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Die Stimme · 1934-02-06 · Heft 326 (6.2.1934) · page 3

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Journal
Die Stimme
Volume
7 (1934)
Issue
Heft 326 (6.2.1934)
Date
1934-02-06
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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tff. 326 — 6. Februar 1934 DTE STIMME Dr. Benzfon Mossinson In Wien Die Wiener Zionistische Gemeinde begrüßt in diesen Tagen in ihrer Mitte das Mitglied des Zionistischen Aktionskomitees, Direktor Dr. Benzion M o s s i n s o n, ßchöpfer und Direktor des ersten hebräischen Gymnasiums in Tel-Awiw. Samstag, sprach Dr. Mossinson im Kreise von Vertrauensleuten des Verbandes der Allgemeinen Zionisten. Dr. Mossinson ist in Wien ein überaus gern gesehener Gast. Seine hier vor dem Prager Kongreß gehaltenen Vorträge, die die zionistischen Kreise enthusiasmiert haben, sind noch in allgemeiner Erinnerung. Wie gerne man den kristallklaren und tiefschürfenden Ausführungen dieses prächtigen und blendenden Redners folgt, bewies der Sonntag, den 4. Februar, vom Zionistischen Landeskomitee im Festsaal Der Abend wurde durch eine Begrüßungsansprache des Präsidenten des Zionistischen Landeskomitees, Herrn Dr. Oskar Grünbaum, eingeleitet, in der er unter anderem folgendes ausführte: Der Redner weist zunächst darauf hin, daß der Delegiertentag des vorigen Jahres in dem gleichen Saale stattfand. Seit dieser Zeit hat sich vieles geändert. Die Verhältnisse haben sich auch wesentlich im Zionistischen Landesverband geändert. Es ist uns gelungen, in dieser Zeit unsere Mitgliederzahl zu verdoppeln. Wir haben neue Bezirkssektionen gegründet. Wir konnten auch daran gehen, unser Organ, die «Stimme», zweimal wöchentlich erscheinen zu lassen. Wir können aber auch leider feststellen, daß noch immer gegen den Zionistischen Landesverband geschürt wird und daß gewisse Kreise es nicht verwinden können, daß bei uns ruhig und sachlich erfolgreiche zionistische Arbeit geleistet wird. Zionismus heißt nicht Kampf aller gegen alle, sondern Kampf aller für das gemeinsame zionistische Ziel. Unsere Arbeit ist jedenfalls eine besonders gute gewesen. Dies beweist der große Zuwachs in den Sektionen und insbesondere in der allgemein-zionistischen Jugendbewegung. Es ist für uns eines sehr symptomatisch. Das ehemalige «Jüdische Zentrum» ist durch uns wieder ein jüdisches Heim, ein zionistisches Jugendheim geworden. Doch alle diese Räume sind schon zu klein für unsere Jugend. Der Allgemeine Zionismus ist aber noch nicht konsolidiert. Er muß der Zionismus eines jeden Juden sein, jener Zionismus, der den Primat der Nation vor alle Sonderinteressen von Klassen und Gruppierungen stellt. Das klägliche Ergebnis des letzten Kongresses in Prag hat bewiesen, daß ein gut fundierter Allgemeiner Zionismus notwendig ist, damit nicht das große Erbe Herzls, die Zionistische Weltorganisation, in Brüche geht. Infolge der allgemeinen Wirtschaftskrise und der politischen Lage der Juden in der ganzen Welt, drängen neue Schichten von Juden nach Palästina. Durch ihre Gelder wird jetzt vornehmlich Palästina aufgebaut. Durch dieses Kapital wurde Platz für viele tausende Chaluzim geschaffen. Es entsteht ein neuer Chaluztypus in Palästina, der Allgemein-zionistische Chaluz. Die Wiener Allgemeinen Zionisten haben in Mifraz Haifa einen Kibbuz ins Leben gerufen, der aus Mitgliedern des Gdud Z’eirim besteht, die unter Leitung ihres Führers Mendl Teig in Erez leben, arbeiten und glücklich sind. Wir Allgemeinen Zionisten haben die sittliche Pflicht, für unsere Jugend zu sorgen. Wir haben den neuen Typus der Chaluziuth geschaffen, der nicht kla&senkämpferisch, weder nach rechts noch nach links eingestellt ist. Palästina kann nicht im Zeichen des Klassenkampfes aufgebaut werden, möge er von welcher Gruppe immer kommen. Der Allgemeine Zionismus ist jener Zionismus, dem alle Zukunft gehören wird. Doch leidet er an einem großen Mangel. Am 17. Kongreß wurde der Weltverband der Allgemeinen Zionisten geschaffen; seine Ideologie ist noch nicht ganz klar herausgearbeitet. Wir können uns glücklich schützen, daß wir Männer gefunden haben, die ihr ganzes Wirken und Schaffen darauf kon entrieren, den Allgemeinen Zionismus zu konsolidieren. Zu jenen Männern, die sich in den Dienst dieser schweren, aber guten Sache gestellt haben, gehört unser Referent, Herr Dr. Bezion Mossinson (lebhafter Beifall). Ich erinnere Sie an die große, wunderbare Rede, die Doktor Mossinson vor dem Prager Kongreß hier in Wien gehalten hat. Als er nach dem Kongreß nach Palästina zurückkehrte, nahm er dort sofort die Arbeit für den Allgemeinen Zionismus auf. Palästina steckt innerpolitisch in einer großen Krise. Zwischen einigen Parteien scheint Faustrecht zu herrschen. Deswegen muß auch in Palästina der Allgemeine Zionismus stark sein. Dr. Mossinson hat sich aber nicht damit begnügt, nur in Palästina zu arbeiten. Er reist in alle Länder Europas, Überallhin, wo man ihn ruft, weil die Sache des Allgemeinen Zionismus, die er vertritt, ihm eine heilige Sache ist, eine Lebensaufgabe. Deswegen müssen des Niederösterreichischen Gewerbevereines veranstaltete Vortragsabend. Für die zahlreichen Besucher, darunter erfreulicherweise sehr viel allgemein-zionistische Jugend, die den Saal bis zum letzten Platz füllten, bedeutete Mossinsons Vortrag wirkliches, starkes Erlebnis. Da der Wunsch allgemein laut wurde, Dr. Mossinson möge nochmals in Wien sprechen, findet Donnerstag, am 8. d. M., ein zweiter Vortrag Dr. Mossinsons im Hotel de France statt. Am gleichen Abend wird Herr Dr. Mossinson wahrscheinlich auch beim Vortragsabend der Sektion VIH/IX im Saale des Handelsmuseums in der Berggasse das Wort ergreifen. wir Dr. Mossinson besonders dankbar sein, daß er zu uns gekommen ist, in die zweitgrößte jüdische Gemeinde in Europa. Ich hoffe, daß von diesem Abend ein neuer Impuls ausgehen wird und daß wir es ihm zu danken haben werden, wenn der Allgemeine Zionismus, heute schon stärker als alle anderen Gruppen zusammen, neuen Erfolgen entgegengehen wird. Nun ergreift Dr. Benzion Mossinson, stürmisch begrüßt, das Wort und führt u. a. aus: «Meine Freunde hier in Wien haben für den heutigen Abend ein Thema gewählt, das heißt «Der Aufbau Palästinas und der Allgemeine Zionismus»; ich werde mich nicht ganz an dieses Thema halten. Palästina nimmt heute eine ganz besondere Stellung im Leben des jüdischen Volkes ein. Nicht nur der Aufbau Palästinas interessiert uns, Palästina Reise billig nach Polen vom ZI. Februar bis 7. März Auskünfte: E. FERSTEL (DR. S. TOCKER), Wien, I., Kärntnerring Nr. 12, Telephon U-40-301. und damit der Zionismus stehen im Mittelpunkt des jüdischen Lebens. Der Zionismus ist für mich eine Weltanschauung. Als ich vor sieben Monaten in Wien sprach, standen wir vor ganz anderen Fragen. Im Mittelpunkt der Diskussion stand damals die Katastrophe in Deutschland, jetzt nicht mehr. Die Verhältnisse haben sich dort stabilisiert. Wir haben uns daran gewöhnt, es wirkt nicht mehr so, wie es früher gewirkt hat. Doch das Leben der Juden in anderen Ländern ist nicht weit entfernt von dem in Deutschland. In dem einen Land, werden die Juden wirtschaftlich erdrückt, im anderen Land wieder politisch bedroht und fast in allen Ländern geistig zerrüttet. Die jüdische Frage in der Diaspora ist jetzt eine akute geworden, eine bittere Frage, und man kann sie nicht umgehen. Man hat am Anfang der Zustände in Deutschland geglaubt, die Welt sei erschüttert. Die Welt hat sich auch an das gewöhnt, was in Deutschland vorgekommen ist. Wir sehen nicht mehr diese Sympathien, die wir am Anfang gesehen haben. Deutschland hat aufgehört, sich seiner Taten zu schämen. Es wurde für die Flüchtlingsfragen ein High Commissioner und Vertreter von 16 Regierungen gewählt. Ich weiß nicht, ob diese Erscheinung erfreulich ist. Es sitzen 16 Vertreter aller Länder beisammen und spielen Ball mit den jüdischen Flüchtlingen. Jeder spricht warme Worte für die Flüchtlinge und verlangt, daß andere Länder diese Armen aufnehmen sollen, aber daß sein Land sie leider nicht aufnehnien könne. Wir kommen zurück in das alte Fahrwasser. Man beginnt Geld zu sammeln, beiweitem nicht so viel als man geglaubt hat. Man will den armen «Religionsbrüdern» in Deutschland helfen. Man will nicht zugeben, daß es sich um eine Frage handelt, die die Juden aller Länder angeht. Ich habe das Gefühl, als ob sich eine neue Offensive gegen den Zionismus vorbereitet. Mehr als je brauchen wir da her eine starke und feste Zionistische Organisation als Trägerin des nationalen Gedankens. Nur als Volk haben wir Aussicht, den Kampf zu gewinnen, haben wir die Hoffnung, daß nicht 17 Millionen Menschen ins Meer geschleudert werden. Treten wir nicht als Volk auf, dann werden wir vom Rade der Geschichte zermalmt werden. Sie können jetzt schon feststellen — und das erfüllt uns mit Genugtuung daß der Palästina- Gedanke heute nicht nur für einzelne Teile unseres Volkes, sondern für die ganze Weit Gemeingut geworden ist. Ein Beispiel genügt: ln Frankreich leben gegenwärtig 25.000 Flüchtlinge Frankreich ist nicht das einzige Land, das vom . - .Seite 3; FlüchtlingskommissÄr Macdonald erwartet, von diesen Flüchtlingen befreit zu werden, denn nur «in kleiner Teil von ihnen konnte von der Wirtschaft absorbiert werden. Palästina dagegen hat die 7000 deutschen Flüchtlinge faet zur Gänze absorbiert. Palästina hört auf, eine Frage der Zukunft zu sein, es ist eine Frage von heute geworden. Diejenigen, die vom Glanz Palästinas erzählen, machen dem Lande einen schlechten Dienst. P-aJästina ist nicht für Menschen da, die dort ein leichtes Leben führen wollen. Wir müssen um Palästina kämpfen und für Palästina leiden, nur so können wir es aufbauen. (Beifall.) Es ist klar, daß der Zufluß der 38.000 neuen Juden eine neue arabische Protestwelle nach sich gebracht hat. Die Araber und die Mandatarmacht machten Versuche, uns in unserer Arbeit zu hemmen. Von den aiabischen Forderungen nach Finwauderungssperre, Bodenkaufeinschränkung und der Einführung eines Legislative Councils ist die letztere die gcbdirlicitcre und die ernst zu nehmende. Die ersten zwei Foiderungen der Araber konnten deshalb niefht ernst genommen werden, weil Einwanderung und Bodenkauf den Arabern viel Geld gebracht haben und bringen. Die Mandatsregiertmg. die die Demonstrationen verboten hat, hat es nachher für notwendig gefunden, sie nachträglich zu gestatten und mit den Arabers auf umere Rechnung Frieden zu schließen. Wir waren, erklärt Dr. Mossinson, absolut daran desinteressiert, daß gegen Araber geschossen wird, denn die Rechnung mußten schließlich die Juden bezahlen, und wir wollen mit den Arabern in Frieden leben. Die Maßnahmen des High Commissioner, vor allem aber seine bekannten Erklärungen gegenüber Vertretern der Jewish Agency, waren für uns sehr deprimierend. Wir empfanden besonders drei Momente dieser Erklärung schmerzlich, und zwar daß die Leiden der Juden in Europa, so er diese bedauere, nicht zum Maßstab der Immigration nach Palästina genommen werden können, ferner daß die Prosperität des Landes nicht von Dauer sein könne und schließlich seine Forderung, arabische Arbeitslose bei Arbeitermangel heranzuziehen. Diese drei Momente sind schwerwiegender Natur. Die Balfour-Deklaration ist seinerzeit nur mit Rücksicht auf die Lage der Juden in aller Welt erteilt worden. Die Erklärungen des High Cotnmissioner stehen im Gegensatz zu der Idee des nationalen Heims. Die Beschäftigung arabischer Arbeitsloser ist, wenn man bedenkt, daß die Grenzen Palästinas nach Ostjordanien offen jeder arabischen Einwanderühg stehen, eine große Gefahr. Und das zweite Gefahrenmoment besteht darin, daß dieselben Menschen, die uns heute Beschäftigung von arabischen Arbeitslosen raten, uns morgen den Vorwurf machen werden, daß wir in Palästina nicht anders als in ailer Welt als Parasiten leben wollen und andere für uns arbeiten lassen. Eine dritte Frage, die gefährlichen Charakter hat, ist, daß wir uns von der Vorstellung nüjht freimachen können, daß die Mandatarmacht strenge darüber wacht, uns nur bis zu einer gewissen Grenze ins Land kommen zu lassen und bei einer Ueberschreitung der derzeitigen Bevölkerungsverhältnisse die Einwanderung einzustellen. Dr. Mossinson kommt nun auf die Frage der sogenannten illegalen Einwanderung und stellt zunächst fest, daß die ganze Formulierung «illegal» eine falsche Ist. 20.000 Touristen sind nach dem Gesetz rechtmäßig ins Lang gekommen. Wenn ihnen etwas Unrechtmäßiges nachgesagt werden kann, so vielleicht nur darin, daß sie später als nach der vorgesehenen Frist vpn drei Monaten um den Verbleib im Lande angesucht haben. Offenbar waren sie durch die Erledigung erschreckt, die anderen «Illegalen» zuteil wurde, die rechtzeitig angesucht hatten. Wichtig aber bleibt, daß diese 20.000 Touristen der Palästina-Wirtschaft nicht zur Last fielen, daß sie sich nicht nur eingegliedert haben, sondern einer doppelten Zahl Arbeitsmöglichkeiten geschafft haben. Dies beweist uns, daß die englische Regierung uns um ebensoviel Zertifikate gebracht hat. Im Komplex der illegalen Immigration ist aber ein psychologisches Moment von Bedeutung: Ein Jude kommt überhaupt nicht illegal nach Palästina. Illegal ist es, wenn man Juden nicht ins Land läßt. Der Jude wandert nach Palästina im ehrlichen Glauben an die Versprechungen, die der Völkerbund und England den Juden gemacht haben, den Juden ein eigenes Keim in Palästina zu schaffen. Indaseigene Heim kommtman nicht illegal. (Stürmischer Beifall.) Es ist wichtig, der jüdischen und der nichtjüdischen Oeffentlichkeit dies bekannt zu geben. Wir haben es nicht notwendig, uns in dieser Frage irgenwie zu verteidigen. Die Panik, die unter 20.000 Menschen im Lande mit dieser «Jagd» hervorgerufen wurde, die wirtschaftliche Krise, die dadurch im Lande verursacht wurde, bedeuteten einen schweren Schlag in dieser Zeit. In diesem Moment, wo das gesamte Judentum zerbrochen war, wo Palästina der einzige Lichtstrahl ist, wurde die Immigration von Seite der Mandatregierung gestoppt. Das war ein Fautsschlag gegen Wortlaut und Sinn des Mandats. (Stürmische Zustimmung.) (Fortsetzung in der nächsten Nummer der «Stimme».) AbschiodsUonzert Herz Großbart Sarastagr, 10. Februar, Punkt 8 Uhr abends, Kunstspiel«» Wien, I., Riemergasse 11, unwiderruflich letzter Abend de« besten jiddischen Rezlattors, den Wien je gehört hat — Karten in der Jüdischen Kunststelle, Wien, II , Aspernbrüekengasso J, und in allen jüdischen Vereinsheimen. Oie uiirischalisiage Palästinas und der Allgemeine Zionismus

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