Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 6 (1933)
- Issue
- Heft 315 (29.12.1933)
- Date
- 1933-12-29
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Sette f ütE STIMM* *r. StS - ». Dezember HM JÜDISCHE GEMEINDE Zionistische Anfbantütiukeit in der jüdischen Gemeinde 1. Soziale Tätigkeit Am 4. Dezember war es ein Jahr, seitdem eine zionistische Mehrheit in die Kultusstube eingezogen ist. Unvergessen ist es. daß der Führer der derzeitigen Opposition bei der Budgetberatung mit Emphase erklärte, er danke Gott dafür, daß es die schlechten Zeiten der zionistischen Mehrheit unmöglich machen würden, das zionistische Gemeindeprogramm zu ver wirklichen. Wahrlich, die Zeiten sind schlecht, die jüdische Not wächst unheimlich von Tag zu Tag. Mehr als o<) Prozent der jüdischen Begräbnisse sind Gratisbegräbnisse und die Zahl der Gemelndeinitglleder nimmt ständig ab. Bei der öffentlichen Sitzung des Kultusvorstandes wurden hierüber traurige Ziffern bekannt gegeben. In der Zeit vom 1. Jänner bis 30. November 1932 hat die kahl der Trauungen 965, die der Ehetrennungen 306 be- •agen. 857 Geburten gelangten zur Anmeldung, davon 445 ,'iänniiche und 412 weibliche. Die Zahl der Sterbefälle belief ücli auf 2534. Von den magistratischen Bezirksämtern sind 690 Anzeigen über Austritte der israelitischen ReliglonsgesciUdiaft eingelangt, wfthred im Rabbinate der israelitischen Kultusgemeinde 336 Personen ihren Eintritt ins Judentum bezw. ihre Rückkehr zum mosaischen Glauben vollzogen haben. Unter den 690 aus dem Judentum Ausgetretenen befinden sich 193 Kultussteuerträger. Hievon waren )eme>sen mit einer Kultussteuer von S 1.— bis S 10.— 52 Personen, von S 10.— bis S 50.— 87 Personen, von S 50.— bis S 100.— 21 Personen, von S 100.— bis S 150,— 14 Personen, von S 200.— bis S 500.— 12 Personen und von S 2200.— 1 Person. Die zionistische Mehrheit hat die soziale Fürsorge als einen wesentlichen Punkt ihres Programms bezeichnet und dieses Programm zum Teile schon im ersten Jahre ihrer Tätigkeit ungeachtet der widrigsten Zeitumstände verwirklicht. Die Gemilath Chesed-Kasse hat ihre Tätigkeit, die in der Gewährung zinsenfreier Darlehen besteht, aufgenommen und eine größere Anzahl von Ansuchen erledigt, der Arbeitsnachweis funktioniert bereits. Das Siedlungsproblem und die Frage der Berufsumschichtung haben den Gegenstand einer am 18. Dezember d. J. stattgehabten Enquete gebildet. Es ist zu gewärtigen, daß es gelingen wird, alle diesbezflg- PaläsSlna-Abteiluna JOSEF FOPPER Internationale Transporte, Wien, II., Taborstr. 22. Telephon R 48-5-10, R 49-5-70 Serie. In Palästina: The Levabt Bonded Warenhousea Co. Ltd., ravy> ’iona1? nvnrnn mann Haifa, Telephon 340 Jaffa, Telephon 36 Spezial-Warentransporte, Uebersiediungen, Verpackungen für Palästina, Transport- und Reisegepäckversicherungen. Auskünfte jeder Art über Palästina. liehen Bestrebungen planmäßig zu vereinigen und durch ein gemeinsames überparteiliches Kuratorium praktische, produktive und ersprießliche Arbeit zu leisten. Der harte Winter hat dazu gedrängt, die Winterhilfsaktionen der Kultusgemeinde in Angriff zu nehmen, noch ehe die hiefür erforderlichen Mittel aufgebracht waren. Bereits in der vorigen nicht-öffentlichen Plenarsitzung konnte darüber berichtet werden, daß ein u ngenannt sein wollender Wohltäter für sechs Monate den Betragvon je S300 0.— der Gemeinde zur Verfügung stellt für Zwecke der Ausspeisung Notleidender und für die Kohlenaktion. Die eingeleitete Sammelaktien der Kultusgemeinde wird mit aller Intensität betrieben werden müssen, um jene ansehnlichen Beräge noch zu beschaffen, die für die WinterfiiMsaktion erforderlich sind. Bisher wurde bereits am 3. Dezember 1933 im Prater, in der Sebastian-Kneip-Gasse eine neue Ausspeisung eingerichtet, in welcher derzeit über 200 Personen täglich ausgespeist werden. Im Anschlüsse daran besteht eine Tee- und Wärmeatube. ln der Brigittenau, in der Bäuerlegasse, werden gleichfalls seit 15. Dezember über 200 Personen 14glieh verköstigt. Etwa 3000 Familien wurden mit j e 5 0 kg Kohle beteilt. Die Aktion Jugend in Not (II., Blumauergasse 1 und Jordangasse 7) wird durch Subventionierung gefördert. Zirka 300 Lebensmittelpakete gelangen noch im Monate Dezember zur Ausgabe. In den folgenden Monaten soll außer den bereits genannten Ausspeisungen die Verköstigung weiterer 600 Personen vor sich gehen. Die Kohlenaktion und die Verteilung von Lebensmittelpaketen soll in erweitertem Maße fortgesetzt und eine Reihe anderer Hilfsmaßnahmen getroffen werden. Voraussetzung hiefür ist natürlich, daß die erforderlichen Mittel aufgebracht werden. Die Bestrebungen des unter der besonderen Befürwortung der Kultusgemeinde stehenden gemeinnützigen Vereines «F a m i 1 i e n s c h u tz» hat der Kultusvorstand dahin su fanden! beschlossen, däß den bei diesem Verein versicherten Personen gewisse Benefizien bei Inanspruchnahme des Spitales der Kultusgemalftde, sowie bei den Begräbniskosten xugestanden wurden. Es wurde ferner dem Bund jüdischer Frontsoldaten die Begünstigung eingeräumt, daß bis auf weiteres dessen Mitglieder bei Inanspruchnahme der!. und H. Klasse des Spltatea dter Kti tusgemeinde einen prozentueflien Nachlaß von den jeweüic geltenden Gebühren genießen. Sehr zweckdienlich hat es lieh erwiesen, daß seitens der K ul tusgemeinde im Haina das VtreiiMS dar Jüdischen Volksküche Im XX. Beziric, Ktudcygasae, Räumlichkeiten für Jugendheime sichergelteü* wurden. Die starke Inanspruchnahme dieser Räume, sowie de« Jugendheimes im Hause der Volksküche in der Krum<mbaumga«se haben das Vertreterkollegium bestimmt, xu den Mlet- und Brftalturiff»- kosten, welche Im Budget pro 1933 mit S 3000.— prMhnf. niert waren, weitere S 300.— zu bewilligen. Wenn man erfährt, daß derartige Leistungen in s* schwerer Zelt möglichwaren, dann beweist das, daß es gelungen ist, die Gemeinde mit neuem Oeiat zu erfüllen und sparsam zu wirtschaften. 2. Das wachsende Schulwerk der Gemeinde Die Sorge für die Heranwachsende jüdische Jugend und die Reform des unzulänglichen und unter der Herrschaft der «Union» verknöcherten Religionsunterrichtes bildete eine der wichtigsten zionistischen Forderungen. In der am 21. Dezember stattgefundenen öffentlichen Plenarsitzung des Kultusvorstandes berichtete nun der Obmann der Unterrichtskommission, Herr ProfesaorMoses Rath Uber den Stand der von ihm in Angriff genommenen Reformen auf dem Gebiete des jüdischen Unterrichtswesens unter anderem folgendes: Wir haben bereits in der kurzen Zeit unserer Geschäftsführung einem wesentlichen Teil der Mängel des jüdischen Religionsunterrichtes abgeholfen: Aus der Mitte der Lehrerschaft wurden Kommissionen eingesetzt, die in monatelangen Beratungen unter meiner Leitung den veralteten, unzulänglichen Lehrplan neu bearbeitet und den Hebräischunterricht eingebaut haben. Der von den Kommissionen und dem Inspektorat durchberatene Entwurf der neuen Lehrpläne für die Volks*- und Hauptschule wurde vom Plenum der Lehrerkonferenz genehmigt. Jetzt wird noch am Lehrplan für die Mittelschulen gearbeitet. Im Februar 1934 dürfte auch dieser fertiggestellt sein und den behördlichen Instanzen zur Genehmigung vorgelegt werden, so daß im nächsten Schuljahre die neuen Lehrpläne in Kraft treten werden. Um den Religionslehrern die Möglichkeit zur Fortbildung und Vertiefung ihres fachlichen und pädagogischen Wissens und Könnens zu bieten, haben wir im April d. J. von Gemeinde wegen einen Fortbildungskurs für Religionslehrer mit 8 Unterrichtsstunden in der Woche geschaffen. Vier Dozenten (Prof. Aptowitzer, Dr. Sonne, Prof. Redisch und Dr. Zimmels) Tetireh' TäriacjiT Mischria * und 'Ägadä,' Neuhebräische Literatur, jüdische Geschichte und Methodik des Religionsunterrichtes. Die Voraussetzungen der Zulassung zur Lehramtsprüfung wurden verschärft und die Anforderungen bei der Prüfung selbst erhöht. Aber auch die mit Erfolg bestandene theoretische Prüfung allein kann — ohne praktische Uebung — n i ch t als Lehrbefähigung ausreichen. Erst nach einem Probejahr an einer öffentlichen Schule unter Anleitung eines erfahrenen Lehrers wird von nun an — wie dies bei allen anderen Fächern der Fall ist — der Kandidat eine Lehrstelle antreten können. Nur die für Mittelschulen geprüften Lehrkräfte werden von nun an an Gymnasien und Realschulen unterrichten dürfen. Aber auch diese werden — aus pädagogischen und sozialen Gründen — nur höchstens 26 Stunden wöchentlich erteilen dürfen. An Volks¬ und Hauptschulen hingegen dürfen nur geprüfte Volks¬ und Hauptschullehrer unterrichten. Um den Mangel an geeigneten Lehrbüchern für jüdische Geschichte und hebräische Sprache abzuhelfen, werden Fachmänner beauftragt, neue, moderne und zweckentsprechende Lehrbücher zu verfassen. Da auch nach all diesen Verbesserungen, infolge der geringen Zahl der Unterrichtsstunden beim öffentlichen Religionsunterricht kein Raum für die ausreichende Pflege des Hebräischen und der Bibel vorhanden ist, haben wir unsere Tätigkeit hauptsächlich auf das Gebiet des Ergänzungsunterrichtes verlegt. Hatte die Gemeinde noch vor drei Jahren nur eine Bibelschule, so waren es schon Im Vorjahre 20 hebräische Sprach- und Bibelschulen mit 27 Lehrkräften und 149 Wochenstunden bei einer Frequenz von 1400 Kindern. Im heurigen Schuljahr haben wir 25 hebräische Sprach- und Bibelschulen qi i t 3 8 Lehrkräften eröffnet, welche 210 Wochenstunden bei einer Frequenz von 2l00Schülern und Schülerinnen, darunter 626 Mittelschülern, erteilen. Wir waren in erster Linie bemüht, die Zahl der Wochenstunden in den einzelnen Klassen auf 2 bis 4 zu erhöhen und mit dem früheren System von einer Wochenstunde zu brechen. Insbesondere gelang es uns an der zu einer Zentralschule sich entwickelnden Anstalt in der Tempelgasse (3 00 Schüler Und Schülerinnen) die Kinder für einen v i e rätündigen Unterricht pro Woche 2u gewinnen. Hievon werden 2 VVochenstunden von dem zuständigen Religionslehrer in Liturgie und 2 Stunden von hiezu neu bestellten Hebräischlehrern, Absolventen des hebräischen Pädagogiums mit akademischer Bildung, in hebräischer Sprache und Bibel erteilt Auch an den Bibelschulen der Peripherie Ist der einstündige Unterricht fast überall zu einem rwel-, beziehungsweise dreistündigen in der Woche ausgebaut worden. An drei Bibelschulen der Gemeinde werden auch Talmudkurae abgehalten. Da an den von Vereinen erhaltenen und von der Kultusgemeinde mit S 155.000 jährlich ausgiebig subven11onier tfe rt Sprach- und Bibelschulen (zionistische Sektionen, orthodoxe Talmud-Thoras, Chajes-Realgymnaslum, Jüdische Volks- und Hauptschule, «Talmud- Thora», Jugendbünde) weitere 2400 Kinder und Jugenllche lernen, so sind bereits 4500 schulpflichtige Kinder, also ein Drittel der Jugend im Alter von 0 bis 16 Jahren erfaßt. UnserZiellst es, mindestens 7000 Schüler mit Ergänzungsunterricht zu versehen. Dann wird auch der Religionsunterricht an der öffentlichen Schule auf eine neue Grundlage gestellt werden können. Die Frequenz der Jugendg ottesd i e n s t e ist im heurigen Schuljahre eine s o a t a r k e, daß aus pädagogischen und disziplinären Gründen an die Teilung, beziehungsweise Vermehrung der Gottesdienste geschritten werden muß. An 18 Synagogen finden jetzt all- 5. sabbat-lillch Jugendgottesdienste s ta11, . bei e,lner F r e.quenz von rund 4000 Kindern und etwa 1500 Erwachsenen. Nun . richten wir separate Jugendgottesdienste . für Untermitteischüler im 2. und 9. Be- ... zirk und je einen Jugendgottesdienst für Schüler derOberklassen am Freitag abends im 12., 9. und 20. Bezirk neu ein. Am Sabbath-Chanukkahfandenan 18 Synagogen Chanukkah-Feiern für Kinder statt, an denen 8000 Kinder teilgenommen haben, an die ein auf das Fest bezughabendes belehrendes Gedenkblatt seitens der Schulverwaltung der Kultusgemeinde zur Verteilung gelangten. Das hebräische Pädagogium wurde vom Obmann der Unterrichtskommission reorganisiert und zu einer vornehmen Lehranstalt mit 30 Hörern ausgestaltet. Die Kultusgemeinde deckt zwei Drittel des Budgets dieser von Oberrabbiner Dr. Chajes 8. A. gegründeten Anstalt. — Die Subventionen der Kultusgemeinde für die j ü d l s c h e V o 1 k su n d Hauptschule «Talmud--Thora» ln der Malzgasse, mit 3 70 Schülern und für das Chajes- Realgymnasium mit 410 Schülern wurden derart erhöht, daß deren laufendes Jahresbudget ausgeglichen erscheint. Ebenso werden zwei Drittel des Budgets der Theologischen Lehreranstalt seitens der Kultusgemeinde gedeckt. (Lebhafter Beifall.) Kultusvorsteher Dr. Klaber konstatiert, daß die Elternschaft und die breite Oeffentllchkeit den n e u e n G e i s t und die Tatkraft der jetzigen Leitung des Unterrichtsressorts der Kultusgemeinde mit Dank anerkennen. Ueber Antrag des Referenten wurden alle einschlägigen Beschlüsse der Unterrichtskommission und des Vertreterkollegiums vom Plenum des Kti1tu*vorstandea einhellig angenommen. Man muß dem rührigen zionistischen Obmann dar Schulkommission, Herrn Professor Rath, für seine ersprießliche Tätigkeit, deren Ziel die Schaffung eines großen, jüdischen Schuiwerkes ist, aufrichtig Dank sagen. « Bei dieser Sitzung des Plenums dankte der oppo- Gedenket der Winternotstandsaktlon Geld- und Naturalspenden erbeten an die Fürsorge zentrale der Isr. Kultusgemeinde Wien, I. Seitenstettengasso Nr; 2 Tel. U 25-5*85 Serie, Postsparkassenkonto B 29.659 der Kultusgemeinde!