Mannheim
Compact Memory

Die Stimme · 1933-12-29 · Heft 315 (29.12.1933) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Stimme
Volume
6 (1933)
Issue
Heft 315 (29.12.1933)
Date
1933-12-29
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3053752-3054015-3054069--3915-3059472
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. 315 — 39. fteztmtor 1933 Pffi 8TBW—... "■■■ ... ■ - -- - - Blätter der Jfldlfdien Frau FRAUENBEILAGE DER -STIMMEhumhib 4 7üdi&dk& JCittdeK 6t Pai&stüui Kait H» H> Tfa*, J&utoU*% Dem Europäer, der durch den nahen Orient reist, fäljt es auf, wie wenig sich hier das Leben der Kinder in den breiten Volksschichten vom Leben der Eltern unterscheidet. So wie der vier- bis fünfjährige Knabe die gleiche Tracht trägt wie der Vater, so wie das kleine Mädchen mit denselben schleppenden Röcken und schweren Schmuckstücken beladen ist wie die Mutter, so verläuft auch ihr Tag in der gleichen schweren Arbeit auf dem Felde oder in irgendeinem anstrengenden «Job» in den Straßen der Städte. Und kaum ist die Blüte des Jünglings- oder Jungfrauenalters erreicht, so sind sie bereits mit Sorgen belastete Familienväter, schwer beladene Hausfrauen und Mütter, denen Jegliche Muße und Ausbildung fehlt, über Sinn und Formen in ihrem und ihrer Kinder Leben nachzudenken. Aber niemand erwartet das auch von ihnen. Sogar die städtischen Kinder aus sozial gehobenen Schichten, die eine gute Schulbildung, meistens unter europäischer Leitung, erhalten, wachsen im Bann der alten Tradition und Sitte ihrer Familie und ihres Clans auf. Das junge Mädchen etwa ist wohl in eine Missionsschule, vielleicht sogar in ein Lehrerinnenseminar gegangen, wenn £.ber die entscheidende Stunde des Lebens, in der es vor allem auf die persönliche Neigung ankommen sollte, naht, wird sie ungefragt dem Manne vermählt, der am meisten den Anforderungen ihrer Familie und ihres Clans entspricht. ' » Um so eigenartiger wirkt es, wenn man Inmitten dieser großen Gleichförmigkeit des kindlichen Lebens im vorderen Orient eine Oase findet, in welcher der Individualität jedes einzelnen Kindes die größte Aufmerksamkeit geschenkt wird, in welcher man von der jungen Generation erwartet, daß sie ganz neue Lebensformen schaffen soll. Dieses Streben nämlich findet sich in den jüdischen Siedlungen von Paläetiwa« ..__ ___... Der Jude war von jeher dafür bekannt, daß er einen wahren Kultus mit seinen Ahnen und den von ihnen vererbten Lebensformen und Anschauungen trieb. In den neuen jüdischen Kolonien in Palästina dagegen kann man eher eine Art Kultus mit dem Kinde beobachten. Die jüdischen Palästinasiedler sind ausgezogen, nicht nur um in einer politisch und materiell gesicherten Weise leben zu können als in ihrer alten Heimat, sondern in allererster Linie in der Hoffnung, daß die Berührung mit dem Boden der uralten Volksheimat in ihnen eine Rückkehr der alten schöpferischen Geisteskräfte bewirken werde. Die erste Generation freilich ist so ausgefüllt damit, sich äußerlich irgendwie im neuen Lande einzurichten und ihre aus änderen Ländern mitgebrachten Gewohnheiten und Anlagen den neuen Lebensbedingungen anzupassen, daß sie sich wenig Hoffnung auf ein selbständiges Schaffen originaler neuer Lebensformen machen kann. Um so mehr setzt sie ihre Hoffnung auf die Generation der Kinder: sie, die schon fn dieser Landschaft, unter diesem Himmel aufgewachsen sind, die noch die Erbschaft jüdischer Religion und Ethik im Blute tragen, aber gleichzeitig auch im Besitz aller europäischen Geistesgüter sind, und in denen noch die Erschütterung des Auszuges der Eltern in die alt-neue Heimat nachzittert — von ihnen erwartet man den Beginn des neuen geistigen Schaffens. In dieser großen Hoffnung auf die Kinder bemühen sich die jüdischen Eltern in Palästina, diesen alle Möglichkeiten zu einer harmonischen Ausbildung zu geben: die besten hygienischen Bedingungen, ein möglichst großes Wissen, Fürsorgeeinrichtungen für hungrige, kranke, verwaiste, gefährdete Kinder sowie Möglichkeiten zur Bildung des guten Geschmacks und zur Auswahl der Gefährten. Dagegen halten sich die Eltern zurück in der Leitung und Lenkung der jungen Geister, lassen ihnen eine möglichst große Freiheit der eigenen Wahl in dem Bewußtsein, daß sie selbst, die erste Generation, noch nicht einmal ahnen, welche Wege der JUkfatkwtstifte dev &amfer nadt &atüft?na Mitgcteilt vom Palestine & Orient Lloyd, Vertretung, für Oesterreich Reisebureau City Dr, I. H. Körner, Wien, I., Kohlmarkt 8, Tel. U 26-4-2Ö. — Reservierung von ScHlffsplätzen. — Durchführung billiger Gesellschaftsreisen. 1.!. 1934: „Dazla" ab Gonstanta : „Martha Washington“ ab 17. I.» „Martha Washington“ ab 2. I. Triest Triest 18.!.: „Tevere" ab Qenuä „Marletta Pascha“ ab 4. 1.: i „Helouan" ab Qenna 19.!•:. 4.!.; : „Provldence“ ab Marseille Marseille 6. 1.: : „Esperla" ab Triest 20.!.: „Esperla“ ab Triest 8. I.: f „Romania“ ab Gonstanta 22. I.: „Romania“ ab Constanta 10.!.: : ..Polonia“ ah Constanta 24. 1.: „Italia“ ab Triest 10. 1.: : „Italla“ ab Triest 24. I.: „Polonia“ ab Constanta 11. I.! : „Vienna“ ab Triest 25. I.: „Helouan“ ab Triest 12.!.: : „Patrla“ ab Marseille 26. 1.: „Sphinx“ ab Marseille 13. I.: i „Ausonla“ ab Qcima 37. I.: „Ausonla“ ab Genua 13. I.: : „Dazla“ ab Gonstanta 29.: I. „Reg.-Carol“ ab Constanta 12. Februar- Sonderfahrt der , .Aqultanla* ‘ ab Villafranclie—Nizza. jüdische Geist bei seiner Rückkehr zum eigenen Schaffen betreten wird. Das Streben nach Bereitung von möglichst günstigen Lebensbedingungen für die Jugend Ist ein hervorstechender Zug des Lebens in den jüdischen Siedlungen. Jeder kl«i#Mte Ort hat seine Säuglingsstation, seinen gut ausgestatteten Kindergarten, der oft nach einer aus Elementen der Fröbelschen und Montessorischen Lehre zusammengesetzten Methode geführt wird, eine Schule mit Geräten für Turn- und Werkunterricht und mit einem Gemüse- und Blumengarten. Die Zionistische Organisation als Jewish Agency hat diesem Streben nach bester physischer und geistiger Ausbildung der Jugend einen großen Raum in ihrem Aufgabenkreis eingeräumt; sie hat seit einem Jahrzehnt das Gesundheitswesen, mit dem sich speziell die amerikanischen Zionisten befassen, materiell und moralisch in starker Weise gefördert, so daß man besonderen Wert auf die Säuglingspflege, die Gesundheitspflege in den Kindergärten und Schöffen legen konnte. Diesen Bemühungen ist es zu danken, Wenn die früher im Lande allgemein verbreiteten Kopfkränkheiteri ’ fast verschwunden und die Augenkrankheitert auf ein geringes Maß beschränkt werden konnten, und wenrt die Säuglingssterblichkeit in den jüdischen Siedlungen geringer fsf" als in europäischen Ländern. Die Kinder, die in palästinensischen Schulen erzogen' werden, kommen aus den verschiedenartigsten, kulturell ganz entgegengesetzten Häuslichkeiten; Im Elterhause; spricht man russisch, polnisch, deutsch, englisch oder eine andere europäische Sprache, vielleicht auch arabisch,. spä-; niolisch, persisch, bucharisch oder einen Dialekt des Kaukasus. Diese ganze Schar der jungen Europäer, Jemeniten,, Kaukasier oder was sie sonst der Herkunft nach sein mögen, wird vereinigt durch die hebräische Sprache, welche dife- Kinder vom Kindergarten bis zur Hebräischen Universität auf dem Oelberge begleitet, an derfen Neuschaffung sie vom Ersinnen eines Kinderreimes bis zum terminus technicus des' wissenschaftlichen Studiums teilnehmen. Was die Zionisti-; sehe Organisation für die Einführung der hebräischen. Sprache getan hat,, ist nicht minder eine: Eroberung von Neulanrf wie die Urbarmachung .der Strecken Landes, die. vor . Beginn, der jüdischen Kolonisation versandete und vcr-.’ sumpfte, todbringende Wüsten waren. Diese Wiederbelebung der hebräischen Sprache hat aber nicht nur den an sich schon bedeutenden Vorzug, daß sie ein Bindeglied zwischen den verschiedenartigen Elementen bildet, aus denen sich die neue jüdische Gesellschaft zusammensetzt. Sie ist auch die Brücke, auf der das jüdische' Kind zum wirklich tiefen Verständnis des Geistesschatzes ln sein eigenes, verändertes Leben hineintragen kann, um ihtr umzugestalten. In dem Amphitheater der Hebräischen- Uni-" versität au* dem Oelberge, das mit seiner unendlich Weiten ’ Achers Muiter Wer war derjenige, dessen Namen ausgemerzt werden sollte aus der Erinnerung seines Volkes? ... der diesem Volke zu einem «Acher» . . . dem «andern» . . . Fremden geworden! ... aus einem Meister großer Meister (Rabb. Meir u, a.) zu einem Abtrünnigen! . . . Wie ist die furchbare Metamorphose vor sich gegangen? Welche verhängnisvollen Keime ruhten in Geist und Seele des. jüdischen Gelehrten und Lehrers in Israel, die — in der Folge erwacht und erstarkt — eine so bittere Frucht gezeitigt: Verleugnung alles dessen, was ihm einst heilig und unantastbar gewesen. . «Nach seinem Tode entstieg Achers Grab eine blutige Flammengarbe, die erst sein großer Schüler Rabb. Meir beschwörend zu löschen vermochte.» S6 lautete die Sage. Ihr Sinn Ist wohl der: erst dem Einfluß des edlen Schülers gelang es, die fatalen Lehren des irregeleiteten Meisters zu entkräften — «auszulöschen» ... Die Erscheinung Achers blieb ein Rätsel für die jüdischen Gelehrten und Denker seiner Zeit. Sie, die «ganze Traktate schrieben über das berühmte Ei, das das Huhn gelegt am Sabbath» (Heine), sie standen ratlos vor der ungeheuerlichen, geistig seelischen Umwandlung, die Achers Wesen bot. Sie durchforschten seine Kindheit und Jugend — um zuletzt üir berühmtes Urteil in dem knappen Satz zu fassen: «Seine Mutter hatte den Duft heidnischer Altäre «Ingesogen». . . Das will sagen: sie war den Kulturstätten der Heiden . . . der F r e m d e n zu nahe gekommen — so nahe, daß ihr «Duft», d. h. ihr Geist sie umfing, ja, anscheinend sogar berauschte und gefangerinahm —.um a 1 s v e r h ä n g n 1 s v o 11 e s E r b e i n Blut und Sinn des Sohnes zu übergehen. Sein Vater war eilt angesehener Bürger Jerusalems, gekannt und geschätzt mehr seines Reichtums und gastfreien Hauses — denn seiner Gelehrsamkeit wegen. Aber, wenn auch selber keine Gesetzesautorität, besaß er. doch den schönen Ehrgeiz, seinen Sohn zu einem der Lehrer und geistigen Führer des Volkes zu erziehen. Dieser edle Wunsch eines frommen Vaters findet — scheinbar — eine herrliche Erfüllung. Achers ungewöhnliche Begebung — sein Wissensdrang — glückliche Verhältnisse, die ihm tiefes Studium ermöglichen, bewirken, daß Elischer ben Abuja eine Leuchte des Gesetzes wird. Er sieht große Schüler zu seinen Füßen sitzen, Worten des Glaubens und der Weisheit aus seinem Munde lauschend. Rabi Meir gehört, wie wir wissen, zu der illustren Schar. Doch —r es nützt alles nichts — denn: «seine Mutter » , .» Einen großen Teil seines Lebens: verbrachte er im Geiste der Lehre geheiligter Tradition, die seine Umgebung durchwehte. Nichts verriet den verräterischen Keim, den er mit der Muttermilch eingesogen. Aber dieser Keim war vor-' handen und bewahrte seine Macht über Achers Seele I Denn mächtig bleibt, was die Mütter uns vererben. Der Talmud wie die neuere Wissenschaft stehen darin auf dem gleichen Standpunkt. Von der Mutter stammt unser seelisches und geistiges Erbel Wir vermehren oder vergeuden es . . aber das Stammvermögen kommt uns von ihr! (Goethe: «Vom Vater häb’ ich die Statur . . . Von Mütterchen ... die Lust zu fabulieren»). Auch Achers Erbe stammte von der Mutter! Sie aber: ., «hatte den Duft fremder Altäre eingesogen»! Und es ruhte das verhängnisvolle Erbe in den Tiefen von Achers Wesen.. Ueberwuchert — nicht etwa von Unkraut! — nein! sondern von den edelsten Blüten jüdischer Glaubens- und Weisheitslehrel Ueberwuchert — doch nicht ertötet!! Der verderbenbringende Keim sprengt nach Jahren seine Hülle, durchbricht den festen Schutzwall der Lehre und Erziehung, in langer, mühevoller Arbeit geschaffen ... stürzt hervor — um, einem wütenden Orkan gleich, alles zu zerstören und von Grund aus zu vernichten, was jüdisch Edles und Schönes in Achers Wesen gepflanzt worden. Elischa ben Abuja hatte aufgehört zu sein. Aus den Geistestrümmern des großen Rabbi — ging der Archer hervor. Sein Name sollte ausgelöscht werden aus dem Gedächtnis seines Volkes — denn fremd war diesem Volke geworden — der ihn solange ehrenvoll getragen. — Nichts blieb zurück als das furchtbar e Ge r i c h t — das ln dem Worte: A c h e r-~ das Urteil seiner Brüder kundgibt . . . und seine einzige — freilich schwerwiegende Verteidigung, die der weise Talmud in die abgrundtiefen Worte legt: «seine Mutter hatte den Duft fremder Altäre eingesogen!» Rosa Melzer. __KLUB «EREZ ISRAEL», II., PRVTERSTR>SSB 13 fl LOVriHOF). TELEPHON R 44.3-45_' Sonntag, 31. Dezember 1933, 8 Uhr abends, Festsaal des «Hotel Continental», II., Taborstraße 4 Großer Jüdischer Abend mit Tanz Programm: Nora Dauber (Gesang), Hilde Dulitzkaja (jüdische Volkslieder), Ada Kelsen (Chansons), Sarah Stuckart (Klavier), N. Nicholson (humoristische Vorträge), Samuel Schwager (Rezitationen), Julius Schwarz (Violine). David Tendier, Polen (Rundfunkbariton), Bobby Weiser (Conference) «BEIM ADVOKAT», Einakter nach Seholem Alejchem, bearbeitet und Inszeniert von lizclmk Herzberg. Aufgefiihrt von der Theatergnippe des Klubs. Hanlgun wirkt mit.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.