bild des Niederganges zu vollenden, verheiratete im Vorjahre die Schwester der beiden vorgenannten Rothschilds, Frau Valentine (Noemi) Springer, ihr Töchterlein Bibi römisch-katholisch an den Halbarier Kurt von Reininghaus und dieser Tage starb der älteste Bruder Georg (Anselm) nach jahrelanger geistiger Umnachtung in Mauer-Oehling. Und nun zur letzten Szene des Trauerspiels! Louis (Nathaniei) und Alfons (Mayer) räumen ihre Wiener Stadtpaläste in der Prinz-Eugen-Straße ,und der Theresianumgasse; während Alfons sich im Schloß Schillersdorf (Böhmen) verbirgt, bezieht Louis das früher von einem schlichten Arzt bewohnte Nachbarhaus in der Plößlgasse. Was uns Juden — trotz allem — noch immer mit Sympathie an das Haus Rothschild knüpft, ist nicht nur das Mitgefühl mit dem allmenschlichen Schicksal von auf und ab, sondern auch die Tatsache, daß die Rothschilds nicht zuletzt ihrer jüdischen Herkunft wegen — wie seinerzeit auch der Olmützer Erzbischof Kolm — so viel Haß auf sich gezogen haben; in ihnen wollte man das Judentum treffen. Wie stellt sich nun die hochweise «Arbeiter-Zeitung», welche sich rühmt, die Erziehung der Volksmasse zu Weitblick und Edelsinn gepachtet zu haben, zu dem tragischen Fall? Sie, welche all die Jahre den eingeborenen Judenhaß ihrer Leser durch Sticheleien gegen das Haus Rothschild wohlig zu kitzeln verstand, kann es sich nicht verkneifen, dem toten Löwen noch einen letzten Eselstritt zu versetzen. So bringt sie am 6. Februar eine längere Notiz «Rothschild sperrt zu» und führt witzelnd aus, daß daran nicht etwa «dar Breitner» schuld trage, denn die Regierung habe ja die Wohnbausteuer und die Hauspersonalabgabe beseitigt. Mit welchem Recht also wagen die Rothschilds ihr Personal zu reduzieren? «Was lingt ihm daran?» fährt die «Arbeiter-Zeitung» fort; ««er übersiedelt in ein kleines Haus und sie können in die Stempelstellen übersiedeln, die viel größer sind, als selbst das Palais es war. Armer Rothschild!» Wahrlich, wenn man zwischen den beiden Krüppelprodukten der Assimilation zu wählen hat, zwischen dem Marasmus der Wiener Rothschilds und der meschumodischen Selbstbeschmutzung jenes Blattes, über welchem noch immer der Ungeist der Adler, Ellenbogen, Austerlitz schwebt, fühlt man sich versucht, den Rothschilds noch eine Träne nachzuweinen. Michael.