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Die Stimme · 1934-01-19 · Heft 321 (19.1.1934) · page 2

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Journal
Die Stimme
Volume
7 (1934)
Issue
Heft 321 (19.1.1934)
Date
1934-01-19
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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«* I m Sette 3 > ■■ ..—- ptb stimme Nr. 321 — 19. Jänner 1934 AIISDEM DRITTEN REICH Jüdische Pässe eingezogen Pari», «pariser Tageblatt» erfährt, daß, nachdem ab 1. Jänner 1934 die Ausreisesichtvermerke abgeschafft wurden und jeder Inhaber eines deutschen Passes frei ins Ausland reisen kann, die Behörden in Bingen am Rhein sämtlichen jüdischen Einwohnern der Stadt die Pässe abnahmen, um sie zu hindern, ins Ausland zu gehen. ln Paris erregt es Aufsehen, daß Flüchtlingen aus Deutschland, die sich aufdem deutschen Konsulat wegen irgendeiner Auskunft einfanden, kurzerhand die Pässe abgenommen wurden, ln mehreren Fällen wurden jüdische Flüchtlinge unter irgendeinem Vorwände zum Konsulat geladen, wo man ihnen die Pässe abgenommen und ungültig gemacht hat. Sanitätsrat Dr. Alfred Ooldschmldt gestorben Berlin, ln der Nacht zum 15. Jänner starb im 69. Lebensjahre der Großsekretär der Großloge Deutschland des Ordens Bne Brith Sanitätsrat Dr. Alfred Goldschmidt. Der Verstorbene stammte aus Breslau. Eine Fanfare für Hans Pfltznef* Berlin. In der Zeitschrift «Die Musik* findet man ein «Fanfare für Hans Pfitzner» betiteltes Gespräch mit dem Komponisten, aus dem man erfährt, daß das Dritte Reich Pfitzner bisher vollkommen übergangen hat. Er wirkt nicht als Lehrer an einer der staatlichen Hochschulen oder Akademien, nicht als Dirigent oder Regisseur an einem der staatlichen Theater, er wurde nicht in den Staatsrat, nicht in die Musikkammer berufen und seine Werke werden weniger denn je aufgeführt. Pfitzner przählt, er habe ein Horst-Wessel-Drama entworfen und komponiert, eine nationalsozialistische Hymne geschaffen, ohne daß man von ihm Notiz nahm. Gekränkt berichtete er, er, Pflitzner, habe den Kampf gegen das Judentum zu einer Zeit geführt, da er noch gefährlich gewesen sei, und er habe an der nationalsozialistischen Weltanschauung mitgearbeitet. Der Jude Gustav M 4 h 1 e r hat Pfitzners erste Oper «Rose vom Liebesgarton* in der Wiener Hofoper und ßruno Walter seine Oper «Palästina* in Berlin zu Uraufführung gebracht Auch sonst wurde Pfitzner stark vön Juden gefördert. Er dankt, wie so viele andere, wie z. B. Richard Wagner, dessen Sieg ohne Hermann L e v i undenkbar wäre. Die Rechtsstellung der Juden ln Deutschland Der Regierungspräsident von Magdeburg, Professor Df. Hellmut Nicolai, der kürzlich zur Bearbeitung der Verfassungsfragen ins Reichsinnenministerium berufen wurde, veröffentlicht einen Leitfaden «Der Staat im Nationalsozialistischen Weltbild*, der auch die Stellung der Jugen im neuen deutschen Staat behandelt Nicolai macht eine Trennung zwischen den «Volksgenossen* und den «Volksfremden*, zwischen «Reichsangehörigen» und «Nichtreichsangehörigen». Die Kerntruppe des deutschen Volkstums bilden die «reichsangehörigen Volksgenossen». Eine weitere Gruppe sind die «volksfremden Nichtreichsangehörigen* (Ausländer), dann kommen die «nichtreichsangehörigen Volksgenossen» (Grenzlandsdeutsche und Ausländsdeutsche) und schließlich die «volksfremden Reichsangehörigen», d. h. alle deutschen Staatsangehörigen, die fremden Blutes sind, «also insbesondere die Juden, Wenden, Polen und Zigeuner, soweit sie sich im Besitz der Reichsangehörigkeit befinden». Die Gruppe der volksfreniden Reichsangehörigen erfährt eine Sonderbehandlung gegenüber den reichsangehörigen Volksgenossen. Diese Sonderbehandlung erstreckt sich auf zwei Gebiete: die staatsrechtliche Behandlung und den Rassenschutz. Als Grundsatz wird aufgestellt: Wer die Staatsangehörigkeit, also die rein juristische Zugehörigkeit zum deutschen Staat besitzt, behält sie auch im nationalsozialistischen Deutschland. Neben den reichsangehörigen Volksgenossen werden auch in Zukunft die volksfremden Reichsangehörigen «Reichsangehörige» bleiben und als solche unter dem Schutz des Reiches stehen. Jedoch wird es für sie nicht möglich sein, auch die Staatsbürgerschaft im engeren Sinne zu erhalten. Dieses Staatsbürgerrecht dürfen nur Deutsche bekommen, die sich durch Leistungen besonders bewährt haben. Eine besondere Behandlung werden die volksfremden Reichsangehörigen im nationalsozialistischen Staat auch insoferne erfahren, als ihnen der Zutritt zu öffentlichen Aemtern versagt ist. Auf der anderen Seite kommt zugunsten von fremdstämmigen Reichsangehörigen die Gewährung von Minderheitsrechten in Betracht. Neben die staatsrechtliche Sonderbehandlung der volksfreniden Reichsangehörigen haben im nationalsozialistischen. Staat die Rassenschutzmaßnahmen zu stehen. Zu verhindern ist die V e r m i s c b u n g von Deutschen mit Angehörigen fremder Rassen. Als fremde Rassen von einer außereuropäischen Abkunft werden angesehen: «Zum Beispiel Neger, Mongolen, aber auch Zigeuner und Juden, ohne Rücksicht darauf, ob sie die deutsche Reichsangehörigkeit besitzen.» Nicolai nennt folgende Maßnahmen zum Rassenschutz: 1. Verbot der Eheschließung Deutscher mit Fremdrassigen. 2. Verbot geschlechtlicher Vermischung mit Fremdrassigen. 3. Verhinderung der Einwanderung und Ausweisung Fremdrassiger. 4. Die Ausschließung von Berufen bezw. die Beschränkung ihrer Ausübung durch Fremdrassige Nicolai weist darauf hin, daß der Nationalismus der NSDAP, biologisch und rassenkundlich zu verstehen sei; auch das Recht sei rassenmäßig bedingt Das Ideal sei die «Aufnordung». Nicolai gibt die Zahl der Juden nach der Religion in Deutschland mit 610.000 an, die Zahl der «Nichtarier» im Sinne des Beamtengesetzes, d. h. der Menschen, von denen ein Großeltern teil Rassejude war, dürfte nach seiner Ansicht in Deutschland rund zwei Millionen betragen. Die Gesamtzahl der Judenstämmlingc schätzt er auf rund drei Millionen. * Der Ordinarius der Münchener Universität Prof. Doktor Qtto Koellreutter, Mitglied der Akademie für deutsches Recht, behandelt in seinem «Grundriß der Allgemeinen Staatslehre» die Judenfrage in dem Kapjtel über die nationalen Minderheiten. Er bemerkt, das eigentliche Mindcrheitejiproblem habe zur Voraussetzung, daß keine ausgesprochene Rassenfremdheit zwischen der Minderheit und dem staatsführenden Volke bestehe. «Die über die ganze Erde in der modernen Staat^nwelt verstreuten Juden bilden deshalb als Rassefremde in den einzelnen Staaten keine nationalen Minderheiten. Die Judenfrage ist ein ganz eigenartiges Problem und scheidet deshalb aus der Behandlung der Minderheitenfrage aus.» * Die jüdischen Handwerker Berün. Auf Grund einer am 24. November zwischen dem Reichswirtschaftsministerium und Vertretern des Zentralverbandes jüdischer Handwerker Deutschlands sowie des Reichsverbandes des Jüdischen Mittelstandes stattgefundenen Besprechung ist den genannten Organisationen auf die gestellten Fragen die nachfolgende schriftliche Antwort vom Reichswirtschaftsminister erteilt worden: Ein gesetzliches Verbot der Einstellung nichtarischer Lehrlinge bei arischen oder nichtarischen Meistern ist nicht ergangen. Es sind weder gesetzliche Vorschriften noch Richtlinien über die Zugehörigkeit von Nichtariern zu berufsständischen Organisationen erlassen worden, insbesondere ist der Ausschluß von Nichtariern aus solchen Organisationen nicht angeordnet worden. Der Ausschluß nichtarischer Unternehmungen von Arbeiten und Leistungen für staatliche und städtische Behörden ist gleichfalls reichsseitig nicht angeordnet worden. Beschwerden Über Boykottmaßnahmen gegen nichtarische Firmen sind an die übergeordneten Stellen derjenigen Stellen zu richten, die die Boykottierungsmaßnahmen veranlaßt haben. »lange $onderfalir^ nach POLEN? Abfahrt: 15, F«bCT 1934, Rückfahrt: 4. MSrz 1S34 Wie 1—Krakau gqy und retour $ «9 V Wien-Umberg und rntour > 90- Paß- und VisagebUhreu gratis! — Numerier e SlUp ätzo in beiden Richtungen, gehizta Pulun innwagen 9« ee^a ■ «« l’o nlachßs Vorkefarf-bUro 4| FRANCOPOL w“* gsssrM-1 „Oie Tragödie des Jüdischen Kindes in Deutschland44 Eine Zuschrift an «Die Stimme». Zu unserem Artikel unter obigem Titel schreibt uns ein Leser: «Der im „Stürmer“ verherrlichte Mord an dem Juden Selz aus Straubing hat sich schon Mitte März ereignet Morgens 5 Uhr fuhr ein Münchner Auto vor dem Hause von Stelz an. Diesem entstiegen drei rußgesehwärzte, bewaffnete Männer, läuteten, schoben den achtzigjährigen öffnenden Vater des Selz auf die Seite, holten den Sohn aus dem Bette und fuhren mit ihm davon. Der Zufall führte mich um 7 Uhr morgens an der Stelle vorbei, wo die „heldenhaften“ Jünglinge Selz hatten liegen lassen. Ein paar Bauern blieben kopfschüttelnd an der Waldecke stehen, wo auch ich meinen Wagen halten ließ. Was ich da gesehen, werde ich zeitlebens nicht vergessen. In einer großen Blutlache lag, notdürftig bekleidet, die Leiche. Der Schädel durch drei Gewehrkolbenschläge zertrümmert, ein Schuß durch den Kopf, ein Schuß durch die Hüften — ein grausiges Bild. Die Leiche wurde zwar am gleichen Tage von der Staatsanwaltschaft beschlagnahmt und die Untersuchung eingeleitet, herausgekommen ist dabei natürlich nichts. Nur der Rechtsanwalt Pfeiffer von Straubing, der Vertreter der Familie Selz, der sich um die Entwirrung des Morddunkels bemühte, wurde als Anerkennung dafür in das Konzentrationslager Dachau gebracht» Wichtig fUr Palästina reisende! Amerikanerin unterrichtet Englisch. Kasche und. praktische Methode. Handelskorrespondenz. Kleine Gruppen S 6.— monatlich. Einzeln mäßige Preise. — II., TabPrstraße 18/247 Tom Wlnior Stadtschulrat konzessioniert« Jüdische Kochschule •tiensr koscher. Leitung: C. .Schwarz. Diätkurse, ci ifache bf* lelnsfe Küche. Rohkost. Maf.onalsptisen, Anmeldungen. Auskünfte Wien. II Beau, Hoilandstiaße Nr. 2, III. Stiege, I|41 — Beginn eines neuen Abendkurses. Leonard Montefiore über die Lage itt Deutschland London. Der englisch-jüdische Board of Deputies hielt unter dem Vorsitz seines Präsidenten Neville L a s k i eine Sitzung ab, in der der Vorsitzende des Joint Foreign Committee (Kommission für auswärtige jüdische Angelegenheiten) Leonard G. Montefiore u. a. ausführte: In der antijüdisehen Gesetzgebung in Deutschland ist jetzt eine gewisse Pause eingetreten. An eine Wiedergutmachung des Unrechtes scheint aber niemand zu denken. Im unverfälschten Geist mittelalterlicher Barone scheinen einige Naziführer es dabei bewenden lassen zu wollen, daß die Juden zwar ihre Pflichten gegenüber dem Staate erfüllen, aber dennoch in einem geistigen und wirtschaftlichen Ghetto leben. .Zu befürchten ist, daß, wenn irgendeine Krisis eintritt, wir in Deutschland einen neuen krampfhaften Ausbruch des Antisemitismus erleben werden, da immer noch das Bestreben vorherrscht, die Un-, Zufriedenheit der Bevölkerung auf die Juden abzulenken. . Es ist darum falsch, zu glauben, daß m der deutschen Judenfrage eine Beruhigung, in dem Verfolgungssystem ein Stillstand eingetreten ist Nein, einzig die M e t h o d e n der nationalsozialistischen Propagandisten haben sich geändert, vielleicht verfeinert Unsere Pflicht ist und bleibt, . unseren englischen Mitbürgern über das, was in Deutsch- land vor sich geht, die ganze Wahrheit zu sagen. Umbildung der zionisti* sehen Exekutive? Jerusalem. Die Exekutive des Wclt-Misrachl teilt mit, daß der Misrachi-Weltverband sich offiziell an die Leitung der Zionistischen Weltorganisation ln London mit der Forderung gewandt hat, auf die Tagesordnung der bevorstehenden Sitzung des Zionistischen Aktionskomitees eine Aussprache über den Vorschlag zu setzen, daß die gegenwärtige Exekutive der Jewlsh Agency zurücktrete, um die Wahl einer Koalitionsleitung zu ermöglichen. Ferner schlägt Misrachi vor, daß sich das Aktionskomitee mit den misrachlstischen Forderungen, betreffend d& Einhaltung der religiösen Vorschriften ln Palästina, sowie mit Einwanderungsfragen, insbesondere mit der Art der V e rteilüng der Zertifikate und mit der Mittelst a^n ds s 1 e d I ung, befasse. ~ Inoffizielle Beratung in London L o n d o n. Am 10. d. M. wurde hier auf Einladung der Exekutive der Jewish Agency eine inoffizielle Beratung von Mitgliedern des Zionistischen Aktions-Comitees und des Administrative Committee der Jewish Agency abgehalten, zu der sich auch einige stellvertretende Mitglieder eingefunden haben. Von den Mitgliedern des Aktions-Comitees waren anwesend: Dr. Chaim Weizmann, Isaac N a i d i t sc h aus Paris, Dr. Mossensohn aus Tel-Awiw, Ing* J a c o b i aus London, F. B e r n s t e i n aus Rotterdam, Felix Rosenb 1 ü t h aus Palästina, J. L. C o h.e n, Morris M e y e r, Rev. G o 1 d b i o o m, Paul Goodman, Mrs. Goodman und das Unterhausmitglied Barnett J ä n n e r, alle aus London. Von r den Mitgliedern des Administrative Committee waren anwesend: Sir Osmond Elim d’Avigdor Goldsmid, Nevjlle Laski, Miss Nettic Adler, Dr. Martin Rosenblüth und einige Repräsentanten der englischen und der südafrikanischen zionistischen Föderationen. Die Beratungen nahmen einen ganzen Tag in Anspruch. Prof. B r o d e t s k y erstattete im Namen d<*r Exekutive einen eingehenden Bericht über iie gegenwärtige politische Lage, ln der Aussprache antworteten Locker und Brodetsky auf die aus der Mitte der Anwesenden vorgebrachte Kritik und eingereichten Vorschläge. Entschließungen wurden nicht . angenommen. ■4 ' Wie die Jüdische Telegraphen-Agentur erfährt, wurden ln der Beratung die von der Etxekutive der Zionistischen Organisation und der Jewish Agency im Zusammenhang mit . der jetzigen Politik der Palästina-Regierung, besonders hinsichtlich der Einwanderung im allgemeinen und der Arbeitereinwanderung im besonderen, ergriffenen und noch zu ergreifenden politischen Aktionen erörtert. Auch die Haltung der Regierung gegenüber den sogenannten illegalen Einwanderern, sowie sonstige Einwanderungsprobleme wurden in die Beratung gezogen. Schließlich wurden laufende wichtige politische Probleme, so z. B. die Frage des Bodenkaufes und der allgemeinen Politik der Exekutive, erörtert. Wichtig für Chaluzim! Amerikanerin unterrichtet Englisch. Rasche und praktische Methode. Handelskorrespondenz. Kleine Gruppen 8 6.— monatlich. Einzeln mäßige Preise. — II., T^horsttaße ih/247.

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