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Die Stimme · 1933-12-29 · Heft 315 (29.12.1933) · page 5

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Journal
Die Stimme
Volume
6 (1933)
Issue
Heft 315 (29.12.1933)
Date
1933-12-29
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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" Nr. 315 — 29. Dezember 1933 DIB STIMME Jtfti 8 KUNST UND LITERATUR Bar Kochba-Miinze in Vindobona Zur Bodenständigkeit der Österreichischen Juden Das Schalotn Alejchem- Jubliläum Ai» Anlaß des 50j8hri.gen Jubiläums des dichterischen Schaffens des größten jiddischen Dichters Schalom Alejchem fand letzten Donnerstag im Festsaal des Hotels Stefanie ein Schalom-Alejchem-Festabend statt, der einen »ehr würdigen und genußreichen Verlauf nahm. Der Abend wurde mit einer Elegie auf den Tod des unvergeßlichen Dichters von L e w i n vom Streichquartett unter de# Leitung Israel Brandmanns eingeleitet, ln einem großangelegten Heferat zeichnete M. Groß das bahnbrechende und die jiddische Literatur gestaltende Wirken Schalom-Alcjchems. In seiner literarisch-historischen Betrachtung wies Groß auf das Feld der jiddischen Literatur hin, das Schalom Alejchem als Erster befruchtete. Es gab vorher Schumerismus unter Schumer, ein Abklatsch der Courts-Mahler in der jüdischen Gasse. Jeh>upetz sollte ein Paris und Chaim Jossel mußte zumindest ein Graf sein. Milieu und Gestalten dieses Schunierismus wurden aus einer romantischen und unwirklichen Welt aus irgendwo bezogen und beherrschten die damalige jiddische Literatur. Erst Schalom Alejchem hat die jiddische Literatur weltliteraturfähig gemacht. In Menachem Mendel, in welchem das Schaffen Schalom Alejchems seine Krönung gefunden, hat der Dichter sich nicht nur verewigt für alle Zeiten, sondern ein Kunstwerk geschaffen, das der jüdischen Literatur die Gleichwertigkeit mit anderer Volksiiteratur gebracht hat . . . Schalom Alejchem konnte deshalb der wirkliche Begründer der jüdischen Literatur werden, weil er so gar kein Berufsliterat war, weil er als einfacher Jude vom Leben her in die Schriftstellerei eintrat. In der Beurteilung und in der Einstellung zu Schalom Alejchems Werk können wir verschiedene Epochen feststellen. Es waren soziale Differenzierungen, die in der Beurteilung Schalom Alejchems den Ausschlag gaben. Es gab eine Zeit, wo man im gutbürgerlichen jüdischen Haus Schalora Alejchem als besondere Delikatesse am Samstagnachmittag den Gästen servierte, sich über ihn und seine Gestalten krank lachte, ihn im übrigen aber nicht vollwertig »ahm. Die intellektuellen Schichten wieder lasen Schalom Alejchem, verstanden und erfaßten ihn, aber schämten sich, ihn au genießen, schämten sich, die Freude an ihm, an seinem Humor, an seinen köstlichen Figuren und an seinen wunderbaren Visionen aufrichtig zu bekennen. Sie glaubten sich irgendetwas, insbesondere ihren Intellektualismus zu vergeben, wenn sie Schalom Alejchem und seiner Kunst ihre Reverenz erwiesen. Erst heute Ist unsere Einstellung zu Schalom Alejchem eine korrigierte, eine positive. Heute wissen wir, was Schalom Alejchem für die jüdische Literatur bedeutet. Den Rest des Abends füllten einige Vortragsstticke aus Schalom Alejchems Werken, die Herz Großbard vortrug. In Herz Großbard lernte man einen Schauspieler- Rezitator von unvergleichlicher Art kennen. Er ist ohne Uebertreibung der kongeniale Interpret des Dichters Schalom Alejchem. Die ganze Welt der Schalom Alejchem-Gestalten, die ganze Groteske und Vitalität dieser Erscheinungen zeichnet Herz Großbard mit außerordentlichem Profilierungsvermögen und macht sie für den Zuhöhrer transparent. Hoffentlich haben wir bald Gelegenheit, den Künstler in einem abendfüllenden Programm wirken zu sehen. — thal Eduard Jacobson 1853/1897 Zu seinem 100. Gebuilstaa Von Josua H o r o w 11 z Durch ihren Humor, ihren Witz, ihren Sarkasmus und ihre lustigen Einfälle haben die Juden als Possendichter Großes geschaffen. Sie haben auch in dieser Literaturgattung beträchtliche Erfolge erzielt und dieses Genre der Literatur zu einer besonderen Blüte gebracht. Einer dieser Possenkönige ist Eduard Jacobson. Jacobson wurde November 1833 zu Großstrehlitz in Oberschlesien als Sohn eines Rabbiners geboren. Er studierte in den Jahren 1854 bis 1858 in Berlin Medizin, promovierte 1859 und wohnte seit dieser Zeit ständig in Berlin. 1856 schrieb er als Student sein Erstlingswerk, den Schwank «Faust und G r e t c h e n». In der nun folgenden vierzigjährigen schriftstellerischen Tätigkeit hat Jacobson teils selbständig, teils im Verein mit O. F. Berg, 0. Girndt, G. v. Moser, Jul. Rosen, Rud. Kneisel, ungefähr hundert einaktige und größere Gesangspossen verfaßt, die meist über alle deutschen Bühnen gegangen sind und sich viele Jahre hindurch als Repertoirestücke behauptet haben. Unter anderem sind als die wichtigsten zu nennen: Singvögelchen, Beckers Geschichte, 500.000 Teufel, Humor verloren alles verloren, Wünsche und Träume, Drei Monat Mach Dato, Der Mann im Monde, Ebbe und Flut. 1886 feierte Jacobson mit der Posse «Ein gemachter Mann» das Jubiläum seines hundertsten Bühnenstückes. Aus diesem Anlaß schrieb die «Neue Allgemeine Zeitung»: «Nur wer das Theater genauer kennt, ist imstande, richtig zu beurteilen, welch ein ungeheures Quantum von Arbeit, Fleiß und Erfindungsgabe in hundert solcher Werkt auf gespeichert Hans T i e t z e hat in seinem unlängst edierten Buch «Die Juden Wiens»1*) naturgemäß vor allem die Frage erwogen, wie weit die Ansiedlung von Juden in Wien und Oesterreich zurückreiche. Auch er findet als sichere Urkunde darüber nur den, schon so oft zitierten, Raffelstetter Zollvertrag aus dem Anfang des 10. Jahrhunderts, glaubt aber als Niederschlag ihrer früheren Anwesenheit die mittelalterliche Legende erwähnen zu sollen, wonach schon 859 Jahre nach der Sintflut ein jüdischer Fürst Abraham in Oesterreich das große Reich Judaseiptan gegründet und einen Tetrarchen u. a. in Wien eingesetzt habe. Max Ermers seinerseits widmet im «Ta g* Tietzes Buch einen Artikel «Die Mischung der Wiener Kultur» und weist dabei auf das Bestehen einer vor etwa 4000 Jahren in der Wiener Gegend durch Ausgrabungen festgestellten Glockenbecherkultur hin, deren Träger eine durch starke asiatische Beimengung charakterisierte Mischrasse gewesen sei. Dann setzt er fort: «Aber im 2. oder 3. Jahrhundert nach Christi, als noch keinerlei Germanen in die keltisch-römische Blutmischung der Vidobonenser infiltriert waren, finden wir bereits im benachbarten Pannonien jüdische Grabsteine. In Wien selbst, wo vermutlich gleichfalls im Gefolge der Römer jüdische Händler saßen, ist Aehnliches bis jetzt noch nicht gefunden worden . . .» Mir scheint nun, daß von berufener jüdischer Seite der Frage unserer «Bodenständigkeit», obgleich sie doch nachgerade genug aktuell worden ist, nicht mit dem nötigen Ernst nachgegangen wird. Darf ich selbst einige Fingerzeige beisteuern? Die Wien—Preßburger Trambahn bringt uns in wenigen Viertelstunden nach Deutsch-Altenburg, wo sich das Museum «Carnuntum» erhebt. Eines ihrer interessantesten Objekte ist der im Musealführer abgebildete Grabstein für einen Centurio (Hauptmann) der dortigen römischen Garnison, welchen die deutliche Inschrift als aus «Rabbath Ammon» gebürtig bezeichnet. Das nun war die Hauptstadt des-östlichen Jerusalem und Judäa beheimateten Völkleins der Ammoniter, ein Ort, welcher unter dem Namen Philadelphia dem hellenisierten Städtebund der romtreuen Dekapolis angeschlossen war und noch heute als Amman, der Regierungssitz des Emirs Abdallah von Transjordanien, fortlebt. Kurios genug fügt es sich, daß des biederen Centurio Todesjahr (70 n. Chr.) mit jenem der Eroberung Jerusalems durch den Kaisersohn Titus zusammenfällt. An jener Belagerung hat ja die kampfberühmte X. Legion, welche zu diesem Zweck aus Carnuntum und dessen Sperrfort Vindobona nach Palästina geschickt worden war, und haben auch Kontingente der semitischen Völkerschaften rings um das rebellische Judäa, einschließlich der Ammoniter, teil genommen. Wie eng überdies damals schon der Zusammenhang zwischen den asiatischen und den Donauprovinzen des Römerreiches war, zeigen im Camunter Museum der bilderreiche Marmoraltar und die sonstigen Kultgegenstände des aus Persien stammenden und vorzüglich in Soldaterakreisen verehrten Gottes Mitras. Diese keltisch-römische, von asiatischen Elementen durchsetzte, Grenzbevölkerung sah von •) In Nr. 312 der «Stimme» von Dr. Oskar Grünbaum besprochen. liegt Wie nicht alle Kinder geraten, so bat auch Jacobson unter den Erzeugnissen seines Geistes einige solcher Früchtchen aufzuweisen, die trotz aller Liebe, mit welcher seine väterliche Sorgfalt sie ausgestattet, die Gunst des Publikums nicht erlangen konnten und ihr verfehltes Dasein nur noch in den Theaterbibliotheken fortführen; bei weitem aber die größere Anzahl seiner Stücke fand allgemeinen Beifall. Kleine, hübsch erfundene und reizend durchgeführte Liederspiele, mit denen er Ende der fünfziger Jahre in Berlin debütierte, öffneten ihm den Weg auf alle Bühnen. Sein unversiegbarer Humor, seine scharf pointierten Couplets, seine allerliebsten Lieder, in denen der Vers meist meisterhaft behandelt ist, machte ihn bald zu einem unserer beliebtesten Theaterschriftsteller. Es gab eine Zeit, wo die Berliner Theater ausschließlich durch Jacobson mit Possen und Schwänken versorgt wurden und sein Name täglich auf allen Berliner Thea‘erzetteln zu finden war.» Es ist uns ein Brief Jacobsons vom 9. Mai 1890 erhalten geblieben, in dem er folgende interessante Einzelheiten aus seinem literarischen Werdegang berichtet: «Seit 56 (unberufen) arbeite ich für die Bühne . . . Noch war ich mit Leib und Seele Mediziner, aber das Schicksal hatte ea sich vorgenommen, aus mir einen Possenautor zu machen, und es hat Recht behalten. Ich dachte «ultra Posse nemo obligatur» (der Scherz stammt ursprünglich von mir), hing, nachdem ich meinen Doktor gemacht, den heiligen Aeskuiap an den Nagel —- und da hängt er heute noch. Den ersten abendfüllenden und, um mich eines jetzt beliebten Ausdrucks zu bedienen, sensationellen Erfolg hatte ich mit der Posse «500.000 Teufel», die 300 Aufführungen erlebte . . .» Die berühmtesten Schauspielerinnen Deutschlands traten in der Höhe ihrer Verschanzungen und ihrer MittelmeerkiultUf mit grimmigem Mißtrauen nördlich der schützenden Donau die Markomannen und andere germanische Barbaren« tämme hausen. Und nun noch efn anderer Beleg aus dem leider so wenig beachteten Römischen Museum, Wien, IV., Rainergasse 13, ein Beleg, der anscheinend bisher so gut wie unbekannt blieb. In einer Vitrine des Saales im Oberstbck dieses Museums ist ein Klumpen römischer Münzen ans dem zweiten nachchristlichen Jahrhundert ausgestellt, welche» man 1913 im Baugrund, I., Herrengasse 4—8, gefunden hat. Dort, wo kürzlich das sogenannte «Hochhaus» vollendet wurde, zog einmal an den Bastionen des Castrums von Vindobona eine Heerstraße des Imperiums aus dem erzreichen Noricum nach Pannonien und Mösien vorbei. Aus der Mitte dieser zeitgenössischen Münzen aber spricht mich — wie seltsam! — ei» Kupferschekel an, welchen laut althebräischer Inschrift Schimeon, Fürst und Hohepriester der Juden, im zweiten Jahr der Befreiung Jerusalems (133 n. Chr.) geprägt hat. Ist doch dieser Schimeon kein anderer als unser Nationalheld Bar Kochba, welcher den letzten großen Aufstand des jüdischen Volkes gegen das römische Weltreich unter Kaiser Hadrian geführt hatte I Eine Niederlage, deren Rum die Verheißung endgültigen Sieges in sich barg. Versonnen blieb ich vor der schlichten Vitrine stehen. Wie kam mir diese Kupfermünze aus dem sonnigen Süd nach dem fernen Isterstrand? War es etwa ein Legionär, weicher dies Andenken an den Sieg über das störrische Volk, an lustiges Morden und Plündern in die Garnisonsstadt zurückbrachte? Doch Legionäre pflegten nicht sentimental zu sein und schwärmten mehr für SUber und Gold. Oder war es einer der besiegten Juden, die man von der Heimatscholle riß und hieher in die Sklaverei verschleppte, bis eie schließlich freigelassen, sich als Händler oder Handwerker an den Außenwerken der Festung fortbrachten? Also das teure Vermächtnis eines jüdischen Patrioten für Kind und Kindeskind — wahrlich, von diesem Stückchen Grünspan scheint ein Fluidum auszustrahlen, wovon sich ein phantasievolles Dichtergemüt zu einem herzpackenden Roman begeistern Heße! Die von der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde seit langem eingesetzte Historische Kommission sollte diesem Falle nachgehen und darüber hinaus ergänzende Daten sammeln; sie wären wohl geeignet, die Forschungslücke ausfzuftillen, welche zwischen den nachweisbaren jüdischen Siedlungen in den Römerstädten von Germania superior am Rhein und jenen an der niederpannonischen Donau gerade für das Zentralstück, die österreichische Grenzstrecke, klafft. Wozu das nur? Etwa, um unseren «arischen» Kritikern und Fehmeriditern, deren diverse, aus Potpourri-Mischungen stammenden Vorfahren zur Römerzeit noch von Lappland bis zum Altai in Steppe, Sumpf und Tschundra schweiften, die ältere Bodenständigkeit der Juden auch hierlarvds zu erweisen? Das hieße eitle Liebesmüh’. Bleiben doch Logik und Wissenschaftlichkeit stets machtlos wider Dünkel, Haß und Neid der erdrückenden Bevölkerungsmehrheit. Die offenen Feinde möchten uns Juden vernichten. Und die «Freunde* — daß Gott erbarm! — zur Düngung der «uro- Der Fall Roberts (Die Nacht Im Forsthaus) Ein Kriminalfilm voll Spannung und Humor mit Hermann Speelmanns, Camilla Spira, Paul Henckels, H. A. Schlettow, Eduard Winterstein, Julius Falkenstein. Kurt Lilien u. a. m. A B H E U TE: Rolenlurm-Klno.l. Heimat-Kino. IX. __ Monopol Sch'.Utt 6 U Cum b Wto» VIL seinen Stücken auf. So schreibt er am Ende seines Briefes: «Apropos! Eben erhalte ich einen Brief von Marie Schwarz — beinahe hätte ich sie vergessen. Sie hat monatlich in der von mir für Berlin bearbeiteten «Näherin» von Ludwig Held im Wallnertheater sehr gefallen. Ich schickte ihr damals auf Wunsch mein Bild mit der Widmung: Der liebenswürdigen Näherin und — entre nous — Hebräerin. Trotz seines literarischen Ruhmes und seiner ungeheuren Schaffenskraft, der wir hundert köstliche Gesangspossen verdanken und die überall das Publikum entzückten, Ist Eduard Jacobson in unserer Zeit ein unbekannter Name und seine Stücke längst vergessen. Das ist eine natürliche Erscheinung. Der Possendichter lebt mit und für die Zeit Der augenblickliche Erfolg ist Bedingung seiner Existenz und seiner Produktion. Es darf uns daher nicht Wunder nehmen, daß den Herrschern im Reiche des Humors oft mit einem Enthusiasmus gehuldigt wird, welcher zu dem Wat der Schöpfungen nicht immer in einem richtigen Verhältnis steht

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