Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 7 (1934)
- Issue
- Heft 316 (3.1.1934)
- Date
- 1934-01-03
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr, 316 — 3. Jänner 1934 DIB STIMME Sokolows Aufenthalt in Polen Warschauer Brief von «nsercin Korrespondenten Die zionistische Bewegung in Polens Residenzstadt steht seit mehr als zwei Monaten im Zeichen der 'Anwesenheit des Präsidenten der Jewish Agency, Nahum S o k o 1 o w. Der great Old man entwickelt eine bewunderungswürdige Energie im Dienste des Zionismus und läßt keine Gelegenheit unbenutzt, um im direkten, unmittelbaren Kontakt mit den zionistischen Massen leinen, unverfälschten Zionismus zu predigen und eine günstige Atmosphäre für die Propagandatätigkeit der Sendlinge der nationalen Fonds, Lady E r 1 e i g h und Leib J a f f e (Keren Hajessod) und Nathan B i s t r! c k i (Nat.onalfonds) zu schaffen. Bei jeder Gelegenheit betont der Altmeister des Zionismus die Notwendigkeit einer integralen Konsolidierung der zionistischen Kräfte sowohl im Sinne de zionistischen Ideologie: Schaffung einer breiten einheitlichen Kampffront, als auch im Interesse der beiden seinem Herzen so nahen Fonds. Große Festversammlungen haben die Kampagne zugunsten beider Fonds würdevoll eingeleitet, und die Weihe gab Sokolow durch seine wohldurchdachten und herzlichen Reden, welche sich in das Gemüt der durch die politischen Ereignisse der letzten Zeit zutiefst durchwühlten Schichten der polnischen Judenheit eingruben. Sokolow hielt auch bei der Jubiläumsversammlung’ anläßlich des zehnjährigen Bestandes des Vereines der Freunde der Hebräischen Alma Mater ln Jerusalem eine Ansprache Über den Sinn und die Bedeutung dieser Stätte konstruktiven geistigen jüdischen Schaffens und jüdischer Forschungsarbeit zum Wohle Palästinas und damit auch zur geistigen Aufrichtung der ganzen Menschheit. Die unermüdliche Arbeit Sokolows manifestiert sich natürlich auch in den Tagungen der einzelnen Parteigruppierungen, welche Wert darauf legen, ihre Anhänger vor dem großen Führer Revue passieren zu lassen. Insbesondere die Chäiuz-Organisationen der verschiedenen Gruppen, allen voran die der Allgemeinen Zionisten, brachten in diesen Wintertagen ihre Truppe nach Warschau und Sokolow richtete an die Avantgarde unserer Bewegung Worte der Begeisterung und warmer Anregung und Aufmunterung. Das gleiche tat Sokolow auch in der I. allpolnischen Konferenz der «Hitachduth»», welche während der Weihnachtstage abgehalten wurde, und in der für eine ganze Woche einberufenen Tagung der Lehrerschaft der hebräischen und jüdischnätionalen Schulen in Polen. Bei allen diesen Versammlungen fällt als günstiges Zeichen eine große Beteiligung von jungen jüdischen Menschen auf, welche ihr Schicksal mit Palästina verbinden wollen. Bei einer dieser Versammlungen führte Sokolow aus: «Schein vor zwei Jahren haben große Autoritäten auf wirtschaftlichem Gebiete mich gewarnt, daß die Prosperity in Erez bald ein natürliches Krisenende finden werde. Es wurden mir wissenschaftliche Argumente vorgelegt, denn wenn jemand seine Unwissenheit verdecken will, maskiert er sie mit P6eudowissenschaft. Diese Prophezeiungen sind Gottlob nicht cingetreten.» Die unermüdliche Agitationsarbeit Sokolows in Polen ist ungeheuer wichtig und segensreich. Zweimal wurde Präsident Sokolow während seines jetzigen Aufenthaltes durch den Staatspräsidenten Ignacy Moscicki empfanden und stattete selbstverständlich auch 1 anderen führenden Männern des Auswärtigen Amtes Besuche ab. Sokolow pflegt auch eifrig seine Beziehungen in den Kreisen der polnischen Kunst und Wissenschaft, denn es gilt, endlich eine auf breiter Basis aufgebaute «Polnische Pro- Palästina-Gesellschaft» zu gründen. Diese beabsichtigte Gründung ist überaus zeitgemäß und wird sicherlich in der öffentlichen Meinung Polens einen sympathischen Widerhall finden. Allenthalben wächst das Interesse für Palästina. Die besten Journalisten Polens besuchten das Land und veröffentlichten bereits ausgezeichnete Reportagen, weiche zum Teil auch in Buchform erschienen sind. Die Palästina-Literatur wurde durch diese Publikationen wesentlich bereichert. Viele von diesen «Kundschaftern» zogen aus, um vielleicht «zu fluchen», und mußten schließlich das Werk jüdischer Hände und jüdischer Begeisterung «segnen und loben». Dank diesen Palästina-Berichten machte die allgemeine polnische Einstellung zur Judenfrage eine segensreiche Metamorphose durch, welche auch auf die Gestaltung der Lage der Juden in Polen nicht ohne günstigen Einfluß bleiben wird. In diesem Zusammenhänge wird es nicht uninteressant sein, eine polnische Pressestimme wiederzugeben, welche von einem edlen Bestreben diktiert ist, die Entwicklung zur Normalisierung der polnisch-jüdischen Beziehungen zu fördern. Die judenfeindliche Propaganda in allen Ländern bedient sich mit Vorliebe des Arguments, «die Juden seien nur zeitweilige Gäste in der Diaspora und hätten sich widerspruchslos allen Verfügungen der einzelnen Regierungen, auch wenn man ihre Existenz untergräbt, zu fügen». Dieser Satz wird verschiedenartig variiert und dient auch zur Begründung der antisemitischen Schlagworte von «jüdischen Schädlingen und Verrätern», gegen welche jede Vergeltungsmaßnahme und Strafe erlaubt und angemessen sei. Der Redakteur des halbamtlichen «Kurjer Poranny», W/Stpiczynski, kritisiert in geistreichen Ausführungen diese Irrlehre und argumentiert seine entgegengesetzte Auffassung wie folgt: «Im rechtlichen und gesellschaftlichen Sinne bezeichnen wir als «Gast» jemanden, den wir ins Haus einladen. Niemals kann aber ein Staatsbürger als Gast bezeichnet werden, denn diese Auffassung wäre auch im Widerspruch mit dem eigenen Staatsinteresse. Wenn ein Jude die polnische Staatsbürgerschaft angenommen und erhalten hat, ist er durch diesen Akt auch zum «Wirt» in unserem Staate herangereift, wirkt raseb und sicher bei Rheumatischen Gichtischen ^Beschwerden, Kopfschmerzen, Erk&l-I Btungskrankheiten. 6000 Arztegutachten! n yrogal scheidet die Harnsäure aus, geht I daher direkt zur Wurzel dcs,Übel$i ohne Rücksicht auf seine Herkunft, denn er ist zugleich IXener und Mitschöpfer des Staates geworden. Wenn er dit Pflichten dem Staate gegenüber verletzt, kann er bestraft werden. Die Strafe kann nach dem Grade der Verfehlung abgestuft, sogar eine Todesstrafe sein. Und darin erblicke ich mit einen Beweis hlefür, daß er hier ein Wirt ist, denn der Staat darf ihm sogar das Leben nehmen, aber darf seinen Bürger nicht des Landes verweisen.» Die Theorie vom polnischen Wirtsvolk und dem jüdischen «Gast» wird von Stpiczynskf in einer Reihe von lesenswerten Artikeln ad absurdum geführt, ebenso die Rassentheorie als Grundlage der antisemitischen Dogmen der gegenwärtig In Mißgunst gefallenen allpolnischen Gruppierungen. Stpiczynski und seine Mitarbeiter reinigen die öffentliche Atmosphäre von demagogischen antisemitischen Hep-Hep- Parolen und schlagen die Brücke zur alten polnischen Tradition des Minoritätenschutzes und zur polnischen Gleichberechtigung der Juden. Diese fast offizielle Einstellung der öffentlichen Meinung in Polen muß festgehalten werden, sie Ist ein Unterpfand einer guten Gestaltung der wechselseitigen Beziehungen zwischen der mit dem polnischen Staate tausendfach verknüpften und am Aufbau des Staates mitarbeitenden jüdischen Bevölkerung und den gegenwärtigen Führern des polnischen Staatswesens. Dr. A. Friedmann. Deutsches FlüchtHsagselend in Frankreich «Manchester Guardian» bringt einen Aufsatz von Charles R. B u x t o n, dem bekannten Soziologen, über die Lage der deutsch-jüdischen Flüchtlinge in Frankreich, deren Zahl jetzt auf 30.000 angewachsen ist. Ein Teil der Flüchtlinge verfügt über eigene Mittel oder hat wohlhabende Freunde und Verwandte in Frankreich, ein sehr geringer Prozentsatz der Emigranten hat in Paris oder in den Provinzstädten Arbeit gefunden. Aber ungefähr 10.000 aus Deutschland geflüchtete Juden sind auf die öffentliche Wohltätigkeit angewiesen. Nur etwa 5000 stehen in regelmäßigem Bezug einer Unterstützung, der Rest lebt in größtem Elend. Ch. R. Buxton hat die Flüchtlingslager in Paris und in den Vorstädten^ßesücht. Er schildert die Zustände in den Flüchtlingsbaracker/^iir^sn düstersten Farben. Der gute Wille der französischen Regierung und der städtischen Behörden von Paris stehe außer Zweifel, doch reichen die bisher in Frankreich aufgebrachten Mittel nicht entfernt aus, das unbeschreibliche Elend der Flüchtlinge zu lindem. Buxton richtet einen Appell an die Engländer, deren Land von der deutschen Flüchtlingsinvasion verschont geblieben ist, durch Sammlungen das Geld aufzubringen, das nötig ist, um Tausende von deutschen Emigranten in Frankreich vor dem Verderben zu retten. ........ 3000 jüdische Anwälte ausgestoßen Berlin. Der Deutsche Anwalt-Verein mit 15.000 Mitgliedern ist in Hamburg in einer Vollversammlung der Mitglieder nach entsprechender Satzungsänderung aufgelöst worden. Die Mitglieder sind einzeln in den Nationalsozialistischen Juristenbund aufgenommen worden. Die nichtarischen Mitglieder — nach den letzten Angaben etwa 3000 — sind nicht übernommen worden. A REl$cN Vaters Stiefel Aus dein Jiddischen von jakob bosehihai Jedermann weiß, daß Stiefel «gemacht» und daß ein Haus «gebaut» wird. Joschke, ein armer Familienvater von fünf Kindern und einem Weib als Draufgabe, war auch kein Narr. Trotzdem pflegte er stets zu sagen: Man muß ein Paar Stiefel «bauen» oder: Ich habe Gott sei Dank, ein Paar Stiefel aufgebaut? Und das pflegte er nicht etwa im Scherz zu sagen, Joschke war nicht zu Scherzen aufgelegt, sondern ganz im Ernst. Daraus kann man schon ersehen, wie schwer es Joschke fiel, sich ein Paar Stiefel anzuschaffen. Und nicht oft, versteht sich, ist Joschke dazu imstande. Seit seiner Hochzeit, im Verlauf von 20 Jahren, hat er sich alles in allem drei Paar Stiefel gebaut. Man kann sich leicht ausrechnen, auf wieviel Jahre ein Paar Stiefel entfallen, und wird begreifen, wie solche Stiefel im Laufe der Zeit aussehen. Joschke pflegte zu sagen, daß, läge es nur an ihm, würde er mit einem einzigen Paar Stiefel bis an sein Lebensende das Auslangen finden, denn er weiß, wie mit Stiefeln umzugehen. Er versteht, wann die Stiefel durstig sind und nach einem Trunk lechzen, natürlich nicht nach Wasser, sondern nach Schuhöl, für das er die letzte Kopeke herzugeben pflegte, er weiß, wie sie vor Unglück, vor Platzen des Leders, vor Sprüngen und Rissen zu bewahren. Will es aber das Unglück, daß die Stiefel, die nach Gesetz und Recht ihm allein gehören und die man ja auch im Hause «Vaters Stiefel» nennt, daß diese Stiefel vom ganzen Hausgesinde benützt werden, besonders im Herbst und im Winter, und das war für die Stiefel, wie Joschke sich auszudrücken pflegte, ein wahrer Ruin. Da sind zum Beispiel die letzten Stiefel, die er erat vor fünf Jahren gebaut, sie sind schon dreimal geflickt worden und müßten, wenn es nur mehr Geld in der Tasche und ein fröhliches Gemüt gäbe, ein viertes Mal gründlich repariert werden. Aber schließlich, wenn sein Weib, das leider auch ganz zerrissene Schuhe hat, die Stiefel in der Trüb, da loschke noch schläft, anzieht, um Wasser zu holen, ist das noch kein 80 großes Malheur. Erstens, ist sie ein Erwachsener, gesetzt und verständig, und weiß, wie mit Stiefeln umzugeilen, wenn dies auch eigentlich Sache eines Mannsbildes ist . . zweitens, hat sie, kein böses Auge schade ihr, auch einen großen Fuß, genau wie er, und schadet daher ihr Gang den Stiefeln nicht gar zu sehr. Aehnlich verhält es sich mit den größeren Kindern, die auch alle zerrissene Schuhe haben, die vor Nässe quietschen, tritt man in ihnen auf die regennasse, pfützenerfüllte Gasse. Und 6ie, die den ganzen Sommer hindurch barfuß herumlaufen, können sich auch nicht über kleine Füße beklagen, eher im Gegenteil, und unter ihrem Tritt können auch die Stiefel nicht gar zusehr leiden. Ein Unglück ist es nur mit Lebele, dem zwölfjährigen Jüngsten, der überhaupt keine Schuhe hat und dessen Fuß noch keine «Familiengröße» ist. Joschke selbst würde ihm zwar nie gestatten, sie anzuziehen. Den «Cheder» besucht Lebele schon seit dem letzten Winter nicht mehr. Joschke selbst bringt ihm die nötigen Bibelkenntnisse bei. Will Lebele ln den Hof gehen, soll er dies in den Holzschuhen tun, die ja eigens dazu gemacht wurden, das einzige Paar Stiefel im Haus zu verschonen, die zwar seit langem schon, aber immerhin einmal doch neu waren ... Will aber Lebele auf den Markt gehen, gerade, da man seinen älteren Bruder um einen halben Hering schickt, spielt sich die? folgendermaßen ab: «Auf den Markt willst du?», sagt ihm der Vater, scheinbar böse, denn in Wirklichkeit hat er seinen Jüngsten lieb. «Dann geh’ in den Holzsandalen I» «In den Holzsandalen 1» ruft Lebele weinerlich. «Es ist doch kalt.» «Kalt? So bleib’ zu Hause!» antwortet Joschke. «Zu Hause! Zu Hause», weint Lebele, «den ganzen Tag zu Hause!» «Gib ihm doch die Stiefel», legt sich die Mutter ins Mittel, «soll doch das Kind ein bißchen Luft schnappen. Der Arme weiß ja gar nicht mehr, wie die Luft schmeckt.» Joschke brummt und beginnt nichtsdestoweniger die Stiefe! herunterzuziehen, zuerst vom linken, dann vom rechten Fuß, wie es irgendwo geschrieben steht, denn Joschke ist ein frommer Mann, der «lernen» kann. «Da», sagt er, sich an Lebele wendend mit einem Ton, als wollte er sagen: «Da hast du mein Leben!» Lebele, der nicht ahnt, wie groß das Opfer ist, wirft schnell die Holzschuhe ab und beginnt mit strahlendem Gesicht den rechten Stiefel auf den linken Fuß hinaufzuziehen. Ob solchem verhängnisvollen Irrtums wird der Vater wirklich böse. Ohne ein Wort zu reden, nimmt er dem Kind die Stiefel wieder weg. «Warum?» fragt Lebele beklommenen Herzens, Augen voller Tränen auf den Vater richtend. «Weil du ein ... Barbar bist. Wie zieht man Stiefel an? Den rechten auf den linken Fuß?!» Lebele bleibt schuldbewußt stehen, ohne ein Wort der Rechtfertigung zu finden. Denn wirklich — womit könnte er auch den Fehler, den er begangen, verteidigen? Den rechten Stiefel auf den Unken Fuß anzuzichen! . . . Legt sich aber die Mutter wieder ins Mittel — oh, (Be Mutter, die Mutter, lange leben soll siel*. . .«Woher soll er* denn wissen, wie man Stiefel anzieht? Hast du ihm vielleicht je Stiefel machen lassen («bauen» möchte Joschke korrigieren)? Dje Holzschuhe, die er trägt, sind doch einfüßig.» Angesichts solcher Verteidigung schöpft Lebele neuen * Mut und beginnt gleich ein wenig über die Schnur zu hauen. Er geht auf heulend zum Vater und schreit: «Gib mir die Stiefel! Die Stiefel gib her!» Jetzt fühlt sich Joschke schuldig! Er findet keinen Mut mehr, Lebele, der den schuldigen Respekt vor dem Vater vergißt, anzuschreien, und er gibt ihm die Stiefel wieder. Und Lebele zieht sie nun an, wie sich’s gehört. «So ist’s recht!» lobt Joschke. Aber wie er nun sieht, wie Lebele die ersten Schritte machte, kann er kaum an sich halten, krampft sich ihm das Herz zusammen und er ruft das Kind zurück. «Wie gehst du eigentlich? Tritt doch die Absätze nicht so schief.» Aber Lebele hört die Worte des Vato«« nicht mehr. Hastig hat er die Tür geöffnet und «schwebt» förmlich in den großen Stiefeln über die regennasse Qasse, Ihm ist, als ob er vor Freude Flügel bekommen hätte. Kleinigkeit! Er, Lebele, ein Knirps von zwölf Jahren, geht in Vaters Stiefeln! In solch’ großen Stiefeln! Und vor Freude beginnt er einen wahren Indianertanz aufzufiihren, trotzdem er ganz genau weiß, daß das für dje Hefel, wie Vater sagt, ein Wahres Unglück tat