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Die Stimme · 1934-01-30 · Heft 324 (30.1.1934) · page 5

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Journal
Die Stimme
Volume
7 (1934)
Issue
Heft 324 (30.1.1934)
Date
1934-01-30
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr. 324 — 30. Jänner 1934 DIB STIMME Seife* $\ äSS! Benzion Mossinsohn (Tel-Awiw) spricht am Sonntag, den 4. Februar um 8 Uhr abends jm Gewerbevenefai 1., Eschenbachgasse II AUS DEM DRITTEN REICH Dis „Jiiden-Kompagnfe“ von Oranienburg Prag. Gerhart S e g e r, der langjährige Generalsekretär der Deutschen Kriedensgesellschaft und früherer sozial* demokratischer Abgeordneter aus Dessau, der nach dreimonatiger Gefängnishaft in Dessau sechs Mqnate im Konzentrationslager Oranienburg unterbracht war, dort selbst eia Opfer von Mißhandlungen war und vor wenigen Tagen unter Lebensgefahr entwich und Über die Grenze kam, veröffentlicht in der nächsten Woche eine Schrift über seine Erlebnisse im Oranienburger Lager, die eine Anklage und ein Ruf an die Welt sein soll, die der deutschen Schande viel zu gleichgültig gegenübersteht. Vor Pressevertretern gab Seger einen kurzen Abriß seiner Erlebnisse. Er schilderte die menschenunwürdige Unterbringung in einer ehemaligen Bierbrauerei, in unterirdischen schmalen Kammern, die einst zur Kühlung von Flaschenbier dienten und wo auf einen Gefangenen kaum drei Kubikmeter Raum kommen. Die Kost ist vollkommen ungenießbar. Die Gefangenen werden systematisch in einer ständigen Unruhe gehalten, eine immerwährende Tortur. Die Mißhandlungen sind viehisch und haben mehrere Menschenleben gekostet; Seger selbst war Augenzeuge, wie zwei Gefangene, davon einer in seinen Armen, nach solchen Mißhandlungen ihr Leben aushauchten. Aiich ln Oranienburg gibt es eine «Juden-Kam* pagnie»; an den jüdischen Häftlingen, die in dieser Kompagnie zusammengefaßt sind, lassen die SA.-Leute, die die Ueberwachungsmannschaft bilden, jede Laune aus. Als Fritz Ebert, der Sohn des früheren Reichspräsidenten, der ehemalige Vorsitzende der sozialdemokratischen Fraktion im preußischen Landtag Ernst H e i 1 m a n n zusammen mit den früheren Leitern des Berliner Rundfunks Flesch, Magnus, Gicsecke und Alfred Braun eingeliefcrt wurden, wurden ihnen im Hofe die Kleider ausgezogen und sie bekamen die elendesten Lumpen, die im Lager aufzutreiben waren. Heilmann wurde sodann abgesondert, der Standartenführer forderte die ihn umdrängenden SA.-Leute und die Gefangenen auf, sich «dieses rothaarige, fett? Judenscbwejn Heil mann» genau anzusehen» dann wurde Heilmann in die «Juden-Kompagnie» eingereiht, wo er viehisch mißhandelt wurde und Unsägliches erdulden mußte. Bei den jüdischen Häftlingen handelt es sich in der großen Mehrzahl nicht etwa um politisch tätig Gewesene, Der folgende Fall ist charakteristisch: Ein jüdischer Arzt, der geäußert hatte, Hitler, der früher den Krieg gegen Frankreich gepredigt hat, müsse als verantwortlicher Staatsmann Friedenspolitik treiben, wurde wegen dieser Aeußerung in das Oranienburger Lager gebracht, dort fürchterlich geschlagen, so daß sein Gesicht auf gequollen und eine einzige Wunde war. Dann wurde er in eine der berüchtigten betonierten Einzelzellen gebracht, die' 60 Zentimeter breit und 80 Zentimeter lang sind und wo man nur stehen kann. Dort mußte er 14 Tage zubringen, bis seihe Füße angeschwoUen und voller Wunden waren. Kronprinz Rudolf und die / ' Am 30. Jänner 1889 starb Kronprinz Rudolf und stürzte die ganze Donaumonarchie in Verwirrung. Nun bringt die «Arbeiter-Zeitung» ein Feuilleton von Paul Szende, das einen interessanten Einblick in die Volkspsyche gewährt. Szende, (famals ein zehnjähriger Bub in einem magyarischen Dorf, erinnert sich, wie populär Rudolf gewesen sei, weil man ihn — fälschlich — lür einen Feind Oesterreichs und Freund Ungarns hielt, der nach seiner Thronbesteigung die Residenz sofort von Wien nach Pest verlegen werde, Als schließlich Rudolfs Selbstmord vom Hof zugegeben wurde, glaubten es die biederen Pußtabewohner nicht, sondern labten sich an folgender Legende: «Rudolf sei nicht gestorben, er sei lebenslänglich eingekerkert. Pie Strafe sei ihm auferlegt worden, weil er mit dem allmächtigen Wiener Rothschild in KqnfHUt geraten war und Rothschild darauf bestund, Franz Josef müsse ihm seine sämtlichen Schulden sofort ^urückzahlen oder Über den Sohn einsperren lassen. Der Kaiser war nicht pei Kassa und daher mußte er den Sohn opfern, denn Roth- Sfihild drohte ihm, unverzüglich den Gerichtsvollzieher in die Burg zu schicken, was eine furchtbare Schande vor dar ganzen Welt gewesen wäre. Nach einer anderen Lesart der Legende sei es sogar zu einer Rauferei gekommen, bei der Rudolf den Schädel Rothschilds mit einer Weinflasche zerschlug. Rothschilds Sohn schwur Rache und machte gegen den Kaiser alle Schuldscheine geltend. Nun saß Rudolf ln einem unterirdischen Kerker und wartete darauf. d$ß das ungarische Volk ihn befreie.» Szende schließt launig, diese Legende sei alsbald vor einem Liedchen, das Rudolfs Selbstmord anerkannte, wieder »«•toben, Pie Wirklichkeit pflegt minder gemütlich zu sein: Wenn nicht die Regierung den Juden schützt und der Gendarmerie strenge Weisung gibt, endet die Legende ghrft mit einem Liedchen meist ipii fhiem Pogrom, per Fall der mar ©arischen Legende steht Übrigens nicht vereinzelt da. Jede Nach Seger sind unter den die Lager bewachenden SA.-Leuten nur etwa 10 Prozent anständige Leute, die die Mißhandlungen verurteilen, aber ihre Ansicht nfcht zu äußern wagen. Ebenso viele sind pathologische Sadisten, dk an den Quälereien ihre Triebe, auch in sexueller Beziehung, abreagieren. Etwa 30 Prozent sind Landsknechte, Folterer und Henker, die übrige« sind stumpfe Nachläufer, die mit Vergnügen mittun. Noch heute sind 60.000 Menschen in den deutschen Konzentrationslagern diesen von niemandem kontrollierten Quälgeistern ausgeliefert. Eine MÜHoit Menschen will aus Deutschland auswandern London. In Fortführung seiner Artikelserie über die Lage der deutschen Juden erklärt «Manchester Guardian», wenn Irgendeine Möglichkeit bestünde, Unterkommen und Arbeit im Auslande zu finden, würden bis Jetzt nicht etwa nur 70.000 bis 80*000, sondern eine Milüon Juden und Nichtjuden Deutschland verlassen haben. Aber auch wenn die Judenverfolgungen nicht intensiviert werden sollten, werde sich die jüdische Auswanderung aus Deutschland alljährlich auf 2000 bis 3000 Personen belaufe«, wobei meist die Jugendlichen auswandern werden, während die filtere Generation es vorziehen wird, im Lande zu verbleiben und dort auf den Tod zu warten oder mit Freitod zu enden. Auswanderung und sinkende Geburtenziffer werden es bewirken, daß die jüdische Bevölkerung Deutschlands sehr bald auf die Hälfte ihres jetzigen Bestandes herabsinkt. Obwohl die körperlichen und seelischen Leiden der Juden in Deutschland mit Worten nicht zu schildern sind, hat die über sie hereingebrochene Katastrophe ein steigendes Selbstvertrauen und eine Intensivierung des Innenlebens ha ihnen bewirkt. Huringsdorf wird «judenrein» In einem Bericht des «Swinemünder Greif» über eine Veranstaltung der nationalsozialistischen Ortsgruppe Neuhof-Heringsdorf heißt es: «in der Diskussion wurde die, Frage angeschnitten, ob Heringsdorf noch jüdische Badegäste aufzunehmen gedenkt Pg. Bauer erklärte hiezu, daß derjenige ausgeschlossen werde aus der Volksgemeinschaft, der Juden aufnimmt. Heringsdorf wird dieses Jahr ohne Juden sein.» Heringsdorf war bisher dasjenige Ostseebad, das am meisten von jüdischen Badegästen, namentlich aus Berlin, besucht war. Fritsch' «Handbuch der Judenfrage». «Osservatore Romano» meldet, daß die katholischen Diözesen in Deutschland seitens des Vatikans angewiesen wurden, Theodor Fritsch* berüchtigtes «Handbuch der Nation der Monarchie legte sich Rudolfs Tod im Detail nach ihrer Art zurecht, stets aber erschien der Jude als der vernichtende Teufel, als Wauwau. So habe damals ich, nur um zwei Jahre älter als Szende, im «NaSinee», dem tschechischklerikalen Tagblatt meiner Vaterstadt Qlmütz, einen gruseligen Artikel gelesen: ln einem Porf der Hanna sei im Kreise der Bauern ein blasser Mann aufgetaucht, der seinen Mantel zurückschlug und das Goldene Vlies zeigte, zum Beweis, daß er der totgegteubte Kaisersohn sei; in Wahrheit halte er sich nur vor den schlimmen Juden versteckt, die ihm als Schützer des Volkes und voran der braven Tschechen nach dem Leben trachten; hier endlich unter den Hannaken, fühle er sich sicher, — Die Zensur hatte gegen diese Veröffentlichung nichts einzuwenden gehabt. Doch noch Jahre später hörte ich in ölmütz zwei tschechische Dienstmädchen diese «Schandtat» der Juden — inzwischen hatten sie den Mord nicht nur versucht, sondern auch schon vollbracht — aufgeregt besprechen. Ich faßte die beiden am Arm und drohte, sie. zur Polizei zu führen, worauf sie sich erschreckt losbaten. Gewiß könnte mau bei Polen und Ukrainern, bei Rumänen und Kroaten Varianten der Schauermär vom edlen Kronprinzen und den bösen Juden finden. Dabei fehlt Jeder Anhaltspunkt dafür, als hätte es eine Spannung zwischen ihm und uns gegeben. Im Gegenteil stand und steht Rudolfs «liberale» Gesinnung fest, ln dem Prachtbuch seiner «Orientreise» findet er wahrhaft herzergreifende Worte für der Juden unglückliches Schicksal in der Geschichte und ihren menschlichen Wert. Auch in dem von ihm redigierten Standardwerk «Oesterreich-Ungarn In Wort und Bild» wird uns Juden unter den anderen Völkern eine liebevolle Schilderung zuteil. Und doch! Im Lauf der Jahrhundert« hat «ch kaum etwas geändert Wenn man früher den Juden der Hqstienschändun^ und Brunnenvergiftung zieh, so trägt or beute am Kapit*llfmga und Sozialismus, am Weltkrieg und »n der Friedensbewegung schuld, Warum also nicb< «M«h am Unglück des Kaisersohns und dem Verfall Oesterreichs?! Dr. E. M, Zweig. Judenfrage» aus allen katholischen Bibliotheken und am den PrivatbSbliotheken katholischer Familien zu entfernen. 1,300.000 Dollar für die deutschen Juden New York. Wie der Leiter der Aktion des Joint Dfetrf» bution Committee für die deutschen Juden, Rabbi Jonah BL Wise, mitteilt, wurden bis Ende Dezember 1933 je den Vereinigten Staaten und in Kanada 1,301.654 Dollar aufgebracht Die Sammelkosten betrugen 8% P/izent dr Gesamtsumme. Die Aktion geht erfolgreich weiter. Einwanderungserteicäterung für deutsche Juden in Amerika Washington* Das Außenainf der amerikanischen Regierung hat die Konsuln in Deutschland angewiesen, gegenüber Personen, die sich um Visa zur Einwanderang nach Amerika bewerben, eine entgegen* kommendere Haltung als bisher einzunehmen. Es handelt sich nicht etwa um eine Aenderang des Einwanderungsgesetzes, bezw. eine Erhöhung der Einwandererquote für Deutschland-Einwohner. Dennoch besteht die Möglichkeit für die sofortige Einwanderung von mindestens 25.000 Personen aus Deutschland io die Vereinigten Staaten im Rahmen der Deutschland zugewiesenen Quote, die seit 1930 nur zu etwa 10 Prozent ausgenutzt worden ist Die MfnderSieltetirechte der Juden Salonikis Saloniki, Die Frage der Wiedererrichtung einer besonderen jüdischen Wahikurle in Saloniki — die Kurie wurde erst Im Jahre 1933 aufgehoben — ist Im Zusammenhang mit*, der Diskussion in der Presse, die sich an eine Erklärung des Senators S c 1 a k L die Juden seien keine Minderheit, ge- ■ knüpft hat wieder aktuell geworden. Die Gestaltung des Wahlrechtes der Salonikier Juden wird seit langer Zelt auch In den jüdischen Kreisen des Auslandes mit großem Inten esse verfolgt da es sich hier um ein weit über den lokalen Rahmen hinausgehendes grundsätzliches Problem der bürgerlicher) Gleichberechtigung von Juden handelt Venizelos hat an einen seiner jüdischen Freumfo.- Aron Sciaki, ein Schreiben gerichtet In dem er den Jode*-. Salonikis rät, von der Regierung selbst die Wiedererrichtung. < der gesonderten jüdischen Wahlkurie za verlangen. Dies oeL.; eine Gm n d be d 1 n g u n g dafür, daß die Angriffe gegen , die -Juden in den Salonikier Zeitungen seiner Partei eingestellt werden. ln der jüdischen Presse wird die Frage lebhaft diskutiert Die Anhänger der Kurie erklären, die Zionisten hätten sich zwar seinerzeit einmütig der Bewegung gegen d|r jüdische Kurie angeschlossen, weil ihre Errichtung in einer Weise vorgenommen worden, die für die jüdische Bevölkerung Salonikis demütigend war. Es dürfe aber nicht vergessen werden, daß alle Zionisten erklärt hatten, sie wären., mit einer jüdischen Kurie einverstanden, wenn diese sieb auf alle Juden Griechenlands erstrecken würde und somit als Ausdruck eines Minderheitenrechtes aufgefaßt werden könnte. Der zionistische Führer Bessantchl schreibt Int. «L’IndSpendant»: Wenn die an der Wiedererrichtung einer besonderen jüdischen Wahlkurie interessierte Partei erklär^ sie gewähre den Juden die Kurie als Minderheitenrecht, kann das der jüdischen Bevölkerung irgendwie nützen? Das Israelitische Bevölkerungselement würde in diesem Fala zweifellos eines wesentlichen Rechtes, desjenigen, Im öffentlichen Leben die ihm zukommende Rolle zu spielen, beraubt werden, was aber würde es gewinnen? Gibt es Zionisten, die einfältig genug sind, anzunehmen, diese politische Partei würde den Juden alle Mlnderheltenreohte zuerkennen, etwa das, an christlichen Festtagen nicht feiern zu müssen, vom Staat die vollständige Erhaltung aller jüdischen Schulen verlangen zu können usw.? Die Salonikier antisemitische Zeitung «Makedonla», die In letzter Zeit gegen die Juden hetzte, veröffentlicht zum erstenmal einen Artikel, ln dem versucht wird, die Judenfrage ohne Gehässigkelt zu behandeln. Die Juden Salonikis seien offenbar eine Minderheit, die unter Berücksichtigung dieser Tatsache ihr Verhältnis zum Staat gestalten müsse. Hätten sich die Juden zu dem richtigen Grundsatz, daß sie eine Minderheit bilden, rückhaltslos bekannt und es vermieden, einer einzelnen griechischen Partei das ganze Ge* wicht ihrer Stimmen zuzuführen, so würde es zweifellos zu vielen der in letzter Zeit entstandenen Mißverständnisse nicht gekommen sein. Nichts sei gerechter als der nunmehr auch von einem jüdischen Blatte vertretene Standpunkt, daß die jüdische Wahlkurie wieder eingeführt werden müsse. Tsaldajis gegen antljüdiscbe Angriffe Athen, ln der griechischen Kammer erklärte der Abge* ordnete Apostolon im Laufe der Debatte, die Juden seien in Griechenland Fremde. Diese Bemerkung wurde vom Ministerpräsidenten T s a 1 d a r i s sofort zurückgewiesen, der von der Ministerbank aus die Erklärung abgab, die Juden seinen friedliche undloyale Bürger, die die gleichen Rechte hätten wie alle anderen Griechen. Einige venizelistlsche Abgeordnete unterbrachen den Ministerpräsidenten wiederholt durch Zurufe. p

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