Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 7 (1934)
- Issue
- Heft 322 (23.1.1934)
- Date
- 1934-01-23
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 322—93. JlfW» fÖSW Offi STIMME Die KoniroHe der lourislen-AHfq Um Mißdeutungen von vornherein aus dem Wege zu gehen, will ich gleich mit der Farbe heraus: es handelt sich bei der folgenden Betrachtung nur um eine Kontrolle der Touristen-Alijah durch die Zionistische Organisation. Und diese scheint mir heute äußerst notwendig und dringend zu sein, zumal es gilt, unerwünschte Elemente von der Einwanderung nach Palästina fernzuhalten. Die von der Jewish Agency durch die Ausgabe von Zertifikaten kontrollierte Einwanderung steht hier nicht zur Debatte. Uns Zionisten von der alten Schule, aus der heiligen Liga der Vorkriegszeit, erscheint es als eine Profanierung unserer Idee, unserer heiligen Ideale, wenn wir uns heute die Menschen ansehen, welche als Touristen mit vollkommener Umgehung und Negierung der zionistischen Organisationen in den einzelnen Ländern als Touristen ins Land ziehen, dort verbleiben und Unternehmungen gründen, die so weit von einer Chaluziuth entfernt sind wie der Himmel von der Erde. Diese «Palästina-Freunde» sind in ihrem Bewußtsein so unabhängig von der Zionistischen Organisation, von den einzelnen Palästina-Aemtern, daß sie dieselben glatt umgehen, sich ihre Visa direkt bei den einzelnen britischen Konsulaten besorgen und als «freie», von den Zionisten «unabhängige» Menschen ins Land ziehen. Selbstverständlich schwächt dieser Zustand das Ansehen und die Autorität der Jewish Agency und gibt den «Unabhängigen» diverser Richtungen die Möglichkeit, nach Palästina zu gehen und dort die Galuth fortzusetzen, respektive neu zu begründen. Es ist für die Zionistische Organisation keineswegs gleichgültig, was für Elemente ins Land kommen, denn den hundertprozentigen Zionisten gilt Palästina nicht als Asyl für gestrandete Existenzen, nicht als «Urei-Mikloth» für alle, die aus Not ihre alte Heimat verlassen müssen und gerade nach Palästina gehen, weil die Tore Amerikas, Kanadas, Südafrikas verschlossen sind. Erez Israel darf kein «Nachtasyl» für gewisse Elemente werden. Dagegen haben wir immer gekämpft und werden auch in Zukunft diesen Kampf führen. Wir wollen nicht, daß unser Heiligtum entweiht und beschmutzt werden soll. Man komme nicht mit der geflügelten Phrase, daß Palästina diese Menschen umformen und ummodeln wird. So stark sind wir noch nicht im Lande, daß wir einen solchen Erneuerungsprozeß durchführen könnten. Man bedenke nur, was für Elemente heute ins Land zu kommen sich bemühen. Zunächst die Besten, unter ihnen: Sympathiker des Zionismus, welche einen Teil ihres Vermögens, sagen wir den kleinsten Teil, in ein Haus oder in einen Pardes investieren, um für sich und eventuell für ihre Kinder einen letzten Sparpfennig «wegzulegen», wobei dieser «Idealismus» 10 bis 12 Prozent des investierten Kapitals «abwerfen» muß! Und dann die zweite Gruppe: es sind dies Menschen, welche im letzten Moment ihr zionistisches Herz entdeckt haben und in Palästina «Investitionen» durchführen, indem sie die GaJuth verlassen und sich bemühen, ihr Kapital in Palästina gegen gute Verzinsung arbeiten zu lassen. Die dritte Partie Ist nicht um Vieles besser: es sind gestrandete Existenzen, Opfer der Wirtschaftskrise. Und da gibt es verschiedene Kategorien. Politische Desperados, die sich ln verschiedenen Parteien versucht und überall Schiffbruch erlitten haben und sich nun nach Palästina wenden wollen. Manchmal kam es sogar vor, daß es Kommunisten gelang, ins Land zu kommen. Sie gingen nach Palästina, um dort die Menschheit zu «befreien» und zu «beglücken». Notorische Wucherer verlegten ihre Tätigkeit nach Erez Israel und setzen dort ihre Galuthbeschäftigung fort. Dagegen müssen wir uns wehren. Die Jewish Agency muß die vollständige Kontrolle über die Touristen-Alijah durchsetzen, dennsonstwird fröheroder später das Unheil kommen. Und wie benehmen sich unsere «Meraglim» der ersten Gruppe, welche in Palästina Kapitalien investierten, die ihnen ganz hübsche Zinsen abwerfen, wenn sie wieder in die Galuth zurückkehren? Natürlich nicht anders, als zu erwarten war. Ihre Berichte sind maßgebend, weil sie ja die «Praktiker» sind, und wir, die ewigen Lastträger des Zionismus, wir sind doch nur die «Literatur», die «Bathlanim». Was bedeutet schon ein Arthur Ruppin gegenüber einem reichen Porzelianhändler oder einem Grundstüokspekulanten! Um wieviel besser und billiger hätten sie den ganzen Aufbau durchgeführt! Man hört nicht selten auch Aeußerungen von Donnerstag, den 25. Jänner, 8 Uhr abends, findet im Chajes-Saal der Zionist. Bezirkssektion Leopoldstadt, II., Praterstraße 13 (Lloydhof), ein VORTRAG des Herrn Oberrabbiners Dr. David Feuchtwang über: «Die sozialen Probleme bei den Propheten» statt. Zionisten, die uns in Staunen versetzen müssen. Auch Zionisten sagen den ganzen Quatsch dieser «Experten» nach und lauschen manchmal auch begierig den Worten der «erfahrenen» Nichtzionisten und es schmeichelt sogar ihrer Eitelkeit, wenn ein solcher «Merage!» auch ein schönes Wort für die Leistungen der Zionistischen Organisation findet. Und kommt man dann zu diesen neuen Freunden des jüdischen Palästina, um bei ihnen Zeichnungen für den Keren Hajessod, Spenden für den Keren Kajemeth einzufordern, dann zeigt sich erst des Pudels wahrer Kern. Zunächst erklärt der «Kenner» der palästinensischen Verhältnisse, daß er für Palästina bereits genug geleistet habe, indem er dort einen Teil seines Kapitals Investierte, dann ist er mit den Methoden der Arbeit der Zionisten nicht einverstanden, schließlich muß er das Zusammenleben in den Kwuzoth vom moralischen Standpunkt verurteilen und er erklärt, daß er es aus allen diesen Gründen ablehnen müsse, die nationalen Fonds zu unterstützen. Es fehlt" also niemals an Argumenten, um sich der Pflicht gegenüber Palästina zu entziehen. Und wenn er sich schon selbst überwindet und für den Keren Hajessod einen Betrag zeichnet, so steht der gezeichnete Betrag in keinem Verhältnis zu seinem Vermögen und zu seinen täglichen Ausgaben. Hier muß Remedur geschaffen werden. Wer Palästina als Rettungsinsel ansieht, der muß auch für das jüdische Palästina, wie wir es haben wollen, etwas leisten. Mit anderen Worten: die Jewish Agency muß die Kontrolle über die Touristen- und Kapitalisten-Alijah erhalten und sie streng handhaben. Es ist überflüssig, hier hervorzuheben, daß wir alte Hebel in Bewegung setzen müssen, um die nationale A1 i j a h zu stärken und zu fördern. Nur die Chahizbewegung aller Richtungen im Zionismus wird uns die Garantie einer nationalen Kolonisation bieten. Ohne Chaluziuth kein jüdisches Palästina, sogar wenn wir die Majorität im Lande erreichen sollten. Es würde ein jüdischer Levantinismus in Palästina erstehen, aber keine Erneuerung des jüdischen Volkes sich vollziehen. Und noch ein Problem muß hier angeschnitten werden: Stadt und Dorf in Palästina. Zwischen Dorf und Stadt muß eine gesunde Proportion herrschen. Es wird kein jüdisches Palästina geben, wenn das jüdische Dorf iw Aufbau nicht gleichen Schritt mit der jüdischen Stadt halten wird. Auch auf diesem Wege wird die erreichte Majorität nicht das jüdische Palästina schaffen, wenn das Hinterland, das Dorf nicht jüdisch sein wird. Große jüdische Orangenplantagen werden eine jüdische Bauernaristokratie schaffen, nicht aber den jüdischen Bauer, der allein uns den Bestand des jüdischen Palästina gerantieren wird. Dies ist einer der Hauptgründe, warum wir unter allen Umständen die nationale Kolonisation fördern müssen. Ohne ein national bewußtes Arbeiterelement in Palästinaist uns auch gar keine Garantie für unsere geistige Erneuerung im Lande gegeben. Palästina liegt in einer gefährlichen Zone: In der Levante. Da muß man immer auf der Wacht stehen. Angesichts dieser Tatsachen muß die Zionistische Organisation heute stärker denn je sein. Man muß wirklich alle schöpferischen Kräfte im Judentum konzentrieren, denn es gilt diesmal, eine doppelte Arbeit zu ’eisten: reinigen und aufbauen. Und das kann nur eine große nationale jüdische Front, eine gestärkte, geeinigte zionistische Organisation zuwege bringet!. Wohl fiat sich die Erkenntnis von der Wahrheit, von der zionistischen Wahrheit bei den breiten jüdischen Massen durchgesetzt, allein der Schritt von der Erkenntnis zum Bekenntnis ist noch nicht gemacht worden. Ihn zu beschleunigen, ist die nächste Aufgabe der Zionistischen Organisation. Dr. Manfred Rei f e r, * . .. Nachwort der Redaktion: Das mandlÜswidrige Verhalten Englands in der Einwanderungsfrage hat bekanntlich dazu geführt, daß zahlreiche, sehr wertvolle zionistische Elemente als Touristen ins Land kamen. Dem Verfasser ist beizupflichten, wenn er die prinzipielle Forderung aufstellt, daß der Jewish Agency die Kontrolle der Einwanderung zustehen soll. Er befindet sich aber im Unrecht, wenn er bedauerliche Einzelerscheinungen generalisiert. Auch scheint er anzunehmen, daß nur Bauern und Arbeiter als Chaluzim änzusehen sind. Jeder Handwerker, Kaufmann und Fabrikant, der den jüdischen Wirtschaftskreis erweitert, ist ajich ein Chaluz. Auch jeder «Kapitalist», der einen An der Klogemauer Von M. Ussischkin Es war am Vorabend von Rösch Haschana 5690, anderthalb Monate nach den schrecklichen Unruhen, die sich im Aw 5689 ereignet hatten. Das jüdische Jerusalem war noch in tiefer Trauer, noch waren die Eindrücke der furchtbaren Ereignisse nicht verwischt. Betrübt gingen wir durch die Straßen, und an jeder Ecke sah man die «starke Bewachung», die, wie bekannt, zu spät eingetroffen war. Bei der Mauer, die den offiziellen Anlaß für die Unruhen bildete, standen viele Polizisten und beobachteten jeden, der kam und ging. Unter diesen Umständen hatten Besuche und Gebete an der Mauer fast aufgehört. Zwei Tage vor Rösch Haschana war ich aus dem Auslande nach Jerusalem zurückgekehrt. Es war sonst nicht meine Gewohnheit, am Erew Rosch Haschana zur Klagemauer zu gehen, diesesmal aber wollte ich das Mincha- Getoet an dem Ueberrest unserer Herrlichkeit verrichten. Ich stahl mich vom Hause fort, weil Ich befürchtete, daß meine Familie mich an diesem Gang verhindern würde. Traurig und bedrückt betrat ich die alte Stadt. Nur Polizisten und Araber füllten die engen Gassen. Da stand ich nun vor der Mauer. Der Anblick der Umgebung dieses Zeugen unserer Vergangenheit verstimmt mich stets, aber diesesmal wurde ich durch das, was steh meinen Blicken bot, in noch höherem Maße erregt. Dieselbe Mauer war es — der einzige Rest unseres Heiligtums — und nur zwei Juden befanden sich dort: der Sohamäsoh und ich. Der ganze Raum vor der Mauer war mit britischen Polizisten besetzt. Oben, am Eingangstor zur Omarmoschee — dem Tempelplatz — stehen Araber und blicken herab auf den jüdischen Zusammenbruch. Stumm stehe ich in meinem Schmerze und gedenke vergangener Tage. Vor zweitausend Jahren war der Tempelhof dicht gefüllt mit Juden aus dem ganzen Lande, und eine Aufschrift ln lateiutashar und griechischer Sprache, die am Tore angebracht war, verbot jede mFremden, das Heiligtum zu betreten. De« Römern — den damaligen Beherrschern der Welt — war der Durchgang durch das Tor nicht gestattet. Heute aber verwehren die Beherrscher der Welt uns, den Kindern Israels, den Zutritt zu unserer heiligsten Stätte. Wie Fremde werden wir behandelt. Lange stand ich in diese trübseligen Gedanken versunken an diesem Ort. Der Tag neigte sich zu Ende und Finsternis bedeckte den Platz vor der Mauer, denn hier durften keine Laternen angezündet werden. Da nahten Schritte und ein alter Jude von hohem Wuchs betrat, in Begleitung von zwei anderen Juden, in der traditionellen Festkleidung, den Platz. Gebeugten Hauptes nahte er sich der Mauer, deren Steine er in heiliger Begeisterung küßte. Da erkannte ich im Zwielicht die edlen Gesichtszüge des Raw Chaim Sonnenfeld. Ich rührte mich nicht vom Heck, trat auch nicht auf ihn zu, um seine Andacht nicht zu : stören. Ein tiefer Seufzer entrang sich seinem Herzen; er erhob das Haupt und wandte sich zum Gehen. Da bemerkte er mich und kam auf mich zu. Wie glücklich bin ich — sprach er — hier einen Bruder zu treffen, der unsere Schmerzen und unseren Kummer mitfühlt. Niemails — so fuhr der damals schon 80jährige fort — pflege ich am Vorabend von Rosch Haschanah hierher zu kommen, denn der Weg wird mir schwer. Aber gerade heute, nach den Unruhen, empfinde ich es als meine Pflicht, die Mauer aufzusuchen, um einen Blick auf den Ueberrest unserer vergangenen Herrlichkeit zu werfen. Plötzlich verklärte sich sein Gesicht, und voller Hoffnung rief er aus: «Verzweifle nicht. Auch das wird vorübergehen, es wird ihnen nicht helfen. Wir werden unser Ziel erreichen. Nicht durch enge Gassen und mit gebeugum Rücken werden wir unser Heiligtum betreten, sondern auf breiten Straßen und erhobenen j Hauptes. Setze du nur ruhig deine Arbeit fort, vielleicht wird es uns in unseren Tage« beschieden sein, die Erlösung zu sehen. Gehe heim in Frieden — es wird ihnen nicht helfen.» Dies sagend trennte er sich von mir und ging. Die Worte dieses herrlichen Greises — in dieser Stunde und an diesem Orte gesprochen — machten einen unauslöschlichen Eindruck auf mich. loh werde sie mein Leben lang nicht vergessen. Beruhigt kehrte ich nach Hause zurück. Vier Jahre sind seitdem vergangen. Mit sicherer Hand hat der Jischuw das Aufbauwerk fortgesetzt Die Zahl der Juden hat sich um 80.000 — hauptsächlich arbeitende und tätige Menschen — erhöht. Dutzende neuer landwirtschaftlicher Siedllungen wurden gegründet, neue Bodenflächen — wenn auch in beschränktem Maße — erworben. Tel-Awiw zeigt eine erstaunliche Entwicklung auf. Auch die jüdischen Quartiere von Haifa und Jerusalem sind in einem ständigen Wachstum begriffen. Eine wichtige Kolonisationstätigkeit hat im Gebiet der Haifa Bay (Emek Sebulon) begonnen, ln Wadi Chawareth im Herzen der Scharon-Ebene werden neue Siedlungen angelegt. Die Hebräische Universität wird erweitert, die Nationalhibliothek bereichert und entwickelt. Unsere Kräfte wachsen. Jüdisches Kapital im Ausmaß von Millionen von Pfunden ist ims Land geflossen. Täglich erneut sich die Hoffnung auf die gute Entwicklung des Aufbaues. Wiederum hat sich der Himmel über unserem Haupte mit trüben Wolken bedeckt. Der Widerstand gegen unser Werk der Erneuerung macht sich in starkem Maße bemerkbar. Darum müssvMi sich alle Kräfte des Volkes vereinigen, um unser Erlösungswerk fortzusetzen und die gegen uns gerichteten Angriffe abzuwebren. In diesen Tagen gedenke ich der Worte des inzwischen heimgegangenen Raw Chain Sonnenfeid, und ich gebe sie weiter, damit sie die Botschaft künden: «Lasset den Mut nicht sinken — es wird Urne« nicht helfen.» Jerusalem, im Thabet 5604.