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Die Stimme · 1934-01-05 · Heft 317 (5.1.1934) · page 5

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Journal
Die Stimme
Volume
7 (1934)
Issue
Heft 317 (5.1.1934)
Date
1934-01-05
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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DIB 8TIMMB WKTtT — 8. Jinntf IflM UND LITERATUR Jakob Wassermanns Stellung zum Judentum Von Chajlm Bloch So sehr Jakob Wassermann sich bemühte, ein jüdischer Deutscher zu sein — er blieb ein deutscher Jude. Und er gab diesem seinem innerlichen Fühlen, oft ungewollt, In schönen und begeisterten Worten Ausdruck. Ich bekenne es, keinen einzigen Roman oder Aufsatz Jakob Wassermanns gelesen zu haben, * der sich nicht auf das Judentum bezog. Wer seinen Roman «Die Juden von Zirndorf», seine Schrift «M e i n W e g als Deutscherund Jude» und schließlich seine einzelnen Aufsätze über das Judentum las, mußte ,die Glut seiner Ekstase verspüren. Ich fand bei ihm oft eine innere Erhebung an der Kraft des Judentums, das er so wenig kannte und so wenig lebte. Es ist vielleicht nicht seine Schuld, daß er sich oft auf seinem Wege verirrte. Wäre die Feder nicht so frühzeitig seiner Hand für immer entfallen, er hätte möglicherweise noch sein Nest im Judentum gefunden. Man muß ihm seine Fehler nachfühlen. Er Stammte aus der alten fränkischen Stadt Fürth —. das Wort «altfränkisch» ist noch heute unter den einfachsten polnischen Juden gebräuchlich! — die dem Judentum viele fromme Rabbiner und religiöse Lehrmeister gegeben hat und zu den ältesten jüdischen Siedlungen Deutschlands gehört. Sein Vater war ein biederer Kleinkrämer und Wassermann war in seinen.jüngsten Jahren das richtige Ghettokind. Der europäische Wirbelwind trug ihm den Juden davon und stellte ihn in eine andere Welt. Wassermann rückte in die oberste Reihe des deutschen Schrifttums vor und verstand es, seinen Platz zu behalten. Sein im Jahre 1897 erschienener Roman «D i e J u d e n von Zirndorf» birgt sein Bekenntnis. Er verband sich da innig, wie er nach Jahren gestand, mit dem Mythos des jüdischen Volkes. Wir hören über die Kirchweihfreuden seiner Heimat, aber er zeigt uns auch ein Grabmal am jüdischen Friedhof... Ein Abgesandter des falschen Messias Sabbatai Zewi taucht auf, der die Juden Fürths für den Glauben an diesen Messias verführen will. Aber handelte es sich letzten Endes nicht um die Erlösüng des jüdischen Volkes? Mit der Sprachengewalt, die ihm eigen war, formte er den Unterschied zwischen dem Juden als Europäer und dem Jude# als Orientalen. «Der Jude, den ich den Orientalen tieniie, ist seiner selbst sicher, ist der Welt und der Menschheit sicher. Er kann sich nicht verlieren, da ihn ein edles Bewußtsein, Blutbewußtsein, an die Vergangenheit knüpft und eine tiefe moralische ßelbstverantwortung der Zukunft verpflichtet. Er ist kein Leugner, sondern ein Bestätiger. Er ist'niemals Sektierer, er hat nichts von einem Fanatiker, von einem Zurückgesetzten, er hat alles innen, was die anderen außer suchen; nicht in verbrennender Rastlosigkeit, sondern in freier Bewegung und Hingabe nimmt er Teil am fortschreitenden. Leben der Völker. Er ist frei, jene sind Knechte. Er ist wahr und jene lügen. «Der Jude als Europäer ist ein Literat, der Jude als Orientale kann Schöpfer seinl» Glänzend sind seine Bemerkungen zu dem Roman «D i e Gezeichneten» von dem Schweden Aage Madelung. Dieser lebte einige Jahre in Rußland, gewährt in seinem ausgezeichneten Roman einen Einblick wie ein »Ritualmord» gemacht wird und führt die Drahtzieher in packender Weise vor Augen. Er hält sogar die Abwehr der Beschuldigung für schädlich und nutzlos. «... Angenommen, es gebe einen solchen Mord, und irgendwie in der Welt scheint es nützlich, für diese Tat eines Fanatikers oder eines Wahnsinnigen ein ganzes Volk verantwortlich machen, warum sollte sich denn das ganze Volk dafür verantwortlich fühlen? Warum diese Bittgänge um Bescheinigungen, um Wohlverhaltungszeugnisse, diese demütigen Nachfragen bei Bischöfen, Gelehrten und. hohen Herren?» Von Walter Rathenau sagt er: «Genau wie ich fühlte er sich als Deutscher, genau wie ich, fühlte er sich von den Deutschen zurückgestoßen, verkannt und für alle Hingebung und Opferbereitschaft unbelohnt.» Von seinen Gedankengängen in seinen «nichtjüdischen» Romanen und Essays», die viel echtes Judentum verraten, hier einiges zu bringen, fehlt der Raum. Daß er den Juden anklagt, ist ein Ausdruck der Liebe: «Der Jude vergißt allzu leicht seine Mission, wie auch seine Würde, wenn er eine Anklage, die in unserem Zeitalter ein Verbrechen an dem Geist und Herzen der Zeit darstellt, als eine Wunde spürt, die ihm geschlagen wurde.» Später machte er eine peinliche Aeußerung über die Ostjuden, die in jüdischen Kreisen eine tiefe Verbitterung auslöste. Er schrieb nämlich in einem Offenen Brief an den Herausgeber der «Monatsschrift für kulturelle Erneuerung» folgende Worte: «Kriegs- und Nachkriegsjahre haben vielerlei Unrat an die Oberfläche der Gewässer getrieben; nicht bloß der Liebling des Publikums, als Page vom Dalmassc-Iiotti (Der Liebespikkolo) Ab heute: Elite-Kino I.. Schottenring-Kino I.. Lustspieltheater tL Saschapalast lll., Flotfen-Kino Vi. — ■ ' HPOO ESSEL-FILM ■ jüdisches Händler-, Schieber- und SpekuJantentum, nicht bloß die Scharen halbbarbarischer Lebensgieriger, aber von einem ganz barbarischen Autokratismus generationenlang in Ghettowildnis gefangener und infolge des Krieges Unglück licherweise auf Deutschland als das Land der Mitte losgelassener polnischer und russischer Juden. Was hätte ich mit ihnen zu schaffen? Ich, dessen Vorfahren väterlichef- und mütterlicherseits seit sechshundert Jahren im Herzen von Deutschland lebten und arbeiteten?» Ich richtete daraufhin an Wassermann ein ausführliches Schreiben, in dem ich vor allem darauf hinwies, daß auch die Ahnen dieser von ihm beleidigten Ostjuden väterlicher- und mütterlicherseits viele Jahrhunderte im Herzen Deutschlands lebten und arbeiteten und daß die Ostjuden Jahrhunderte hindurch Träger und Verbreiter deutscher Kultur, Bewahrer deutscher Wesensart im Osten waren. Ich erhielt von Wassermann folgende Erwiderung: «Ihre Bemerkung wegen der Ostjuden trifft in keiner Weise meine wirkliche Haltung und Stellung. Vor Jahr und Tag ließ ich mich einmal zu einer ungeduldigen Abwehrgeste hinreißen, die, von einigen jüdisch-nationalistischen Hetzblättern aufgegriffen, Veranlassung zu allerlei Lärm und Verleumdung gab. Wer sollte besser wissen als ich,, wieviel Geist, Tiefe und Märtyrerkraft gerade in diesem Teil des Volkes steckt?» f Es scheint aber, daß Wassermann damit von seinen, die Ostjuden beleidigenden Aeußerungen abrücken wollte. Oeffentlich hat er das nicht getan. Ihm, dem assimilierten Juden, der sich oft nur als Deutscher fühlte, erschien nationales Bekenntnis zum Judentum offenbar fälschlich gleichbedeutend mit irgendeinem hochmütigen, aggressiven Nationalismus. Wassermann hat weder geistig noch politisch Anschluß an die zionistische Erneuerungsbewegung gefunden. Trotz allem aber war er ein nach innen gekehrter Mensch, ein ewiger Sucher. Einmal schrieb er mir: «Wir scheinen in einem Zeitalter zu leben, in dem die Ausbreitung der öffentlichen Dummheit zu einer Art Sintflut wird. Man hat keine andere Wahl, als in der Mitte zu leben und seine Sache zu machen.» Wassermann blieb auch schweigsam, als der Nationalsozialismus in Deutschland triumphierte und die deutschen Juden unsagbaren Verfolgungen aussetzte. Und nun kommt noch die Nachricht, daß die irdischen Ueberreste des deutsch-jüdischen Dichters auf dem katholischen Ortsfriedhof von Alt-Aussee nach jüdischem Ritus bestattet werden. So ging mit Wassermann .ein Mensch dahin, der vöm Judentum ausging und ein bedeutenäer deutscher Dichter wurde, aber immer einsam blieb, weil er den Weg zum Judentum zurück nicht fand. Tragik der Assimilation ...! Vorlesung N. J. Brind. N, J. Brind liest am 5. Jänner im Haus des Verbandes der städtischen Angestellten, I., Hohenstaufengasse 12, Punkt 8 Uhr abends, aus eigenen Schriften: Ein Romankapitel,' Novellen und Humoresken. Karten ab 1 S in der Bücherstube Rath und an der Abendkasse. Neuhebriüsdae Dichtung SAMUEL JOSEF AGNON VON Dp. DAVID ROTHBLUM " : I. Literarische Persönlichkeit Der neuhebräischen Literatur ist in S. J. A g n o n ein Erzähler von grandiosem Format erstanden. Schöpfer von Gottes und Volkes Gnaden, bodenständig in allem, was jüdisch ist, Beobachter mit Augen, die aus dem Herzen schauen, künstlerisch auf einer Höhe schreitend, wo Form und Stoff Eines werden — kann Agnon an der Seite Mendeles, dem Schrittmacher einer Literaturepoche, sich blicken lassen, ohne den Vergleich zu befürchten. Denn er, Agnon, läßt die Sonne seiner Welt zu einem Purpur von Güte, Glauben und Humor an ferngelegenen Horizonten versinken, was dem «Großväterchen», dem der Schalk im Nacken saß, nie gelungen ist. Agnon hat eine versunkene jüdische Welt aus den Trümmern gehoben und in seinen Werken der Ewigkeit übergeben. Etwas von dieser Welt haben wir selbst noch erhascht. ln ihr waren sonderbare Romantik, ungestillte Sehnsucht, freudlose Armut, ergebungsvolle Demut, ewiges Hoffen, unverbrüchlicher Glaube. Und doch war es nur die 1 . eines gelüfteten Vorhangzipfels, durch die wir in diese Mysterien blickten. Agnon hat uns diese Welt in seinem zweibändigen Buch «Hachnasath Kala» wieder erleben lassen. Dieses Werk ist ein Epos von künstlerischer Vollendung in Fabel und Form. Ursprünglich bis zur Urwüchsigkeit knüpft Agnon nirgends und an niemanden an. Jedes einzelne Kapitel seines Buches ist ein geschlossenes Meisterstück für sich und wirkt wie ein homerischer Uescthg. Nichts Ist in diesem Buch erkünstelt und erklügelt, nichts auf Erfolg und Sensation berechnet. Ueber Menschen und Tieren waltet ein Schicksal und über diesem Schicksaal ist Gott, der alte, gute und warmherzige Gott dessen Wege noch immer so unerforschlich sind wie zu Abrahams Zeiten. Die Menschen aber werden von Leid und Freud bewegt und zu Handlungen getrieben. Freud und Leid und alles, was daraus fließt, ist in Agnons Werk so jüdisch wie die Geisterwelt, die in die Geschicke seiner Helden eingreift. Denn dieses Epos ist ein Judenepos, und alles, was nicht jüdisch ist, bleibt ihm fremd. So fremd, wie jener von Agnon geschilderten Welt, die bereits versunken oder doch im Versinken begriffen ist. Da gibt es keinen Konflikt zwischen Welt- und Judenschmerz, keinen Zwiespalt zwischen dem, was menschlich, und dem, was jüdisch ist, und deswegen scheint alles so natürlich, selbst im Wunderbaren. Tiere sprechen — warum nicht? Ein Heiliger, der mit seinem Weibe den Sabbath weihevoll in der Wildnis begeht — warum nicht? Gute und böse Geister, die ihr Wesen treiben — warum nicht? Die kennen wir doch von unserer Kindheit her. Durch das ganze Werk zieht ein Hauch von Liebe, Einfalt und Gottesglauben. Menschen leben darin und wirken wie in einem Reich, das nicht von dieser Welt ist. Männer, deren Leben der Erreichung eines einzigen Ideals gewidmet ist, ziehen an uns vorbei, wiederholen sich in Wort und Handlung nach epischer Regel und wirken immer erfrischend und erbauend. Ueber Agnons Hebräisch könnte man Dissertationen schreiben. Seine Sprache ist der vollendete Ausdruck des Midrasch- und Agada-Idioms, geschmeidig, rhythmisch, sachlich fließend und reich, bald himmeloch jauchzend, bald zu Tode betrübt. Keine Wendung ist dem Dichter fremd, keine Steigerung des Effektes in Schilderung und Rede zu schwer. Beherrschung des Stils der Alten ist für die epische Kunstform unerläßlich. Darin ist Agnon schöpferisch und unübertroffen. Agnon ist kein Epigone. Sein Werk «Hachnasath Kala» hätte ebenso vor oder nach hundert Jahren erscheinen können wie in unseren Taged. Es ist in seinem Werte unabhängig von Zeit und Geschmack. Ebenso wie Zeit und Geschmack der Haskala-Epoche. ..ohne .. Einfluß.: auf Agnons. Können verstrichen sind. Er ist ursprünglich und stark Im Schaffen, groß und klar im Konzept, gütig und humorvoll in der Bildung der Gestalten und sieht immer und aller Orten Gott vor sich. Daher die Frömmigkeit als spezifische jüdische . Einstellung seiner Helden in Glück und Unglück. Er ist kein Epigone, aber auch kein Schrittmacher. Er steht für sich allein, einem großen Volksdichter vergleichbar, der Ewiges schafft, das ohne Vorbild dasteht, aber auch nicht zur Nachahmung bestimmt ist. II. Schäbige Kritik Ein Bauer zog nach Athen, um beim Scfaerbengerlchi seine Stimme für die Landesverweisung des Aristides abziugeben. Warum? fragte ihn ein Mitmensch. Der Bauer kratzte sich hinterm Ohr und sagte: «Weil es mich ärgert, daß man ihn den Gerechten nennt.» So beiläufig lautet die Begründung Prof. Klausners für die Aufnahme einer läpischen Besprechung des Agnonschen Buches im 9. Heft der Monatsschrift Betar, die von ihm in Jerusalem herausgegeben wird. Er anerkennt, daß die Kritik negativ und einseitig sei und den großen Fähigkeiten des Autors keine Rechnung trage, allein da bisnun fast ausschließlich begeisterte Aufsätze über Agnon erschienen sind, beschloß die Redaktion, diesem Artikel Raum zu geben, hoffend, demnächst auch eine positive Kritik über Agnon zu veröffentlichen, damit sich im Meinungskampf von höben und drüben ein endgültiges Urteil bilde. Die Kritik des Schreibers des Betar ist also reparabel Doch wird sich niemand mit ihm auseinandersetzen. Baruch Krupnik hat ihn bereits im Haarez von oben herab behandelt und ihm selbst dadurch viel zu viel Ehre angetan. Denn das Geschwätz verd:ent nicht nur nicht Widerlegung, sondern auch keine Beachtung. Es sollen die Methoden gegenseitiger persönlicher Herabsetzung der alten Haskalazelt in unsere aufblühende, neuhebräische Literatur nicht hereingezerrt werden. Denn uns fehlt heute jedes Verständnis für Polemiken, wie sic sich etwa zwischen Gordon und Zederbaum vor Jahrzehnten abgespielt haben. Wenn der Schreiber des Betar sagt, er wolle im folgenden einiges aus dem Buche Agnons anführen, damit der Leser erfahre, mit was und mit wem er sich gegenwärtig befasse, so hat er damit schon allein deine Kritik selbst richtig kritisiert Damit hat er selbst die Raokuo*

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