Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 7 (1934)
- Issue
- Heft 326 (6.2.1934)
- Date
- 1934-02-06
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Stffe 4 DTE STIMME Kr. 326 — 6. Februar 1934 Politische Freunde und politische Realitäten Von unseren Korrespondenten Ch. Haller, Tel-Awiw Help YotxrseH! Colonell Josiah Wedgewood, dieser erprobte Freund unserer Sache, war dieser Tage Gast des jüdischen Palästina, und die oft hervorgehobene jüdische Dankbarkeit, die sich namentlich gegen nichtjüdische Freunde betätigt, ließ auch ihm gegenüber an Aeußerungen nicht fehlen. Bekanntlich sind Freunde in der Not ein besonders geschätzter Besitz, und in Not befindet sich der Jischuw auch in diesen Tagen. Ich meine die Not, zu der Freund Wedgewood eine nahe Beziehung hat, weil ihre Quelle englisch ist. Und so brachten wir denn dem, was er uns zu sagen hatte, ein erhöhtes Interesse entgegen. Es ist sonst nicht üblich, gutgemeinte Freundesworte, besonders, wenn sie aus dem Munde eines Gastes kommen, zum Gegenstände von Betrachtungen zu machen. Aber einerseits haben wir es hier mit einem Engländer zu tun, den er auch als Freund nicht verleugnet und andererseits verkennt heute niemand die politische Bedeutung von gastlichen Empfängen, wenn es sich um Personen handelt, die im öffentlichen Leben eine prononrierte Stellung einnehmen. Der Engländer ist bekanntlich seinem Wesen nach nicht sentimental (« . . ich finde es,» sagte Herr Wedgewood bei einem dieser Anlässe scherzend, «als alter Politiker, der daran gewöhnt ist, daß die Politik keine Dankbarkeit kennt, besonders angenehm, daß man hier in Palästina nicht nur Dank entgegennimmt, sondern sogar für seine Spesen nicht zu bezahlen braucht —»), er wird schon in seiner frühesten Erziehung auf sich selbst gestellt und nach seiner Psychologie gilt in fast übersteigertem Grade die Devise, daß der Mann nur darauf Anspruch hat, was er sich erkämpft. Diese Einstellung, die nur von dem, was der Engländer als gentlemenlikness empfndet, gemildert wird, gilt in besonderer Reinheit in der Politik und es wird uns nur gut ton, wenn wir uns bei diesen Meistern der Nüchternheit und Lebenstüchtigkeit, mit denen uns die Geschichte zusammengeführt hat, in allen Dingen der Politik in die Schule begeben. Zu dieser englischen Mentalität gehörte nicht nur die Form, in der Colonell Wedgewood dem jüdischen Volke Anerkennung zollte, sondern auch, wie er uns die Wahrheit sagte und wie er zur englischen Seite Stellung nahm. Sir Arthur Wauchope, sagte er, ist wohl der bestgeeignete Oberkommissär, den Palästina bisher hatte. Es muß begrüßt werden, daß er sich in besonderer Weise des Schicksals der arabischen Fellachen annimmt. Nur scheine ihm General W«rchöpe nicht zu wissen, daß nicht der Jude, sondern der Effendi der größte Feind des Feilachen seL Sicher wird es uns heute schwer fallen, dem ersten Satze, wie der Voraussetzung des letzten, daß nämlich dem Oberkommissär die wirklichen Verhältnisse im Lande nach zwei Jahren nicht genau bekannt seien, zuzustrmmen. Aber es ist nicht die Schuld Herrn Wedgewoods, wenn wir trotz allem, was wir erfahren haben, aus der romantischen Periode unsereres Verhältnisses zu England noch immer nicht herausgekommen und Sir Arthur Wauchope zwei Jahre lang deshalb einen «guten Naziw» genannt haben, weil er uns — nicht besonders Schlechtes getan hat. Der Oberkommissär Genera] Wauchope, war weder früher ein guter Nadw noch ist er jetzt schlecht geworden, sondern er war bloß immer der treue Mandant der englischen Politik in Palästina. Wir haben uns erst nachträglich erinnert, daß über die Lippen «ich diese« Regenten das Wort «Jüdische Heimstätte» noch nicht gefallen ist, obwohl doch dieses Wort zu dem Begriffsschatz des Mandatsauftrages gehört und somit zweifellos zulässig ist. Er, der wie kein anderer seiner Vorgänger, ununterbrochen mit dem Volke in Berührung kommt, ist mit dessen wahrer Lage sehr vertraut und trotzdem geschieht gegen uns, was eben geschieht. Aber der erste Fehler, den wir gegenüber unserem englischen Gaste begehen würden, würde darin liegen, das, was er uns sagte, nur mit jüdischem Ohre zu hören. Schließlich kennt Herr Wedgewood die wahren Beweggründe der englischen Politik in diesem Lande sicherlich sehr genau und der Schwerpunkt seiner Reden liegt wahrscheinlich an den Stellen, in denen er uns auf unsere — Selbsthilfe hinwies. Als Engländer und als Politiker ist er objektiv genug, uns anzudeuten, daß man nichts geschenkt bekommt, und darin liegt vielleicht seine wahre freundschaftliche Leistung. Er sei, sagte er, sehr enttäuscht über das kalte englisch-jüdische Verhältnis, das er hier vorgefunden habe, aber wenn die Schuld zu einem Teile an der palästinensischen Administration liege, die in ihrer Beziehung zu den Juden der jüdischen Leistung nicht genügend Rechnung trage, so müsse er doch die eigentliche Schuld in der jüdischen Resignation erblicken, nicht in Beziehung zu ihrem Ziele in Palästina, sondern zu der Aussicht, für sich die englische öffentliche Meinung zu gewinnen. Colonell Wedgewood verweist uns somit auf den Kampf, den wir, wahrscheinlich mit ganz anderen Mitteln als bisher, für unsere Sache zu führen haben. «In der letzten Zeit,» sagte er, «habe ich meine Tätigkeit für die Juden Palästinas eingestellt, in der Ueberzeugung, daß die Juden die Fähigkeit haben, ihre Sache selbst zu führen» . . und er beschäftige sich mit der Arbeitslosen-Frage in England und mit den — Eingeborenen Afrikas, «die tatsächlich jeden Schutzes bar sind». «Ihr werdet,» rief Herr Wedgewood uns aufmunternd zu, «trotz aller Widerstände siegen und das Jüdische Nationalheim wird zur Tatsache werden!» Aber-help yourself! * Oie nOestllchesi“ und die „Westlichen44 Wir werden den Wink, der in dieser Haltung eines jüdischen Freundes, der aber dabei seine englische Grundhaltung nicht verleugnet, an die Adresse unserer Selbstwehr gerichtet ist, noch deutlicher durch eine Erklärung verstehen, die uns Herr Wedgewood machte und die den labilen Zustand des Verhältnisses zur jüdischen Sache innerhalb der englischen Gesellschaft illustriert. Es gibt, erzählte uns Herr Wedgewood, hi England in bezug auf Palätina zwei Schulen-: die Dl« streng orthodoxe Sslohwarsnfabrlk mm i a. Ha u bringt hiemlt zur Kenntnis, daß sie ihre Filiale, Wien, II., Taboretraße 38, verkauft hat, und demzufolge für rvnws in diesem Geschäfte keine wie immer geartete Verantwortung übernimmt. Die in diesem Lokale zum Verkaufe gelangenden Wurst* und Selchwaren stammen auoh weiterhin aas unserer Fabrik, weiche, wie bisher, unter bewährter Aufsicht vorzüglichste Qualitäten zu allerbilligsten Preisen erzeugt eine wünscht, daß Palästina in seinem gegenwärtigen Orlen* talischen Charakter erhalten bleibe, während die andere für die Europäisierung ist. «Es ist möglich,» sagte uns Herr Wedgewood, «daß die «0 e s 11 i c h e n» zurzeit die Mehrheit sind, aber die Regierung ist entschieden westlich gesinnt.» Auch diese Darstellung der bestehenden, divergierenden Kräfte ist gar nicht uninteressant. Leider spüren wir hier im Lande zurzeit das entschiedene Uebergewicht der «Oest* liehen» —- offenbar bekommen die Weisungen der «westlich»* gestimmten Mandatsregierung eine sehr östliche Farbe, bii sie von London nach Jerusalem gelangen. — «Die einzige Stütze» — meint Herr Wedgewood — für den Gedanken des gesetzgebenden Rates — in Palästina ist — in Palästina selbst zu suchen. Die Erfahrungen der Regierung mit ähnlichen Versuchen in anderen Ländern sind nicht sehr ermunternd. Die Regierung wird diesen Weg nur gehen, wenn ihr kein anderer übrig bleibt.» — Wir sehen, auch in der Parlamentsfrage sind nicht gerade unsere Wünsche, wie das oft in unseren Beziehungen zu den Arabern entgegengehalten wird, entscheidend. Die Regierung hat ihre eigenen Bedenken, die, bei dem großen Gewicht, das dieses Land in letzter Zeit in der englischen Politik gewonnen hat, verständlich sind. Die Erfahrungen im Irak und sogar in dem primitiven Transjordanien sind wegweisend. Es ist leichter und unkomplizierter, mit einem absolutistisch gehandhabten Verwaltungsapparat zu regieren. Die Londoner Regierung wird somit mit der Einführung des Parlaments so lange warten, wie sie nur kann und bis sie glaubt, daß eine Hinausschiebung nicht mehr angängig ist — Trotzdem meint Herr Wedgewood, daß in letzter Zeit eine merkliche Stimmungsänderung in England zu merken ist, seitdem klar wurde, daß die Bewegung in Palästina gegen England gerichtet ist Diez kam in der zahlreichen Beteiligung von Unterhausmitgliedem in der letzten Pro-Palästina-Konferenz zum Ausdruck. Die Hadassah hilft den deutschen Aerztea in Palästina Die amerikanisch-jüdische Frauenorganisation «Hadass ah» leistet Ersprießliches für die aus Deutschland geflüchteten Aerzte. 34 Aerzte erhielten Stellen, bezw. die Erlaubnis zur Spitalspraxis in Spitälern der Hadassah. Drei Aerzte arbeiten im Hadassah-Rothschild-Spital in Jerusalem, vier im Hadassah-Spital in Tel-Aviv, einer in Haifa, einer in Nathania, die anderen praktizieren in anderen Krankenhäusern. Professor Ludwig Halberstädter, früher Chef des Krebs-, forschungsinstitutes der Stadt Berlin, wurde Direktor dez Radiuminstitutes der Hadassah in Jerusalem, des einzigen Radiuminstitutes im nahen Orient Dr. Georg Goldhaber,, . früher Dr. Halberstädters Assistent, wurde ihm als Assistent beigegeben. Palästinawanderung im Dezember Jerusalem. Im Dezember 1933 wurden 1826 Personen, unter ihnen 1737 Juden, zur Einwanderung nach Palästiri zugelassen. 283 Einwanderer gehörten der Kapitalisten» kategorie an und brachten 299 Angehörige mit. In die Gesamt^ zahl der zugelassenen Einwanderer sind auoh 26 Personen eingeschlossen, die als Touristen ins Land gekommen waren und jetzt Niederlassungserlaubnis erhalten haben. Elf von diesen gehören zur Käpitaiistenkategorie. 95 Personen wurde die Einwanderungserlaubnis verweigert. — Im November 1933 betrug die Zahl der jüdischen Palästina-Einwanderer 3873, im Oktober 4449. Cbassldlsdie Geschichten Die nachfolgenden Geschichten sind dem Bändchen «Hundert chassidisobe Geschichten» von Martin Buber entnommen, das unlängst im Schocken-Verlag, Berlin, im Umfange von 80 Seiten erschienen ist Das Versteckspiel Rabbi Baruchs Enke!, der Knabe Jeohiel, spielte einst mit Jnem anderen Knaben Verstecken. Er verbarg sich gut und wartete, daß ihn sein Gefährte suche. Als er lange gewartet hatte, kam er aus dem Versteck; aber der andere war nirgends zu sehen. Nun merkte Jechiel, daß jener ihn von Anfang an nicht gesucht hatte. Darüber mußte er weinen, kam weinend in die Stube seines Großvaters gelaufen und beklagte sich über den bösen Spielgenossen. Da flössen Rabbi Baruch die Augen über und er rief: «So spricht Gott auch: Ich verberge mich, aber keiner will mich suchen.» Durch dessen Wort Ein Chassid dez Kobryners war bei Öffentlichen Arbeiten beschäftigt. Eines Morgens Uberkam ihn dabei eine Sorge, er wußte sich keinen Rat, endlich ließ er alles liegen, ging in die Stadt und, ohne ins eigene Haus zu blicken, geradewegs zum Zaddik. Dem hatte man eben ein Graupengericht zum FrUhettick gereicht, und er sprach darüber den Segen: «. . . durch dessen Wort alles geworden ist.» Den eintretenden Chassid hatte er nicht angesehen und ihm nicht die Hand geboten. Der stand beiseite und wartete, bis er seine Sache Vorbringen könnte. Endlich sagte der Rabbi zu ihm: «Salman, ich habe gemeint, du glichest deinem Vater; aber jetzt sehe ich, du gleichst ihm nicht. Einmal war dein Vater mit einem ganzen Packen Sorgen zu mir gekommen. Als er eintrat, sprach ich wie heute gerade den Segen: . . durch dessen Wort alles geworden ist.” Als ich ihn gesprochen hatte, merkte ich, daß 4»ia Vater schon wieder fort wollte. „Awräiunei”, sagte ich, „haßt du kein Anliegen?” „Nein", erwiderte er mir und nahm Abschied. Verstehst du? Wenn ein Jude vernimmt, daß alles durch Gottes Wort geworden ist, was hat er da noch zu fragen? Ist ihm doch eine Antwort auf alle seine Fragen und Sorgen gegeben!» Und Rabbi Mosche bot dem Chassid die Hand zum Gruß. Der schwieg eine Weile, nahm Abschied und ging getrost zu seiner Arbeit zurück. Ich Ein Schüler des großen Maggids hatte etliche Jahre dessen Unterweisungen empfangen und gedachte heimzukehren. Unterwegs besann er sich, er wolle in Karlin Rabbi Ahron aufsuchen, der vordem im Lehrhaus des Maggids sein Gefährte gewesen war. Es ging auf Mitternacht, als er die Stadt betrat, aber sein Verlangen nach dem Anblick des Freundes war so groß, daß er sich sogleich zu dessen Haus wandte und an das erleuchtete Fenster klopfte. «Wer ruft?», hörte er die vertraute Stimme fragen und antwortete, da er gewiß war, daß auch die seine erkannt würde, nichts als: «Ich!» Aber das Fenster blieb verschlossen und von innen kam kein Laut mehr, ob er auch wieder und wieder pochte. Endlich schrie er bestürzt: «Ahron, warum Öffnest du mir nicht?» Da entgegnete ihm die Stimme des Freundes, aber so ernst und groß, daß sie ihn fast fremd bedünkte: «Wer ist es, der sich vermißt, sich Ich zu nennen, wie es Gott allein zusteht?* Als der Schüler dies vernahm, sprach er in seinem Herzen: «Meine Lehrzeit ist noch nicht um», und kehrte unverweilt nach Mesritsch zurück. Pas Wichtigste Bald nach dem Tod Rabbi Mosches von Kobryn wurde einer seiner Schüler von dem «alten Kozker», Rabbi Mendel, gefragt: «Was war für euren l.ehrcr das Wichtigste?» Er besann sich, dann gab er die Antwort: «Womit er eich gerade abgab.» Die Wohltat Ais Rabbi Bunam noch ein Holzhändler war und alljährlich auf dem Holzmarkt nach Danzig fuhr, hörte er auf der Reise in einer kleinen Stadt, wo er den Sabbath verbringen wollte, von einem frommen und gelehrten Mann, der in großem Elend lebte. Da lud er sich bei dem Mann als Sabbathgast ein, ließ ihm Geräte und Speisenvorrat in das leere Haus tragen und wußte ihm auch noch würdige Kleider aufzunötigen. Nach dem Sabbath überreichte Rabbi Bunam seinem Gastgeber einen ansehnlichen Geldbetrag als Abschiedsgesohenk. Jener weigerte sich, da6 Geld anzunehmen; er habe schon übergenug empfangen. «Das andere, »sagte der Zaddik, «habe ich nicht euch, sondern mir gegeben, um die Wunde des Mitleidens, die mir euer Elend schlug, zu heilen; nun erst kann ich das Gebot des Wohltuns erfüllen. Darum steht geschrieben: «Geben sollst, geben du ihm, und nicht erbose sich dein Herz, wann du ihm gibst» — wer den Anblick der Armut nicht ertragen kann, muß sie so lange lindern, bis der Verdruß seines Herzens überwunden ist, dann erst vermag er in Wahrheit «einem Mitmenschen zu geben.» Die Pferde Wenn Rabbi Wolf zu Wagen fuhr, erlaubte er nicht, die Pferde zu Bchlagen. «Nicht einmal zu schelten brauchst du sie», belehrte er den Fuhrmann, «wenn du sie nur anzuredeti verstehst.» Das Bedürfen Anfangs lebte der Slotschower Maggid In großer Armut, doch verließ ihn die Freude nicht für eine Stunde. Einst fragte ihn ein Schüler: «Rabbi, wie betet ihr nur jeden Tag: Gesegnet, der mir alles, wessen ich bedarf, gewährt? Es geht euch doch alles ab, was ein Mensch braucht!» Er antwortete; «Sicherlich ist, wessen ich bedarf, eben die Armut, und die ist mir gewährt.»