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Die Stimme · 1934-01-03 · Heft 316 (3.1.1934) · page 7

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Journal
Die Stimme
Volume
7 (1934)
Issue
Heft 316 (3.1.1934)
Date
1934-01-03
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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Nr. 31g — 3. Jänner 1§$4 «CfteT m mim Palästina im Lichte der Weltpolitik Durch Jahrhunderte galt M a c c h i a v 111 i als der Lehrmeister der Diplomatie. Unsere Zeit darf für aloh die Vertauaendfachung macdilaveUistisdier Ränke als tägliches Brot der Diplomatie und der Politik überhaupt in Anspruch nehmen. Im Wortschatz der Diplomatie bedeutet ein Wort nie das, was es Im allgemeinen Sprachgebrauch bezeichnet Spricht der Diplomat vom Austausch der Kulturgüter, so meint er damit: Warenaustausch mit bedeutendem Exportüberschuß seines Landes. Lobt der Vertreter eines großen Staates einen kleinen Staat, so kann das heißen: «Bist du nicht willig, so brauch’ ich Gewalt*, oder: «Ich kann dir nicht helfen* u. dgl. mehr. Bis zum Auftreten Theodor Herzls war das jüdische Volk Objekt der Politik der Völker. Seit Theodor Herz! und besonders seit der Balfour-Deklaration und dem Mandat sind wir in das diplomatische Weltgetriebe als aktiver Faktor eingeschaltet Die damit verbundenen Gefahren legen unserer Führung ein besonders schweres Amt auf. Sie muß vorsichtig zwischen den ihr absichtlich und unabsichtlich gelegten Fußangeln lavieren, muß stets mit der natürlichen Schwierigkeit des zionistischen Problems rechnen und darf doch keinen Moment das Endziel aus dem Auge verlieren. Einige Probleme unserer Politik seien hier kurz skizziert. Der Zuteilung des Palästina-Mandates an England hat Italien mit süß-sauerm Lächeln zugestimmt. Italien bat aber durch seinen großen Bevölkerungsüberschuß Expansionstendenzen. Seine afrikanischen Kolonien genügen ihm nicht mehr. Er sucht daher ein Expansionsgebiet in Asien. Italien besitzt in seinen Kolonien eine große mohammedanische Bevölkerung und hat dadurch Berührungspunkte nviit den Mohammedanern Asiens. Es ist gar nicht verwunderlich, daß Mussolini kürzlich in Rom einen Kongreß asiatischer Studenten, an dem 600 Delegierte teilnahmen, begrüßen konnte. Und da mußte natürlich das bekannte Sprüchlein von der völkerverbindenden Kultur, im vorliegenden Falle von der Kultur des faschistischen Italien, herhalten. Mussolini hielt eine große Rede, in der er u. a. ausführte: «Die Einheit der durch Rom geschaffenen Mittelmeer» zivilisatiori des Orients und des Okzidents habe mehrere Jahrhunderte gedauert Dann hätten die geistigen Bande einer schöpferischen Zusammenarbeit sich gelockert, und es habe sich die Mentalität gebildet, gemäß der Asien bloß ein Produktenrnarkt geworden war, eine Quelle von Rohstoffen zur Ausbeutung. Diese Zivilisation, gegründet auf dem Kapitalismus und dem Liberalismus, Überschwemmte die ganze Welt, aber ihr Zusammenbruch macht sich in allen Kontinenten fühlbar,; y ‘ v -f.-;.---. ... D:ese sind daher alle an einer Reaktion gegen die Entartung des Kapitalisumus und des Liberalismus interessiert, einer Reaktion, die durch den revolutionären Glauben des italienischen Faschismus verkörpert wird, der sich gegen das Seelen- und Ideallose dieser «Zivilisation» äufbäuinte. In den Uebeln, über die Asien sich beklagt, in seinen Haßgefühlen und seinen Reaktionen sehen wir deshalb als zurückgespiegeltes Bild unser eigenes Gesicht. Der Unterschied besteht in der Form und im Detail aber die Grundlage ist dieselbe. Mit der hauptsächlich geistigen faschistischen Wiedergeburt bereiten sich Rom und der Mittelmeerkreis vor, ihre einigende Sendung wieder autzunehmen. Deshalb hat Sie, erklärte Mussolini, das neue Italien eingeladen. Zweimal schon ist im Verlauf tödlicher Krisen die Zivilisation durch die Zusammenarbeit Roms und des Orient* gerettet worden. Heute steht in der Krise «in ganzes System von Einrichtungen und Ideen, das keine Seele mehr hat. Wir Italiener und Faschisten dieser Zeit schöpfen aus dieser Erinnerung die Hoffnung, die gemeinsame tausendjährige Tradition unserer Zusammenarbeit wieder aufnehmen zu können.» Die asiatischen Studenten waren begeistert. Der Vertreter der persischen Studenten erklärte, Mussolinis Worte würden in Asien ein gewaltiges Echo finden, und der Vertreter der arabischen Studenten aus Palästina «erinnerte an die Beziehungen zwischen Rom, der Wiege der Zivilisation, und seinem Lande». Man sieht, die Regie war wunderbar und kann politisch und kommerziell gute Früchte tragen. Ist es notwendig, über Englands Politik In Palästina viel zu sagen? Unsere Erfahrungen seit der Balfour-Deklaration sind für uns ein einziges Warntingssignal. Wir haben erlebt, daß eine schwache englische Regierung im Jahre 1029 bereit war, uns aufzuopfern, um die Mohammedaner Indiens im Regierungslager zu erhalten, und wir sehen täglich deutlicher, daß England in Palästina den wichtigsten Stützpunkt seiner Politik im nahen und fernen Orient und seiner Mittelmeerpolitik sieht. In einem anderen Stützpunkt, hi Malta, beeinträchtigt es die Interessen der dortigen Italiener, in Palästina die der Judea Wir haben bereits in diese« Blättern der Vermutung Ausdruck gegeben, daß die Bereitwilligkeit, mit der England die notwendigen Mittel für den Bau des Hafens von Haifa beistellte, vornehmlich durch strategischen Interessen diktiert war. Und nun lesen wir in Sundays Reynolds einen Artikel, der die Verlegung der englischen Flottenbasis von Malta nach Haifa vorschlägt. Da heißt es u. a.: «Haifa hat mehrere Vorteile. Es hat durch die Farmerbevölkerung reiche Lebensmittelressourcen. Die anbaufähigen Bodenflächen können erweitert werden. Die Flotte wird das nötige Oel an Ort und Stelle haben, und England baut fleißig Straßen und Kanäle (?) im Lande. Es Ist möglich daß Palästina vielleicht mit diesem Plan nicht einverstanden sein könnte, aber Palästina würde dadurch, daß es Haifa als Flottenbasis leiht, eine moralische Schuld dem Lande abstatten, das dem jüdischen Volk dasNationaiheim zugesichert hat.» So, jetzt wissen wir es. Das ist zwar keine offizielle Aeußerung Englands, aber die ist ja zu erwarten. England schafft lieber vollzogene Tatsachen. Wir sehen also, wessen wir uns zu versehen haben, wo unsere großen Probleme liegen. Mussolini sprach beim Kongreß der asiatischen Studenten begeistert von der Seele Asiens. Von England hören wir oft, ea sei das Volk der Bibel, und sein heißester Wunsch sei, dem jüdische« Volte sein Land zu verschaffet*. Aber hinter diesen tönenden Wortfassaden grinst die nackte Wahrheit hervor. Der Kampf um die Seele Asiens, und die selbstlosen Bemühungen Englands für das jüdische Volk entpuppten sich als Kampf um politische, strategische und wirtschaftliche Stützpunkte. Hier liegen unsere großen Probleme zutage, vor denen die Krähwinkelpolitik unserer Parteien in ihrer ganzen Bedeutungslosigkeit verblaßt. Deshalb ist der innerzlonistischo Frieden wünschenswert. Von Dauer aber wird er nur sein, wenn gleichzeitig ein großes Reinemachen anhebt und alle Prinzipienreiter einsehen, daß die Zionistische Organisation als Faktor der Weltpolitik nicht der Schauplatz von Krähwinkelpolitik, sondern großzügiger Weitpolitik seht muß. Wie Kardinal Gasparri Tel-Awiw rettete Einem Berichterstatter erzählte dieser Tage Nahum Sokolow, der Präsident der Zionistischen Exekutive, eine bisher noch unbekannte Episode, wie Kard>nal-Staatssekretär Gasparri einst Tel-Awiw in uneigennütziger Weise vor Zerstörung und sicherem Untergang gerettet hat Es war das im Jahre 1917 während der erfolgreichen Offensive Lord Allenbys in Palästina. Die türkische Front war vielfach durchbrochen und aufgerollt; der türkische Befehlshaber Dschemal Pascha, der überall Spione witterte, ging gegen die Zivilbevölkerung rücksichtslos vor und ordnete unter anderem auch die vollständige Evakuierung von Tel-Awiw an. Da eine Evakuierung unter dem Regime Dschemal Paschas einer vollständigen Zerstörung gleichkam, zumal sich in den verlassenen Ortschaften lichtscheues Gesindel ungestört zu schaffen machte, wurde man bei Dschemal Pascha vorstellig, den grausamen Befehl rückgängig zu machen. Die Vorstellungen fruchteten jedoch nichts und der türkische Kommandeur beharrtc streng auf seinem BefehL Damals hielt sich Nahum Sokölow in Rom auf, wo er mit dem italienischen Minister des Aeußeren Sonninö Unterhandlungen pflog, , um die Zustimmung der italienischen Regierung zur Balfour-Deklaration zu erlangen. Nun wurde der Zionistenführer bestürmt, eine Rettungsaktion für Tel- Awiw in die Wege zu leiten. Sokolow wußte keinen anderen Rat, als die Hilfe des Vatikans anzurufen, da dies die einzige neutrale Macht war, die auf die türkische Regierung Einfluß zu nehmen imstande war. Ueberdies wußte man, daß der päpstliche Gesandte in Konstantinopel bei der Pforte sehr angesehen war und daß man dort seine Meinung sehr hoch schätzte. Sokolow beschloß nun, so rasch wie möglich zu handeln, da die Existenz einer ganzen, mit den größten Opfern an Blut und Geld aufgebauten Stadt auf dem Spiele stand. Nach vorheriger Fühlungnahme wurds Sokolow vom Staatssekretär Kardinal Gasparri bi tängerer Audienz empfangen. Sokolow schilderte ihm ausführlich die Gefahr, die den Einwohnern Tel-Awiws infolge des Evakuierungsbefehls Dschemal Paschas drohte, und wies darauf hin, daß die junge Siedlung erbarmungslos dem sicheren Untergange preisgegeben sei, wenn nicht noch im letzten Moment der Befehl widerrufen werde. Nachdem Sokolow die Intervention des Vatikans erbeten hatte, erteilte Kardinal Gasparri noch am selben Tage dem päpstlichen Gesandten bei der Pforte den telegraphischen Auftrag, Schritte elnzuleite«, um den Befehl Dschemal Paschas rückgängig zu machen. Die Bemühungen des vatikanischen Gesandten waren auch von Erfolg gekrönt: der Evakuierungsbefehl wurde zurückgenommen und Tel-Awiw wurde somit dank der Intervention Kardinal Gasparris vom sicheren Untergange gerettet. Citrus-Ausfuhr aus Palästina bis Mitte Dezember Jaffa. Bis Mitte Dezember wurden ln Palästina seit Beginn der Ausfuhrsaison 843.604 Kisten Citrusfrüchte verladen. Neben Orangen wurden 90.000 Kisten Ora^e Pruits und 100.000 Kisten Zitronen ausgeführt. Boykottlosung arabischer Frauen Haifa. Wie die arabischen Zeitungen melden, wurde auf einer arabischen Frauenversammlung in Haifa beschlossen, ausländische und jüdische Waren zu boykottieren und eine entsprechende Propaganda in der Gesellschaft und auf den Marktplätzen durch zuführen. Der Beschluß wurde durch Flugblätter bekanntgemacht In den arabischen Häusern wurden Sammelbüchsen aufgestellt und die Hausfrauen aufgefordert, monatlich mindestens 5 Schilling vom Haushaltungsgeld zu sparen und in die Büchsen zu werfen. Von dem Erträgnis der Sammlung soll eine Leinenfabrik zur Beschäftigung arabischer Mädchen errichtet werden. lOprozMtig« Steigerung der Nationalfondseingiflge tat abgelaufenen Jahr Jerusalem. Nach den soeben vom Hauptbureau dei Jüdischen Nationalfonds veröffentlichten Statistiken sted dk Einnahmen des Jüdischen Nationalfonds im .abgelaufenen Jahr um 10 Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen. Die Einnahmen betrugen im Jahre 1932/33 220.000 Pfund. Jüdische Bodenkäufe Jaffa. Neue Bodenkäufe durch Juden werde« von der arabischen Tageszeitung «F a I a s 11 n> gemeldet. In einem Bericht heißt es, eine jüdische Gruppe habe in Sir» Distrikt Beer Sheba, 1000 Dunam zu einem Pfund pro Dunam gekauft. Einem zweiten Bericht zufolge haben jüdische Kapitalisten aus Amerika 1200 Dunam südlich v o n J a 1 f a zwischen B e t h G a n und dem Rubin Nach von einer bekannten jüdischen Familie aus Jaffa durch Vermittlung arabischer Grundstücksagenten erworben. Das Gebiet soll für Wein- und Orangenbau sowie für die Anlage von Dattelpalmen Pflanzungen geeignet sein. Aus jüdischer Quelle liegt eine Bestätigung der beiden Nachrichten nicht vor. Palästina — Petroleumgebiet? London. In der am 20. Dezember abgehaltenen Sitzung des Unterhauses wurde auf eine Anfrage mitgeteilt, daß einem englische« Bürger das Schurfrecht auf Petroleum in Palästina gegeben wurde. Die Irak-Petroleumgesellschaft habe eine Konzession zur Vornahme von Bohrungen nach Petroleum in Transjordanien erhalten. Ein Monat Gefängnis für den Sekretär des Obersten Moslem. Rates Jerusalem. Das Jerusalemer Oericht hat nunmehr das Ausmaß der Strafen für die im Prozeß wegen der Araberunruhen am 13. Oktober in Jerusalem verurteilten arabische« Führer festgesetzt. Der Sekretär des Obersten Moslemitisohen Rates Jamal el Husseini, ein Vetter des Großmufti, undi^Edmond Roch, einer der christlichen Führer . der christtidwnöharnmedanischen Vereinigung, wurden zu je einem Monat Gefängnis verurteilt. Der dritte Angeklagte, . Scheich Abgul Kader Muzzafar, ein Mitglied der arabischen Exekutive, mußte eine Kaution von 100 Pfund für weiteres Wohlverhaften hinterlegen, für weitere 100 Pfund muß ein« dritte Person Bürgschaft leisten. Murlsoft-Kommissioa bat Ihre Tätigkeit begonnen Jerusalem. Sir William Murlson, der Leitet der von der britischen Regierung eingesetzte« Kommission zur Untersuchung der arabischen Unruhen In Palästina vom Oktober d. J., ist am 3. Dezember fai Jerusalem eingetroffen und hat am 5. Dezember seine Tätigkeit begonnen. Die Kommission Ist eine, Z w e l* Mlnner-Kommlsslon; Ihr gehört nur noch dar ■ palästinensische Oberstaatsanwalt Trusted an. Laut der , Ihr von der Regierung erteilten Instruktion wird sie «de« genauen Verlauf und die Natur der Ereignisse in der Zelt vom 13. Oktober bis 3. Novtmber sowie die ln ihrem Gefolge eingetretenen Unfälle und Sachbeschädigungen» zu untersuchen haben. Mieterschutz in Tel-Awiw Jerusalem. Um Mietesteigerungen und Wohnungswucher, die sich infolge des Elnströmens neuer Einwanderer bemerkbar machen, entgegenzuwirken, hat der Stadtrat von Td- Awiw eine Mieterschutzverordnung erlassen, derzufolge die zum nächsten Termin endenden Mietverträge automatisch auf weitere 14 Monate verlängert werden. Immer mehr Juden verlassen die Palästina-Polizei Nazareth. Die letzten drei jüdischen Polizisten von Nazareth, das Hauptpolizeistation für den gesamten Emek ist, haben Entlassungsgesuche eingebracht und wollen sich Zivilberufen zuwenden. Nach und nach wird das palästinensische Polizeikorps vollkommen judenfrei. Niedrige Bezahlung und Zurücksetzungen im Dienst werden als Grund für das Ausscheiden der jüdischen Polizisten angegeben. Monumentales Denkmal für Joseph Trumpeldor vollendet Jerusalem. Nach siebenjähriger Arbeit hat nun der jüdische Bildhauer Mel ni ko ff das vom verstorbenen Lord Melchett ihm ln Auftrag gegebene monumentale Denkmal für Joseph Trumpeldor, der bei der Verteidigung von Tel Haj Ln Galiläa gegen arabische Angriffe lm Jahre 1920 an der Spitze der jüdischen Selbst wehr gefallen ist, vo 11 e n d e t. Das Denkmal stellt eine« riesigen brüllenden Löwen dar, der auf einem Postament steht, das auf 24 riesigen Steinblöcken ruht. Der Künstler hat das Denkmal aus einem in der Nähe gefundenen ungeheuren Marmorblock gehauen. Zentralstelle für Palästina-Siedlung deutscher Juden In London Berlin. Dr. Martin Roscnblüth, der den Deutschen Keren Hajessod seit dem Jahre 1928 geleitet hat, ist mit der Leitung des Londoner Bureaus der Zentralstelle für die An- Skdlung deutscher Juden in Palästina betraut worden. An seiner Stelle wurde Dr. Michael Traub geschäftsführeudea Palästina-Mitglied des Deutschen Keren Hajessod.

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