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Die Stimme · 1934-01-19 · Heft 321 (19.1.1934) · page 5

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Journal
Die Stimme
Volume
7 (1934)
Issue
Heft 321 (19.1.1934)
Date
1934-01-19
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr. 32! — n. Jänner T934 DIE STIMME 9effe ff KUNST UND LITERATUR Tuto Nussenbtati: Hermann Bahr und Theodor Herzl Etappen ihrer Bekanntschaft Hermann Bahrs letzte Monate fallen in eine Zeit, die mit einer vor fünfzig Jahren, als er zum erstenmal in die Oeffentlichkeit trat, starke Aehnlichkeit besitzt. Es war dies die Zeit des Aufkeimens der antisemitischpolitischen Bewegung, deren Bannerträger die Wiener Studentenschaft wurde. Der Antisemitismus war der zementierende Stoff, doch das Schlagwort hieß: das große deutsche Vaterland. Die Schwarz-gelben wurden verstärkt und die im Lager der Studenten tobenden Kämpfe führten dazu, daß die damaligen deutschnationalen Gruppen anläßlich einer Denkmalenthüllung den Kaiser nicht begrüßen wollten. Diese Verhältnisse brachten es mit sich, daß die Behörden die akademischen Vereine, zuerst den Deutschen Leseverein, dann die Akademische Lesehalle auflösten und ihre Tätigkeit unterbrachen. In jener Zeit lebte der burschenschaftlich-antisemitische Hochschüler Bahr in Wien bei seiner Tante, die mit dem jungen, aus Ungarn stammenden jüdischen Zahnarzt Dr. S. Robicsek verheiratet war. Dieser jüdische Onkel hörte dem Antisemitismus seines Neffen ruhig zu, vielleicht, weil, wie Bahr sagt, ja dem Juden Bedrohungen und Verfolgungen seines Volkes ja nichts Neues bedeuten. Schon dieser Onkel erschwerte durch seine Güte seinem Neffen den Antisemitismus. In der Akademischen Lesehalle lernte Bahr unter den vielen Altersgenossen Theodor Herzl kennen, wie sie auch später in der Burschenschaft «A1 b i a» zusammentrafen. Die Verhältnisse, wie sie sich nach dem bekannten Wagner-Kommers in Wien entwickelten, und!8et rfteumafifcfyett&efcfytterdett aller 2lt1 haben fidj SogaDSabfetten gans Ijerbotragenb betoährt. 3af)Iretcfje ©anffd&reiben über £ogal bei beralieien Sei» ben, bei betten fein anbereS SJHttel Ijalf. @3 toitft in Ijofjent SJZafce al3 inneres SCntifeptifum. (Sin fBerfud) überzeugt! 8« affen 9lpotf>efen be3 unb 9lu3Ianbe3 er^ätttic^. Jßrcii 2.40. . wie Herzl die Albia verließ, sind ja genug bekannt. Doch bleibt zu erklären, daß der junge Hochschüler Theodor Herzl in der Akademischen Lesehalle die deutschnationalen und antisemitischen Tendenzen heftig bekämpfte. Diese Tendenzen waren übrigens auch ungarnfeindliche und die ungarischen Studenten fanden in Herzl einen guten Verbündeten. Die Ste. lungnahme Herzls war, nach seinen eigenen Worten, die bis jetzt unbekannt geblieben sind, «eine gut österreichisch-patriotische». Gerade diese Ausdrucksweise war besonders bekämpft und verhöhnt.. Seit jener Zeit datierte die Bekanntschaft zwischen Bahr und Herzl. Beide fühlten sich durch den zu wählenden Beruf verbunden. Auch war es Herzl wiederum, der Bahr seinen Antisemitismus besonders schwer machte. Diese Wirkung rühmen Herzl viele seiner bekannten christlichen Kollegen aus der Akademischen Lesehalle nach. Der ewig wandelbare Hermann Bahr kam oft in den Verdacht des Antisemitismus, doch mit Unrecht. Er blieb ein unabhängig denkender Schriftsteller, :1er das jüdische Problem in Europa zu verstehen suchte. Im Jahre 1894 gab er seine bekannte Sammlung «Der Antisemit! s m u s — ein internationales Interview» —heraus, die diesem Interesse zu verdanken war. Er meinte, es gäbe zwar viele Bücher über diese Sache, dumme und gescheite. Doch dem Antisemitismus, sagt Bahr, ist mit Gründen gegen ihn nicht beizukommen. Heilen könnte den Antisemitismus nur ein edlerer,Taumel, wenn den Massen wieder ein sittlicher. Pathos gegeben würde.' Bahr hat oft seine Erinnerungen an Herzl mit Liebe und Verehrung geschrieben und veröffentlicht. Sie haben bleibenden Wert. Für 4'ie Publikation «Z e i tgenossen über Herzl»? die Schreiber dieser Zeilen zum fünfundzwanzigsten Todestage Herzls herausgab, -schrieb. .Hermann- Bahf über. Herzls Tat: «Herzl wu,ßt_e,.. daßf:es;^ein,f Volk, .und .keine. Men.spherr ohne Land geben kann. E^ -braucbt es. nicht zu kennen, es lockt ihn vielleicht nicht, aber er muß wissen, daß es irgend in der Welt ein Land gibt, das für ihn und für die Seinen vorbestimmt ist. Das ist die Tat Herzls: er gab seinem Volke wieder das Gefühl der Heimat.» Hermann Bahr betrachtete es als große Ehre, über Herzl zu schreiben, und so oft er den Spuren Herzls begegnete, war er beglückt. So, wie er nur einmal mitteilte, während seines Amtes als Burgtheaterdirektor. Da konnte er den hier im Burgtheater aufbewahrten Briefwechsel Herzls als Dichter dieses Hauses kennen lernen. Ein Gestalter echten Judentums j Zur Ausstellung des Malers Philipp Friedrich Kaufmann in Wien Mit reicher, künstlerischer Ausbeute ist von einer viele Monate währenden Studienreise nach Karpathorußland der bekannte Maler Philipp Friedrich Kaufmann nach Wien zurfickgekehrt. «Nur wenige Schnellzugsstunden von einer Großstadt wie Prag mit ihrer modernen Zivilisation entfernt^ so erzählt er, «leben noch Glaubensgenossen in einer Primitivität und kulturellen Rückständigkeit, von der wir uns trotz unserer gewiß schwierigen Situation keine Vorstellung machen. Hier haben sich aber gewissermaßen als Protest gegen das äußere Elend echte jüdische Sitten und echtes Judentum noch in einer Weise erhalten, wie sonst wohl nirgends mehr. Aus der tiefsten Erniederung steigen diese Menschen kraft ihrer unerschütterlichen, jahrtausendealten Glaubens zur höchsten Höhe menschlichen Denkers und Fiihlens empor. DRUCKEREI jiücksfncuui WIEN, 17. & Jdfoie BEHEIMGASSE 77 - PEZZLGASSE 66 Tel. A-20-108, A-20-109 Verlangen Sie in .Ihrem . Interesse Offerte! Wie Moses Monlefioredem Zaren die Juden abhauftfe Erzählung von An-ski Der Dichter An-ski ist in Westeuropa hauptsächlich äurcli die f'as f legendär gewordenen Aufj führungen seiner dramatischen Legende «Der Dy buh» (Zwischen zwei Weiten) Und der chassidischeh Legende «Tag und Nacht» bekannt. Weniger kennt man ihn als. Verfasser einer Anzahl jiddischer, hebräischer und russischer Werke. Ebenso ist es fast unbekannt, daß dieser mystische Dichter zugleich einer der markantesten, bedeutendsten Revolutionäre im zaristischen Rußland war. Än-ski ist auchder Schöpf er des jüdischen Arbeiterliedes «Der Schwur». Im November 1920 starb An-ski in Wilna, knapp vor der Uraufführung seines Dybuk, der ihn unsterblich und die kurz vorher entstandene junge «Wilna er Truppe» weltberühmt machte. Die hier folgende Erzählung von An-ski von der stolzen, hilfespendenden Macht Moniefiores hat ihren Grund in der überaus großen Popularität, deren sich seinerzeit der große Philanthrop Sir Moses Montefiore bei den armen, unterdrückten Juden Rußlands, die er oft besuchte und die ihn wie einen Erlöser verehrten, erfreute. Unvergeßlich als einer der stärksten Theatereindrücke bleibt die wunderbare Wiedergabe dieser Legende in dem Stück «Benjamin, der Dritte» durch das G r an o w s k y sc h eK.ü n st l e r t h e at c r. r. ★ ★ ★ Kaum war die englische Königin zur Regierung gelangt und sollte gekrönt werden, richtete sie ein großes Tafelmahl und lud alle Könige und Fürsten der ganzen Welt ein, um sie bei dieser Gelegenheit kennen zu lernen. Sie berief an die Tafel auch die bedeutendsten Männer, die Grafen und die Minister ihres eigenen Landes und vor allem — versteht sich — den höchsten ihrer Ratgeber und Minister Reb Moses Montefiore. Als man zum Mahl gegangen war und die. Gäste von den köstlichen Weinen in gehobene Stimmung kamen, begannen die Könige von ihren Reichen zu erzählen. Einer rühmte sich damit, daß sein Land groß sei, der andere, daß er viel Gold und Silber besitze, der dritte rühmte sich seiner Macht und seiner Heeresstärke, der vierte — seiner Weisheit. Da trat der russische Kaiser Nikolai I. hervor und hob an: «Mein Land ist das größte in der Welt, mein, Volk, über das. ich herrsche, ist wie der Sand im Meere, der nicht gezählt werden kann. Und mit allem bin ich reich gesegnet. Nur ein Uebel ist da: in meinem Lande finden sich sehr viel Juden und ich weiß nicht, wie sie loszuwerden.» Es vernahm diese Worte Reb Moses Montefiore um* da sie ihn sehr verdrossen, ging er auf Nikolai zu, verneigte, sich vor ihm und sagte: «Adoni hamelech, Nikolai! Wenn ich recht verstehe, bist du nicht zufrieden, daß sich so viele Juden in deinem Reich befinden. Wenn dem so ist, kannst du dich ihrer bequem entledigen.». «Wii das?», fragte Nikolai «Ganz einfach: verkauf sie .mir. Ich will dir für jede jüdische Seele, sei es ein Greis, sei es ein Kind, sei es eine Frau, drei Rubel bares Geld, Assignaten,, bezahlen.» «Und du wirst die Juden aus meinem Lande nehmen?» «Alle, ausnahmslos.» Da freute sich Nikolai sehr, fürwahr: ein goldenes Geschäft! Losgeworden alle Juden und dazu noch fettes Geld bekommen! Gleich gab er seine Zustimmung und man kam überein, daß Montefiore in rund 3 Monaten nach Rußland kommen, laut Rechnung bezahlen und alle Juden mit sich nehmen werde. Nach Hause zurüekgekehrt, rief Nikolai alle Minister und Senatoren zusammen, und eröffnete ihnen: «Ich habe ein glänzendes Geschäft gemacht: verkauft alle Juden zu drei Rubel Assignation pro Kopf, also bares Geld.» Als die Minister und Senatoren dies vernahmen, faßten sie sich bei den Köpfen und schrien auf: «Gewalt, Adoni hamelech, was hast du getan? letzt fallen uns von jedem Juden,«ob Mannsbild, ob Frau, ob Kind, durchschnittlich gegen 40 Rubel jedes Jahr ab. Wirst du doch bettelarm werden, wenn du sie gegen einen solchen Kauf abgibst I» Da ward eS Nikolai klar, daß er hereingefallen war, und er fragte «Was fut man?» Begannen also die Minister und Senatoren darüber nachzudenken, wie man es anstellen könne, daß man die Juden nicht abgeben müsse. Und einer der Minister ließ sich vernehmen; «Adoni hamelech! Ich habe einen Rat gefunden, wie die . Juden bei uns bleiben sollen. Einen Juden kann man doch daran erkennen, daß er einen Bart und Pejes trägt und in langen Kleidern geht. Gib einen Befehl heraus, wonach alle Juden sich Bart und Pejes abscheren und kurze Kleider anlegen müssen. Danach wird niemand erkennen, daß sie Juden sind. Und wenn Montefiore kommt, wirst du.-, ihm die.Karaiten abgeben und sagen, daß es andere- Juden in deinem Lande nicht gebe.» - Der Rat gefiel Nikolai, und er gab gleich einen Befehl heraus, daß alle Juden Bart und Pejes abschneiden und kürze Kleider anlegen müßten. Als Reb Montefiore zur festgesetzten Zeit nach Petersburg kam, und mit dem Kontrakt im kaiserlichen Palais erschien, kam ihm ein Minister entgegen und sprach: «Als. echte Juden rechnen wir die Karaiten und andere Juden gibt es sonst nicht bei uns. Wenn du willst, nimm die Karaiten und bezahle laut Aufstellung.» Da war es Reb Montefiore gleich klar, daß man ihm die Juden nicht abgeben wolle. Er wurde böse, verabschiedete sich gar nicht und reiste zurück. Zu Sabbath machte er in Wilna Halt. Zu jener Zeit war in Wilna Statthalter der Graf Potocky. Als er erfuhr, daß Reb Moses Montefiore gekommen sei, machte er sich auf, ihn zu empfangen. Reb Moses Montefiore nahm ihn mit großer Ehrerbietung auf. Wie sie so saßen und sprachen, kam von Petersburg ein Reiter und brachte Reb Moses Montefiore einen Siegelbrief von Nikolai. Reb Moses nahm den Siegelbrief, beguckte ihn von allen Seiten und legte ihn abseits auf den Tisch. Da rief Graf Potocky aus: «Weshalb liest du nicht den Siegelbrief? Der Herrscherrespekt erfordert es, daß man einen kaiserlichen Siegelbrief sogleich öffne.» Reb Moses Montefiore antwortet: «Ich darf das Siegel nient öffnen, weil am Sabbath jedwede Arbeit streng verboten ist*» Nun ergreift Graf Potocky den Siegelbriet und will ihn öffnen. Aber Reb Moses Montefiore hält ihn ab und sagt: «Du bist ein großer Herr und überdies mein Gast, ich kann nicht zulassen, daß du dich herabwürdigst und meine Briefe öffnest.» Da ruft Graf Potocky einen seiner Diener herein und heißt ihn den Brief öffnen, und wie der Diener das Siegel löst, fällt er tot um, denn der Brief war ganz mit Gift gefüllt. Als Reb Moses Montefiore dies sah, ließ er gleich einspannen und fuhr weg. Zu Hause angelangt, begabt er sich unverzüglich zur Königin, fiel ihr zu Füßen und erzählte ihr alles, was ihm zugestoßen war. Die Königin geriet in Zorn und begann Krieg mit Nikolai. Von da her rührt der Sebastopoler Krieg,

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