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Die Stimme · 1934-01-12 · Heft 319 (12.1.1934) · page 5

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Journal
Die Stimme
Volume
7 (1934)
Issue
Heft 319 (12.1.1934)
Date
1934-01-12
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr. 319 — 12. Jänner 193# DIR STIMME Jrife 8 KUNST UND LITERATUR Jüdische Musik von Joachim Stuischewsky, Wien Die schöpferischen Kräfte des Judentums sind gerade in bezug auf Entwicklung einer eigenen Kunstmusik jahrhundertelang versiegt gewesen, ln den Tempelgesängen und der Volksmusik besitzt das Judentum zwar ausgeprägte musikalische Aeußerungen seines schöpferischen Gen us, doch fehlte dieser Musikübung lange Zeit der Wille zur künstlerischen Gestaltung, die Durchdringung und die Durcharbeitung des Stoffes zur Kunstform, zum Kunstwerk. Im letzten Jahrhundert haben wohl Komponisten jüdischer Abstammung in der klassischen, romantischen und besonders in der neuzeitlichen Musik Bedeutendes geschaffen, doch gab es bis vor kurzem unter ihnen nur wenige, die innerhalb der jüdischen Gemeinschaft standen; de meisten fühlten sich weder innerlich noch äußerlich mit dem Judentum verbunden. So kommt es, daß d<e Werke von Mendelssohn, Meyerbeer, Halövy, Rubinstein, Mahler und S.’hönberg als deutsche, russische, französische Musik ihre Geltung erlangt haben. Mitten zwischen fremden Kulturen lebend, ausschließlich bemüht, sich der Kunst- und Geschmacksrichtung anderer Völker anzupassen, diese zu fördern, standen und stehen diese Musiker außerhalb der Geschehnisse ihres Volkes, sind dessen Wesen so gänzlich fremd geworden, daß sie nicht mehr Repräsentation, ihre Werke nicht unmittelbarer Ausdruck des jüdischen Volkswesens sein können. Der unbewußte Einfluß des Blutes und des Geistes vieler Generationen darf und soll auch in diesen Werken nicht geleugnet werden. Aber was wir suchten, wünschten und noch immer erstreben, ist keine europäische Musik aus jüdischem Geist, keine jüdische Musik aus europäischem Geist, sondern eine jüdische Musik aus jüdischem Geist und jüdischem Empfinden, eine Musik, die den Charakter des Lebens, die Gemütsart des jüdischen Volkes auszudrücken und zu formen vermag. Erst die Epoche der Renaissance, die im Judentum ein neues Ideal geprägt hat, den Juden aus seiner Zwiespältigkeit herauszureißen und in eine neue Wirklichkeit zu stellen 6ucht, konnte auch die Kräfte für eine eigene Musikäußerung von manchen Hemmungen und Einflüssen , befreien. Ein Blick auf die inzwischen zurückgelegte Entwicklung lehrt, in welchem überraschenden Tempo sich die Jüdische Musik in Form und Inhalt bis zur Selbständigkeit emporgearbeitet hat. Wir überblicken bereits drei Epochen: Sammlung der Volksmusik, deren Verwertung und Ausnützung, und das freie, selbständige Schaffen. Das Nächstliegende war das Sammeln und Bearbeiten von Volks- und synagogalen Melodien, neuen Stoff zu finden, das Bewußtsein für ihn im jüdischen Musiker zu wecken, seine Phantasie zu beleben und ihr einen neuen, starken Impuls zur jüdischen Musik und ihrer Eigenart zu geben. Viele Werke sind entstanden, die im jüdischen Geist, im jüdischen Empfinden verwurzelt sind und vom jüdischen Melos und Rhythmus getragen werden. Die meisten dieser Werke erweisen die Lebenskraft e ner jüdischen Musik. Es ist nicht das erstemal im Verlaufe der Musikgeschichte, daß aus bescheidenen Anfängen, aus dem Wesen der Volksmusik im Laufe von Jahrhunderten eine selbständige Kunstmusik sich entwickeln konnte. Auch in der «jüdschen Musik» dokumentiert sich von neuem die Gesetzmäßigkeit einer solchen Entwicklung. Die Tatsache jedoch, daß die jüdischen Musiker die folkloristische Periode so rasch hinter sich hatten, ferner die Tatsache, daß wir bereits so viele Kompositionen eigenschöpferischer Potenz von hoher musikalischer Natur besitzen — die Musik eines jeden Volkes bedurfte im Anfangsstudium der befruchtenden Einwirkung fremder Werke — beweist die Möglichkeit eines jüdischen Stils in der Musik zur Genüge. Es ist nicht gut möglich, daß die jüdische Musik, die erst auf ein Vierteljahrhundert Entwicklung zurückblickt, heute bereits ein geschlossenes und ausgeprägtes Bild aufweise, welches annähernd mit der Musik anderer großer Völker vergleichbar wäre. Aber übersehen wir nicht: dort liegt eine Entwicklung von Jahrhunderten, bei uns eine solche von wenigen Jahrzehnten. Daß die vollkommenste Erfüllung einer jüdischen Musik erst in Palästina möglich se:n wird, steht außer Zweifel. In der palästinensischen Landschaft, der Kultur des neuen Lebens und der hebräischen Sprache, dort wird auch der Musiker die innere Haltung finden, die seine Empf'ndungswelt und Phantasie befruchtet und die Entfaltung des Talentes in vollem Maße zur Auswirkung bringt. Aber zunächst wird auch dort eine musikalische Atmosphäre geschaffen, die Masse zur Musik herangezogen, die Musik mit dem Leben stärker verbunden werden müssen. Die Situation des jüdischen Musikers ist gerade deswegen eine ganz besonders komplizierte und erschwert sein Dasein in ungeheurem Maße, weil für ihn als Bedingungen des Lebens und Schaffens äußerlich und innerlich abnormal sind. Er muß schwer um die Geschlossenheit und Einheitlichkeit zwischen Einfall, Intuition und Formung ringen, damit er nicht der ihn umgebenden Kultur, den andersartigen Einwirkungen — die oft den täglichen Lebensanforderungen näher sind — unterliegt. Vieles, was um ihn herum geschieht, ist eine Negierung seines Judentums. So muß er sich eine eigene* innere Welt schaffen, die ihm ermöglichen soll, den eigenen Empfindungen und Vorstellungen nachzugehen. Aber jedes Werk sucht naturgemäß den Widerhall im Volke. Und wenn dieses Echo ausbleibt, droht die vom jüdischen Künstler zusammengezimmerte Welt einzustürzen. Die Gemeinschaft mit dem Volke, nach der sich jeder produktive Mensch sehnt, deren es bedarf, ist PURIM-KARNEVAL gerade für den jüdischen Musiker das Rückgrat seines Schaffens, seiner Existenz. Von anderen Völkern als Fremdkörper empfunden, meistens miß- und unverstanden, hat der jüdische Komponist gewiß das volle Recht, besondere Berücksichtigung und Anerkennung seitens seines Volkes zu erwarten. Wir wollen, daß die jüdische Musik in das Zentrum der kulturellen Arbeit rückt. Nicht durch Vorträge und Artikel über Musik. Die Werke sollen für sich — von Seele zu Seele — sprechen. Jüdische Musik ist keine Bekenntnisformel, sondern ein tief verwurzelter Bestandteil des jüdischen Wesens. Die Forderung nach Eingliederung der jüdischen Musik, der Musik überhaupt in das Leben des Juden, ist keine unorganische. Im Gegenteil: Im Kampfe um die innere Läuterung kann und wird die Musik eine entscheidende Aufgabe erfüllen. JUdisehes Theater Wieder bereut man es nicht, den Weg zu dem Künstlerpaar Seid ermann-Lerner ins jüdische Theater gemacht zu haben. Hat uns letzthin der stimmgewaltige Sänger Seidermann begeistert, lernen wir diesmal in seiner Frau und Partnerin A. Lerner als Trägerin eines Frauen- und . Mutterschicksais eine dramatische Schauspielerin von wuchtiger und zugleich ergreifender Gestaltungskraft ken- , nen. «A Herz fun a Mammen» — heißt diesmal das Stück und ist wie das zum größten Teil U. S. A.-Marke tragende Repertoire des jiddischen Theaters von heute mit •. der ganzen Mache der amerikanischen Theaterstücke versehen. Verstrickt in die Fangnetze der Chicagoer Unterwelt, t die ihr den Mann und Vater ihres Kindes nimmt, und einer; im oberen Stockwerk der sozialen Moral lebenden reichen Dame, die ihr das geliebte Kind raubt, vom härtesten Schick- ' sal einer Mutter und Frau betroffen, bricht das eiserne Herz «Fun a Mammen», doch nicht zusammen. Frau Lerner : hebt — insbesondere im letzten Akt — die Gestalt aus den Tiefen sozialer Niederungen in die Höhe reinsten Mutter-r und Menschentums. In Maske, Haltung und Spiel gleich er-, greifend, läßt sie im dichtbesetzten Haus so manches Auge/ naß werden. T Einem alten, zerbrochenen Juden, in seiner ganzen riilfs- losigkeit verleiht David D. Seidermann cnarakteristisches Profil. Sehr sympathisch das Spiel K a m a y s, dessen hübsches Lied lange nachklingt. Frl. Cilli Beils Spiehveise gefällt auch diesmal. Die Damen Deutsch und Zucker sowie die Herren Sigal, Bell und Zucker gut wie immer. Der Beifall war verdient. j. r. mit dem Luxusdampfer «Canto di Savoia» (4*.000 Tonnen) — Retour mit dem Luxusdampfer «Romo» — Aufenthalt in den bedeutendsten Städten Itaiens Palästlna-Relse vom 20. II. bis 15. III. TELAWIW! Reisedauer 3 Wochen für nur. . S 620.- durch R, l>. G. «Reiseb iro», Wien. I., Rotenturmstraße 20 (Ecke Fleischmarkt 1), Telephon R 24-5-25 Jose} Tunket s Ein Jude fährt... •. nach Amerika Vor einigen Jahren traf ich ihn im «Hias»-Bureau. Ein kleines, mageres Männchen, mit e nem Gesicht, das mehrere Berufe zugleich verriet. Die Stirne eines Kultusbeamten, Nase und Mund eines Handwerkers, das Bärtchen eines heruntergekommenen Händlers. Der ganze Mensch bewegte sich wie auf Rädern. Die Arme schwebten, die Augen schweiften umher, der Hut saß schief auf dem rechten Ohr, das Halstuch war nach links verschoben und der Bart — nach allen Himmelsrichtungen. Und alles bewegte sich... Ich kam mit ihm ins Gespräch und fragte ihn, was er hier tue. Seine Arme fuhren in die Höhe wie die Flügel eines Aeroplans und im Galopp sagte er: . «Man fährt!... Ich fahre; fahren, fahren, nur fahren! So ein Mensch bin ich. Ich halte nichts vom Zuhausesitzen, der Mensch muß fahren.» «Wohin fährt Ihr?» «Wohin — nach Amerika. Ich hoffe, noch diesen Sabbatabend, gleich nach Hawdole, über Danzig nach Amerika zu fahren und von dort sofort nach New York. Wißt Ihr nicht, wann der Zug nach New York geht, ich meine von Danz:g? Vielleicht fahre ich über Cherbourg. Dann'geht’s über die Tschechoslowakei, Krim, Paris und Frankreich. Ihr glaubt, Frankreich ist schlecht? Nur schade, daß es so klein ist. Kein Platz, sich umzudrehen, nirgends wohin zu fahren. Kein Vergleich mit Amerika! Hab ich genug von New York, mache ich einen Abstecher nach Chicago, Brooklyn oder Cincinnati, Bronx oder Baltimore. Oder ich fahre nach Philadelphia oder gar direkt nach Kalifornien. Für mich I ist Kalifornien wie geschaffen. Mein Klima und meine I Naturl Und erst die Seen und die Berge und die Felder | und die Gärten — das wahre Paradies aut Erden. Ihr solltet auch hin. Ich kann nicht verstehen, wie ein Mensch wo anders leben kann als in Kalifornien.» „Seid Ihr schon dort gewesen?» „Nein, vorläufig wohne ich in Warschau ln der engen Milagasse Nr. 37, Tür 49. Doch wenn Amerika, dann nur Kalifornien. Schon weil es von dort nicht weit ist nach Mexiko und Kuba und «Venezia». Selbst Japan ist mit Händen zu greifen. Und glaubt Ihr vielleicht, Japan ist ein schlechtes Land? Mir gesagt, wie gut man dort leben kann von Reis und Kukuruz und Harakiri... Schade, daß es kein Meer hat, sondern nur aus Inseln besteht. Land ohne Meer kann ich nicht leiden. Ein Land muß ein Meer haben, sonst ist es nichts wert. Deshalb fahre ich ja nach Amerika, denn auf dem Meer fühle ich mich wie bei mir zu Hause auf dem Festland. Das Schiff ist mein Element. Es fährt übers Meer, die Wellen schlagen bis zum Himmel, der Sturm heult, schreckliche Meeresungeheuer jagen dir nach, dich zu verschlingen, und die Meerjungfrauen singen. Zum Glück spielt die Musik auf dem Schiff, auf jedem Schiff spielt Musik, um den Gesang der Meerjungfrauen zu übertönen, die dich in den Abgrund ziehen wollen...» «Seid Ihr schon auf einem Schiff gewesen?» «Vorläufig noch nicht. Vorläufig fahre ich mit der Tramway, aber ich habe mich genau erkundigt . . . Doch seid mir nicht böse, ich habe keine Zeit, mich mit Euch zu unterhalten, wo ich vor einer so weiten Reise stehe. Es fehlt mir nur noch der Paß, das Visum, die Schiffskarte und Geld. Einen Koffer habe ich schon. Ich weiß auch schon alles, was man wissen muß. Nur nicht, wann der Zug von New York nach Chicago geht... Also, guten Tag! In zwei Wochen bin ich schon dort, weit, im goldenen Amerika. Adieu...!» Er breitete die Arme aus wie eine Windmühle und — weg war er. . nacli Palästina Das zweitemal traf ich ihn im Palästinaamt. Derselbe mit denselben wirren Bewegungen und unsteten Augen. Ich sprach ihn an: «Wie geht es Euch? Was macht Ihr hier? Ihr seid doch, glaube ich, in Amerika gewesen?» «In Amerika? Verbrannt sollte es werden, noch ehe man es entdeckte! Wenn Ihr mir zuzahlt, fahre ich nicht hin. Noch dazu, wenn man nicht hineinläßt, Quoten, Bills — der Teufel hole es! Ich fahre nach Erez Israel, jeder Jude soll nach Erez Israel fahren. Zu Mutter Zion und Jeruschalaim. Helfen beim Bau unseres nationalen Heims. Besonders jetzt, wo das Land Tozereth Haarez hat mit Kolonisation und Ruthenberg-Elektrifizierung und Rothschilds Mazzes... Ja, ich fahre. Ich fahre über Konstanza, von dort direkt nach Brindisi, Mizraim, Totes Meer, Kairo, Konstantinopel, Algier, Afrika, Pyramiden. Von den Pyramiden über die Dardanellen nach Jaffa. Und dort habe ich zwei AAöglichkeiten: entweder ich bleibe in Jaffa und handle mit Essrogim, Pomeranzen und Kakteen. Oder ich fahre nach Te!-Awiw, werde Schriftsteller und schreibe Korrespondenzen und Artikel in den Zeitungen... Oder in den Emek und kaufe mir dort ein Stück Boden, hier, seht Ihr? Da, auf meiner Hand... Hier ist der Karmel un»J tew Transjordanien. Und hier in der Mitte siedle ich mich an, pflanze einen Weinberg und presse Weintrauben. Doch die, Hauptsache ist das Fahren. Ich muß nur noch ein Zertifikat bekommen, den Paß, das Visum und 500 Pfund. Koffer habe ich schon . . . Wißt Ihr vielleicht, wann der Zug von Alexandrien in Mizraim nach Sichern abgeht? Ich muß das wissen... Guten Tagt Zum Bahnhof werdet Ihr doch kommen? Kommt, wir werden Hatikwah singen... Ich muß noch ein Abschieds nserat in die Zeitung stellen. Gott sei Dank, ich fahre nach Erez Israeli Lehitraoth!» Er breitete dir Arme wie Flügel tut und weg war er. 1

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