Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 7 (1934)
- Issue
- Heft 323 (26.1.1934)
- Date
- 1934-01-26
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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DTE STTMMf Nr. 323 -- 26. Jenner T934 Srft«? 5 VON JÜDISCHER KUNST Neue Wethe fildischer Musik Neuerscheinungen und Uraufführungen Trotz unleugbarer Fortschritte in der Renaissancebewegung jüdischer Kunstmusik, trotz »ich immer mehrender Aufführungen jüdischer Kompositionen und Gründungen die jüdische Musik fördernder Vereine, hörte man in der letzten Zeit in Wien herzlich wenig davon* Um so erfreulicher, daß die «Wizo» sich den wiederholten Mahnruf der «Gesellschaft zur Förderung jüdischer Musik» zu Herzen nahm und sich entschloß, einen Abend jüdisoher Musik zu veranstalten. Die Leitung des Konzertes wurde diesmal von der «Wizo» dem bekannten Pionier jüdischer Musik Joachim Stutschewsky anvertraut Es gab unter anderen drei Novitäten für Cello: eine palästinensische Weise von Israel Brand mann und «Ki nah» (Klagelied) und «Meditation C h a s s i d i q u e» von Stutschewsky. Es ist das erste .Werk Branditnanns für Cello; trotzdem scheinen die Klangmögricbkeiten dieses Instruments in dem Werke vollauf ausgenützt. Stutschewsky spielte seine eigenen Stücke selbst; daß diese einen ausgezeichneten Instrumentalsatz haben, ist naheliegend. Dem Inhalte nach liegt die «Kinah» dem jüdischen Stü näher als die «Meditation Chassidique», die sich in die-Gegend allgemeiner Musik verirrt Der Abend wurde . mit einerganz prächtigen Wiedergabe der Fantasie für Streichquartett, Klarinette und Klavier von S t i 1 m a n n eingeleitet Die chassidiscben Themen,- die dem Werke zu- - gründe . liegen, sind in der ultramodernen Bearbeitung für den unvorbereiteten Zuhörer kaum erkennbar. Das musikalische Gewebe dieses Werkes verrät zweifellos einen ausgezeichneten Musiker, ob aber die ganze musikalische Konzeption dieser Komposition der richtige Weg für die Entwicklung der jüdischen Musik bildet, ist sehr fraglich. Dagegen können Brändmanns Variationen über ein Volksthema für Klarinette und Klavier — von Robert Spitz und Hans Le wi t us meisterhaft gespielt — als Wegweiser betrachtet werden. Hanna S c h w a r z sang einige Lieder von Engel, Krein und Milner mit blendender Stimme und beseeltem Ausdruck, was man von der prächtigen Sängerin schon gewohnt jst Das Programm beinhaltete auch die von anderen Abenden; her . bekannten «Palästinensischen Skizzen» und «Jüdischen Tanzstiicke» für Klavier von Joachim Stutschew- . .ajjcy —. bei .denen £ich Robert Spitz wieder ,als ein* außer- .qrdentliöh hegabter Pianist erwies •— wie auch die populäre Suite aus der Musik zu «Hadybuk» von Joel Engei. . i In dem Verlag «I b n e h» erschienen vier Stücke für .,Klarinette.-und Klavier , in Bearbeitung von dem in Amerika ..berühmten Kapellmeister, und Klarinettisten Simeon B-elti- -S o n. Die vier Stücke betitelt «Z u r T r a u u n g» von Gre- . gor Fit.ejberg„ «Canzone11ä» von Jakob Weinberg, «Hebräischer Tanz» von B. L e v e ns an und _.«K,inderre 1 gen von J, Weinberg sind echte, unver- .wüsüjche jüdische Musik. Diese vier «Hebräischen-Melodien jn Fortn .einer Suite», können als. eine überaus wertvolle feerejeherung der. jüdischen Musikliteratur angesehen werden, zumal, .die .Klarinette, als ein typisch jüdisches Instrument r jüdischer Hochzeitsmusik besonders geeignet ist, diese ur- Der Blldhaner Egon Weiner Von Dr. E. H. ■ -«Zu jedem Talent gehört etwas Verwegenheit», sagt Goethe, und auch für den jungen Bildhauer Egon Weiner trifftdieser. Satz zu. Blutarm, aus den schwierigsten Verhältnissen wuchs der junge Mann unter schwerer Arbeit, mit schwächlichem Körper auf. Eisenharte Disziplin, unerschütterliches Zielbewußtsein und die wahre, naive, aber Unerschütterliche Liebe zur Kunst und Natur führten ihn hinauf. , Schon der Fünfzehnjährige war als Lehrling des Holzbildhauers Karl Eisenfest ein gediegener Holzschnitzer and kam mit voller handwerklicher Ausbildung nach vier Jahren Praxis an die Wiener Kunstgewerbeschule (Prof. Steinhof). Eine keramische aufgebaute Tonvase, die er in der dekorativen Ausstellung in Paris zeigte (1925), brachte ihm die erste Beachtung. Weitere Entwicklung fand er bei dem feurigen Lehrer Anton Hanak und nach voller Absolvierung der Kunstgewerbeschule im Studium an der Akademie der; bildenden. Künste, die ihm ein Atelier zur Verfügung «teilte... ' Die. Vielseitigkeit seiner Begabung spricht aus seinen naturalistischen Studien arbeitender Männer, wie «der Mäher», «Kraft» und andere, die, in Terrakotta geformt, einen riaturhaften Reiz ausströmen. Kinder- und Frauenporträts (Ljl Dagover u. a.) gibt Egon Weiner mit sorgfältigem Studium und Verständnis anmutiger Form und vermeidet so gut als möglich die Gefahr der Konvention.; Auch dje Porträtbüste des Kammersängers Alfred P i c- - cave-r, die in der Frühjahrsausstellung der Secession der Oeffentlichkeit gezeigt wurde, ließ deutlich das selbstkritische Bemühen Egon Weiners erkennen. Auch der Gedanke, der dem Künstler von Freunden nahegelegt wird, für die Pofzellanmanufaktur Augarten eine Kosttimfigur des weltberühmten, Sängers in einer seiner IJeblingsrollen z,u schaftent ähnlich wie Richard Mayr als Ochs von Lerchenau oder wüchsige, unverfälschte Musik wiederzugcben. Die Klavierbegleitungen wurden von Bellison geschmackvoll, dezent und in leicht epielbarer Fassung geschrieben. Es wäre zu wünschen, daß diese Kompositionen so oft als möglich aufgeführt werden. Als neuestes Werk erschien in dem Ibneh- Verlag «Bagatellen» für Klavier von Stutschewsky. In leicht spielbarer Ausführung sind diese für Kinder geschrieben und da drängt sich unwillkürlich die Frage auf, ob man mit fast atonalen Begleitungen einfacher Melodien nicht übers Ziel schießt. Was soll ein Kind oder ein Anfänger bei der «Berceuse» z. B. mit einer Melodie, die scheinbar in F-Dur beginnt und von der linken Hand bald in Des-Dur, bald in Es-Dur begleitet wird, anfangen? Die «Bagatelle» „ReisebOro MarienbrUcke“ l.f Rotenturmstraoe 2« Teiepon R 24-2-86-87 O Krakau und retour liSO VOM 15. F£B. BIS 4. MÄRZ pass u. m* VISA ORATIS PLATZKARTEN E Lemberg und retour s80 N Warschau und retour s87 Nr. 5 ist bestimmt jüdisoh im Rhythmus, verliert sich aber wiederum in atonalen Experimenten. Dasselbe gilt für den darauffolgenden «Grotesken Marsch». Das letzte Stück «Chassidischer Tanz», der in seinem ersten Teil dem bekannten Chanukkahlied sehr ähnlich ist, findet wieder den richtigen Weg. Es ist das letzte Stück in diesem Heft. Ende gut alles gut Audi Alexander W e p r i k versuchte in seinen ersten Werken die jüdische Musik mit ultravioletten Strahlen zu beleuchten, fand aber nach einigen mißglückten Experimenten den Weg zum Judentum zurück und schafft jetzt große Werke echt jüdischer Musik. Zum Schluß sei noch eine Uraufführung im Pazmaniten-Tempeis erwähnt. Im Rahmen des letzten Konzertes hat der musterhafte jüdische Chor «Hahigun» ein Werk von A11 man in der Bearbeitung von Wi nawer, betitelt «Hamechabe es Han er», dessen Solo der Oberkantor Müller mit Innigkeit und großer Sachkenntnis vortrug. Die Bearbeitung von Winawer ist stimmungsvoll, klangreich, aber auch sehr schwer. Nur eine so ideal disziplinierte Chorvereinigung wie der «Hanigün» ist imstande, dies zu bewältigen. Die Komposition wurde überdies voni Oberkantor Müller mit improvisa torischen Rezitativen bereichert. •Jul. W n 1 f s o h n. ■ „Die Stimme“ ab heute bloß 20 gr. Mit Rücksicht auf die gesteigerte Abonnentenzahl hat sreh die Verwaltung der «Stimme» zu einer weiteren Preisreduktion der Einzelnummer der «Stimme» entschlossen. Ab heute kostet jede Nummer der «Stimme» bloß 2 0 Groschen. In allen Trafiken und bei Kolporteuren erhältlich. iMrwraraautMatajaiMeati Maria Jeritza als Rosenkavalier dargestellt.wurden, erscheint glücklich und würde gewiß auch im Auslande Beachtung finden. ° Der Theodor-Herz 1-Denkstein, einer der letzten Entwürfe des jungen Künstlers, zeigt auf Stufen einen vierkantigen schlichten Pfeiler, der das edle Prophetenhaupt Theodor Herzls in Hochrelief trägt. Egon Weiner ist noch nicht auf der vollen und letzten Höhe seiner Entwicklung angelangt. Der Siebenundzwanzigjährige hat es aber verstanden, ähnlich wie er sich körperlich zum angesehenen Sportsmann entwickelt hat, sich auch künstlerisch die Beachtung und Schätzung vieler Kunstfreunde zu erringen. Egon Weiner gehört zu jenen jüdischen Künstlern, die ihr Judentum stets gerne und mit Stolz mit dem Wert der eigenen Persönlichkeit und ihrer Leistung verbanden. Er ist nicht einseitig, abstrakt oder intellektuell orientiert. Im schönen gotischen Perchtoldsdorf, unter Tischlern und Bildschnitzern herangewachsen, hat er auch die Kräfte der österreichischen Landschaft in sich aufgenommen und stellt eine wertvolle Verbindung jüdisch - österreichischer Kulturwerte dar. Schon haben einige Gönner sich um den jungen Künstler geschart. Die Kultusgemeinde gab ihm den Blumenfeld-Preis und hat ihm dadurch eine Spanne Schaffenszeit und Entwicklungsraum geschenkt. Auch andere Schätzer seiner Kunst tauchen da und dort auf, aber noch ist eine dauernde Existenz für ihn in Wien nicht geboten. Kürzlich mußte er nach Absolvierung der Meisterschule das Atelier räumen, das die Akademie in den letzten Jahren zur Verfügung gestellt hatte. Seine romantische, unter harten Entbehrungen unternommene Italienreise, von der er eben zurückgekehrt ist und die dem jungen Künstler schöne Erfolge brachte, gab ihm neue Anregungen und Kräfte, um den Kampf zur vollen Freiheit lind Schaffungsmöglichkeit mit Erfolg durchzuführen. Mögen Kunstfreunde ihm dabei helfen; er ist es wertl Jüdisches Theater Gastspiel Mae »Sehönfeld und Irving Jakobson Nach dem erfolgreichen Gastspiel des Künstlerpaares Lerncr-Scidermann, das nunmehr sich in einem neuen Theater (Hotel Stefanie, Taborstraße) etabliert hat, präsentierte die jüdische Biilme in der Praterstraße (Cafe Astor) ein neues Künstlerpaar, diesmal aus Amerika. Das neue Gastspiel des Paares Mae S c h ö n f e 1 d und Irving Jakobson vermittelt uns die Bekanntschaft mit zwei Künstlern yon bemerkenswertem Format. Zur Aufführung gelangt die musikalische Komödie «O j Amerika» von S t u z k o w, die beiden Künstlern alle Möglichkeiten zur Entfaltung ihrer vielfältigen Fähigkeiten bietet. Frau Schönfeld ist gleich gut in grotesken wie in melodramatischen Szenen. Sie verfügt über eine angenehme Stimme und .erfaßt ihre Rolle mit bemerkenswerter Eigenart. Ein wirkliches Original ist Irving Jakobson. Schauspieler, Groteskkomiker von starker Prägung, Sänger und schließlich Tänzer von akrobatischer Kunst, ist Irving Jakobson einer der universalsten Künstler der jüdischen Operette. Als Tänzer könnte er zum Ruhme der größten europäischen Revuebühnen gereichen. Als Komiker schöpft Jakobson aus dem Vollen. Immer wieder improvisiert er geradezu verschwenderisch neue Einfälle, die das Publikum zu stprmischem Lachen hinreißen. Die übrigen Mitwirkenden des Abends, allen voran Frl. Cilli Bei 1 und Herr Kamai, gaben einen guten Rahmen ab. Erwähnenswert noch die überaus hübsche, weich ins Ohr sich . .einschmeichelnde, mit reichen jüdischen Volksliedmotiyen - geschmückte Musik von Sekunda, die von der Musikkapelle Leibovici-Lubetzki stimmungsvoll , ’ interpretiert . ird. Neue jüdische Künstlerspiele im Hotel Htefanie — Gastspiel Lerner-Seidcrmann Das Künstlerpaar Anna Lerner und David'Seidefmann, auf dessen künstlerische Qualitäten wir bereits' ui diesen Spalten öfters hinzuweisen Gelegenheit hatten, hat ein neues Gastspiel in den neuen jüdischen Künstlerspielen im Hotel Stefanie eröffnet. Dies verdient besonders hervorgehoben zu werden, da damit dem Jüdischen Theater in Wien eine neue Pflegestätte jüdischer Kunst, jüdischen Volksliedes entstanden ist. Daß dies wirklich der Fall sein wird, däffir bürgt der Ruf-der Künstler Lerner - Seidermann.' Die^-Bföffnungsvorstellung mit der' musikalischen Komödie «D^V singende Ganef» brachte dem Gästepaar Lerner Urid Seidermann, zu denen sich u.:a. noch die von den «Jüdischen Künstlerspielen» her bewährte Frau Klara Meiseis gesellte, j einen sehr schönen Erfolg. Wieder konnte man sich an üati Darbietungen des stimmgewaltigen . Seidermann erfreuen. Auch alle’ anderen Mitwirkenden trugen zum Erfolg wesentlich bei. - j. r. Jüdische Bühne, II., Praterstraße 60, Tel. R 4Ö-4--59■■ Ab Freitag,, den 26. Jänner 1934, täglich:: „Der Warschauer Landsmann”. ~ j Musikalische Komödie in drei Akten von A. Wäger, Musik von R. Osowski und Hymie Jacobson. Beginn 8 Uhr 30. Jüdische Sprichwörter Krank gewesen sein ist schlimm— reich gewesen sein schlimmer. ' * Bis ein dicker Mann abnimmi, ist ein dünner — verhungert. Wenn ein Armer einmal Huhn ißt — ist entweder er krank oder — a'as Hahn. * Lacht inan — sehen es alle, weint man — will es keiner gesehen haben. * Was nützt einem alle Weisheit, wenn die Dummheit regiert. * Ein Narr sagt, was er weiß — ein Kluger weiß, was er sagt. ■a Zur Chuppa fährt man — zur Scheidung läuft man. * Eine Mütter braucht eine große Schürze — zum Verdecken der Fehler ihrer Kinder. * Ein Vater kann viele Kinder ernähren — aber nicht viele Kinder einen Vater. * Es ist Zeit genug übers Unglück zu klagen — wenn es da ist. * Wo die Armut her einkommt — läuft die Freundschaft davon. * Wem das Ertrinken beschieden — der ersäuft in einem Löffel Wasser,