Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 7 (1934)
- Issue
- Heft 323 (26.1.1934)
- Date
- 1934-01-26
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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^cltc 6 DIB STIMME Nf. 823 — 26. Jinner 1084 AUS ALLER WELT Polnische Karäer wollen nach Palästina Im Warschauer Palästina-Amt der Zionistischen Organisation ist eine Abordnung wolhynischer Karäer unter Führung ihres Chachams erschienen, um die Zuteilung i'an Palästina-Einwanderangsrertifikaten, Unterstützung bei der Errichtung von Ausbildungsstätten für Karärr-Chaluzim und deren Unterweisung in der hebräischen Sprache zu erbitten. Die Mitglieder der Delegation, die infolge ihrer großen Armut gezwungen waren, den Weg von Wolhynien nach Warschau zu Fuß zurückzulegen, erklärten, es gebe in Wolhynien einige hundert karäische Landarbeiterfamilien, die in großer Not seien und den Wunsch hätten, sich in Palästina nieder zulassen. Die Leiter des Warschauer Palästina-Amtes haben versprochen, die Bitte der Karäer an die Exekutive der Jewish Agency weiterzuleiten. Die Karäer sind eine jüdische Sekte, die nur die Gebote und Vorschriften der Bibel anerkennt, dagegen die rabbini» sehen Auslegungen, Traditionen and Gesetze ablehnt. Der Gründer der Sekte, A nan, starb zu Ende des 8. Jahrhunderts; seine Anhänger wurden zunächst als Ananiten bezeichnet. Sie bildeten eine Zeitlang eine sehr beträchtliche Gemeinde. ln den ersten Jahrhunderten ihres Bestehens war die karäische Sekte unter den Juden weit verbreitet; es war ihr gelungen, zahlreiche Bekenner der Mutterreligion in Aegypten, Palästina, Syrien, Babylonien und Persien zu ihren Anschauungen zu bekehren. Durch die erfolgreiche Polemik des Leiters der Akademie von Sura, Saadia al Fayyumi, gegen die Karäer gelang es im 10. Jahrhundert, die dem traditionellen Judentum drohende Gefahr vollständig abzuwenden und seinen Sieg über das Karäertum zu sichern. Zu Beginn der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts wurde das Zentrum karäitischer Aktivität aus Asien nach Europa verlegt. Schon zu Beginn des 12. Jahrhunderts sind starke Karäer gemeinden in Südrußland, vor allem in def Krim, festzustellen. Am Ende des 14. Jahrhunderts siedelte der litauische Großfürst Witold eine Anzahl von Karäern aus der Krim als Kolonisten in Litauen an und wies ihnen auch einen Teil der Stadt Troki im Gouvernement Wilna als Wohnsitz zu. Später siedelten sich Karäer auch in anderen litauischen Städten an und wanderten zum Teil nach Wolhynien und Galizien aus. ln Rußland erlangten die Karäer. ihre Emanzipation lagLgz vor der Emanzipation der übrigen Jaden, indem sie diese vor. den Behörden hcrabsetzten und behaupteten, 4U Karäer hätten in Rußland lange vorder Gebu/t Jesu gelebt und somit an dessen Kreuzigung nicht teilgenommen. Bis in die jüngste Zeit blieb das Verhältnis zwischen Karäern und Juden gespannt. Die Zahl der Karäer wird gegenwärtig auf etwa 12.000 geschätzt, von denen 10.000 in Rußland and Polen leben. Ist Sir Basil Zaharoff ein Jude? Niemand hot es bisher vermocht, zuverlässig das Geheimnis zu durchdringen, das die Herkunft Zaharoffs, des angeblich reichsten Mannes Europas, umwittern. Bald hieß cs, er sei ein Grieche, bald sagte man, er stamme aus Rußland, bald vermutete man in ihm einen Türken. Doch vielleicht wird man jetzt einen Zipfel des Geheimnisses lüften können. Auf die Kunde von seinem Sterben nämlich hat sich in Milddlscx (in England) ein Mann namens Chaim Barnett Zacharaow an das dortige Gericht gewandt, um sich als der legitime und eheliche Sohn Basil Zaharoffs anerkennen zu lassen. Dieser Chaim Zacharow ist selbst schon heute 63 Jahre alt und seit 1887 in England ansässig. Er hat dem Gericht Dokumente vorgclcgt, die beweisen sollen, daß Sir Basil ZaharojJ im Jahre 1849 in Litauen, im ehemaligen Rußland, geboren wurde. Diesen Dokumenten znjolgc soll Basil Zaharoff, der damals noch den Namen Mendel Sachar trug, sich im Jahre 1869 in Wilkomircz mit einer gewissen Chaja Elka Kamlinska verheiratet haben, die ihm im Jahre 1870 den Sohn Chaim schenkte. Nach einigen Jahren soll sich Mendel Sachar von seiner Frau haben scheiden lassen; er heiratete zum zweiten Male, als der Sohn Chaim sieben Jahre alt war. Wenn sich jetzt ergeben sollte, daß Sir Basil Zaharoff tatsächlicht jüdischer Abstammung ist, so hätte diese Enträtselung einer geheimnisvollen Herkunft an sich keine Bedeutung für die jüdische Welt. Denn Zaharoff hat, so weit man seinen Lebenswandel beobachten und verfolgen konnte, niemals irgend welche Beziehung zum Judentum unterhalten. „Weihnukkah“ oder: Jüdisch schnell gelernt! Folgenden Bericht erhalten wir aus einem Ort im Oldenburgischen: <Eine erhebende Chanukkahfeier fand in unserer Gemeinde in der Synagoge und nachher im Schullokale stalt. Die Gemeinde war fast vollzählig versammelt. Nach dem Gottesdienst und dem Absingen des Chanakkahtiedes wurden die Kinder vom Chanukkahmännchen in origineller Weise beschenkt ...» Ob das VVeihnakkahmünncheji_ die Rute schwang und. Nüsse wie Trcndclchen aus seinem Sack kaltem ließ, verschweigt des Reporters Höflichkeit. Jüdisch schnell gelernt! Schnell und ~ falsch. Markt« Helfer and Familie in Wien gratulieren ihrem Bruder hezw. Schwager und Onkel JAKOB HELFER in ßöbrka herzliche zu »einer Verlobung mit Fräulein Bretadl Relchler aus Lemberg. General Mario Jona gestorben Rom. In der Stadt Acqui ist der jüdische General der italienischen Armee Mario Jona gestorben. An dem Begräbnis des Generals, der Inhaber des Ritterkreuzes des Savoya Militärordens und zahlreicher anderer höchster italienischer und ausländischer Auszeichnungen war, nahmen eine Ehrenkompagnie und eine Offiziersabordnung des Korpskommandos der Provinz Piemont teil. Am Grabe sprachen neben Vertretern der Militär- und ZivilrädiOrden die Rabbiner der Städte Alessandria und Acqui. Der antideutsche Boykott ln England Die von Capt. Webber geleitete Londoner Boykott- Organisation ebnet deutschen Flüchtlingen den Weg, die in England die Erzeugung von solchen Manufakturwaren aufnehmen, die bisher in England nicht hergestellt wurden. Es wurde beschlossen, ein Syndikat zur Aufbringung von Befriebskrediten für die von Flüchtlingen neu geschaffenen Industrien zu gründen. Dem Syndikat wird ein Betrag von 100.000 Pfund für Kreditgewährungen zur Verfügung stehen. Einwanderungsschikanen ln Palästina in letzter Zeit hört man öfters von Schikanen der Einwanderungsbehörde auch gegen Kapitalisten, ln «The Jewish Chromcle» berichtet ein Einwanderer, der mit einem Touristenvisum ins Land kam und einen Scheck von Barcleys Bank über 1000 Pfund vorwies, daß man ihn einerseits mit der' Ausstellung des Zertifikates immer vertröstete und anderseits die Zollfreimachung seines Gepü s von der Vorweisung des Zertifikates abhängig machte. Als sich nun der Einwanderer bei der Einwanderungsbebörde beschwerte und auf seine englische Staatsbürgerschaft hinwies, antwortete ihm ein jüdischer Beamter, er habe zu warten und im übrigen sei es egal, ob er ein Engländer oder ein Neger sei. Das sind nette Zustände! Mit Recht schreibt der Ein-. sender, daß englische Einwanderer sich nicht einmal bei ihrem Konsulat beschweren können, weil es eben kein englisches Konsulat gibt. Wie lange wird man noch ruhig Zusehen, daß uns England wie lästige Neger behandelt? Daß England,auch.seine eigenen Staatsbürger wie Neger behanr,. deIt,lwi/äJyielTei9)i.t. jene Zionisten in England eines besseren belehren,,‘die glauben, England immer in Schutz nehmen zu , müssen. n PALÄSTINA MELDET: 0 er zweite Hlstadrath-Kongrefi and seine BesAIässe * Tel-Awiw. Der anläßlich der «Barmizwah-Feier» (13jähriges Bestehen) des Allgemeinen Jüdischen Arbeiterverbandes Palästinas abgehaltene «Histadruth-Monat» fand mit dem zweiten Histadruth-Kongreß seinen Abschluß. In der Schlußsitzung des Kongresses wurde eine Reihe von Resolutionen, betreffend Einwanderung, Erziehung, Kulturarbeit und andere Gebiete der Histadruth-Arbeit angenommen. (Die Histadruth organisiert also auch weiterhin unsere Gegner. Die Red.) Besonders energischen Charakter trägt die vom Kongreß angenommene Resolution gegen die Beschränkungen der Einwanderung, in der es u. a. heißt: «Der Kongreß wendet sich schärfstens gegen den in einer Zielt vermehrter Hetze gegen jüdische Einwanderung unternommenen Versuch, künstlich Streit zwischen den beiden Völkern Palästinas zu erregen, proklamiert sein rückhaltloses Streben nach einheitlicher Gestaltung des Schicksals der Entwicklung beider Völker und gibt seiner Ueber* zeugung Ausdruck, daß es in diesem Lande zu Frieden zwischen den beiden es bewohnenden Rassen und zu Arbeitssolidarität kommen wird.?/ An dem Kongreß nahmen 201 Delegierte aus allen Gegenden des Landes teil. Aus dem Bericht der Exekutive ging hervor, daß die Histadruth gegenwärtig über 40.000 Mitglieder zählt A. Zabarsky teilte mit, daß der allgemeine Wolinungsbeschaffungsplan 25 Prozent der städtischen Arbeiter berücksichtigt. 3100 Familien ln den Städten und 600 Familien ln den großen Kolonien werden von dem Plan erfaßt. 800 FamüJen haben ihre Häuser zur Hälfte fertiggesteilt, 1500 Familien haben die erforderlichen Baukredltc erhalten. 1300 Familien warten noch auf Zuteilung von Krediten. 1100 Famjlien wollen auf eigenem Land bauen, während 1150 Familien Ihre Wohnhäuser auf Natlonalfondsboden errichten oder zu errichten beabsichtigen. Von den 860 Familien, cliC bereits . Wohnhäuser bauen, wurden insgesamt 500.000 Pfund für Bauzweae zum Ted bereits investiert, zum Teil sollen die Gelder noch investiert werden. Darüber hinaus wurden 140.000 Pfund zur Erwerbung von Boden, auf dem Wohnbauten errichtet werden, ausgegeben. Der Referent betonte die Notwendigkeit der Schaffung einer großen Hypothekenbank zur Erleichterung des Baues von Arbeiterwohnhäusem. lieber industrielle Produktionsgenossenschaften und Genossenschaften für kooperative Dienstleistung berichtete Gorfinkel, der mitteilte, daß über t600 Arbeiter in siebzig derartigen Genossenschaften zusammengefaßt sind. Besonders gut seien die Kooperativen für Personen- und Warentransport organisiert; 35 der Genossenschaften befassen sich mit diesem Wirtschaftszweig. Von den 1600 in den Genossenschaften tätigen Arbeitern sind bloß 73 Lohnarbeiter, die übrigen vollberechtigte Genossenschaftsmitglieder. Wirtschaftsnachrichten aus Palästina Die Tendenz, durch eigene Erzeugung möglichst Jen Import zu verringern und die immer neu ins Land fließenden relativ großen Kapitalien, die wieder Anlagemöglichkeiten suchen, schaffen einen steten Impuls für industrielle Neugründungen. Ramat-Gan, an der Peripherie von Tel-. Awiw gelegen, entwickelt sich immer mehr zum Industrieort, 25 Pabrlken arbeiten und schaffen Aluminiumgeräte, Seide, Drähte, Eteenbestandteile, Konserven, Schokolade» Fruchtsäfte, die bereits den Weltmarkt als Assis-Fabrikate erobert haben, und vieles mehr. Neben Tel-Awiw respektive Ramat-Gan zeigen sich auch in Haifa besonders auf den . Nationalböden der Baifa-Bay größere Neugründungen als Auswirkung industrieller Investitionen. Die aus verschiedenen Teilen des Landes vorliegenden Meldungen enthalten Berichte über Neu grün dun gen von Fabriken für Suppenwürze, zur Erzeugung von Glasflaschen (polnische Gründung), von zwei neuen großen Schokoladeläbriken, einer modernen' Appretur und Färberei, einer großen mechanischen Putzerei und von einem großen Projekt flir Badewannen-Erzeugung. Von deutschen Acrylen wurden in letzter Zeit mehrere gBgggggi"'■■j-.» ■ ■ mrnsBSBssssmmessssmsmsammm Sanatorien eröffnet. Eine große Reihe ipoderuer Detailgeschälte als auch einige moderne Kunstgesdbäfte wurden in Tel-Awiw eröffnet. Die enorme Bautätigkeit verändert von Monat zu Monat das Stadtbild. Der Strand von Jaffa bis zum Jarkon ist Baufläche und steht vor einer großen Ausbauung. Es soll eine Aufmachung werden, wie es in der Welt wenig zu finden 6ein wird. Es ist zu diesem Zwecke ein internationales Preisausschreiben für Projekte zur Schaffung von Badeanstalten, Restaurants, Sportgelegenheiten usw. vorgesehen. —P— Dje Wirtschaftsstelie des Palästina-Amtes (Sprechstunden Dienstag und Donnerstag, y27 bis 8 Uhr), Die nationalen Pavillons auf der Levante-Messe Oesterreich offiziell vertreten Wie wir erfahren, werden außer den großen Spezialpavillons, wie dem «Haus der Frau», dem «Auto- Salon», der «Bau-Messe» und neben den großen Sonder-Ausstellungen Palästinas und Großbritanniens noch fast alle übrigen Staaten nationale Pavillons errichten. Auf einem Flächenraum von 500 Quadratmeter hat soeben der Bau des Belgischen Gebäudes begonnen. Polen belegt einen Sonderraum von 400 Quadratmetern. Bulgarien, Schweden, Schweiz, Griechenland und Syrien lassen ständige Pavillons errichten. Soeben erfahren wir, daß auch Oesterreich offiziell auf dieser Messe vertreten sein wird. Die Handels- und Gewerbekammer hat das Protektorat über die österreichische Ausstellung übernommen. Die Oesterreicher, die in ziemlich stattlicher Anzahl Industrie und Gewerbe vertreten werden, stellen Im «Foreign-Pavillon» in einer «Öesterreichischen Sektion» . gemeinsam aus. Autobusverkehr Jerusalem—Tel-Awiw—Beirut Jerusalem- Eine zu gleichen Teilen aus jüdischen und 1 arabischen Teilhabern bestehende Autobusgesellschaft eröffne! demnächst einen direkten Verkehr zwischen Jerusalem, Tel-Awiw und Beirut. Durch die Eröffnung der neuen Linie werden die Kosten des Personenverkehres zwischen Beirut und Jerusalem um über 50 Prozent gesenkt. Die Reise wird mir noch nenn Schilling kosten. AVISO! Benzion Mossinsohn (lel-Awvw) spricht am 5* Februar in Wien