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Die Stimme · 1934-01-12 · Heft 319 (12.1.1934) · page 6

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Journal
Die Stimme
Volume
7 (1934)
Issue
Heft 319 (12.1.1934)
Date
1934-01-12
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Serie 6 _ PIE STIMME AUS ALLER WELT Ein „Gei“, eine Trauung und vier Strafanzeigen Eine sonderbare Geschichte. Kamen da vor kurzem zum Klausenburger Rabbinat Mann und Frau, um vorschriftsmäßig ihre bevorstehende Vermählung anzumeldcn. Die Frau stellte sich als eine Geschiedene vor und legte als Beweisdokument einen, vom Marosyäsdrhetyer Rabbinat ausgefertigten «Geh (Scheidebrief) auf den Tisch. Nachdem die Dokumente in bester Ordnung befunden wurden, konnte die Trauung nach wenigen Tagen anstandslos vorgenommen weraen. Bald hernach erschien beim Klausenburger Oberrabbiner ein Herr, der dem nicht wenig verblüfften Rabbiner die heftigsten Vorwürfe machte, weil er die ihm angetraute und bisher nicht geschiedene Gattin zum zweiten Male mit einem fremden Herrn getraut habe. Die Angelegenheit wurde überprüft und es stellte sich folgender merkwürdiger Vorfall heraus: Die Frau erschien eines Tages zusammen mit ihrem Bruder beim Marosväsärhelyer Rabbiner, dem sie sich als Ehepaar ausgaben, und verlangten die Scheidung. Der offenbar weltfremde Rabbiner, in der Annahme, daß es sich uni ein regelrechtes Ehepaar handelte, nahm ohne viel Federlesens, ohne viel «cheuker w'deuresch» zu sein, kurzerhand die Scheidung vor, indem der vermeintliche Ehemann, also in Wirklichkeit der Bruder seiner Schwester den Get übergab. Mit diesem Get ging nun die Frau nach Klausenburg und ließ sich, wie gesagt, zum zweitenmal trauen. Die Folgen sind nun vier Strafanzeigen: gegen das Klausenburger Rabbinat, weil es eine nicht geschiedene Frau zum zweitenmal traute, gegen das Marosväsärhelyer Rabbinat, weil es einer Frau ohne Wissen und Einwilligung des Gatten einen Scheidungsbrief ausfolgte, gegen die Frau, weil sie nun mit zwei Männern verheiratet ist, und gegen den Bruder der Frau wegen Vorspiegelung falscher Tatsachen und Vorschubleistung einer strafbaren Handlung. Schechunath „Chapp“ Eine wahre Geschichte aus dem heutigen Palästina An der Peripherie Tel-Awiws liegt ein großes Stück Bauland, das ägyptischen Juden gehört, die den Boden bisher nicht aus genützt haben. Eines Tages — besser gesagt eines Nachts — setzte in diesem stillen Winkel plötzlich gewaltiges, geräuschvolles Leben ein. Große Holzhütten werden errichtet, es wird geklopft und gehämmert, so daß man in den umliegenden Schcchunoth keinen Augenblick Schlaf findet. Am nächsten Morgen sieht man das Wunder. Es war eine neue Siedlung entstanden: 350 Baracken für 400 Familien waren gebaut worden. Die neue Schechuan hatte nur einen kleinen Schönheitsfehler: die Ansiedler hatten vergessen, daß der Boden ihnen nicht gehörte; vergessen haften sie es in Wahrheit nicht, aber sie waren der Ansicht, daß bei der herrschenden Wohnungsnot und dem unerhörten Mietwucher in Tet-Awiw die Bodeneigentümer nicht das Recht hätten, ihren Boden einfach liegen zu lassen, ohne ihn irgendwie zu nutzen. Sie wollen gerne Pacht zahlen, aber den Boden räumen wollen sie «niemals*. Kürzlich fand schon eine Fremdenführung statt, bei der das neue Tel-Awiw-Wund er besichtigt wurde. Dabei brachten die Ansiedler zum Ausdruck, daß ihnen der. Name <Schechunath Chapp», den der Volksmund der neuen Siedlung nicht ohne Grund beigelegt hatte, nicht im mindesten gefalle. Sie hätten beschlossen, die Siedlung nach dem Namen des unlängst verstorbenen Leo Motzkin zu nennen. Jetzt erwartet man die Vertreter der ägyptischen jüdi sehen Bodenbesitzer, die das zweifelhafte Vergnügen haben werden, einen Prozeß gegen die 400 Siedler der Schechunath «Chapp», Verzeihung: «Motzkin!*, zu führen. Glelchgeschaltetesr Kulturbund' Kongreß in Budapest ln der Aula der Budapester Universität tagt gegenwärtig der von Prinz Karl Anton R o h a n, Generalsekretär der «Federation Internationale des Unions IntellectueHes» und Herausgeber der «Europäischen Revue», arrangierte Kulturbund-Kongreß, an dem Delegierte von vierzehn Nationen teilnahmen. Dem Prinzen Rohan wurde wiederholt vorgehaltcn, daß er seit dem Hitler-Umsturz in Deutschland gewisse «Gleichschaltungs»-T.cndenzen verfolgt. Der Budapester Kongreß scheint diese Annahme zu rechtfertigen.- Deutsche Professoren Hitlerscher Prägung sind auf dem Kongreß besonders stark vertreten und führen das Wort, während j ü-d i s c h e G e 1 e h r t e a n s c h e i n e n d nicht geladen worden sind. Dafür aber hielt der Leipziger Universitätsprofessor Hans Frey den ersten Vortrag über das Thema «Tradition und Revolution im Weltbild» ganz im Hitlerschen Sinne. Er sprach von dem Durchbruch eines neuen Typus Mensch in Deutschland, der produktiv für die ganze Welt sein wird. Seiner Ideologie trat der Straßburger Professor Vermeil entgegen, der. ausführte, der gegen den Liberalismus als Weltidee geführte Feldzug Deutschlands könne das nationale Gedankengut Frankreichs bedrohen. Frey replizierte, es bestünden zwar Gegensätzlichkeiten zwischen der deutschen und der französichen Geistigkeit, aber es gelte, die Berührungspunkte zu suchen.. Die tschechoslowakische Sektion der Fddöration Internationale ist dem Kongreß ferngcblieben. Werber! Zionisten! Werben Sie 5 Jahresabonnenten der «Stimme», die Im voraus den Jalircsabonnementprci3 von S 16.— bezahlen und Sie nehmen an dem Preisausschreiben der «Stimme» teil und haben die Möglichkeit, firats zor Levante-Messe nadi Tei-Awlw zu fahren und unentgeltlich fünftägigen Aufenthalt in einem erstklassigen Tel-Awiwor Hotel zu erhalten. Die Durchführung der Reise hat das Weltreisebureau «Com pass Tours», Wien, IX., Spitalgasse 3, inne. (i •»••«••••••«§••• Ar. 310 — 12. Jänner 1034 Wortkonzert Hers Großhart Das Wiener jüdische Publikum hatte jüngst Gelegenheit, den hervorragenden nachschöpferischen Interpreten der modernen jüdischen Literatur, Herz Groß hart, einen Wortgestalter von großer Originalität zu bewundern. Der Herz-Großbart-Abend, an dem der Künstler ein erlesenes Programm zum Vortrag bringen wird, wird Samstag, den 13. d. M., um 8 Uhr abends, im Festsaal des Hotel Continental, II., Taborstraße 8, stattfinden. Konzert jüdischer Musik Für das von der Wl*o am 18. Jänner 1S14 Im Offenbach - Saal veranstaltete Konzert neuer jüdischer Musik bat Joachim Stutschewiky ein vorzügliches Programm zusammengestellt, das im instrumentalen wie vokalen Teil das Eigenartige der jüdischen Kunstmusik ln Erscheinung treten lassen wird. Das Programm wird umrahmt von zwei Ensemble- Werken, einer „Phantasie über chassidische Themen" für Klarinette, Streichquartett und Klavier von M. Stillm a n und der, vielen Besuchern der „Hablmah" in lebendiger Erinnerung stehenden, Hadybuk - Musik von J. Engel. Dazwischen kommen zu Gehör: Die neuen Variationen für Klarinette und Klavier von J. Brandmann. Klavier- und Celiowerke von Stutschewsky, u. a. die Stücke „Klagelied", „Cliassidische Meditation“, die an diesem Abend zur Uraufführung gelangen. Ausführende: Hannah Schwarz (Gesang), Robert Spitz (Klavier), Hans Levitus (Klarinette); Quartett: Israel Brandmann, Else Stein (Violine), Lotte Hammerschlag (Bratsche), Emmerich G a r a (Violoncell). Karten sind zu haben im Sekretariat der W. I. Z. O., I., Jordangasse 7 (5 bis 7 Uhr), Im Bureau des K. K. L., I,, Kärntnerstraße Nr. 28, und an der Konzertkassa Dr. Artur Hohenberg. JUdisehe Bühn«, II., Praterstraße €0, Tel. R-43-4-59. Ab Freitag, den 12. Jänner, täglich „O j A m e r i k a“, musikalische Komödie in 3 Akten von M. Stuczkow, Musik von Sch. Sekunda, mit dem amerikanischen Operettenpaar: Mae Schönfeld und Irving Jacobson. Beginn 8 Uhr 30. 9lfm „Di* Naeht dar großen l i-bo“ mit Jarmila Novotn* und Gustav Fröhlich Gestern fand Im Apollo ln Anwesenheit der Hauptdarstellerin Jarmilla N o v o t n a die Premiere der Geza von Bolvary-Tonfllmoperette „Die Nacht der großen Liebe*4, deren Schauplatz Konstantinopel und Stambul ist, statt. Die männliche Hauptrolle, einen jungen Oberleutnant zur See, verkörpert Gustav Fröhlich. In den übrigen Rollen: Christiane Grautoff, Ellen Frank, IMtz Odemar, Max GUlstorff und Hubert von Meyerink. Musik: Robert Stolz. Auf der Bühne: Essinonoff & Gerda, Wirbelwind-Tänze. Musikalische Leitung: Kapellmeister Fritz Zeillinger. „Das Lied vom Glück4* Herbert Ernst G r o h, der in kürzester Zeit zu Weltruhm gelangte Opern-, Schallplatten- und Rundfunktenor, singt und spielt ln der musikalischen Komödie „Das Lied vom. Glück*4 die Hauptrolle. Seine Partnerinnen sind Ery Ooi und Ilse Stobrawa- Musik: Willy Engel-Berger. Regie: Carl Boese. Premieren heute, 12. Jänner, im Elite-, Lustspieltheater-, Schottenring-, Saschapalast- und Flotten- Klno. ZIONISTISCH - SOZIALISTISCHE ARBEITER¬ ORGANISATION PO ALE ZION - HlTACHDUTH, BRIGITTENAU, XX.. Karl-Meise’.Straße Nr. 4 Sonntag, 14. Jänner 1034, 10 Uhr vormittags, Kino „Friedensbrücke“, XX., Klostemeuburgerstraßo 33, Tonfilm: Lehen UM im jfldiscien Palästina Vorher Vortrag: DR. WILHELM SCHOR: „PALĬ STINA, WIE ICH ES SAH*4 (mit Lichtbildern) Karten von S 0.60 bis 1.20 bei den Funktionären und an der Kino-Kasse •. nach Argentinien Vor einiger Zeit traf ich ihn wieder in einem der Emigrationsbureaus. «Ihr kommt mir bekannt vor,» sprach ich ihn an, «ich glaube, Ihr seid in Palästina gewesen?» «Seid Ihr vielleicht in Palästina gewesen?» erwiderte er mit einer Frage, «Nein, ich nicht.» «Und ich auch nicht. Werden wohl zwei andere gewesen sein... Wie Ihr mich da seht, fahre ich nach Argentinien. Erez Israel kann doch sowieso nicht alle Juden aufnehmen. Und da übrigens dort jetzt eine Krisis herrscht, muß man wo anders hinfaliren. Argentinien ist auch ein Land und kein schlechtes. Kleinigkeit — Argentinien und sein Getreide! Es speist doch die ganze Welt mit Brot, a’so wird wohl auch für mich ein Stückchen da sein... Nur der Weg I! Doch je länger die Reise, desto lieber fahre ich, denn meiner ganzen Natur nach bin ich ein fahrender Mensch. Fahren ist mein Element, mein Leben... Unangenehm ist nur, daß man auf dem Weg nach Argentinien so vielmal hält. Jede Weile eine Haltestelle, daß man die Geduld verlieren kann — Spanien, Rotterdam, Amsterdam, Notredame, Portugal mit der Inquisition und Riga und Druskienniki und dazu noch die vielen Inseln und Halbinseln und Viertelinseln und die «Kanarien-Inseln»... Ich kann das nicht leiden. Wenn schon fahren, dann richtig. Doch dafür das Land selbst! Argentinien hat Immigranten lieb. Es wartet auf einen Immigranten wie ein frommer Jude auf den Mcschiach. Kommt ein Immigrant an, so reißt man sich um ihn, die Tante «lea* und der Polnische Verband und die Kooperativen, die Firma «Moses Montefiore» bittet ihn in ihre Villa und de Firma «Baron Hirsch» in die ihre. Und Hst du von beiden genug, fährst du in die Kolonie Buenos Aires und wirst Erdarbeiter in e'ner Fabrik ■fckx du machst den Katzensprung nach P*tu oder — wie heißt das doch? — Chile, ja Chile, und von Peru-Chile nach Paraguay oder Uruguay... Halt, ich hab’s vergessen: liegt Uruguay auf dem Weg nach Paraguay oder Paraguay auf dem Weg nach Uruguay? Ich muß mich danach erkundigen... Also, guten Tag! Ihr seht ja, ich habe keine Zeit. Noch so viel zu erledigenl Ich muß ins Matrikenamt um einen Auszug für das Gesuch um ein Qualifikationszeugnis zum Gesuch um einen Auslandspaß mit den Visen nach Brasilien, Chile, Peru, Uiuguay, Paraguay. Schade, daß Ihr nicht wißt, ob Paraguay auf dein Weg nach Uruguay liegt oder umgekehrt. Ich muß nämlich wissen, wohin ein Einreisevisum und wohin nur ein Transitvisum zu nehmen. Könnt Ihr mir nicht sagen, wann der Zug von Rio de Janeiro nach Paraguay geht? Nein? Adieu!» Er drehte sich so schnell um, daß mir schwindelte, und — weg war er. nach Australien Vor einigen Tagen begegnete ich ihm auf der Straße. Er lief mit der Geschwindigkeit eines Expreßzuges. Ich hielt ihn an: «Wohin eilt Ihr?» «Laßt mich, ich habe keine Zeit, ich fahre nach Australien.» «Seit wann seid Ihr denn aus Argentinien zurück?» «Was Argentinien, wo Argentinien! Keine Prise Schnupftabak wert, das ganze Argentinien! Ja, einst war das ein Land, aber heute — ausl Es macht auch schon Schwierigkeiten. Nicht wenn Ihr mir zuzahlt, fahre ich hin. Jetzt fahre ich nach Australien. Das ist ein Landl Jung und frisch, Milch und BlutI Es fleht, man möge sich doch erbarmen und hinkommen. Und wenn ein Land so bittet, kann man doch nicht hartherzig sein und nicht fahren, besonders, wo ich ein geborener Fahrer bin ... Wer mir Gutes gödaL soll nach Australien fahren. Eine wahre Schmalzgrube, das Land — was sage ich, Schma'.zgrube? Eine Goldgrube! Auf Schritt und Tritt Goldgruben mit Diamanten und Edelsteinen... Zwar ist das Klima dort nicht so gut wie bei uns in Kalifornien, sondern an manchen Orten bis 40 Grad im Schatten, doch wer heißt mich im Schatten sitzen? Dafür lohnt sich die Reise. Unberufen — 48 Tagei Man fährt und man fährt und man fährt. Das Schiff geht meeraus und meerein, vom Eismeer ins Schwarze Meer, vom Schwarzen Meer ins Baltische Meer, vom Baltischen Meer ins Rote Meer — bis nach Australien. Dort empfängt dich die englische Regierung und jjibt dir eine fette Anleihe und du beginnst Häuser zu bauen. Ein Haus nach dem andern, ein Haus nach dem andern, eine ganze Stadt — und lebst von der Miete. Hast du genug vom Stadtleben so fährst du in die Kolonie Sidney oder Melbourne und befaßt dich mit Viehzucht: Rinder, Ochsen und — die Hauptsache — Schafe. Züchtest Schafe und scherst Schafwolle. Nimmst einen Posten Schafwolle und fährst damit nach Bialystok oder Lodz... Oder du pachtest einen Platz und legst eine Pflanzung Wattebäume an. Erntest Watte und verkaufst sie nach Sibirien, Kanada, Finnland oder gar an den Nordpol. Und Ihr meint, der Nordpol ist ein schlechtes Land?» «Seid Ihr schon dort gewesen?» unterbreche ichihn. «Vorläufig nicht. Vorläufig wohne ich in Warschau in der engen Milagasse 37, Tür 49... Doch nehmt es mir nicht für ungut: ich unterhalte mich da mit Euch und habe noch so viel zu tun. Ich muß mich noch erkundigen, wie man einen Paß nach Australien bekommt. Dann brauche ich noch Geld, 500 Pfund. Einen Koffer habe ich schon. Wißt Ihr nicht, wann der Zug von Barcelona nach Melbourne geht? Nein? So lebt wohl!» Seine Arme schwirrten hoch und er enteilte wie ein Segelschiff, vom Sturmwind getrieben. (Autorisierte Uebersetzung von A. ML)

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