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Die Stimme · 1934-01-03 · Heft 316 (3.1.1934) · page 4

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Journal
Die Stimme
Volume
7 (1934)
Issue
Heft 316 (3.1.1934)
Date
1934-01-03
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Sette 4 DIE STIMME *r. SIS — 3, Jänner 1034 Oie amerikanische Regierung fordert die Ansledlung von Juden auf dem Lande New York. Wi« die Jüdische Telegraphen-Agentur erfährt, besteht unter den amerikanischen Juden, besonders unter den arbeitslos gewordenen jüdischen Handwerkern und Arbeitern der Großstädte, eine Bewegung, sich auf dem flachen Lande seßhaft zu machen. Es besteht bereits eine provisorische Kommission unter der Leitung von Benjamin Brown, die die Bewegung organisiert und für Beschaffung geeigneten Bodens und Produktionsmittel sorgt. Erstes Ziel der Bewegung ist, die jüdischen Familien, die bisher in der New Yorker Kleiderindustrie Beschäftigung fanden und jetzt nach längerer Arbeitslosigkeit keine Hoffnung mehr haben, ln dem früheren Beruf ein Unterkommen zu finden, landwirtschaftlich auszubilden und anzusiedeln. Die Kosten für die Ansiedlung einer solchen Familie betragen 3000 Dollar. Vorgesehen ist auch, daß die Neusiedler in der Zeit der Arbeitspausen in der Landwirtschaft sich gewerblich und in der Industrie betätigen. Diese Bewegung hat nun auch die Förderung der Bundesregierung der Vereinigten Staaten gefunden, die soeben der Siedlungskommission mjtgeteilt hat, daß sie 500.000 Dollar zur Ansiedlung von 200 infolge der Wirtschaftsdepression arbeitslos gewordener jüdischer Familien als Anleihe sofort zur Verfügung stellt. Diese Familien sollen aus der New Yorker überfüllten Kleiderindustrie entnommen und auf einer Farm in Monmounth Country, New Jersey, angesiedelt werden. Die Siedlung soll eine Musterkombination von Landwirtschaft und Indusrie darstellen. * Im Hotel Pennsylvania zu New York fand soeben die Eröffnung einer Konferenz zur Förderung des jüdischen Landansiedlungswerkes statt, an der 600 Delegierte von 270 jüdischen Organisationen teilnahmen. Benjamin Brown entwickelte das Siedlungsprogramjn und sagte, die Siedlung werde auf kooperativer Grundlage erfolgen, Die Fabrikanten in den Städten werden ersucht werden, tdie Farmer zeitweise in der Industrie zu beschäftigen. Dies .wird ein wichtiger Beitrag zur Lösung eines der ernstesten Probleme des jüdischen Lebens in den Vereinigten Staaten bilden und in der Richtung der von der Regierung Präsident Roosevelts eingeschlagenen Politik der Dezentralisierung, d. h. Ueberführung von tausenden Personen aus den überfüllten Industriezentren in die gesunde Atmosphäre des Landlebens, liegen. Eine Siedlerfamilie erlegt 500 Dollar und erhält ein Haus und eine Bodenfläche sowie die nötigen Farmgeräte. Denjenigen, die diesen Betrag nicht aufzubringen vermögen, soll derselbe in der Form eines Darlehens gegeben werden. Eine 50-Milli<men-Dollat" Anleihe Nach dem Referate Benjamin Browns traten andere Redner auf, die eine großzügigere Siedlungsaktion propagierten, und zwar eine, die über den Plan einer lediglich randstädtischen landwirtschaftlich-industriellen Siedlung hinausgehen soll. Diesen Anträgen gemäß beschloß die Konferenz, sich an die jüdischen Gemeinden der Vereinigten Staaten mit dem Ersuchen zu wenden, eine Anleihe von 50 Millionen Dollar unter ihrer Garantie aufzulegen, deren Ertrag zur Ansiedlung jüdischer Arbeitsloser New Yorks und anderer Großstädte in den Weststaaten als Farmer verwendet werden soll. James MacDonald In New York New York. Der vom Völkerbundsrat eingesetzte Hochkommissar für die deutschen Flüchllnge James G. Mac- Donald und das amerikanische Mitglied des Verwaltungsrates für die deutschen Flüchtlinge Prof. Chamberlain sind in New York eingetroffen und werden der Regierung in Washington Vorschläge bezüglich der Unterbringung deutscher Flüchtlinge unterbreiten. MacDonald und Chamberlain werden ungefähr drei Wochen ln Amerika verbleiben und dann nach Europa zurückkehren, wo Mac- Donald seine Bemühungen bei den europäischen Regierungen zugunsten der Unterbringung der Flüchtlinge fortsetzen wird. In einer der Presse gegebenen Erklärung zollte Mac- Donald außerordentliches Lob der Flüchtlingsschutzarbeit der jüdischen Organisationen und betonte, daß eine solche Arbeit international und interkonfessionell geleistet werden müsse. Einstein und Gouverneur Lehmann auf einer Chanukkah^Feler New York. Prof. Albert Einstein und der jüdische Gouverneur von New York, Oberst Herbert H. Lehman, waren Ehrengäste bei der Chanukkahfeier des New Yorker Maccabi, die 20.000 Menschen in Madison Square Garden versammelt hat. Gouverneur Lehman sagte in seiner Ansprache: Das heutige Deutschland hat die Liebe verraten, die die deutschen Juden diesem Lande durch tausend Jahre gegeben haben. Aber der Geist des Rechtes wird unter dem deutschen Vqlkei wiederum die Oberhand gewinnen. Gouverneur Lehn:rin forderte die Versammelten auf, den leutsche'n.Juden jede mögliche Unterstüt: ng zu gewähren. Beb. konz. Realbüro ING. N. Kaut und Verkauf von Realitäten, Hypotheken 1., 11. und HL Sätze, Bau- und Zwischenkredite, (jebäudeverwaltung Büro: Franz Josefs-Kai 11 Tel. R-25-0-44 Wohnung: 2., Vorgartenstr. 150, Tel. R-41-8-88 Oie Glocken von Bethlehem Anläßlich des Weihnachtsfestes wurde zum erstenmal das Glockengcläute von Bethlehem durch Radio auf den englischen Rundfunk übertragen. Dieses Ereignis nimmt die Londoner Zeitung «Sunday Times» in ihrer Weihnachts- - ausgabe vom 24. Dezember zum Anlaß eines Artikels «Die Glocken von Bethlehem», der sich mit Palästinas Bedeutung in Geschichte und Gegenwart beschäftigt. Jerusalem, so schreibt das Blatt, hat die größte Kontinuität von allen alten Städten der Welt. Noch heute verbindet man mit ihrem 4 Namen dabei Gefühle wie vor Tausenden von Jahren. Auch die Stadt Bethlehem ist nicht nur den Christen heilig, sondern auch großen Moslems, wie dem Kalifen Omar, und auch für die Juden ißt sie die Stadt des jungen Hirten David. Palästina vergleicht der Artikelschreiber mit einem «Belgien des Nahen Ostens». Von Gaza bis Meggido und dann durch die Ebene Jesreel führt die größte Heerstraße der alten Welt. Pas jüdische Palästina ist für Millionen von Engländern und Schotten jahrhundertlang seelische Nahrung gewesen, und speziell die Schotten sind eine Nation von Bibellesern, wie kein anderes je gewesen ist. Freilich, so fährt die Zeitung fort, ist ln der letzten Generation eine Aenderung eingetreten und die Bibel wird nicht mehr so fleißig gelesen. Erst in unserer Zeit habe England die Möglichkeit gefunden, seine große Schuld gegenüber dem jüdischen Palästina abzutragen. Wenn wir heute die Resultate des großen Weltkrieges anschauen, so sehen wir, daß eines nach dem anderen sich als falsch erweist oder zerbröckelt. Eines aber, das standhält, ist Balfours Idee eines Jüdischen Nationalheims in Palästina. Es war ein großes Kompliment für Englind, daß es als Mandatar für Palästina gewählt wurde. Es steht fest, daß Palästina nicht nur eine große Vergangenheit hat, sondern auch eine große Zukunft haben wird. Der Artikel würdigt dann die Leistungen des Zionismus und spricht die Hoffnung aus, daß die «künstliche Feindschaft» zwischen Juden und Arabern durch die weitere Entwicklung ihr Ende finden wird. England jedenfalls habe den Vorteil, daß durch die Beiträge, die die Palästinaliebe der Juden herbeischafft, das Land entwickelt wird, ohne daß England dadurch Kosten hat. England sollte sich dieses großen ‘ Vorteils bewußt sein. THEATER KUNST EI TER ATER jüdisches Theater Das jüdische Theater in Wien, das in dieser Theaterstadt eigentlich nie fest Wurzel zu fassen vermochte, hat in den letzten anderthalb Jahren einen betrüblichen Niedergang zu verzeichnen. Wir werden uns in einer unserer nächsten Nummern mit dem Thema «jüdisches Theater in Wien» ausführlicher beschäftigen, heute sei bloß auf die betrübliche, jedoch nicht wegzuleugnende Tatsache hingewiesen. An dem jüdischen Theater in Wien hängen FamiUenexistenzen, deren sozialer Status ein überaus schwieriger ist, was dem jüdischen Kritiker oft die Pflicht auferlegt, mehr als ein kritisches Auge zuzudrücken. In der Erkenntnis, daß eine Kritik in schöpferisch-erzieherischem Sinne durch die desolaten und traurigen Verhältnisse der jüdischen Schauspieler in Wien nichts auszurichten vermag, gerät man so in einen weiteren, bisweilen noch schwerer wiegenden Fehler, dieses Theater aus künstlerischen Gründen zu ignorieren und es totzuschweigen. Wje gefährlich und vor allem ungerecht diese, wenn auch aus der Entwicklung des jüdischen Theaterwesens in Wien in den letzten anderthalb Jahren verständlichen Einstellung der jüdischen Kritik ist, überzeugt einen der Besuch im jüdischen Theater selbst, Cafö Astor, II., Praterstraße 60, den man wirklich nicht zu bereuen braucht. Freilich wirkt augenblicklich in diesem künstlerischverzerrten jüdischen Theater ein Künstler mit, der allein mit seinen prächtigen Leistungen cs zuwege bringt, die Einstellung zu diesem jüdischen Theater einer scharfen Korrektur zu unterziehen. Der Schauspieler, von dem hier die Rede ist, heißt David Seidemann. Seidemann fesselt vor allem durch seine Stimme, die einfach überwältigend ist. Der kleine Rahmen des Theaters wird gesprengt, und man glaubt, sich in einer von einer prachtvollen italienischen Opernstimme wiederhallenden Arena zu befinden. Also ein jüdischer Opernsänger? Auch. Aber er verfügt über jene so seltene, überaus mächtige Stimme, die in der Höhe und Breite fast keine Grenzen findet. Und mit welcher Innigkeit und Ergriffenheit singt Seidemann den monotonen Gesang des Talmudjüngerst «Perezl Lu bl in er» — dies der Name jener aus der jüdisch-amerikamschn Theaterwerkstatt bekannten Stücke — bietet dem Schauspieler-Sänger Seidemann die Möglichkeit, alle Register seiner von Schmelz und verllüffender Stärke und dabei auch von ungewöhnlich schöner Ifcngfarhe wMtsj» Stimme auf zuzieh«» Die Aufführung bewegte sich auch sonst auf achtbarer Höhe, vor allem die Partnerin Seidemanns, Frau A. L e r n e r, die gute und kultivierte $chauspielerschuJe vertritt. Israel K a m a i, von den Wilnaem in angenehmer Erinnerung, verrät sofort den Schauszieler von Bau. Aufs angenehmste überrascht Fräulein Ciili Bell durch eine wirklich gediegene und künstlerisch abgerundete Leistung. Aber auch alle übrigen, Frau Minna Deutsch, die Herren B e 11 und S i g a 1 und nicht zuletzt der Geiger L e 1 b o v i c trugen zum Erfolg des Abends bei. Das Künstlerpaar Seidemann wurde vom Publikum stürmisch gefeiert. Es war ein genußreicher Abend, j. r. Heinrich Hertz' Todestag Vor 40 Jahren, am 1. Jänner 1894, ist Heinrich Hertz, kaum 37 Jahre alt, in Bonn gestorben, einer der Großen, die das Judentum der Weit geschenkt hat, einer der Männer, deren wissenschaftliche Tat das deutsche Volk annektiert hat. Heinrich Hertz, der als Sohn jüdischer Eltern in Hamburg geboren war, hat das Gesetz der Ausbreitung elektrischer Wellen im Raum gefunden, die Grundlage der gesamten drahtlosen Telegraphie. Er war nicht in der Lage, seine große Entdeckung auszubauen noch weniger sie für sich zu verwerten. Erst Marconi gelang es an der Hand der Hertzschen Formel ein drahtloses Gespräch und Signalgebung zustande zu bringen. Marconi wurde reich, wurde Senator und ein berühmter Mann, steinreich; Hertz starb nach schwerster Krankheit an einer Sepsis. Seine Entdeckung ist weltumspannend geworden, seinen Namen kennen fast nur die zünftigen Physiker. Wenn heute Goebbels oder Frank oder irgendein anderer aus der Hitlergarde den Aether mit seinem nationalsozialistischen Geschwätz, mit der mystischen Verbundenheit und den erbbiologischen Vorzügen der nordischen Rasse belästigen, wenn Alfred Rosenberg am Mikrophon von der Großtat des Dietrich Eckart erzählt, des Autors der Parole «Deutschland erwache!», dann bedienen sie sich der Entdeckung eines Juden. Das kommt ihnen, dieser ignorantesten Gesellschaft seit Hagen von Tronje, nicht zu Bewußtsein, genau so wenig, wie den nationalsozialistischen Esperantisten, die mit Hilfe einer jüdischen Erfindung das ludentum als m'nderwertig beschimpfen. Wir aber freuen uns. daß das jüdisehe Genie in seiner Vitalität fortfährt, Männer wie Heinrich Hertz hervorzubringen, Zum Tode Jakob Wassermanns Wie bereits durch die Tagespresse gemeldet wurde, ist Montag früh inAlt-Aussee der bekannte jüdisch-deutsche Dichter Jakob Wassermann im Alter von 60 Jahren gestorben. Wassermann war erst vor kurzem erkrankt. Nach vorübergehender Besserung unternahm er eine Vortragsrejse nach Holland, von der er eben zurückgekehrt war. Jakob Wassermann nahm in der deutschen Literatur einen bedeutsamen Rang ein. Mit ihm ist ein Erzähler von blendender Darstellungskraft und psychologischer Tiefe dahin gegangen, ein Dichter, der die Probleme und Gestalten seiner Werke von hoher sittlicher Warte aus behandelte. Jakob Wassermann war Jude. Eines seiner Erstlingswerke war einem jüdischen Thema gewidmet, es waren die «Juden von Zirndorf». In der ganzen literarischen Linie Wassermanns kehrt immer das Problem des Juden in der deutschen Volksgemeinschaft wieder. Davon gab auch sein Buch «Mein Wegais Deutscher undjude» Zeugnis. Besondere Berühmtheit erlangte Wassermann durch einen seiner letzten Romane «Der Fall Mauritius», in dem der Dichter leidenschaftlich für Recht und Gerechtigkeit eine Lanze bricht. Die Stellung Wassermanns als Jude ist insbesondere in der zionistischen Presse oft Gegenstand scharfer Polemiken gewesen. Die Haltung Wassermanns in der Judenfrage, insbesondere seine Stellungnahme zum Ostjuden-Problem, gab hiefür besonderen Nährboden ab. Wir behalten uns vor, auf eine ausführliche WUidlgung des Dahingeschiedenen zurückzukommefl*. iUdische Kunststelle 11. Aspembrückenstr. 2. Tel. R 48-2-91. Bureau: 9—18.30 Uhl, Pen Mitgliedern stehen Karten für folgende Theater zu bedeutend ermäßigtem Prela aur Verfügung: Staatsoper, Burg, theator, Akademletheater, Scala, Karomeraplete, Theater au der Wien, Stadttheater, Komödie. Per liebe Auguutin, Ohad- GadJo» Jüdisches Theater usw. Konzerte; Artur Schnabel, 12. Jänner, Großer Konzerthaussaal. Bälle: Karten snr Alland-Redoute. Künstlerhaus: Reklameausstellung, Schluß 7. Jänner. D07D

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