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Die Stimme · 1934-01-16 · Heft 320 (16.1.1934) · page 5

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Journal
Die Stimme
Volume
7 (1934)
Issue
Heft 320 (16.1.1934)
Date
1934-01-16
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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THE STIMME Srtfcf Nf. 820 — 16. Jtmtt 1984 H(andei de\ Zeiten VXok TaAtahtaHjtO' — viox atifklmaHdehfo&paMxlex Qvmm&Lom»i Von, &• £• l Nachdem Reb Elieser, Ben Haikefs Sohn, fn die Ewigkeit eingegnngen war, fand man unter seinen Kopfpolster einen Zettel folgenden Inhaltes: «Nach meinem Willen geschehe es, daß meine Kloder zu gleichen Teilen von dem mir gehörigen Walde Besitz ergreifen. Nach meinem Ableben sollen sie um den Friedhof herum ein Gitter aufstellen und das Dach des Tempels ausbessem fassen. Die heiligen Bücher vermache ich meinem Sohne Benjamin, der noch unbeweibt Ist, Gott schenke IJim ein langes Leben — die übrigen Söhne und Schwiegersöhne haben ihre Gebetbücher bereits erhalten, als sie unter die Chuppe gingen. Mein Weib, Gott schenke ihr noch viele Tage, soll nach wie vor, von ihren Kindern unabhängig, weiter Im Hause verbleiben; sie möge eine arme Waise zu sich nehmen, damit sie sich nicht einsam fühle. An den betreffenden Feiertagen möge sie die Broche über Wein und Brot machen. An Erbgut soll sie den anderen Erben gleichgestellt werden. Unabhängig davon.» Das Wettere war nicht zu entziffern. Augenscheinlich war der Zettel unter den Polster gesteckt worden, bevor die Tinte ausgetrockhet war, und dadurch Hatten sich die Schriftzeichen verwischt. II. . Reb Benjamin, Ben Eliesers Sohn, hatte schon ausführlichere Weisungen hinterlassen: «Meine Stunde hat geschlagen, und in Bälde werde ich meine Seele dem, der sie mir einst veif eben, der Herr ist über alle Seelen, empfehlen. Die Menschen erzittern vor Seinem heiligen Namen und vor Seinem Gericht, jedoch ich verlasse diese Weit, Gott behüte, ohne Furcht; erfüllt von einem tiefen Olauben in Seine Barmherzigkeit und erhoffe, daß Er mit mir nicht nach der ganzen Strenge des Gesetzes Moses’ verfahren wird, sondern so, wie es Seine große Barmherzigkeit erheischt. Denn ich bin mir dessen bewußt, daß ich des vollen Vertrauens Gottes unwürdig bin, denn meine Seele ist während ihres Wandels auf Erden nicht unberührt und unbefleckt geblieben.» Wir Übergehen die nachfolgende Beichte und die Ermahnungen an seine Kinder und lesen dann weiter: '«Meine Füße erkalten, mein Bewußtsein trübt sich immer mehr, und gestern widerfuhr mir etwas ganz Ungewöhnliches: In das Lesen der heiligen Schrift vertieft, schlummerte ich ein, und da träumte ich Seltsames durcheinander und das Buch entfiel meinen Händen. Da erwachte ich und begriff sogleich, daß das ein Fingerzeig Gottes war und daß ich abberufen werden sollte ... lieber meine wahren Verdienste auf dieser Welt will ich Vorläufig Schweigen bewahren, das wird mir unser Herrgott nach hundertzwanzig Jahren lohnen. Die Früchte meiner Taten werde ich vor dem Antlitz Jehovas ernten. Sein Wille geschehe — Amen! . . . Niemals hielt ich für mein, was ich nicht mit mir fterOtteJv nehme, Und Gött sieht es, ich lasse alles ohne Bedauern zurück. Joh lasse auch gar keine Bestimmungen wegen der Erbteilung zurück, da ich davon überzeugt bin, daß meine Familie, Gott möge ihr noch ungezählte Tage schenken, in Frieden und Eintracht beisammen bleiben wird, andernfalls aber über das Erbe nach Gesetz und Recht verfügen und keiner den andern, was Gott verhüten möge, flbervorteiten wird. ich verlange, daß meine Familie — mein Weib, meine Söhne und Schwiegersöhne, lang sollen sie leben — zwei Zehent ihrer Habe ausscheiden mögen. Sogleich nach meinem Ableben sollen sie eine genaue Aufstellung über alles Bewegliche als auch unbewegliche Gut, über die Wechsel und Schulden auf .Ehrenwort* machen und ein Zehent davon an Arme, in meinem Namen, für mein Seelenheil verteilen. Und nun sollen sie, von dem, was ihnen geblieben, das zweite Zehent in ihrem Namen abheben und den Armen geben, so wie ich es immer gehalten, indem ich den Unbemittelten stets den zehnten Teil meines Gewinnes zukommen ließ. Und außerdem soll von jedem Zehent noch drei Prozent darüber verteilt werden, denn es könnte sein, daß ihnen ein Irrtum unterlaufen wäre. Die bestimmten zwei Zeheht sollen nur an fremde Unbemittelte verteilt werden — unter gar keinen Umständen an Verwandte; Wieviel an arme Verwandte zu geben wäre, sollen sie selbst bestimmen, aber keinesfalls soll dazu von dem geerbten Gel de genommen werden, sondern sie müssen es aus selbst Erworbenem geben. Xi.. Friedländer & Deutsch Wie» t., HfllteaBietteagasse flr. t Tel. (1 »*1*28; entralfriedhef. neben dem I. Toi. Tel (1 IfMLM Grabsteine Auf meinem Grabstein soll nur mein Name und der meines gottseligen Vaters stehen. Uftd meine Söhne und Schwiegersöhne bitte ich, sich nicht allzu sehr mit irdischen Dingen zu befassen und vor allem danach zu streben, große Kaufleute zu werden, denn je reicher einer wird, desto eher hört er auf ein guter Jude zu sein — das gilt besonders für meinen Sohn Jehuda, bei dem ich einen ganz besonderen Hang zum Wohlleben bemerkte. Sehr viel Wert lege ich darauf, daß sie täglich mindestens eine Seite aus dem Talmud lesen — und einmal im Jahre mögen sie einen Wunderrabbi aufsuchen. Auch die Frauen sollen am Freitagabend und am Schabbes ihre Gebetbücher zur Hand nehmen — am Jahrestag meines Todes sollen meine Kinder den ganzen Tag in der heiligen Schrift lesen und die Frauen sollen Almosen verteilen — aber was die Hauptsache ist — im Stillen, ohne Aufsehens davon zu machen. III. Nachdem Moritz Benditsohn (der älteste Sohn Benjamins) das Zeitliche gesegnet hatte, fand man folgende, in polnischer Sprache geschriebene Verfügungen vor: «Man sende nach Paris ein entsprechendes Telegramm und man warte mit der Beerdigung bis zur Ankunft meines Sohnes. Zehntausend Rubel vermache ich dem Verein gegen Armut und Bettelei, jedoch die Prozente von diesem Kapital haben alljährlich an meinem Todestage an Unbemittelte verteilt zu werden. Zehntausend Rubel stifte ich für ein Spitalsbett, jedoch mit der Bedingung, daß diese Stiftung meinen Namen tragen möge. Bei meiner Leichenfeier sollen viel Almosen verteilt werden. An alle Talmud-Thoraschulen sollen Spenden geschickt werden — und die Melameds (Lehrer) mit den Schülern sollen meinem Sarge folgen. Man nehme einen frommen gelehrten Juden auf, der Kaddjsch nach mir sagen soll. Mein Grabstein soll im Auslande' bestellt werden, und zwar nach der von mir selbst ausgewählten Musterzeichnung. . Der Chewra Kaddiscba soll alljährlich eine bestimmte Summe ausgesetzt werden und dafür hat sie die Pflege meiner Grabstätte zu Übernehmen. Die Firm* soll fortan den Namen «Benditsohn’s Sohn» führen. Was nun weiter . . .» Wir sparen uns die detaillierte Aufstellung des Nachlasses, der fälligen und nicht eingelösten Wechsel und der Weisungen, die die Fortführung des Geschäftes betreffen. IV. «Ich, Benditsohn’s Sohn, gehe aus dieser Welt weder vor Freude, noch vor Kummer, sondern, weil ich ihre Leere nicht mehr ertragen kann ... Die Welt ist eine furchtbare Maschine. Jedes Rad erfüllt seine eigene Bestimmung und leistet daher die entsprechende Arbeit. Nützt sich ein Rad vorzeitig ab oder hat es irgendwie Schaden genommen — so hört es auf, ein Bestandteil der Maschine zu sein; dann verläßt es das Weltall und versinkt in Nichts . . . Ich kann deshalb nicht länger leben, weil ich auf Erden nichts mehr zu tun habe. Ich bin zu nichts mehr nütze, weil ich meine Frist abgelebt habe. Ich habe die Schale der Genüsse, die mir vom Geschick bestimmt waren, bis zur Neige geleert, ich habe von allem gekostet und alles verschlungen, wonach mich verlangte. lim s 16*— daa ist der Jahresabbonementpreis für den Bezug der «Stimme», Im voraus befahlt, nehmen Sie an dem Preisausschreiben d e r <S t i m m e> teil und erhalten so die Chance einer tiratlsfahrf zu Ostern und zur Levante-Nesse nach lel-Awiw Sichern Sie sich rechtzeitig die Teilnahme an diesem großen Preisausschreiben der «Stimme» durch sofortiges Einzahlen des Jahresabonnements vop S 16.—. Die Durchführung der Reise hat das Weltreipeburenu «Com pass Tour-\ Wien, IX., Spitnlsnsse 3, inne. tO. •*•••••••* Man hat mich vieles gelehrt, man vergaß mich aber za lehren, wie man leben müsse, um das Leben nicht za ver* prassen. Es gibt nichts auf der Welt, was imstande wäre, mich an eich zu fesseln, mich zurückzuhalten ... An nichts hat es mir gefehlt, was je für mich von Wert und Bedeutung gewesen wäre — mir fiel alles von selbst in den Schoß — ohne Mühe, ohne Kummer, ohne Sorge — mir flog sozusagen alles entgegen . . . Alles, was ich mir nur irgend wünschte und auch di« Männer — Männer, so wie die Weiber . . . Alle umschmeichelten mich, aber ich hatte keinen einzigen wahren Freund. Die Frauen verwöhnten mich, doch keine verstand es, sich mir unentbehrlich zu machen . . « Mir war ein großer Reichtum als Erbe meiner Vorfahren in den Schoß gefallen und dieser Reichtum wuchs und vermehrte sich, ohne daß ich meinerseits nur das geringste dazu beitrug. Der Reichtum wuchs solcherart, daß er zuletzt mich selbst überragte. Wie oft krampfte sich mein Herz bei dem Wunsche zusammen, wenigstens einmal im Leben das harte Muß der Arbeit auszukosten . . . Statt dessen verschrieben die Aerzte Bewegung, Sport und Zerstreuung . . . aber nur nicht da« Eine, Richtige — normal zu leben und meine Pflicht zu tun. Viele Länder habe ich durchstreift, aber keines von ihnen wurde das Land meiner Sehnsucht, viele Gegenden haben mich entzückt, doch keine hat mich dauernd gefesselt . . . Ich sprach fließend mehrere Sprachen, aber keine war mir Muttersprache — ich warf mit leeren Worten um mich, wie mit Bällen. Ich wechselte meine Heimatszuständigkeit so unbefangen, wie man Handschuhe wechselt. Die ganze Welt gehörte mir, ich war jedoch zu unbedeutend, um sie festzuhalten und nicht stark genug, um sie zu umfangen — ebensowenig war ich zum Herrscher 4e»>. Weltallsausersehen. Und das, wonach mich möglicherweise gelüstet hätte,, fiel mir von selbst in den Schoß. Es war einfach alles für mich da, alles stand mir ztt. Gebote — und galt es, einmal etwas erreichen zu wollen —• so verhalf mir mein Reichtum dazu. Alles — das Lächeln auf dem Antlitze meines Freundes . . . den ersehnten Kuß von blühenden Lippen . . . nicht zuletzt die Befreiung vom Kaddischsagen um meinen Väter — dies alles habe ich mir um schnöden Mammon erkauft... Aber die Seligkeit des freiwilligen Gebens und Schenken« — die hat mich niemand gelehrt .... , ■ Das Unbedeutende wurde für mich mehr als bedeutungslos, das Erhabene hat zuletzt — erdrückend auf mich gewirkt 1 Ich sterbe, da ich unfruchtbar an Leib und Seele bin. In mir ist nichts, was eigentlich lebt, oder Leben spendend, sein könnte . . . Schon längst habe ich eigentlich zu leben aufgehört und das Leben als solches zu genießen — nun ist es mir’ vollauf zum Ekel geworden. Man ging mit mir um, ungefähr so, wie der Bauer mit seinem Schwein: man mästete mich . . . Jedoch — der Bauer schlachtet sein Schwein, wenn es genug Fett angesetzt hat, mich dagegen zwingt man, mich selbst umzubringen und ich habe nicht die Kraft, mich diesem Zwang zu widersetzen. Das Zyankali steht vor mir auf dem Tisch — der letzte Trank, bestimmt, mich für immer trunken zu machen aus d i ese r Trunkenheit werde ich nicht mehr erwachen... Ob es wohl am Platze ist, daß ich Verfügungen übet mein Vermögen treffe? Doch wozu — es wurde mir ja ntjfr zum Fluch ... Habe ich vielleicht noch irgend jemand etwas xu danken? Nein, — denn ich habe Jedem und für ein jedes be«i zahlt ... Sogar für den letzten Trunk . . (Aus dem Russischen übertragen von Raja Barber.) Das Urteil Im Prozefi Popper In der vergangenen Woche ist der Prozeß gegen den ungetreuen Verwalter der Kultusgemeinde Max Popper sowie gegen seine Frau und die Beamtin Bernat durchgeiührt worden. Popper war der Unterschlagung, die Mitan-r geklagten der Beihilfe beschuldigt. Der Gerichtshof erkannte die drei Angeklagten als schuldig und verurteilte Max Popper wegen Veruntreuung und Betruges zu achtzehn Monaten schweren Kerkers, Karoline Bernat und Elisabeth Popper wurden wegen Mitschuld am Betrug, und zwar Karoline Bernat zu fünf, Elisabeth Popper zu zwei Monaten strengen Arrest bedingt mit dreijähriger Bewährungsfrist verurteilt Wir kommen auf den Verlauf dieses Prozesses und sein« Vorgeschichte noch zurück. Hörer des Hebräischen Pädagogiums erteilen Unterricht in Neuhebräisch, Bibel, Talmud und Vorbereitung fiir Bar-Mlzwah. Auskunft und gefl. Zuschriften an den WA AD dpr Hörer des fiebröiecbeu Pädagogium*, Wien, XL, 3, 3. Stock, tägl. v. 11 bis 12 Ühr vorm.

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