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Die Stimme · 1934-02-09 · Heft 327 (9.2.1934) · page 3

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Journal
Die Stimme
Volume
7 (1934)
Issue
Heft 327 (9.2.1934)
Date
1934-02-09
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Kr. 327 — 9. Februar 1934 DTE STDHJWB ieüe «V Hrbelfsbesdiaffung und BcruYsumsshidituna 1 Von Dr. A. Schmerler Die Zahl der jüdischen Arbeitslosen steigt ununtcrbrochen erschreckend an und die Notlage dieser [Opfer der Wirtschaftskrise, des Abbaues und der Ausschaltung aus verdienstbringenden Berufen wirkt sich zu einer Katastrophe für sie und ihre Familienangehörigen aus. Auch jüdische Unternehmer müssen unter dem Druck der Wirtschaftskrise mit Rücksicht auf ihre erschöpften Kapitalsreserven und die Ungewißheit hinsichtlich der Dauer der Krise ihre Unternehmungen liquidieren, wodurch nicht nur abgebaute Angestellte und Arbeiter, sondern auch ihre Familienangehörigen (unversorgte Kinder) auf dem Arbeitsmarkt als Arbeitsuchende erscheinen. Auch die durch die Wirtschaftsnot verminderte Zahl der Eheschließungen vergrößert bedeutend den Arbeitsmarkt durch die jüdischen weiblichen Angestellten. Tatsache ist, daß durch die lawinenartig sich auswirkende Katastrophe der Arbeitslosigkeit in den kaufmännischen, gewerblichen und anderen Beru^weigen unsere wirtschaftliche Lage erschüttert und labil geworden ist. Wenn auch die Zeit gegen die Intention unserer Generation, die umlernen will und nicht immer kann, '< arbeitet — dem Handel und Handwerk wird durch Verordnung und Praxis wenig Spielraum gelassen — müssen wir unter Bedachtnahme auf die Leistungsfähigkeit unseres Gemeinschaftslebens und die Zeit- und Raumverhältnisse solche produktive Hilfsaktionen ins Leben rufen, die im Bereiche der Möglichkeit der Verwirklichung und Erwerbsbeschaffung liegen. Als solche Hilfsaktionen zur Arbeitsbeschaffung kommen in Betracht: 1. Organisierung eines aktiven Stellennachweises, bei dem jüdische Arbeit- und 'Dienstgeber ihren Bedarf an Angestellten (Verkäufern, Lageristen, Buchhaltern, Korrespondenten, Stenotypisten, Inkassanten, Sekretären, Nachhilfslehrern, usw.), Arbeitern aller Berufszweige und Hauspersonal .anfordern können. Nur dann, wenn der jüdische Arbeitgeber dem Ernst der Zeit gemäß die Arbeitsbeschaffungsaktion nach allen Kräften fördern, wenn sämtliche Mitglieder unserer Branchen-, Bezirks- und Fürsorgekommissionen der Ku lusgemeinde, die jüdischen Organisationen, Vereine und Institutionen mithelfend sich in den Dienst der Sache stellen werden, wird ein aktiver Arbeitsnachweis bestehen und zur Linderung der Notlage der Arbeitnehmer beitragen können. Allmonatlich oder halbmonatlich müßte eine gemeinsame Zusammenkunft der eben angeführten Mitglieder beziehungsweise Funktionäre stattfinden, um ohne Debatten und unnützen Zeitverlust die sachdienliche Weisungserteilung hinsichtlich der Erlangungsmöglichkeit von Arbeitsstellen bei unterstützenden Unternehmern zu ermöglichen. 2. Bei der Arbeitsbeschaffung und Einordnung des jüdischen Erwerbslosen in das Wirtschaftsleben müssen auch wir im Sinne der vom österreichischen Kuratorium für Wirtschaftlichkeit aufgestellten Grundsätze rechtzeitig die Siedlungsförderung in Angriff nehmen, denn hier bietet sich die Möglichkeit, hungern- Hauaerverwaltung und rt^pothoken Kontrolle relciisdeutscher Häuser und Hypotheken übernimmt gegen Monatspauschale Rechtsanwalt Kn och aus Berlin, jetzt ständig in Wien, I., Tuchlauben 7», Telephon U-22-3-60. den Menschen und I amilien für Generationen Liot und arbeitslosen Händen Arbeit zu geben. Die Siedlung Ist keine vorübergehende Notstandsaktion und darf nur von Menschen, die Liebe zur Scholle, Freude am ländlichen Leben und Siedlerausdauer für Generationen haben, in Anspruch genommen werden. Diese sogenannte Nebenerwerbssiedlung mit Häuschen und Kleingarten am Rande der Stadt bezweckt primär die Eigenversorgung des Lebensbedarfes, beziehungsweise die Ergänzung der Existenzgrundlagen durch intensive Bearbeitung von Grund und Boden. Die umschichtungsweise Ueberführung des städtischen Menschen in die Landwirtschaft muß angestrebt werden, da das Wirtschaftsleben neugeordnet und umorganisiert wird. Hervorgehoben wird, daß das Durchgreifen des jüdischen freiwilligen Arbeitsdienstes auch für die Siedlungsbewegung von großem Vorteil sein kann, wenn er auf dem Gebiete der Siedlung mit Zustimmung der öffentlichen Stellen zur Anwendung kommen wird: Arbeitswillige, welche den Anspruch auf die Arbeitslosenunterstützung haben, können nämlich durch dreißig Wochen gegen die Pauschalgebühr von S 2 im Tag zur Errichtung von Siedlungen herangezogen werden; auch der Siedler selbst kann diese Gebühr innerhalb der ersten zwei Jahre weiter beziehen und sich die Begünstigungen holen, die der freiwillige Arbeitsdienst ihm gewährt. Die Bereitstellung der notwendigen Mittel wild bedeutende Schwierigkeiten bereiten, die aber durch die Ligenarbeit der Sfedlungswilligen, durch die VerfOgungstelfung von Eigenmitteln In festzusetzenden Mindestbeträgen, durch Unterstützung der öffentlichen Stellen, durch Teilfinanzierung und Ausfallshaftung usw. behoben werden können. 3. Im Hinblick auf die sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen der Jetztzeit werden, wie vor dem Kriege, viele Berufstätige bei sich zu Hause oder in einer gemeinsamen Werkstätte arbeiten, und ihre Erzeugnisse an den Zwischenmeister, von dem sie die Am 14. Februar beginnt die Ziehung vierter Klasse der 30. österreichischen Bestellen Sie Ihre Lose noch heute bei Ludwig Frtedmann WIEN I., SALZGRiES 12 l.ospreise pro Klasse: */• S 6*-, V« S 12*—, V. Ö 24* V» S 48*— Bei jeder Ziehung s eht man, Es spielt sich gut bei Friedmann Dr. Mossinson kam nun auch auf die ArabevSrage zu sprechen und führte folgendes aus: Man hört bisweilen auch den Juden, der ja einen ausgesprochenen Drang zur Gerechtigkeit fühlt, 1n dieser Frage folgendermaßen argumentieren: Die Araber sitzen doch im Lande bereits seit 800 Jahren. Ein Volk aber erwirbt sich das Recht auf ein Land nicht durch langes Sitzen, sondern nur durch den Aufbau des Landes, ln den 800 Jahren jedoch haben die Araber das Land ruiniert Wir wissen, daß sie es von den Byzantinern in einem viel blühenderem Zustand erhalten haben. Sie haben das Land ausgebeutet und vernachlässigt ln den letzten 50 Jahren aber haben die Juden im Lande so viel geschaffen, daß wir dadurch außer dem historischen Recht ein n e u e s R e c h t auf das Land erworben haben. Wenn die Araber ein anderes Leben in Palästina zu leben beginnen, dann nur durch unseren Einfluß. Wir wollen gar nicht die Araber verdrängen, wir wollen von der Natur ein neues Palästina erkämpfen. Wir wollen die Abhänge der Berge wieder bewalden, die Sümpfe trocknen, die Wüste bewässern. Durch diesen Kampf mit der Natur können wir Platz für Millionen Juden schaffen. Was wir in Palästina durch unsere Mühe, durch unsere Arbeit, durch unsere Opfer erlangen, darauf haben wir aoeh gewiß ein Anrecht. Als uns die Balfour-Deklaration gegeben wurde, war von einem nationalen Heim für das jüdische Volk die Rede. Das war kein Zufall. Dieses kleine Palästina haben die Juden mit Recht zugesprochen erhalten. Wir weiden es auch den Arabern verständlich machen, daß iure Zukunft von unserer Zukunft abhängig ist Denn wir sind die einzigen, die nach dem Orient kommen, weil wir den Orient lieben und unsere Zukunft mit dem Grient verbinden wollen. Wir wollen ihn erneuern. Früher oder später werden dies auch die Araber begreifen. Die arabische Frage und die Frage der Mandatsregierung sind ernste Probleme, die uns vor die Hauptfrage stellen: Haben wir die Möglichkeit weiter in Palästina zu bauen? Wären die Juden heute in einer anderen Verfassung, ein gesundes Volk, dann wäre mir um diese Schwierigkeiten nicht bange. Doch die innere Zerrissenheit unseres Volkes ist der schwerwiegendste Punkt Wir führen einen Kampf gegeneinander. In Palästina sind die zwei sich bekämpfenden Völker nicht etwa die Juden und Araber, sondern die «Histadruth* und die Revisionisten. Mit einer bitteren Feindseligkeit gehen sie gegeneinander los und reißen mit sich so auch die Mitte fort Die Araber haben die Macht der Einigkeit erkannt. Vereint erschienen sie bei ihren letzten Kundgebungen, vereint stehen sie hinter ihrer arabischen Exekutive. Wir aber haben auch in diesem schweren Augenblick den Wert der Einigkeit nicht begriffen. Wir haben einst davon geträumt, daß der Moment kommen werde, da Palästina eine Anziehungskraft für das gesamte Judentum bilden werde. Nun ist dieser Augenblick gekommen, allein er trägt auch in sich eine große Gefahr. Der neue Einwanderungsstrom Rohstoffe, eventuell auch Werkzeuge erhalten, gegen entsprechende Entlohnung ablicfern und so als Heimarbeiter Beschäftigung finden. In Heim« arbeiterbetrieben können Spinner, Weber, Stricker, Näher, Schneider, Schuhmacher, Wäscheerzeuger, Korbmacher usw. erwerbstätig werden unter der Voraussetzung, daß die Heimarbeiter wie in anderen Ländern von einer Zentralstelle mit Unterstützung der Unternehmer und Fabriksinhaber organisiert werden sollte. Werden die Sach- und Fachkundigen sich zur Verfügung stellen und die neuzeitliche Heimarbeit als Arbeitvsbeschaffungsaktion großzügig in Angriff nehmen? Es soll gesagt werden, daß die Zahl der in der Heimindustrie zu beschäftigenden Arbeiter größer ist als die der jüdischen Handwerker, da diese durch die Industrie und importierte ausländische Ware am Rande ihres Bestandes sich befinden oder sich zu größeren Betrieben mit fabriksmäßiger Werkstätte entwickeln müssen. 4. Alleinstehende Personen oder ohne jede Stütze den Haushalt führende Frauen, beziehungsweise Mütter kleiner Kinder sind in Erkrankungsfällen dem Schicksal der Hilflosigkeit preisgegeben, wenn es sich um Erkrankungen handelt, für die die Spitalspflege nicht in; Betracht kommen kann. Soziale Helferinnen,; die Pflichtbewußtcein und Einfühlungsvermögen für, solche Fälle haben, sollen diesen Erkrankten zu Hilfsdienstleistungen zugeteilt werden, wodurch viele jüdi-. sehe Frauen und Mädchen entgeltliche Beschäftigung; finden könnten. In diesem Zusammenhang muß er-, wähnt werden, daß die Nachfrage nach weiblichen jüdischen Haushälterinnen größer ist als' das Angebot, und daß sachdienliche Aufklärungs- und Schulungsarbeit in dieser Richtung notwendig ist. ist nur schwer zu regulieren, er kann alles hinweg-, schwemmen, was wir bis nun in Palästina an Wertvollem geschaffen haben. Eine innere Kraft, eine ideelle. Kraft ist hier notwendig, um diesen gewaltigen Strom, in den Weg des Aufbaues und nicht in den der Zerstörung zu leiten. Dr. Mossinson wendet sich nun den Fragen des. Allgemeinen Zionismus zu und führt aus: Es tnüssfyeine Umschichtung im Zionismus vor sich gehen. De% Jude, der früher bloß bereit war, Geld für Palästina zu; geben, der Palästina-Arbeit materiell zu helfen, hat.; seine Existenzmöglichkeit in der Galuth verloren. Er ist: heute vom Wunsche erfüllt, seine Zukunft mit Palä-< stina zu verknüpfen. Es ist einfach wunderbar, festzu-, stellen, sagt Dr. Mossinson, wie stark Palästina heute ins jüdische Leben hineingreift. Der Jude führt heute, sozusagen ein Doppelleben. Während er in der Galuth. einen scharfen Existenzkampf führt, lebt er in Geda.nken bereits in Palästina. Dies verleiht ihm nicht zu-‘ letzt die Kraft, sein schweres Galuthdasein leichter zutragen. Die Juden haben heute schon erkannt, daß der Kampf gegen sie als Volk geführt wird. Daher muß die Antwort darauf nicht anders sein, als die Antwort des Volkes. So ist es kein Wunder mehr, daß plötzlich, förmlich wie aus der Erde emporgewachsen, eine starke allgemein-zionistische Jugend entstanden ist Diese hat erkannt, daß für sie als Juden nirgends Platz ist, außer in Palästina. Diese Umwandlung im Aufbau des jüdischen Lebens erfordert natürlich eine Um-- Wandlung der zionistischen Organisation. Dr. Mossinson fordert die Konzentrierung allerKräfte des jüdischen Volkes, um Palästina aufzubauen. Man wird mich fragen, wo die Lösung des ganzen Palästina-Fragenkomplexes ist. Und ich muß Ihnen gestehen: ich weiß keine Lösung. Wir haben leider keine. Allerdings, ein Trost bleibt uns: Wir sind nicht die einzigen, die keine Lösung wissen. Denn, fragt Dr. Mossinson, gibt es jetzt auch nur ein einziges Volk, das einen Ausweg aus seinen Nöten kennt? Die größten und stärksten Völker der Erde wissen heute keinen Ausweg, sollen wir, die Aermsten unter den Armen, die einzigen sein, die sagen können: wir wissen den Ausweg, die Lösung? Es gibt wohl eine Gruppe unter uns, die behauptet, die Lösung zu wissen: Die Revisionisten. Ihr Rezept ist einfach: durch Krawalle und Proteste. Aber was nützen diese Demonstrationen. Nicht wir haben England zum Mandatar Palästinas gewählt. Und nicht an uns liegt es, England zu veranlassen, das Palästina-Mandat wieder auizugeben. Und selbst wenn wir die Macht dazu hätten, müßten wir noch sehr darüber nachdenken, ob es bessere Mandatsmächte gibt. Von den 10 Makkoth scheint uns England noch die leichteste zu sein. Unsere Aufgabe ist vielmehr, einen Weg zu suchen, mit England zusammen zu gehen. Vollkommen falsch aber ist es, Demonstrationen zu veranstalten, englische Polizisten heute anzugreifen, zu denen wir vielleicht morgen um Schutz gegen die Araber kommen müssen. Feiner dürfen wir eines nicht vergessen. Wir dürfen vor allem für uns kein Recht in Anspruch nehmen, das wir den anderen Die Lage in Palästina und der Allgemeine l onsenus Oer Vortrag Professor Mossms^ns (Schluß.) 045^0452

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