Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 7 (1934)
- Issue
- Heft 320 (16.1.1934)
- Date
- 1934-01-16
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 320 — 16. Jänner 1934 Df E. STIMM? Seit« t AUS DEM dritten REICH l Die Tragödie des indischen Kindes ln Deutschland Der Boykott Die Pressekorrespondenz des Deutschen Auslandsinstitutes in Stuttgart» berichtet aus Lod2: Der Deutschenboykott in Lodz durch, die Juden dauert fort. Wenn er auch nicht immer in aller Oeffentlichkeit durchgeführt wird, so sorgt das Judentum doch im geheimen uni so energischer für die Erfüllung des Boykottbeschlusses durch die Juden. Die deutschen Firmen sowie die deutschen Vertreter reichsdeutscher Fabriken versichern, daß ihre jüdischen Abnehmer nur im äußersten Notfall von ihnen kaufen, d. h. wenn sie die betreffenden Waren nirgends sonst erhalten können. Vor kurzem wurde in einem Lodzer Kino ein Kiepura-Filin aufgeführt. Von jüdischer Seite wurden Handzettel in den Straßen verteilt, die zum Boykott dieses Films aufforderten, da er ein deutsches Erzeugnis sei. Auswanderung jüdischer Firmen soll verhindert werden Berlin. Die fortdauernde Uebertragung von durch Juden geleiteten Unternehmungen in das Ausland wird in Wirtschaftskreisen mit beträchtlicher Besorgnis verfolgt. Mehrere jüdische Firmen aus der Textil- und der Stahlindustrie, die ihre Tätigkeit naoh dem Auslande verlegt und ihre hochwertigen Maschinen mitgenommen haben, machen jetzt im Ausland dem deutschen Export Konkurrenz. Besonders die Rasierklingenindustrie Solingens ist dadurch stark betroffen worden. Der Stadtrat von Solingen, dem Zentrum der deutschen Stahlindustrie, fordert die Regierung auf, die Verlegung deutscher Fabrikationszweige nach dem Auslande zu unterbinden. Ein jüdisches Testament für Judengegner München. Der «Völkische Beobachter» teilt mit: «Kürzlich wurde auf dem Notariat in Weilheim der auf Murnau bezügliche Teil des Testaments des in Hochried verstorbenen Amerikaners Dr. James Loeb eröffnet. Die Gemeindeverwaltung Murnau erhält 20.000 Dollar zur Errichtung einer Stiftung für Bedürftige und Kranke. Verwalter Müller erhielt 25.000 Dollar. Auch alle Angestellten mit zehn und mehr Dienstjahren wurden reich bedacht. Außerdem ist im Testament verfügt, daß alle Schuldscheine, die im Nachlaß liegen, geschenkt werden.» «Arische» Bekleidungsindustrie Berlin. Vor kurzem haben sich arische Konfektionsfirmen in einer Arbeitsgemeinschaft deutsch-arischer Fabrikanten der Bekleidungsindustrie (Adefa) zusammengeschlossen. Ueber eine von diesem Verband in Berlin eröffnete Ausstellung wird berichtet, daß für die Produkte der der Arbeitsgemeinschaft angehörenden Betriebe ein gesetzlich geschütztes Kennzeichen eingeführt wurde, das der Kundschaft Gewähr dafür biete, daß das betreffende Kleidungsstück durch deutsche Arbeitshände und deutschen Unternehmergeist hergestellt wurde. Uebergang jüdischer Geschäfte an Arier Gemäß einer neuen Verordnung der Regierung sind Mer, die jüdische Geschäfte oder Geschäftskonzerne übernehmen, von der üblichen, sehr hohen Uebertragungssteuer befreit Arische Firmen, die diese Steuern bereits entrichtet haben, haben Anspruch auf Rückvergütung. In der Begründung zu der Verordnung wird gesagt, dieses außergewöhnliche Privilegium liege im Interesse des nationalen Wiederaufbaues. InUnterwasser, in der Nähe von Mannheim, wurde eine Schule zur Ausbildung nationalsozialistischer Kommissare für die Verwaltung ehemals jüdischer Warenhäuser eröffnet. Das Landgericht Breslau hat die Bezeichnung «Christliches Spezialgeschäft» einer offenen Handelsgesellschaft untersagt, in der ein Gesellschafter getaufter Sohn aines Juden war. In dem Beschluß heißt es: Auf die Rassenzugehörigkeit, nicht aber auf das Bekenntnis kommt es an. Deshalb sei die Bezeichnung «Christliches Spezialgeschäft» irreführend und zugleich sittenwidrig. Gegen die jüdischen Bauern in Deutschland Das «Lausitzer Kampfblatt» fordert alle jüdischen Bauern in Deutschland auf, unverzüglich ihren Boden zu verlassen, uni Deutschen Platz zu machen; tun sie es nicht, dann werde physische Gewalt angewendei werden müssen. Die Zeitung reproduziert Photos von auf dem Lande arbeitenden Juden und erklärt, Arbeit von Juden auf deutschem Boden sei eine Provokation; auf deutschen Boden gehören nur Deutsche. Keine Sonderstellung jüdischer Handwerker Karlsruhe. Der Deutsche Handwerks- und Gewerbe- Ramniertag hat die deutschen Handwerks- und Gewerbekammern darauf hingewiesen, daß nach dem Willen der berufenen Regierungsstellen eine Sonderstellung nichtarischer Handwerker bei der neuen berufsständjschen Ordnung nicht zu erfolgen hat. Insbesondere sollen auch jüdische Jugendliche von der handwerklichen Berufsausbildung nicht ausgeschlossen werden. Für die Zukunft des jüdischen Handwerkerstandes in Deutschland hat dieses Rundschreiben große Bedeutung. Die deutsche Gesetzgebungsmaschine arbeitet mit großer Intensität. Auf dem Gebiete der Wirtschaft kann Deutschland keine Erfolge erzielen und der deutsche Export geht von Monat zu Monat mehr zurück. Da das Volk aber in Atem gehalten werden muß, regnet es Gesetze und Verordnungen. Insbesondere der Jugend nimmt sich die nationalsozialistische Regierung an. Da wird exerziert und da werden Nachtübungen veranstaltet und wohin man in Deutschland kommt, überall sieht man Kinderaufmärsche. Sehr besorgt ist die deutsche Reichsregierung darum bemüht, daß die deutschen Schulkinder sich ihr Ahnenkästlein anlegen. Da müssen die Eltern den Kindern den Stammbaum aufzeichnen und an Eides Statt die Erklärung abgeben, daß die Großmutter wirklich rassenreine Arierin gewesen ist. Die deutsche Jugend von heutzutage wird von den Nationalsozialisten im Haß gegen alles erzogen, was nicht nationalsozialistisch ist, aber ein geradezu blutrünstiger Haß wird den Kindern gegen das Judentum eingeimpft. Die jüdischen Schulkinder müssen in vielen Schulen auf eigenen Judenbänken sitzen und der Lehrer ruft sie z. B. folgendermaßen auf: Jude Kohn, Jüdin Löwy usw. Ein wichtiger Unterrichtsgegenstand ist natürlich die Rassenkunde. Praktisch wird das oft so gemacht, daß der Lehrer ein jüdisches Kind auf das Podium ruft und den arischen Kindern unter höhnischen Bemerkungen an dem armen jüdischen Kind die Rassenmerkmaie der jüdischen Rasse zeigt. «The Jewish Chronicle» brachte kürzlich den Bericht eines Engländers, der aus Deutschland kam. Dem Berichterstatter erzählte ein lOjähriger, jüdischer Knabe, daß er in der Pause mit den Kindern nicht mehr spielen könne, sondern sich versteckt halten müsse, da ihn seine arischen Mitschüler verhöhnen und verprügeln. Der Berichterstatter sah im Hefte eines jüdischen Schulkindes folgende, vom Lehrer diktierte Notizen über | Staatsbürgerkunde: «Die Juden sind nicht nur eine minderwertige Rasse, sie sind noch wenigeralsdas. Die Juden sind Gäste in Deutschland und Du weißt, was man mit mißliebigen Gästen macht — man sagt ihnen, daß sie schauen sollen, zu verschwinden.» In einem anderen Hefte, u. zw. im Geschichtsheft eines Schulkindes, fand er folgende Aufzeichnung: «Karl Marx war ein galizischer Jude und der Gründer der sozialdemokratischen Partei.» Ein anderes Kfnd beklagte sich bei dem Berichterstatter, daß bei'dem allmonatlichen Schulausflug die arischen Mitschüler singen: «Wenn’s Judenblut vom Messer spritzt, dann geht’s nochmal so gut.» Man sieht also, welch infernalischer Haß den christlichen Kindern in Deutschland gegen die jüdischen Kinder eingeimpft wird. Daß das systematisch gemacht wird, kann man täglich aus den nationalsozialistischen Zeitungen ersehen. Vor allem ein Blatt, das wohl das blutrünstigste unter allen nationalsozialistischen Preseerzeugnissen ist, tut sich hiebei besonders hervor. Es ist dies die von dem wütendsten Judenhasser, Streicher, dem Leiter des Boykotts am 1. April 1933, in Nürnberg Erklärung der Berliner zionnistischen Vereinigung Der Hauptvorstand der Berliner Zionistischen Vereinigung veröffentlicht folgende Erklärung: Der Vorstand der Jüdischen Gemeinde, der nach unserer Ueberzeugung seine Position planmäßig zur B ekämpfung der zionistischen Bewegung ausnutzt, hat eine Versammlung mit dem Thema: «Stellung der Jugend zur Gemeinde» in die Synagoge Fasanenstraße einberufen. Für diese Versammlung sind lediglich antizionistische oder nichtzionische Redner bestellt worden. Ein Ersuchen der Berliner Zionistischen Vereinigung, auch Vertreter der zionistischen Jugend zu Worte kommen zu lassen, wurde vom Vorstand der Gemeinde abgelehnt, obwohl die zionistische Gruppe einen sehr großen Teil der Berliner;üdischen Jugend umfaßt. In dieser Haltung erblickt der Hauptvorstand der Berliner Zionistischen Vereinigung einen Mißbrauch der Synagoge zum Zwecke parteipolitischer Kundgebungen, gegen den er aufs nachdrücklichste protestiert. Kundgebung der jüdischen Jugendverbände Der Reichsausschuß der jüdischen Jugendverbände teilt u. a. mit: Die Absage des Vorsitzenden des Führerrates Dr. Friedrich B r o d n i t z, auf der Veranstaltung der Berliner Jüdischen Gemeinde am Mittwoch, den 10. d. M., über «Die Stellung der Jugend zur Gemeinde» zu sprechen, erfolgte auf Grund eingehender Beratung im Führerrat. Anlaß war die Bekanntgabe eines Schreibens der Veranstalter, worin sie die Bitte der zionistischen Jugendbünde, einen von ihnen benannten Vertreter als Redner zuzulassen, a b 1 e h n t e n. Der Reichsausschuß wird in kurzer Zeit mit einer Kundgebung gleichen Themas mit Rednern sämtlicher wichtigen Richtungen der jüdischen Jugendbewegung 'w die Oeffentlichkeit treten. herausgegebene Zeitung «D e r S tü r m e r». Ein Presseprodukt gleichen Namens erscheint in Wien, ohne daß sich bisher in Oesterreich ein Staatsanwalt gefunden hätte, der dagegen eingeschritten wäre. Der Nürnberger «Stürmer» berichtete nun kürzlich, daß man in einem Wald in der Nähe von Straubing in Bayern die Leiche des jüdischen Pferdehändlers Selz aus Straubing mit mehreren tötlichen Schußverletzungen aufgefunden habe. «Der Stürmer» erklärt, daß Selz ein Wucherer gewesen sei. Das ist sicherlich erlogen, denn «Der Stürmer» weiß nichts von einer gerichtlichen Untersuchung zu erzählen. Der unglückliche Selz wurde einfach gekillt und irgendein arischer Pferdehändler" ist damit einen Konkurrenten los geworden. «Der Stürmer» gibt nun ohne Umschweife zu, daß Selz ermordet wurde, aber es sei ihm recht geschehen, er sein ein Wucherer gewesen. Damit scheint aber dem «Stürmer» noch zu wenig gesagt zu sein. Er muß noch aus der Tatsache, daß er den Mord an einem unschuldigen Menschen gutheißt, moralische Schlußfolgerungen ziehen, Schlußfolgerungen, die eben nur aus einer sittlich so. verrotteten Anschauung kommen können, wie sie in Deutschland zur Schande des deutschen Volkes Gemeingut weiter Kreise geworden ist. «Der Stürmer» schließt nämlich seine Betrachtungen über die Ermordung des Juden Selz wie folgt: «Und welchen Tod er gestorben Ist! Und die deutsche Jugend wird sich freuen, daß über den Juden Selz und über seine Rasse die Vergeltung kam, daß sie so kam, wie sie nach den Gesetzen der ewigen Gerechtigkeit kommen mußte.» Die Jugend soll sich also darüber freuen, daß ein Jude Selz ermordet wurde, und daß über seine Rasse die Vergeltung kam, d. h. es ist eine nationale Tat, die Juden zu morden. Hitlerjungen und Hitlermädels, nehmt Euch ein Beispiel an den Mördern des Juden Selz! «Der Stürmer» ist wohl das schandbarste Presseprodukt, das jemals in deutscher Sprache gedruckt wurde, und man muß nur hoffen, daß die Gesetze der ewigen Gerechtigkeit, von denen er spricht, anders aussehen, als er es meint. Die Nationalsozialisten dn Deutschland haben in der Bekämpfung des Judentums durch Verfolgungen, Einkerkerungen, Folterungen und Ermordungen den Gipfelpunkt der Roheit erreicht. Aber all dies wird noch übertrumpft durch die Roheit, milder die Nationalsozialisten gegen die Seelen unschuldiger jüdischer Kinder wüten. Auch wir rufen nach Vergeltung, aber nicht1 in dem Sinne wie das Nürnberger Schandblatt. Wir meinen, daß einmal die Zeit kommen wird, wo das deutsche Volk erkennen wird, wie sein Name durch den Nationalsozialismus geschändet wurde, und die Vergeltung wird dann in der Wiedergutmachung des schrecklichen Unrechtes bestehen, das deutsche Menschen ihren jüdischen Mitbürgern und insbesondere unschuldigen jüdischen Kindern zugefügt haben. Jüdische Darlehenskassen in Deutschland ., Berlin. Der Ausbau der jüdischen Darlehenskassen durch die Zentralstelle für jüdische Darleihenskassen konnte im abgelaufenen Geschäftsjahr in weitestem Umfange gefördert werden. Während in den letzten fünf Jahren in Deutschland etwa 20 -leistungsfähige Ortsdarlehenskassen gearbeitet haben, konnten 1933 rund 40 Kassen neu gegründet, bezw. ausgebaut werden. Zur Zeit bestehen in Deutschland zirka 60 jüdische Darlehenskassen, deren Kapital zusammen mit dem Kredit der Foundation und des Joint siah auf etwa eine Million Reichsmark beläuft. Die Zentralstelle betrachtet es als ihre dringendste Aufgabe, in den nächsten Monaten in allen größeren jüdischen Gemeinden, in denen noch keine Darlehenskassen bestehen, Darlehenskassen zu gründen und außerdem den Ausbau der Bezirksdarlehenskassett zu beschleunigen. Boxkampf Schmehng—Lewinsky abgesagt New-York. Sensation erregt hier die Tatsache, daß der für den 16. Februar angesagt gewesene Boxkampf zwischen Max Schme 1 ing und dem Amerikaner Lewinski abgesagt wurde. Eingeweihte versichern*, daß der Reich*- kanzler Hitler es Schmeling, der bekanntlich in die S. A. eingetreten ist, verboten hat, mit einem «Juden» zu kämpfen. Bekanntlich wurde der Exweltmeister Schmeling vor einigen Monaten von dem Juden B a e r in New-York k. o. geschlagen. Boykott-Terror in Warschau Warschau, ln mehrere jüdische Geschäftsläden wurden Flaschen mit stinkender Flüssigkeit, in einigen Fällen mit Salzsäure, geschleudert, wodurch großer Schaden angerichtet wurde. Die Polizei sucht die Urheber unter den Anhängern der aufgelösten Organisation des «Nationalsozialistischen Lagers von Groß-Polen»«