Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 7 (1934)
- Issue
- Heft 317 (5.1.1934)
- Date
- 1934-01-05
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 DIB STIMM« ’Nr,'317- Männert»! Gründen wir K’far Ussischkin? Von unserem Korrespondenten Ch. Haller, Tel*Aviv . Wenn andere Völker verdiente Söhne für große nationale Leistungen belohnen wollen, so tun sie das oft so, daß sie ihm eia nationales Qeschenk in Form einer Besitzurkunde über ein großes Landgut, manchmal auch eines hohen Geldbetrages überreichen. Was sollen, was können wir Juden in einem ähnlichen Falle tun? Geld kommt bei uns, dem angeblichen «Volk des Kapitals», ja überhaupt nicht in Frage. Schon der bloße Gedanke daran wirkt abwegig. Wie, Geld für nationale Leistungen? Aber an so etwas wie ein «Landgut» klingt der vom 18. Ziotiistenkongreß in Prag auf Antrag des Präsidenten S o k o 1 o w gefaßte Beschluß an, aus Anlaß des 70. Geburtstages Menachem Ussischkins eine Landsiedlung auf dessen Namen in Palästina zu errichten. Dieses Landgut wird sich allerdings in einem wesentlichen Punkte von ähnlichen Geschenken anderer Völker unterscheiden: Der Nutznießer des Gutes soll nicht der verdienstvolle Sohn des Volkes sein, der Mann, den es damit zu ehren gedenkt, sondern es selbst, das Volk, der Spender. Aber eir. «Landgut» muß es sein, eine Sache, die mit Boden und Siedlung verbunden ist, an der das Herz des Jubilars hängt, die sein Lebensziel bildet Deshalb müssen wir «Kfar Ussischkin» gründen. «Die innere Kraft des Staates ist das Dorf» — ist einer von Ussischkins Sätzen. Man ist.in. dieser Zeit der Großstädte und der Industrialisierung in manchen unserer Kreise geneigt, die Gültigkeit dieser Tatsache einzuschränken oder zu bagatellisieren. Ueber die notwendige Volksverteilung zwischen Stadt und Land beim Aufbau Palästinas hört man oft verschiedene Theorien. Man zieht gerne hochentwickelte Industrieländer wie Belgien, England- und Deutschland zum Vergleich heran und sucht nachzuweisen, daß die Schichtung des jüdischen Jischuw sich eigentlich nicht mehr weit vom «Normalen» moderner Industrieländer, die wir ja doch als Beispiel vor Augen haben, befindet Die Mentalität des Städters und nichts anderes, und das Uebersehen der geschichtlichen Existenzbedingungen der Völker sind der Vater solcher haltloser Ideen. Es sind bedenkliche Selbsttäuschungen, die, wenn wir uns an ihnen halten wollten, uns zum Verderben werden können. Es ist Selbsttäuschung, sagen wir, 25 Prozent jüdischer Bevölkerung in den Kolonien Palästinas in sozialer und volkswirtschaftlicher Wertung mit etwa 25 Prozent belgischer Landbevölkerung gleichzusetzen. Wir vergessen, von anderen grundlegenden Unterschieden abgesehen, daß unsere Landwirte innerlich der Stadt noch nahestehen, hingegen ein großer Teil der Städter jener Industrieländer dem Dorf verbunden ist. Diese sind, .sozialgeschichtlich befrachtet, Städter'jungen Datums, ».seit.ein .bis..drei Generationen (älter sind die meisten Groß- Städter nicht), und sie stehen in ihren Instinkten dem Dorfe noch immer nahe. Man stellt bei Juden in Europa oft. den Vergleich an zwischen der Naturliebe des nichtjüdischen Großstädters, der jede Gelegenheit wahrnimmt, um das flache Land aufzusuchen, und dem Juden, bei dem dieser Sinn sehr schwach ist Das ist auf beiden Seiten eine natürliche Erscheinung. Wir Juden sind seit zweitausend Jahren dem Naturboden entfremdet, während der, auch städtische, Nicht- Jude ihm noch triebhaft nahesteht ♦ Diese Tatsache hat aus dem Grund eine besondere Berdeutimg, weil wir uns in einer Epoche entscheidenden wirtschaftlichen Umbruches befinden, der wohl auch in der Ver- ' teilung der sozialen Schichten von tiefgehenden Aenderungen begleitet sein wird. Die Entwicklung der Technik einerseits und die Tendenz zu wirtschaftlicher Autarkie bei allen VÖllcern andererseits, lassen, wenn nicht alle Anzeichen trügen, eine Rückentwicklung zum Land in welchem Grade, bleibe dahingestellt — erwarten. Die Völker werden sich wieder mehr auf den Ertrag des eigenen Bodens und weniger auf die Ausbeutung fremder Märkte stützen müssen. Der belgische oder deutsche Städter wird dann den Weg .zu seinem nationalen Boden, dei' ihm zu 100 Prozent gehört (in welcher sozialen Form immer) zurückfinden. Wohin aber werden wir Juden gehen, wenn wir nicht rechtzeitig für die Sicherung eines genug großen nationalen Bodenbesitzes vorsehen? Von solchen Sorgen, die alle um den Boden kreisen,, ist kaum einer wie Ussischkin durchdrungen. Früh und spät wir er nicht müde, zu mahnen, zu fordern, unsere Gedanken auf diesen Punkt zu lenken. Und deshalb, wenn wir diesen großen Mahner ehren wollen, so ist es die einzige Art, wenn wir ihm eine neue, große Landsiedlung errichten. Ussischkin singt nicht nur das Lied des Bodens, sondern auch das Lied der jüdischen Arbeit. «Alles, alles ohne Ausnahme, muß in Erez Israel von Juden gemacht werden», und «nur was jüdische Hände in den Boden hineingesteckt haben, wird wachsen und dem Volke Ernte bringen». Auch diese Sätze sind Gebote auf Ussischkins Gesefzestafel. Diese Wahrheiten haben nicht bloß mit Wirtschaft und Ziffern zu tun, sie beruhen auf einem national-ethischen Prinzip, von ctem die Existenz des Volkes abhängt. Die jüdischen Pardeß- und Wirtschaftsbesitzer täuschen sich, wenn sie glauben, durch billigere Fremdarbeit zu gewinnen. Sie opfern die Zukunft für den Tag. Wenn wir in diesem Lande nur die Herren, die Arbeitgeber und die Guts- und Wirtschaftsbesitzer mit nichtjüdischen Arbeitern sein werden, dann werden wir nichts behalten und nichts vererben. Unsere Kinder und Enkel werden dann genau so heimatlos werden wie bisher. Die Besitz- und Wirschaftsformen können im Laufe der Zeiten wechseln, es bleibt das' Volk, das den Boden bearbeitet. Ein Volk rechnet mit langen Sichten, seine Bilanzen werden nach langen Zeiträumen gezogen. Der Boden wird nicht mit dem geleisteten Kaufpreis, sondern durch seine Bearbeitung erst erworben, materiell und seelisch. Nur wenn es das Eigenste und Letzte darin versenkt, findet es die Kraft, sich d£r Angriffe auf seine Existenz zu erwehren. Daß Ussischkin der unremüdliche Streiter und Verkünder dieser Wahrheiten ist, müssen wir ihm danken. Daß er, wie auf 'einem hohen Berge stehend, seinen warnenden Ruf über das Land und die jüdische Welt erschallen läßt, ist sein großes Verdienst, daran jetzt, an seinem biblischen Jubiläum, besonders zu denken tiefe Pflicht ist. Deshalb muß Kfar Ussischkin entstehen. Diese Siedlung muß bald und in weitgesteckten Ausmaßen errichtet werden. Von allen Schichten und Richtungen im Zionismus und im Volk, wie die Arbeit dieses Mannes dem ganzen Volke ohne Unterschied gilt Alle Schichten des Volkes werden auch in Kfar-Ussischkin die Siedler stellen. Das Werk soll eine große schöpferische Tat werden und gerade in dieser Stunde neuer Angriffe auf die jüdische Alijäh aufs neue dartun, daß kein Hindernis stark genug ist, uns in der Fortsetzung unserer Arbeit abzuhalten. Ussischkin ist ein Sinnbild diesd Epoche für das jüdische Volk: die Konzentration auf einen einzigen Punkte, von dem alles abhängt Für Ussischkin ist die Erlösung des Bodens zum einzigen Lebensziel geworden, für das jüdische Volk, dem allmählich alle Aufgaben und Missionen in der Welt genommen werden oder die seinen Händen entfallen, ist der Aufbau Palästinas die einzige Aufgabe, die heute einen geschichtlichen Sinn hat. Ussischkin ist ein weithin sichtbarer Exponent dieser geschichtlichen Pflicht. Wir können diesem Manne unsere Würdigung in keiner anderen Weise bekunden als durch die Errichtung einer großen jüdischen Siedlung in Palästina aufnationalem Boden, die für alle Ewigkeit seinen Namen tragen soll. Deshalb müssen wir «Kfar- Ussischkin gründen! Bittere Ironie Die deutsche Kolonie Blumenäu in Mittelbrasilien, die von einem Juden gleichen Namens gegründet wurde Das zweimal wöchentlich erscheinende jüdische Blatt Brasiliens, die «Jiddische Volkszeitung», bringt in ihrer Nummer vom 5. Dezember 1933 folgende interessante Schilderung ihres Mitarbeiters Jack Schwidson. In vier Stunden führt die Bahn den Reisenden von Plerinopolis', der Hauptstadt der Provinz Santa Catharina, nach der deutschen Kolonie Blumenäu. Auf dem Wege nach Blumenäu, welches der Stolz der Provinz Catharina ist, passiert man die kleinen Städte San Jost, Tijucas, Comborin und itajahi. Mit Ausnahme von der letzten Stadt, welche sich an dem See gleichen Namens befindet, sind alle Siedlungen klein und unbedeutend. Itajahi macht mit seinem lebhaften Hafen einen sehr guten Eindruck. Diese Stadt ist der Mittelpunkt einer großen und reichen Agrikulturgegend. Die beste und eindrucksvollste Impression aber hat der Reisende bei der Ankunft in Blumenäu. Die Stadt, in Berge eingebettet, umrahmt von den Seen von Itajahi und Garcia, bietet sich als etwas Ungewöhnliches und Unerwartetes dar. Zahlreiche Fabriken und Werkstätten, majestätische Paläste, schön gepflegte Gartenanlagen und die Sauberkeit der Straßen zwingen dem Besucher den Respekt vor großer Ordnung und Organisation abi Die Stadtverwaltung leistet Ungewöhnliches. Das beste Zeugnis für die allgemeine Anerkennung, die ganz Brasilien dieser Organisation und Ordnung zollt, war die seinerzeitige Bestellung des deutschbrasilianischen Bürgers Dr. Konder als Verkehrsminister durch das Staatsoberhaupt Dr. Washington Luiz. Santa Caiharindtist mit Recht auf diese Stadtverwaltung stolz, die dieser Tage ihren 80. Geburtstag seit ihrer Gründung feiert. Ich, wohnte den Feierlichkeiten persönlich bei, zu denen aus allen Provinzen Delegationen erschienen waren. Mich wunderte nicht der deutschnationale Charakter, den die Festlichkeiten trugen, da es sich ja um eine deutsche Siedlung handelt und da ja ihre den Juden unfreundliche Haltung dieser Kolonie bekannt ist. ‘ Der «Urwaldsbote», das alte Organ der Deutschen, ist ja ein trauriger Pionier von methodischem antisemitischen Kampfe im freien Brasilien. In einem dem Feste gewidmeten Artikel wird erwähnt, daß der große Erfolg dieser Kolonie nicht nur den Vorzügen der deutschen Rasse zuzuschreiben ist, sondern der Tatsache, daß da nicht der zerstörende Einfluß des Judentums mitgewirkt hat. Gerade der Kampf gegen das Judentum, der hier traditionell ist, habe die Erfolge beeinflujit. So haben auch fast alle Festredner an diesem Tage gesprochen. Es ist nicht meine Absicht, die Stellungnahme jener Männer zu kritisieren, daß sie undankbar und respektlos l Voraus |i Phoni ii muß man denken, sich sichern — versichern Allgemein« Varslcharunga-d«». Wien IX. Uns.« Alserptatx Nr. 1 gegenüber Brasilien sind. Mehr unerträglich ist jedoch die Tatsache, daß sie ja selbst nur Gäste sind. Aber hauptsächlich liegt mir daran, auf einen Umstand hinzuweisen, wie blind alle deutschen Männer sind, die ihren Haß auf die Juden in jenem Moment häufen, da sie den Jahrestag ihrer großen Unternehmung feiern, die tatsächlich eine bedeutende und gigantische war, die aber von einem Mann geschaffen wurde, der der von ihnen so gehaßten Rasse angehört hat! Ja, es war ein Jude, der vor 80 Jahren eine Gruppe von Deutschen bewogen hatte, sich in Santa Catharina niederzulassen, in einer völlig unkultivierten Gegend, die von ihm vorher ausgekundschaftet war. Seine umfassenden Kenntnisse in der Landwirtschaft, seine Begeisterung für die Natur, sein fester Charakter, seine starke Energie und sein Mut konnten alle Hindernisse, die die Natur in den Weg legte, beseitigen. Mehr als einmal haben wilde Tiere und Indianer ihre Siedlung angegriffen und dezimiert. Wehn alle sich zurückgezogen hatten, wenn allen die Energie fehlte, hat der Jude Blumenäu den deutschen Kameraden immer und immer wieder das Beispiel von Ausdauer und Heldenhaftigkeit gegeben. Von frühester Jagend an hat sich Hermann B turn e nau durch seine unvergleichlichen Eigenschaften und seine ausgeprägte Persönlichkeit ausgezeichnet. Als' er im Jahre 1846 im Alter von 27 Jahren seine philosophischen Studien beendete, hatte er bereits einen guten Namen In der wissenschaftlichen Welt. Blumenäu unterhielt intime Beziehungen zum großen Naturwissenschaftler Humboldt und zu dem nicht minder berühmten Fritz Müller, der auch später sein Mitkämpfer in Brasilien wurde. Es sind die großen Schwierigkeiten nicht wiederzugeben, sowohl die moralischen als auch die physischen, die Blumenäu im Verlaufe von 40 Jahren zu überwinden hatte. Aber er sagte selbst: «Ich bin nicht nach Brasilien gekommen, um Geld zu verdienen»' sojidern:ium [.eine Mission.nzu erfüllend Diese Mission, äägt die Geschickte",'und dtekktaalität bestätigt es, hat Blumenäu wirklich erfüllt. Viele Jahre sind verflossen. Die kleine, Gruppe von damals ist gewachsen und die Gemeinschaft hat sich, gebildet, die mit ihrer Organisation und ihrem Reichtum heute jedem imponiert. Im Jahre 1884, 36 Jahre nach seiner ersten. Studienreise nach Brasilien und nach 34jähriger Führerschaft schwerster Arbeit, ist Hermann Blumenäu nach, seiner deutschen Heimat heimgekehrt und hat die 'einstmaligen Urwälder in vollster Blüte seinen Kameraden zurückgelassen. Viele Jahre sind seither wieder verstrichen. Jetzt sind wir Zeugen des 80. Geburtstages der Gründung dieser Kolonie. Festversammlungen, Reden und Ausstellungen. Reden und spezielle Presseausgaben. Und zwischen den Reden und Kommentaren in den Zeitungen Worte des Hasses, Beleidigungen und Schimpf gegen jene Rasse, der sie vor allem ihre Existenz verdanken. Zum Schluß kann ich nicht umhin, eine Episode, der ich beigewohnt habe, wiederzugeben. Es ereignete sich dies während der Feier in reinstem, teutschen, arischen Stil. Es wurde im Festsaal der Munizipalität Blumenaas ein großes Bild des Gründers der Stadt, Hermann Blumenaus, enthüllt, ein Bild mit typisch Jüdischen Zügen, das so groß war, daß es die ganze Wand des Saales eingenommen hat. Die bitterste Ironie des Schicksab. (Uebersetzi von b. t.) Der Vorstand des „Jüdisohen Klub“, Baden. erfüllt hiermit die traurige Pflicht., das Ableben seines Gründungsmitgliedes und langjährigen tatkräftigen Förderers der zionistischen Belegung in Baden Dr. Hermann Kadisch anzuzeigen. Das Begräbnis findet Sonntag, den 7. Jänner, 11 Uhr vormittags, am jüdischen Friedhof in Baden statt. Alle Freunde dieses zionistischen Pioniers werden gebeten, dom unvergeßlichen Toten die letzte Ehre zu erweisen. Der Vorstand dos „Jüdischen Klub“ Baden. Dem Erlöser der Täter in Erez Israel als Vimw UffifEhlliH! Geschenk eine neue BcdenertSsunu ■1H1