Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 7 (1934)
- Issue
- Heft 325 (2.2.1934)
- Date
- 1934-02-02
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3053752-3054070-3054080--3995-3059561- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 2 DIB STIMME -Vf. 325 — 2. Februar 1931 zweckmäßigen Lebensbewahrung des eigenen Volkes und damit zwangsläufig zu einer natürlichen Respektierung des Lebens und des Wesens andrer Völker.» Diese Respektierung von Leben und .Wesen z. B. der Juden, die ja bekanntlich nach nationalsozialistischer Wissenschaft auch eine Rasse sind, besorgen zwangsläufig die Kube und Streicher und die SA.-Wächter in den Lagern. «Morning Post» schreibt zu der Rede: «Politik besteht nicht aus Wor ten, sondern aus Taten.» Unter dieser Voraussetzung muß man diese Oeburtstagsrede lesen. Die Welt kenn die Taten. «■maaiMosttsa Der patentierte Sttndenbock Nichts ist so dumm, was ln Zeiten wirtschaftlicher und politischer Not nicht geglaubt werden könnte, vorausgesetzt, daß es nur die Massen gerne hören. Geradezu grotesk mutet jedoch eine Nachricht an, die uns aus dem fernen Osten zukommt. Die in Shanghai ln englischer Sprache erscheinende jüdische Zeitung «Israel’s Messenger» bringt ein Interview mit dem früheren Assistenten des Unter-Generalsekretärs des Völkerbundes, Dr. Yoharo Sugimura. Und dieser Dr. Sugimura erzählt der «IsraePs Messenger», in der letzten Zeit mache sich in Japan eine Aenderung in der Haltung des japanischen Volkes gegenüber den Juden in Japan zum schlechtem bemerkbar. Was ist da los? Man bedenke doch, daß unter 46,000.000 Japanern nur ungefähr 1000 Juden leben! Nun, die Japaner haben gegen ihre 1000 Juden keine konkrete Beschwerde vorzubringen. Was ist also passiert? Man höre und staune! Der Völkerbund hat bekanntlich aus Anlaß des chinesisch-japanischen Konfliktes nach China eine Kommission unter Vorsitz von Lord Lytton entsendet, die feststellte, daß die Japaner den Chinesen Unrecht tun. Die Japaner haoen sich bekanntlich um den Lytton-Bericht den Teuiel geschert, sind aus dem Völkerbund ausgetreten und sitzen Seelen ruhig weiter in China. Der Bericht Lyttons war aber den Japanern immerhin unangenehm. Für diese diplomatische Niederlage mußten Schuldige gesucht werden. Und flugs hatten es einige japanische Zeitungen heraus, wer die Schuldigen seien. Vielleicht hatten Hitler-Agenten bei dieser Ent hüllung ihre Hand im Spiele. Es gehört ja zum festen Bestand der nationalsozialistischen Lehren, daß die Juden Japan hassen. Sicher aber ist, daß einige japanische Zeitungen in der Lage waren, nicht nur die Namen, sondern auch das Glaubensbekenntnis der an der diplomatischen Niederlage Japans Schuldtragenden anzugeben, u. zw. sollen dies sein: L. Reich mann und Robert d e H a a s, beide Juden und Sekretäre des bösen Völkerbundes. Reichmann und de Haas hätten, so konnte man lesen, China in seinem Widerstande gegen Japan .bestärkt, und ihnen sei auch der für Japan so ungünstige Lytton-Bericht zuzuschreiben. Nun muß doch der kleine Mann in Japan restlos davon überzeugt sein, daß die Japaner mit Fug und Recht in China eingefallen sind und daß es die bösen Juden sind, die Japan in der Welt schlecht machen. Zum erstenmal mußten nun im Fernen Osten Juden den SUndenbock abgeben. Diese japanische Groteske ist nur eine Probe auf ein altes Exempel. Die uns feindliche Welt sieht in uns Juden den patentierten Sündenbock. In der Vorkriegszeit wurde in Wien ein Schwank gegeben, der in einem Warenhause spielte. Da kam ein Kommis vor, der vertragsmäßig an allem schuld sein mußte. Beklagte sich z. B. ein Kunde über eine schlechte Lieferung, gleich wurde der betreffende Kommis gerufen, vom Chef angeschrien, beschimpft und fristlos entlassen. Das ereignete sich in einenf Akt gleich mehrere Male. Wir Juden könnten noch glücklich sein, wenn wir immer nur die Rolle dieses Kommis in der Weltgeschichte gespielt hätten. Wir werden leider aber nicht zum Schein, sondern wirklich jede paar Augenblicke «entlassen». Tausende Beispiele ließen sich da anführen. Im alten Alexandrien wurden aut dem Rücken der Juden die Kämpfe um die Macht ausgetiagen. Zur Zeit des Schwarzen Todes waren die Juden die Brunnenvergifter, weil die Aerzte der Pest nicht Herr werden konnten. Als Herzog Albrecht von Oesterreich Geld brauchte, erfand man die Geschichte von einer Hostienschändung in Enns, verbrannte die Wiener jüdische Gemeinde am Scheiterhaufen und Herzog Albrecht zog das Vermögen der verbrannten Juden ein. Petljura ließ ungezählte Juden in der Ukraine ermorden, weil sie Bolschewiken seien, u.id die Bolschewiken richteten im selben Lande ein Blutbad unter den Juden an, well sie Konterrevolutionäre seien. So zieht sich durch die Jahrhunderte bl« in unsere Tage eine Kette schauriger Ereignisse, well wir eben als die Schwächsten den billigsten Sündenbock abgaben. Wir waren einfach immer an allem schuld, wie die Nationalsozialisten behaupten, auch am Weltkrieg und am Pazafismus, am Bolschewismus und noch anderen ismen. Hitler machte eben wieder die Probe auf die Dummheit der Massen und gewann das altbe- Hebräisch,^......, unterricht«! routinierter Lehrer, dessen Mutter« spreche Hebräisch ist Unter: «Rasch hebräisch» an die Adm. d. Blattes. währte Spiel. Es ist müssig, darüber nach2udenken, was Politiker, die zur Macht gelangen wollen, anfangen würden, wenn es keine Juden gäbe. Es verlohnt sich aber, darüber Betrachtungen an zustellen, ob nicht die Juden manchmal mit daran schuld waren und noch sind, daß sie als Sündenbock für alles gelten. Zunächst werden wir finden, daß eine üble Begleiterscheinung der Assimilation der Juden viel Leid über uns gebracht hat. Denn die Assimilation der Juden beschränkte sich leider nicht darauf, die Segnungen der Emanzipation zu genießen. Die Verkün digung der Gleichberechtigung eröffnet« den Juden des Ghettos den Weg zum wirtschaftlichen Aufstieg und zur Kultur der Völker, und sie haben davon mit Recht Gebrauch gemacht. Die Tatsache aber, daß die Juden der As&imilationsepoche meinten, es sei ihre Sache, auch in der Politik der Völker eine Rolle zu spielen, hat uns böse Stunden bereitet und es den Antisemiten erleichtert, uns als Sündenbock hinzustellen. Tragisch ist hiebei, daß gerade solche Juden, die aus unserem Lager deser- * SONDERZUG Ins S a I z I) u r r 1 r c h o bis Saalfelden nach zwanzig schönen Wintersportplatzen 17. bis 25. Februar 1934 Veranstaltet vom „PHÖNIX** im Einvernehmen mit dem- Fre mden Verkehrsamt Salzburg u. dem Oesterrelchlsehen Verkehrsbureau Plätze rechtzeitig sichern! Anmeldeschluß 14. Februar Auskunfterteilung: Oest. Ve rkeh rsbiireau,- 1. Bezirk, Friedrichstraße 7 S Phönix-Fremdenverkehrsabt, / * l. Bezirk, Wallnerstraße Sir Beliebureau 1. R. U. TX ' I. Bezirk, Karlsplatz Nr. 1 *■ t i c r t sind, oder allem Jüdischen fremd oder gleichgültig gegenüberstehen, als Exponenten des Judentums angesehen werden. Der getaufte Redakteur in einerliberalenTageszeitung, der da glaubt, er dürfe sich zum Hüter der kulturellen Errungenschaften der anderen aufspielen und er sei der Wächter der nationalen Belange der Mehrheit im Staate, ist ein Handlanger des Antisemitismus, Sein Antipode, der aber die gleichen schädlichen Wirkungen erzielt, ist der marxistische und — natürlich aus Ueberzeugung — konfessionslosejude, der es als seine vornehmlichste Aufgabe betrachtet, in christlichen Kreisen für den Austritt aus der Kirche zu werben, oder gegen die Unauflösbarkeit der katholischen Ehe Sturm zu laufen. Daß die Ehe für die Katholiken ein Sakrament ist, geniert ihn weiter nicht. Wir leiden durch diese Menschen, wir, die wir immer predigen, daß es soviel im Lager des Judentums zu ordnen gibt, daß wir unsere eigenen Angelegenheiten besorgen sollen, und daß wir kein Recht haben, die religiösen oder nationalen Gefühle anderer zu verletzen. Aber die anderen sehen nur die jüdischen Renegaten und nehmen deren Tätigkeit zum Vorwand, um das ganze jüdische Volk zu verdammen und zum SUndenbock für alles zu machen, was faul im Staate ist. Zu einem weiteren, leider weit verbreiteten Typus, zählen jene Juden der Assimiiationsepoche, die noch immer glauben, sie könnten sich blind und taub stellen. Sietreiben weiter ihre V ogel-S t rau ßpol i tik oder reden sich, frei nach Cou6, krampfhaft ein, die politische Situation habe sich gebessert und infolgedessen sehen sie immer den berühmten Silberstreifen am schwarzen Firmament. Unentwegt rennen sie jeder Partei nach, die sich gerade an der Macht befindet. Sie glauben, sie könnten unerkannt dasselbe Spiel treiben wie manche Arier, die mit Erfolg heute den Sozialdemokraten, morgen den Nationalsozialisten und übermorgen den Kommunisten mimen. Dabei aber übersehen sie eines: Der Jude, der sich politisch tarnt, wird früher oder später entlarvt. Rennt er nichtjüdischen Parteien nach, dann nützt er weder ihnen noch dem Judentum. Die mit Juden durchsetzte Partei wird von ihren Gegnern als v e r j u d e t ausgeschirien und muß noch antisemitischer werden als sie es schon ist, damit ihr die Gegner nicht den Wind aus den Segeln nehmen. Zu sehr stehen unsere jüdischen Assimilanten noch in Baaae 4ac irr- J Vom Wiener Stadtschulrat konzessionierte Jüdische Kochschule stiong kosoher, Leitung: 0. .Schwarz, Diätkura«, einfach« bis toinste KOohe, Rohkost, National» speisen. Anmeldungen. Auskünfte: Wien, II. Bei* Hollandstraße Nr. 2, III. Stiege, I|41 — Beginn «Inet neuen Abendkurses. lehren der Assimilation, als daß sie es wagen würden, Ihre innere Rückkehr zu vollziehen und in die zionistischen Reihen zu treten. Alle diese Getauften, Konfessionslosen und noch nicht Getauften sehen ihr verderbliches Treiben noch immer nicht ein. Sie sind Schädlinge des Judentums. Sie sind es, für die wir so viel leiden. Gewiß, auch ohne sie gäbe es Antisemitismus, sie vermehren ihn aber durch ihr politisches Verhalten und machen es den Antisemiten leichter, das ganze jüdische Volk als Sündenbock hinzustellen. Wir Juden sind so wider Willen eine Gesellschaft mit unbeschränkter Haftung. Im Mittelalter wurden <Mt Juden ganzer Länder wegen eines erdichteten Ritualmordes oder einer erdichteten Hostienschändung verbrannt. Heute kommt viel Leid Uber uns, weil einzeln« unverantwortliche und verantwortungslose Juden oder jüdische Renegaten es dem Antisemitismus leicht machen, das ganze jüdische Volk als SUndenbock in die Wüste hinauszustoßen. Wann wird endlich jeder Jude einsehen, daß er als Jude erkannt ist, wenn er sich noch so tarnt? Wann wird er einsehen, daß es ehrlicher und anständiger ist, in den zionistischen Reihen für die Erneuerung des jüdischen Volkes zu kämpfen, als sich, wenn man sein Geld und seine Mitarbeit entbehren kann, ins Gesicht spucken zu lassen und sich dann noch einzureden, es habe nur geregnet? Wir selbst müssen es sein, die es durch unser bürgerliches Verhalten in der Galuth und durch unsere Opfer für den Aufbau Palästinas den Antisemiten schwer machen, immer wieder den Juden als Sündenbock in die Wüste hinauszustoßen. Nicht Reden, nicht Leitartikel, nicht Abwehrbroschüren bestimmen unseren Wert bei den anderen, sondern nur u n s e r e r e a 1 e n L e I s t u ngen, die wir als Juden fürjudenvollb rin gen. Wir müssen daher der Welt zweierlei zeigen: Ein starkes jüdisches Palästina und ein gleichberechtigtes Judentum in der Galuth, das sich seines jüdischen Wertes voll bewußt ist. Nichts von der Kultur der anderen soll ihm fremd sein. Gleichzeitig aber muß es die eigene Kultur pflegen und seine eigenen und nicht fremde Angelegenheiten besorgen. Nur so können wir mit Erfolg dagegen ankämpfen, daß wir nicht der ewige Sündenbock für unfähige Regierungen oder für machtlüsterne Politiker und damit der patentierte Blitzableiter für Dummheit und Schlechtigkeit bleiben. g Verlautbarung des Weltverbandes der Allgemeinen Zionisten Die Leitung des Weltverbandes der Allgemeinen Zionisten, Zentrale ln Europa, hat am 30. Jänner in einer Beratung sämtlicher vier .Mitglieder der Leitung einhellig in der Angelegenheit der revisionistischen Petition folgende Beschlüsse gefaßt:!. Die Leitung betrachtet die revisionistische Petition als Disziplinbruch gegenüber den KongreßbeschlüSsen, aut Grund welcher keine Gruppe in der Zionistischen Weltorganisation ohne vorherige Einwilligung der Exekutive eine selbständige politische Aktion unternehmen darf. 2. Die Leitung erklärt Infolgedessen, daß sie konform mit der Erklärung der Exekutive in London eine negative Stellung gegen die revisionistische Petition einnimmt. 3. Die Leitung erwartet, daß sämtliche allgemein zionistische Landesorganlsationcn und Landesgruppen sowie sämtliche allgemeine Zionisten an der Unterfertigung der Petition nicht teilnehmen werden. Krakau, am 30. Jänner 1034. Der Vorsitzende: Dr. I. Schwarzbart. Mitglieder: Dr. Josef Rufeisen, Mgr. Leon Salpeter, Dr. Emil Schmorak. Sie speisen gut und billig im neueröffneten Restaurant Andreashof VII., Andreasgasse 2, Ecke Mariahiiferstraße. Menü v. S 1.— bis S 2.—. Klubzimmer mit und ohne Klavier zu vergeben. Niederländische Zionisten fordern politische Initiative Rotterdam. Der Bundesvorstand des niederländischen Ziomstenverbandes bringt allen Landsmannschaften und Sonderverbänden der Zionistischen Organisation in einem von seinem Präsidenten S. Bernstein und dem Sekretär Martin Levie Unterzeichneten Kommunique die von der letzten Jahreskonferenz gefaßte Resolution zur Kenntnis, in welcher die Exekutive aufgefordert wird, unverzüglich die nötigen Schritte zu unternehmen, um die Angelegenheit der integralen Durchführung des Palästinamandates bei den in Frage kommenden Instanzen in Behandlung zu bringen. Ueber die Grenze hinaus verfolgt Berlin. Gegen die Schriftsteller Arnold Zweig und Alfred Schirokauer wurden Steckbriefe wegen rückständiger Steuern erlassen. «Jedermann wird ersucht, falls er die beiden stellig machen kann, sie tofoirl festnehmen zu lassen,» schließt der Steckbrief.