Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 7 (1934)
- Issue
- Heft 326 (6.2.1934)
- Date
- 1934-02-06
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 DIE STIMME Nr. 325 — 6. Februar 1034 Scltac&i dem Haß die notwendigen Zertifikate zur Verfügung stellen, so würden wir diese 10.000 Menschen aus Deutschland jährlich absorbieren können. Die Unterbringung der we.teren jährlichen 5000 bis 10000 Emigranten aus Deutschland bildet weiterhin ein etwas schwieriges Problem, Die Unterbringung von 10.000 Menschen jährlich in Palast.na setzt voraus, daß keine neue Krisis kommen und die Wirtschaftslage Stabil bleiben wird. Es müssen aber alle Möglichkeiten der SeÖbaftmachung ausgenufzt werden. Selbst wo es gilt, hundert oder gar nur fünfzig Flüchtlinge anzu^rdeln. '$♦ r;ne solche Möglichkeit ztt nutzen. Felix M. Warburg über die Möglichkeiten in U. S. A. Felix M. Warburg, Ehrenpräs.dent der American Joint Distribution Committee, führte im Namen der amerikanischen Judenheit aus: Wir werden in Argentinien wie in anderen Ländern versuchen, neue Industrien ins Leben zu rufen und die Entwicklung schwächerer Industrien zu fördern. Was die Vereinigten Staaten betrifft, so haben wir alle Maschen der Einwanderungsvorschriften durchgeprüft, um die Zulassung von Kindern und Personen, die den Arbeitsmärkt nicht belasten, zu ermöglichen. Wir fanden bei den zuständigen Stellen in U. S. A. genügend Wohlwollen und ich zweifle n:cht, daß der Hochkommissar dort so viel als möglich erreichen wird: das müssen wir ihm selbst überlassen. 1200 Professoren und 5000 Intellektuelle vertrieben Professor R a p p a r d, Schweiz, führte aus: Ich spreche im Namen der intellektuellen, die Deutschland verlassen mußten; einige wenige von ihnen sind auch Nichtjuden. Die Intellektuellen sind in besonders großer Zahl vertrieben worden, einesteils, weil in dieser Klasse Juden zahlreich vertreten sind, andernteils wegen der Haltung der deutschen Regierung zu den Intellektuellen; die bloße Tatsache, daß man zu den Intellektuellen gehört, genügte, um unter einen besonderen Druck gesetzt zu werden. Die Zahl der vertriebenen Professoren beläuft sich auf etwa 1200, von Angehörigen freier Berufe haben etwa 5000 Deutschland verlassen, ebenso viele warten auf den Augenblick, wo sie Deutschland verlassen können. Von den Studenten studieren mehrere hundert an außerdeutschen Universitäten. Tausende Studenten wollen sich beruflich umschichten. Da in fast allen Ländern viele Gelehrte ohne Aemtef sind, kann man deutsche Gelehrte nur dann unterbringen, wenn, sie nicht andere aus ihrer Stelle verdrängen; das bedeutet, daß ein Fonds geschaffen werden muß, um die deutschen Gelehrten zu besolden. Noch schwieriger ist es, d:e anderen Intellektuellen unterzubringen. Aerzte zum Beispiel sind sehr intolerant gegen Konkurrenz, von Anwälten kann man das gleiche behaupten. Das Problem Ist, die Intehekfitel'^n einem n®tion R°ruf 7tiTnfn,iren, der Sie speisen gut tmd billig im neueröffneten Rtsfawanl Andreasho! VI|., Andreasgasse 2, Ecke Mariahilisrstraße. Menü v. S L— bis S 2.—. Klubzimmer mit und ohne Klavier zu vergehen. von ihrem bisher.gen nicht alizu verschieden ist. Hauptproblem ist und bleibt die Beschaffung des Geldes. Man muß die öffentliche Meinung über die den Flüchtlingen zugefügten Grausamkeiten auf dem Laufenden halten. Durch die Verfolgung der Intellektuellen ist ein abnormer und unerträglicher Zustand geschaffen worden; das bedeutet eine Herausforderung an das Christentum und die internationalen Bindungen. Wir dürfen nicht aufhören, die Unnatürlichkeif des bestehenden Zustandes zu betonen. Unerträglich ist es, daß Menschen, nur, weil ihre Regierung sie nicht mag, erbarmungslos in die Welt hinausgetrieben werden. So etwas dürfte auch darum nicht geschehen, weil Ja dadurch internationale Komplikationen entstehen. Wir, die wir uns mit diesem Problem jetzt befassen, mü^en darauf achten, daß es sich nicht wiederholt. Das Versagen der Kirchen Der Bischot von Chichester teilte mit, daß der vom Erzbischof von Canterbury vor Weihnachten 1933 erlassene und von den Oberhäuptern der drei Kirchen von England und Wales Unterzeichnete Appell an die Christenheit zur Aufbringung von Fonds, aus denen nicht nur Nichtjfaden unterstützt werden sollten, nichtden erwünschten Widerhall gefunden hat. Bei der Verteilung der Gelder sei der Grundsatz konstruktiver Hilfe, hauptsächlich durch Berufsumschichtung, befolgt worden. Der Erzbischof von Upsala in Schweden und der Präsident der Protestantischen Kirchen in Frankreich haben sich in den Dienst der Flüchtlingshilfe gestellt. Es könnte nun auch die Rönrseh-Kathol'sche Kirche an ihre Anhänger um Hilfe appellieren; vielleicht würde der Papst oder würden die Kardlnal-F.rzb'schöfe in den verschiedenen Ländern einen solchen Appell in d:e Welt senden. Möglichkeiten in Südamerika Louis Oungrc führte im Namen der J. C. A. aus: Die Unterbringung von Menschen kostet jetzt mehr als zum Beispiel vor der Wirtschaftskrise. Die Schwierigkeiten, mit denen die Landwirtschaft zu kämpfen hat, reduzieren den Wert landwirtschaftlicher Siedlung als Lösung; wir müssen lljdq*trif und Handel mehr im Auge behalten. Mit der ffoAftoqibringung müssen wir uns in erster Reihe befasesn. Als kürzlich die Liberalen im englischen Parlament in die Opposition gingen, ereiferte sich die konservative Presse darüber gewaitig. Daraufhin schrieh wieder eine liberale Zeitung: «Ls ist notorisch, daß die Tories die Liberalen mehr hassen als die Sozialisten, Kommunisten, Pazifisten. Atheisten und sogar mehr als Gandhi.» Trotz dieser für englische Begriffe sehr scharfen Stellungnahme könnten viele Völker froh sein, wenn sich bei ihnen der politische Kampf im Rahmen des politischen Kampfes in England halten würde. Vor allem wir Juden hätten allen Anlaß, zufrieden zu sein, wenn wir uns die Methoden des politischen Lebens in England zum Vorbild nehmen würden. Wie sieht es aber bei uns aus? Die Assimilation, die einen jämmerlichen Zusammenbruch erlebt hat und politisch nicht weiß, wie sie den nächsten Tag überleben wird, hat nichts zugelernt und alles vergessen. Die Ausnahmen bestätigen nur die Regel. Die Juden Deutschlands sind hiefür ein lehrreiches Beispiel. Gewiß, Tausende haben umgelernt. Das Leben in den jüdischen Gemeinden hat einen Aufschwung genommen. Dieselben Menschen, die gegen die jüdische Schule — seit jeher ein Postulat der Zionisten —- Sturm liefen, gründen heute Hals Uber Kopf jüdische Schulen, und Deutschland hat heute die stärkste Chaluz-Organisation der Welt. Ueber alles andere sollte man aber lieber nicht reden; man muß es aber leider tun. Auch nach dem jämmerlichen Zusammenbruch der Assimilation blüht der Haß der Assimilanten gegen den Zionismus. Es toben sich die Naumann, und wie sie alle heißen, gegen den Zionismus aus. Sie wären bereit, hunderttausende ihrer jüdischen Brüder vollkommen entrechten zu lassen, wenn man nur ihnen das Staatsbürgerrecht ließe. Aber in ihren Zeitungen da sind sie forsch. Da schimpfen sie auf die Zionisten und bespeien sie mit dem Haß der Gestrandeten. Hitler hat schweres Leid über uns gebracht, schwereres aber noch die Assimilation vor und insbesondere seitdem Hitler an der Macht ist. Und wie sieht es bei uns Zionisten aus? Wohl sind wir nach außen eine geschlossene Masse. Aber von unserer inneren Organisation gilt das leider nicht. Wenn man immer darauf hinweist, daß die differenten Parteianschauungen eine notwendige Folge des Aufbauwerkes in Palästina sind, da dort verschiedene Weltanschauungen auf einander prallen, so st las nur zum Teil richtig. Der Klassenkampf von rechts und links, der Kampf zwischen Religion und Ungläuoigke't allein machen es nicht aus, und wir wollen über diese Dinge ein anderesmal sprechen. Die Ursache der beklagenswerten Zustände liegt tiefer. Wir haben es mit einem Assimilationsprodukt zu tun. Größgeworden in der Zeit des Liberalismus, hat sich die zionistische Bewegung wahllos an alle Spielregeln der damaligen Politik assimiliert. Der Kampf der Parteien tobt sich in extremster Weise aus. Während aber in normalen Staaten auch die Opposition, wenn sie ernstgenommen werden will — jede Oppositionspartei will ja Regierungspartei werden —, sich eine gewisse Reserve in ihren Handlungen auferlegen muß, ist das im Zionismus nicht immer der Fall. Da wird drauflos debattiert und petitioniert; da werden mit dem Brustton der Ueberzeugung heute Programme aufgestellt und morgen wieder umgestoßen; Parteien entstehen, verschwinden oder spalten sich. Ideologien werden ausgeboten wie frische Semmeln, aber auch der Verlust des Parteiprogrammes ist kein Hindernis für die Erhaltung der Partei und die Erringung hoher Ehrenstellen. Dieser Zustand, über den man lachen müßte, ginge es nicht um die Existenz unserer Bewegung, ist nur möglich, weil die Masse sich durch große Worte blenden läßt. Bestenfalls hört man Aussprüche, wie: «Er ist aber doch ein guter Zionist, er schießt nur übers Ziel.» Und man läßt den Volkstribun gewähren und Schaden stiften. Es wird der Anstrengungen aller Gutgesinnten bedürfen, um hier Wandel zu schaffen. Man muß erkennen: Nichts ist billiger als der Radikalismus der Worte. Wertmesser politischer Programme können nur Taten sein. Differenzierungen der politischen Ansichten dürfen nicht Selbstzweck sein. Bünde Assimilation an Demokratie oder Faschismus sind gleich schädlich. Wir sind ein abnormales Volk in einer abnormalen Situation. Spielregeln im Kampf der politischen Meinungen sind notwendig, wir müssen sie aber sorgsam so wählen, wie sie unserer jüdischen Situation entsprechen. Soll es besser werden, so muß vor allem der Haß abgebaut werden, der unser politisches Leben vergiftet. Auch dort, wo es sich nicht um persönliches ..ieltungsbedürfnis einzelner handelt, verpestet tödlicher Haß die politische Atmosphäre. Revisionisten und Poalezionisten stehen einander oft in blutiger Feindschaft gegenüber, und es geht leider oft so zu, wie es Heine einmal ausgedrückt hat: «Jedes Wort ein Nachttopf, und kein leerer.» Die Einsicht, daß es höchste Zelt zur Umkehr ist, wird langsam Gemeingut, und immer häufiger ertönt der Ruf nach Frieden. Einigkeit kann aber nur das Ende einer organischen Entwicklung sein und mit Rücksicht auf die vorhandenen Verhältnisse nicht an deren Anfang stehen. Man kann «Politiker» nicht wie Schlangen durch I Flötentöne bändigen und muß auf der Hut sein, damit politische Kinder nicht etwa einem getarnten Wolf, der sie mit süßen Worten umschmeichelt, in die Falle gehen. Trotz allem muß der Versuch zur Vereinheitlichung gemacht werden. Die vereinheitlichte Organisation darf aber nicht zu einem Abklatsch der Kongresse werden, sie muß vielmehr eine Stätte gemeinsamer Arbeit bei Aufrcchlcrhaltung wohlüberlegter Grenzen zwischen den einzelnen Gruppen sein. Dazu muß als selbstverständliches Korrelat die unverbrüchliche Wahrung der Disziplin treten. Die ganze Frage muß nüchtern und frei von allen Sentimentalitäten mit größtem Ernst behandelt werden. Die Basis der Einigung muß daher wohl geprüft werden, bevor man auf ihr weiterbaut. Diese Basis muß durch unsere Weltorganisation geschaffen werden, die einer Reorganisation an Haupt und Gliedern bedarf! ln organisatorischer Hinsicht haben wir geschlafen. Was 1897 rechtens war, ist 1934 anachronistisch. Hier muß der Hebel angesetzt werden. Die Arbeit muß sofort begonnen werden und der 19. Kongreß muß das Werk krönen. Die erste Voraussetzung aber ist die sofortige Verbreiterung der zionistischen Exekutive. Daran mitzuarbeiten ist die Pflicht aller jener Zionisten ohne Ansehung ihrer parteimäßigen Einstellung, denen das Wohl der Bewegung wichtiger ist als der Kampf um Mandate und Machtstellungen. Wiederaufbau der Organisation heißt das Ziel, die Losung der Stunde, die allein den Weg dazu bahnen kann: Schach dem Haßl o. g. Palästina-Produkte Jaffa-Orangen — Grape Fruits — Shemen-Olivenöl — Toiletteseife — Karmel-Weine — Kognak — Chedera- Honig und Jaffa-Orangeade liefert frei ins Haus SAMUEL HALPERN Wien, II., hörsierg. 6, Tel. A 43-4-12 Exekutivkomitee des Jüdischen Weltkongresses Paris. Am 12. Februar tritt in Prag das Exekutivkomitee des Jüdischen Weltkongresses zu einer Beratung zusammen, an der hauptsächlich die Exekutivemitglieder aus den Ländern Mittel- und Osteuropas und Vertreter der im Exekutivkomitee nicht vertretenen Länder teilnehmen werden. Eine Sitzung der Exekutivemitglieder aus den westeuropäischen Ländern findet Ende Februar in Paris statt In diesen Beratungen werden Zeit und Ort des Zusammentretens des jüdischen Weltkongresses und der Modus der Delegiertenwahlen definitiv festgesetzt werden. Komitee der jüdischen Delegationen Am 11. Februar findet in Prag eine Sitzung der Exekutive des Comite des Ddlögations Juives statt, an der vor allem Vertreter der mittel- und osteuropäischen jüdischen Gemeinschaften teilnehmen werden, ln dieser Sitzung wird auch über die Frage entschieden werden, ob die jüdischen Minderheitengruppen ihre Beziehungen zu dem Minderheitenkongreß aufrecht erhalten sollen oder nicht. Drei Jungrevisionisten zu Gefängnisstrafen verurteilt Warschau. Mitglieder der Brith Trumpeldor hatten sich wegen des vor 14 Tagen auf das Hechaluz-Heim in Wilna verübten Ueberfalls zu verantworten. E ner der Teilnehmer an dem Ueberfall namens Le wie z wurde zu zwei Monaten, zwei andere, Hirszovicz und D r e c z y n, wurden zu je sieben Tagen Gefängnis verurteilt. Ultraimscher Terror m Ostgalizien Man tnuß der polnischen Regierung Anerkennung dafür zollen, daß sie energisch gegen antisemitische Ausschreitungen einschreitet. Nun bringt die angesehene Londoner Zeitung «The Jewlsh Chronicle» sensationelle Nachrichten über antisemitischen Terror der Ukrainer.. Darnach wurden in Ostgalizien in den letzten Jahren 4000 kleine jüdische Kaufleute durch eine systematische ukrainische Boykottbewegung ruiniert. Dr. Dymitro Lewickl, der Führer der ukrainischen nationaldemokratisichen Partei, forderte seine Anhänger Im vergangenen Dezember öffentlich zum antijiidischen Boykott auf. Es ereigneten sich, wie «The Jewish Chronicle» berichtet, Fälle, wo ukrainische Geistliche die Vornahme der religiösen Zeremonien bei Hochzeiten und Begräbnissen verweigerten, wenn die Angehörigen der betreffenden Familien bei Juden einkauften. Vielfach stehen Boykottposten vor jüdischen Geschäften. In zahlreichen Orten wurden den Juden die Fenster eingeworfen. Insbesondere richtet sich der Terror gegen jüdische Landwirte. Es ereigneten sich zahlreiche Fälle von Brand-* legungen und die Juden wurden aufgefordert, wegzuziehen, «denn sonst würde ihnen dieselbe Behandlung zuteil werden» Auch Morde ereigneten sich, ohne daß dabei die Mörder etwas geraubt hätten. UeberaU, wo antisemitischer Terror herrscht, hat det Nationalsozialismus die Hand im Spiele. Vielleicht haue» auch die Ukrainer die Juden und wollen damit die Pole? treffen. Wir wollen hoffen, daß Po’en alles tun wird, um nlchj mit dem nationalsozialistischen Deutschland auf eine Stuf« gestellt zu werden.