Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 7 (1934)
- Issue
- Heft 322 (23.1.1934)
- Date
- 1934-01-23
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 7 DIE STIMME Nr. 322 — 23. Jänner 1934 Der Budgetvoranschlag der WienerKultusgemeindefür 1934 Wien, 22. Jänner 1934. Das Budgetprovisorium läuft am 31. Jänner ab. Montag, den 22. Jänner 1934, begannen die öffentlichen Plenarversammlungen des Wiener Kultusvorstandes, deren 3tägige Dauer ausschließlich den Budgetberatungen für das Jahr 1934 gelten. Vizepräsident und Finanzreferent der Gemeinde, Dr. Josef Löwenherz, entwarf in seinem gründlich vorbereiteten Referat ein umfassendes Bild über den immensen Aufgabenkreis der Wiener jüdischen Gemeinde. Finanzreferent Dr. Löwenberz referierte den Voranschlag 1934 und erörterte sowohl die ziffernmäßige als auch die sachlichen Grundlagen des Budgetvoranschlages, aus dem wir heute nachstehende Ziffern bringen. (Ueber das Referat Dr. Löwenherz’ berichten wir in der nächsten Nummer unseres Blattes.) Budgetvoranschlag 1934 Als Gesamteinnahmen werden für das laufende Jahr S 6,521.670.— prälimlnlert, denen Gesamtausgaben Im Betrage von S 6,575.210.— gegenüberstehen, wodurch sich ein Gesamtabgang von rund S 53.540.— ergibt. Unter Hinzurechnung der Defizite aus den früheren Jahren per S 166.236.— ergibt sich ein Gesamtdefizit von S 219.776— Auf die einzelnen Kapiteln werden die folgenden Summen präliminiert: Kultus- und rituelle Angelegenheiten . . S 1,078.470.— (1,016.300.—) Schul- und Unterrichtsangelegenheiten . Friedhof- und Beerdigungswesen . , . Fürsorgewesen. Deutschlandhilfe. (1933 Spenden für Vereine und wohltätige S 571.800.— S 1,460.580.— S 2,394.110.— S 50.000.— : S 190.000.—) Zwecke .... . . S 80.000.— Gemeindeverwaltung . 433.180.— Steueramt . . . . , . . S 260.470.— Gebäudeverwaltung . li« . . s 126.140.— Materialverwaltung . . . . s 22.400.— Technisches Amt . . f . . s 29.180.— JReservekonto .... t t « . . s 80.000.— Die größte Post im Budget der Wiener Kultusgemeinde ist, wie wir sehen, nach wie vor die für FUrsorgezwecke, die mit S 2,394.110.— präliminiert wird. Mit Rücksicht auf die außerordentliche Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage der Wiener Judenschaft, die es dazu bringt, daß ungefähr ein Fünftel der jüdischen Bevölkerung auf direkte oder indirekte Unterstützung der jüdischen Gemeinde angewiesen ist, sieht sich die Gemeindeveranlaßt, in ihrem diesjährigen Voranschlag für Fürsorgezwecke um S 90.430.— mehr als im Jahre 1933, resp. um S 14 2.0 0 0.— mehr als im Jahre 1932 zu präliminieren. Analysiert man die weiteren Posten des diesjährigen Budgets, so sieht man, daß mit Ausnahme der Post Fürsorgewesen nur bei 2 Posten (Friedhof- und Beerdigungswesen und Reservekonto) bei denen, wenn auch nicht bedeutende Erhöhungen vorgenommen wurden, überall Abstriche gemacht worden sind. Die diesjährigen Budgetberatungen nehmen in einer Oberaus schweren und ernsten Situation der Wiener Judenschaft ihren Anfang. Die Zionistische Majorität, die nun das erste Jahr und dazu ohne Mithilfe der Opposition, die Gemeindegeschäfte erfolgreich geführt hat, Ihr finanzielles Gleichgewicht trotz der schweren Unbill gerade dieses Jahres mit außerordentlichem Geschick gefestigt und gesichert hat, kann auf das abgelaufene Jahr zionistischer Gemeindetätigkeit mit Stolz blicken. Die Opposition, die aus psychologisch wohl begreiflichen Gründen vor einem Jahre den Schock des 4. Dezember 1932 noch in den Gliedern hatte, fand es für richtig, sich von der Verantwortung und Mitarbeit für das Wohl und Wehe der Gemeinde durch ihr Votum gegen das Budget fernzuhaiten. Es ist zu hoffen, daß angesichts der Tatsachen, die dieses Jahr zionistische Gemeindetätigkeit gebracht hat, insbesondere aber angesiohts der schweren Situation, in der sich die jüdische Gemeinschaft heute befindet, die Opposition den Ernst der Stunde erkennen, ihre Meinung revidieren und sich nicht zu jenen Eskapaden wird hinreißen lassen, wie dies im März 1933 der Fall war. Die Aufrechterhaltung des Gleichgewichtes im Budget der Gemeinde in dieser schweren Zeit war eine Meisterleistung des Finanzteferenten, die vollste Anerkennung verdient. Dr. Alfred Klee Vorstandsmitglied der Berliner jüdischen Gemeinde Bcrfin. Die Repräsentantenversammlung der Jüdischen Gemeinde zu Berlin hat in ihrer am 18. Jänner abgehaltenen Sitzung ihren bisherigen stellvertretenden Vorsitzenden und langjährigen Führer der volksparteilichen Fraktion, Dr. Alfred KU* einstimmig in den Gemeindevoestand gewählt Ernste Lage dev Juden in Rumänien Bukarest Der Vertreter der Jüdischen Telcgraphen-Agentur hatte in den letzten Tagen Gelegenheit mit mehreren jüdischen Politikern, u. a. auch mit dem früheren Deputierten und jetzigen Generalsekretär der Jüdis:liert Partei Dr. Michael Landau, über die gegenwärtige Lage der bald eine Million Seelen zählenden jüdischen Gemein* schalt ln Rumänien zu sprechen. Wie die anderen Politiker betrachtet auch Michael Landau die Lage mit Besorg* nls. Die äußere Ordnung sei wohl gewahrt, aber eine Innere Entspannung sei noch nicht erfolgt Es läßt sich noch nicht übersehen, wie die Regierung mit den radikalen Rechtsparteien fertig werden wird, aber es Ist nur zu gut bekannt, daß der Antisemitismus in den letzten Jahren in Rumänien eine Frage parteilicher Taktik gewe.s m Ist. Der Antisemitismus wurzelt nicht im Volke, die Parteien haben sich seiner für Ihre Zwecke bedient; viehcch ohne tiefere Gründe und nur zwecks Ablenkungsmanövers. Die Regierungen haben diesem Treiben zu lange ruhig zugesehen. Nun aber hat der Mord an Duca die Situation blitzartig beleuchtet, jeder betrachtet eine starke Staatsautorität als unerläßliche Notwendigkeit. Die Regierung muß, kann sie schaffen. Will die Regierung ernstlich Ruhe im Lande, sie kann sie haben. Vor etwa fünf Jahren konnte man noch eine Volks Stimmung nicht nur politisch, sondern auch wirtschaftlich gegen die Juden ausnutzen. Heute nicht mehr. Die Jüdischen Massen sind völlig proletarteiert, das Elend ist groß. So wurde denn von den Judengegnern die akademische Jugend mobilisiert; wohin das führt, hat man eben schaudernd erlebt Die jüdischen Massen, fühlte Michael Landau aus, sind auch deshalb in Unruhe, weil im gegenwärtigen Parlament eine eigentliche Vertretung der Judenschaft nicht vorhanden ist Die Jüdische Partei wird auch weiterhin dafür elntreten, daß die verfassungsmäßig verbürgte Gleichberechtigung der Juden auch faktisch durchgeführt wird und die Juden den anderen Minoritäten gleichgestellt, d. h. ats nationale Minderheit anerkannt werden. Vor dem Studentenkongreß Aus Anlaß des Ende Jänner ln St. Severin stattfindenden Studentenkongresses hat die Regierung die einzelnen Gruppen aufgefordert, ihre Forderungen zu unterbreiten. Die Studentenschaft an den Universitäten Jassy und Czernowitz fordert Numerus clausus für Mittel- und Hochschulen, die von Temesvar auch für Intelligenz- und Wirtschaftsberufe, andere Gruppen kleiden ihre antijüdischen Forderungen in Worte wie «Sicherung national-rumänischer Kultur», «Gegen religiöse Sekten» u. a. m. Nadelstichpolitik Das Kultusministerium hat den jüdischen Gemeinden und Rabblnaten das Recht auf Portofreiheit für Ihre Korrespondenzen entzogen. Der polnische M nisterpräsident über die Studentenkrawalle Warschau. Im Laufe der Budgetdebatte im Finanzausschuß sprach Ministerpräsident Jendzejewlcz von der Notwendigkeit, die Psychologie der Jugend zu ändern und bei ihr ein Gefühl solidarischer Verantwortlichkeit für den Staat zu wecken. Die Regierung, die nach den unerhörten Unruhen an der Warschauer Universität diese kurzweg geschlossen hat, wird auch ln Zukunft nicht wanken, wo es um dieErhaltungder Ordnung gehen wird. Bel Besprechung der Beziehung der Regierung zu den einzelnen Konfessionen sagte der Ministerpräsident, die Regierung widme ihre ständige reale Sorge der Schaffung eines gesetzgeberischen Rahmens für die jüdische Religion, damit die jüdische Bevölkerung ihre religiösen Bedürfnisse auf breitester Grundlage befriedigen könne. Der Referent Abg. Stronski teilte mit, die Regierung habe eine Wahlordnung für die jüdischen Gemeinden und Rabblnate, ferner Verordnungen über die Finanzwirtschaft und den Budgetaufbau der jüdischen Gemeinden erlassen, wodurch eine Durchführung der Gemeindewahlen ln den Ost- und Südprovinzen möglich geworden ist. Auch die Vorschriften, betreffend Anstellung von Rabbinern sind fertiggestellt Der riesige Komplex von Angelegenheiten, die mit der normalen Entwicklung der jüdischen Gemeinden Zusammenhängen, ist juristisch in dem Gesetz vom Oktober 1927, betreffend die Organisation des jüdischen religiösen Lenbens, ausgearbeitet und bereits im ganzen Reiche in Geltung. FAr zionistischen Fi letten ln Polen Warschau. Auf Einladung des zionistischen Zentralkomitees Polens hielten Vertreter aller zionistischen Landeskomitees und Jugendorganisationen eine Beratung zur Regelung der Innerparteilichen Beziehungen in der zionistischen Bewegung ab. Vertreten waren: Zionistische Organisation Polens, Liga für das arbeitende Palästina, Landeskomitees des Brith Hazohar, der Poale Zion, der Hitachduth, der Juden- Staatspartei, der Oordonla, des Hanoar Hazlonl, des Hechaluz, des Brith Trumpeldor, des Haschomer Hazair, des Brith Hakanaim u. v. a. Nach Ansprachen von Hartglas und einer Aussprache, in der Redner sämtlicher vertretenen Gruppen das Wort ergriffen, wurde einstimmig die folgende Entschließung gefaßt: Der jetzt mit Gebrauch physischer Kraft geführte Parteikampf bringt die zionistische Bewegung in Gefahr und untergräbt ihre gesellschaftlichen, moralischen und kulturellen Grundlagen. Alle Versammelten drücken den Wunsch aus, daß den herrschenden Zuständen ein Ende gemacht wird. Die nächste gemeinsame Beratung wird Methoden und Schritte zur Verwirklichung dieses Wunsches bestimmen. Zionistische Exekutive gegen Jabotinskys Petitionsbewegung Die Zionistische Exekutive hat an die Zionistischen Landes* und Sonderverbände folgendes Rundschreiben erlassen: London, 16. Jänner 1934. Auf mehrere Anfragen, betreffend die von der Union der iBonisten-Reviakmlsten proklamierte «Petition s*Ak t i o n» bringen wir Ihnen zur Kenntnis, daß diese Aktion ohne Verständigung mit der Exekutive und ohne deren Zustimmung unternommen wird und daß die Exekutive diese Aktion im gegenwärtigen Moment für unzweckmäßig und schädlich hält. Im Sinne der Kongreßbeschlüsse haben sich Zionisten und zionistische Körperschaften jeder Teilnahme an dieser Aktion zu ent halten. Die jüdische Oeffentllchkeit wird demnächst durch eine Erklärung der Exekutive über die Stellung der Zionistischen Organisation zu dieser Sache unterrichtet werden. gez. Locker m. p. Brodetskynup. Dr» JoseS Polatschek s. A. Freitag, den 19. d. M., fand das Begräbnis unseres verstorbenen Oesinnungsgenossen Dr. Josef Pollatschek statt. Die Frledhofshalie war dicht von den Verwandten und Freunden des Verstorbenen erfüllt. An dem Begräbnisse nahmen teil namens des Zionistischen Landeskomitees Dr. Oskar Grünbaum mit dem Sekretär Dr. Rudolf Glücklich, namens der Kultusgemeinde Dr. Landau, der Obmann der Sektion X, Herr Erich J e 11 i n e k mit dem gesamten Ausschuß dieser Sektion, eine Abordnung der Sektion XIX, der Präsident der Rechtsanwaltskammer Dr. Siegfried Kantor und sämtliche in Wien anwesenden Aktiven und Alten Herren der J. A. V, Unltas. Der Sarg wurde von Mitgliedern der Sektion X und Mitgliedern des Tempelvorstandes für den X. Bezirk ln die Halle getragen. Die liturgischen Funktionen versah Herr Oberkantor Weiß. Rabbiner Dr. Weiner hielt dem Verstorbenen einen ergreifenden Nachruf, in dem er ihn als guten Menschen und tätigen Zionisten feierte. Nachher sprach an der Bahre namens der Rechtsanwaltskammer deren Präsident Dr. Siegfried Kantor, der die hervorragenden Eigenschaften des Verstorbenen als Mensch und Anwalt pries. Dann sprach für die zionistische Bezirkssektion X Gg. Max Diamant, der daran erinnerte, daß der Verstorbene der Gründer der Sektion X gewesen sei und stets hervorragend für den Zionismus gearbeitet habe. Schließlich nahm namens der J. A. V. Unitas Herr Gg. Monteser von dem Toten ergreifenden Abschied. Das zionistische Leben Wiens Ist mit Dr. Pol- 1 a t s c h e k um eine starke Begabung ärmer geworden. Der A. H.-Vcrband und die Aktlvllaa der jüdisch-akad. Verbindung nllNITAS1* geben geziemend Nachricht vom Ableben ihres lieben A. H. Dr. Josef Pollatschek Rechtsanwalt welcher Mittwoch, den 17. Jänner 1934, nach kurzem schweren Leiden verschieden ist. Das Begräbnis fand am 19. Jänner 1934 statt iTÄün Für die Aktivitas: Für den A.H.-Verband stud. jur. Georg Mohr Dr. Alois Fischer