Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 7 (1934)
- Issue
- Heft 323 (26.1.1934)
- Date
- 1934-01-26
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite * *DIE STIMME JTr. 323 — 26. Jänner 1934 Die BndgefDerafangen der Wiener Hnilosgemelnde Wien, 25. Jänner 1934. Wie wir bereits in der letzten Nummer der «Stimme» berichteten, haben Montag, den 22. Jänner 1. J., in öffentlicher Plenarsitzung die Beratungen und Beschlußfassungen über den Voranschlag 1934 der Wiener Kultusgemeinde ihren Anfang genommen. Dieselben wurden Mittwoch, den 24. Jänner I».Jmit der einstimmigen Annahme des Zionistischen Budgetvoranschlages beendet. Im folgenden ergänzen wir den Bericht über die Sitzung vom Montag, den 22. d. M.: Präsident Dr. Desider Friedmann eröffnete die Sitzung mit einem warmen Nachruf für den jüngst verstorbenen Gesinnungsgenossen Dr. Josef P o 1 a tschek, indem er auf die bedeutenden Verdienste des ao früh Dahingeschiedcnen auf dem Gebiete der jüdischen Fürsorgetätigkeit hinwies. Die Bezirkskommisslonen des 4., 5. und 10. Bezirkes, in denen der Verstorbene so erfolgreich wirkte, und die jüdischen Organisationen der anderen Bezirke haben in Dr. Polatsch?k einen tatkräftigen und stets hilfsbereiten Mitarbeiter verloren, dem das Andenken der jüdischen Gemeinde gewiß ist. Der Nachruf wurde vom Vorstand stehend angehört. Hierauf ergriff Vizepräsident und Finanzreferent der Gemeinde, Herr Dr. Josef Löwenherz, das Wort zu seinem Referat über den Budgetvoranschlag 1934, dessen Gerippe wir bereits in der Dienstag-Nummer der «Stimme» veröffentlicht haben. Dr. Löwenherz wies zunächst darauf hin, daß wir nach einem Jahre schwerster Erschütterungen ln diese Budgetberatungen eintreten. Trotz der wirtschaftlichen Unbill gerade dieses Jahres 1933 war es durch zielbewußte Arbeit möglich, den budgetären Haushalt der Wiener Kultusgemeinde nicht nur in Ordnung zu halten, sondern auch das Gespenst jedes Budgets, das Defizit, das im Budget des vorigen Jahres in der Höhe von S 409.000 fungierte, zu bannen. Durch zeitgemäße Ersparungsmaßnahmen und schließlich durch Einhebung der 20prozentigen Steuerzuschläge war es gelungen, in dem heutigen Budgetvoranschlag das Defizit auf den geringen Betrag von bloß S 53.000 herabzudrücken, der schließlich aus den Resteinnahmen der noeh ausständigen Steuerzuschläge seine Deckung finden kann. Dr. Löwenherz stellt mit Genugtuung fest, daß trotz dieser wirklich begrüßenswerten, gesunden budgetären Lage der Wiener Kultusgemeinde, diese die einzige öffentliche Körperschaft Ist, die die wenigsten Opfer ihrer Angestellten erfordert hat. Die Besoldung der Angestelltenschaft der Wiener Kultusgemeinde war lange Zeit den der Angestellten des Wiener Rathauses angepaßt. Durch die inzwischen erfolgte Loslösung kam es dazu, daß die Beamten der Wiener Kultusgemeinde in viel kleinerem Maße zu Opfern herangezogen werden mußten, als dies bei der Gemeinde Wien der Fall war. Vizepräsident Dr. Löwenherz gab einen Bericht über die Budgetgebarung des abgelaufenen Budgetjahres 1933, aus dem folgendes hervorhebenswert erscheint: Soweit sich bisher die Ergebnisse des Jahres 1933 Überblicken lassen, werden die Gesamteinnahmen sich auf rund S 6,863.000, die Gesamtausgaben auf rund S 6,886.000 belaufen. Diese geradezu wunderbare Ausbalancierung des Budgets der Wiener Kultusgemefnde ln dieser schweren Zeit war eine Meisterleistung des Finanzreferenten, die um so mehr vollste Anerkennung verdient, wenn man bedenkt, daß dieses Gleichgewicht des Budgets nicht etwa durch Einschränkung von In** stitutionen oder Betrieben erzielt wurde, sondern im Gegenteil, wie wir es aus dem Referat Dr. Löwenherz, erfahren, bei gleichzeitigem Ausbau aller Institutionen der Wiener Gemeinde erreicht wurde. So wurden auf dem Gebiete der Subventionierung der Tempel- und Bethausvereine Fortschritte gemacht und die Erhaltung der Tempel- und Bethausvereine gesichert. Freilich muß in diesem Zusammenhang darauf hingewiesen werden, daß nur jenen Tempel- und Bethausvereinen Subventionen erteilt werden können, deren Existenz eine Notwendigkeit darstellt. Die mutwillige Gründung von Tempel- und Bethausvereinigungen kann nicht mit Steuergeldern gefördert werden. Der Klausgeist kann nicht aus Mitteln der Allgemeinheit gezüchtet werden. Auf dem Gebiete des Schulwesens sind sehr beachtenswerte Fortschritte erzielt worden. Der Jugendgottesdienst wurde im großen Maße ausgebaut. Die Tempeln sind bei diesen Anlässen mit Kindern dicht gefüllt. Die Oberrabbinerposten wurden besetzt und schließlich erhielt die Leopolclstädter Judenschaft einen Vom Wiener btadiuohulrat konzenHionierte Jüdische Kochschule •tiens kosoher, l.eituns: Sohwau. Oltitkurso, bi« teinsle Küche. tfohkuHt. National» Speisen, Anmeldungen. Auskünfte Wien, II Bei., Hniisndstiaüe Nr. a, lii. Stiege, 1|41 — Bag Inn einet neuen Abendkurses« Oberrabbiner in der Person des Herrn Dr. T a g 1 i c h t und Währing in der Person des Rabbiners Doktor Schwarz. In der richtigen Erkenntnis, daß das Fundament der jüdischen Jugend in der jüdischen Erziehung liegt, wurde auf diesem Gebiete ernste Arbeit geleistet. In diesem Zusammenhang wies Dr. Löwenherz auf die Ausführungen des Vorsitzenden der Schulkommission Herrn Prof. Moses Rath in der letzten Budgetprovisoriumsdebatte im Dezember v. J. hin, über die die «Stimme» seinerzeit berichtet hat. Die theologische Lehranstalt, die vor kurzem ihren 40jährigen Bestand feiern konnte, wurde mit S 25.000 Subvention bedacht. Diese Subvention ist um so notwendiger, da diese Lehranstalt nach Schließung ihrer Schwesterinstitution ln Berlin heute die einzige in deutschsprachigen Ländern ist. Auch dem Bedarf nach Hebräischlehrern, der gerade heute ein so starker ist, muß in der Weise nachgekommen werden, daß die Gemeinde für die Erhaltung des einzigen hebräischen Pädagogiums durch entsprechende Subvention Sorge trägt. Dr. Löwenherz wies noch auf die Leistungen auf dem Gebiete des Schulwesens, insbesondere auf die Ausgestaltung der Bibel- und Hebräischkurse der Gemeinde hin. Der Prozeß der Umschichtung wurde mit Ernst aufgenommen. Zu dem Kapitel der produktiven Fürsorge gehört die Wanderfürsorge, die in diesem Jahre in geregelte Bahnen gebracht wurde. Bei der kürzlich in Wien stattgefundenen Konferenz hat sich der Zentrale für Wanderfürsorge außer den Gemeinden in Oesterreich und der C. S. R., auch die große Judengemeinde in Budapest angeschlossen, die mit Rücksicht auf das große Kontingent der ungarischen Emigranten an diesen Arbeiten besonders interessiert ist Nebst der Wanderfürsorge ist es die Chaluzorganisation, die mit Subventionen bedacht wurde. 300 Palästina-Wanderer konnten durch Unterstützung der Gemeinde nach Palästina auswandern. Schließlich wurden noch die nationalen Fonds mit Subventionen bedacht Zu dem Kapitel der produktiven Fürsorge gehören ferner die Errichtung des Familienschutzes und die Errichtung der G e m i 1 a t h- Cesseth-Kassa, die den wirtschaftlichen Verhältnissen entsprechend jenen zugute kommt, die aus Scham nicht um direkte Unterstützung durch die Gemeinde ansuchen, die aber durch zinsenfreie Darlehen in ihrer Existenz bedeutende Erleichterungen erhalten. Ferner wurde der jüdische Arbeitsnachweis ausgebaut. Zu diesem Kapitel gehört noch die Deutschland- Fürsorge, die im letzten Jahre 1 9 0.0 0 0 S beanspruchte. Es zeugt für den Solidaritätssinn der Wiener Judenschaft, daß diese 190.000 S, ohne daß sie im Voranschlag für 1933, der ja bekanntlich noch im Jänner des vorigen Jahres zur Beratung stand, berücksichtigt worden wären, von der jüdischen Gemeinde, freilich unter Zurückstellung der eigenen Notstandsaktion, aufgebracht werden konnten. Zu diesem Kapitel gehört auch die von der jüdischen Gemeinde durchgeführte W i n t e r h i I f s a k t i o n. Obwohl der Präsident der Gemeinde, Dr. Desider Friedmann, im Kuratorium der Allgemeinen Winterhilfsaktion sitzt, hat sich die Notwendigkeit einer rein jüdischen Winterhilfsaktion ergeben. Es sind Ausspeisestellen im Prater, ln der Leopoldstadt und Brigittenau errichtet worden, gegenwärtig sind die Kohlen- und Lebensmittelpaketaktlon in vollem Gange. Diese Aktion soll über die Osterfeiertage fortgesetzt werden. Beim Kapitel der Koscher-Fleischversorgung erfährt man, daß der Konsum an Koschcrfleisch in Wien sehr stark abgenommen hat. Begründet wird dieser Rückgang vor allem mit dem allgemeinen Rückgang des Fleischkonsums in Wien sowie der wirtschaftlichen Verschlechterung gerade des Koscherfleisch kaufenden jüdischen Publikums. Dr. Löwenherz kündigt ln diesem Zusammenhang die Einberufung einer Enquette zwecks Preisreduktion dees KoscherfleischCs an. Dr. Löwenherz wandte sich dann der Erörterung der ziffernmäßigen und sachlichen Grundlage des Budgetvoranschlages für das Jahr 1934 zu. Kapitelweise stellt sich der Voranschlag 1934 wie folgt dar: Einnahmen Ausgaben Kultus- und rituelle Angelegenheiten . . . . S 545.580 S 1,016.300 Unterricht und Gemeindebibliothek.S 71.580 S 571.600 Ftirsorgewesen.S 1,497.220 s 2,524.110 Friedhof- und Beerdigungswesen (einschl. des Friedhof-Erwerbungs- und Er- Weiterungsfonds) . . . . S 1,919.150 s 1.460.580 Gemeindeverwaltung . . . S 238.970 s 871.370 Matrikenwesen.S 29.170 s 51.050 Reservefonds.S — s 80.000 « 6,521.670 S 6,57o.210 Palästina-Produkte Jaffa-Orangen — Grape Fruits — Shemen-OIivenöl — Toiletteseife — Karmel-Weine — Kognak —Chedera- Honig und Jaffa-Orangeade liefert frei Ins Haus SAMUEL HAIPERN Wien, II., Försicrg. 6, Tel. A 43-4-12 Die Subventionen für von Vereinen erhaltene Tempel und Bethäuser, Unterrichtsanstalten und Fürsorgeinstitutionen sind im Voranschlag mit einem Gesamtbeträge von S 407.600 vorgesehen. Die Friedhofspost ist also nach wie vor die einzige Aktivpost Im Budget, deren Mehreinnahmen zur Deckung der Fürsorge dienen. Die Summe von 2,200.000 für Steuereingänge erscheint durchaus nicht hoch gegriffen, wenn man bedenkt, daß z. B. die Gemeinde Berlin heute alle ihre Aufgaben zu 1 0 0"P r ozentaus Steuergeldern deckt. Der prällmi nierte Betrag ist durchaus der wirtschaftlichen Kapazität der Gemeindemitglieder angepaßt, deren immanente Pflicht es heute ist, die Gemeinde und ihre Institutionen zu stützen. Finanzreferent Dr. Löwenherz bittet zum Schluß seines Referates um Einsetzung einer Ersparungskommission und fordert den Zusammenschluß der jüdischen Gemeinden Oesterreichs in einem Gern ein d'ebun d. Die Kultusgemeinde hat der österreichischen Regierung bereits die Statuten des Gemeindebundes zur Genehmigung vorgelegt. Merkwürdigerweise berüft sich in dieser Frage die Regierung auf das Gesetz vom Jahre 1890, das die jüdischen Gemeinden territorial abgrenzt. Dr. Löwenherz spricht di« Hoffnung aus, daß die Bestrebungen auf Schaffung des jüdischen Gemeindebundes doch von Erfolg gekrönt sein werden. Das Prinzip der Arbeit der zionistischen Majorität in der Wiener Kultusgemeinde,'erklärt Dr. Löwenherz, ist nach wie vor kein anderes, als die Kultusgemeinde zur Zentrale des jüdischen Lebens 1 zu machen. Nichts, was jüdisch ist, darf ihr fern bleiben.? In: Deutschland bilden heute die jüdischen Gemeinden, den einzigen Schutz und Hort für die bedrückte jüdische Gemeinschaft. Die Aufgabe bleibt nach wie vor: Die- Kultusgemeinde zum. Mittelpunkt des jüdischen Lebenszu machen.; i Keine Körperschaft kann auf ähnliche Leistungen,; trotz Verweigerung eines Beitrages durch die Regierung* hinweisen, . wie. .die Wiener Kultusgemeinde. Finanz refereitt Dr. Löwenherz, ist stolz .darauf,, Jrqtz. diesem Schwierigkeiten'dem.Oemejndevorstand ein ausgeglichen nes Budget vorlegen zu können. Dr. Löwenherz schließt* nachdem er allen Mitarbeitern den Dank ausgesprochen,- mit dem Appell, der die Annahme dieses Budgets als ein Gebot der Stunde erklärt. Er fordert die j ü.d i s c h« E i n h e i t s f r o n t in dieser schweren Stunde; Wer für die Lebenserhaltung dieser Gemeinde ist, die. als Festung den Anstürmen unserer heutigen Zeit standhalten-soll, der stimme für das Budget. (Starker Beifall des ganzen Hauses.) * Nach einer kurzen Pause eröffnete Präsident Doktor Friedmann die Generaldebatte. Als erster Redner gibt namens der Union Dr. Robert T i c h o eine ErT klärung ab, die mit Rücksicht auf die schwere Situation, in der die Judenschaft sich heute befindet, die Bereitwilligkeit seiner Gruppe, voll und ganz f ü r das Budget zu stimmen, zum Ausdruck bringt. Dr. Leopold Plaschkes (Radikaler Zionist) zollt den Leistungen des jüdischen Schulwerkes Anerkennung, bedauert aber, die Vorschläge nicht zu kennen, da er keiner Kommission angehört, und macht einige Anregungen, betreffend Ausgestaltung dfes Fürsorgewesens-. Nachdem noch Vorsteher Mendel Singer (Poale Zion-Hitachduth) den Standpunkt seiner Gruppe zum Ausdruck gebracht hatte, wird in später Nachtstunde die Generaldebatte auf Mittwoch vertagt. Einstimmige Annahme des Budgetvoranschlages Die Rede Mendel Singers (Poale Zion) war zum Erstaunen aller Anwesenden einen Oppositionsrede. Singer gab auch keine Erklärung ab, wie sich die poalezionistische Gruppe bei der Abstimmung verhalten werde. Bel -der Plenarsitzung am 24. d, M. fand Dr. R dsenberg (Misrachi) warme Worte der Anerkennung für die Leistungen der Gemeinde und verlangte eine bessere Dotierung des Keren schel Misrachi, sowie den Ausbau der Mikwah. Dann gab Dr. Löwy (Werktätige Juden) die Erklärung ab, daß seine Gruppe für das Budget stimmen werde. Nach ihm sprach Doktor Glanz (Poale Zion), ohne irgendeine Erklärung über die Stellung seiner Gruooe zum Budget abzugeben. KiaBlitfe Sonderlahrl nach POLEN! Abfahrt: 19« F«b«r 1214, Rückfahrt: 4, Mir« t»14 Wifi—Krakau und ratour s 90* Wien - lamberg und rraur » OO’- uqd Vtnagebllhreii gralla! ~ Nimarlare SN*" -’U*«!•» Jialdeiu U olvtungen, geh Ute l’u> m 'iinwiigan l'o nl»oh<ti Veil« I r bllro 4 Wien, lU.. Rann wog Nr. Tal. U-ta-4-M FRANCOPOL“