Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 6 (1933)
- Issue
- Heft 314 (21.12.1933)
- Date
- 1933-12-21
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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DIE STIMME Seife 3 r *Kf. 314 —* 21. Dezember 1033 Professor Brodetsky über die Vorfälle in Tel-Aviv i? London. Auf dem fünft-en JaJix««b-ainkett der Gesellschaft der j ü-d.ischen Spltafsärzte z| London, dem der englische' LandwirtschaftsniinisterWalter^ Elliot-E 11 i o t als Ehrengast beiwohnte, hielt der politische Dezernent der Exekutive der ^wish Agency, Professor Selig Brodetsky, eine Rede, iq. der er im Zusammenhang mit den jüngsten Vorfällen in IfeJ-iAviv die Notwendigkeit betonte, die freundschaftlichen •ßfefilhle Englands für das jüdische Aufbauwerk in Palästina zu erhalten. V*. \v. «Ich bin überzeugt,» erklärte reöfessWi&ydetsky, «daß wir, die wir so vveqige Freunde in tot Welt hs&en, bestrebt sein müssen, uns jeden Freund Zu CThal^n. Hinsichtlich Englands ist dies etp Gebot nicht flut’gl&ijriacMt Klugheit, sondern auch der Danltlwtosit; jeder VarÄl^ diese Freundschaft zu durchkreuzen, muß mit allertieTSteni* Bedauern aufgenommen werden. Von den letzten Ereignissen in Tel-Aviv wünschen wir alle, .sie wären nicht jrargeiallßn und mögen bald vergessen sein. . Aber es ist zu bedenken* daß wir Täusenfite UM Jahren lang umhergewandert suid und daß tun im kaufe, dieser Tausende von Jahre« ritegteh <Be MfigtlcJikcIt, uns dauernd niederzulassen, gegeben wurde; stetswaren wir eine hilflose Minderheit, den Launen einer mächtigen Mehrheit preisgegebeiL Dann fkam der Aagenbflek Her großen Befreinng durch die Bsdjour-Deklaration und wir glaubten, nunmehr se) die Wfwriemtmft tu End*, auch das jüdische Volk hat)* nun «In Land bekommen, in das Juden kg*H eines Jtefcht es und nicht bloß geduldet einwenrdern könnten. Wenn cs mögficb ist, daß In einer Seit, in der so viele von uns ohne HcdEmutg und ZukttQftsaus* sicht sind, in Palästina pinge geschehen, wie Jagd auf Juden zum Zweck der Pafikonlrolle, dann werden wir an Zustände In fhnfßland erinnert, *wo das Schicksal des Juden vom Besitz -eines Passes abhängig war.» Teilnehmer an den Demonstrationen In Tel*Aviv vor fern Untersnehnngs« rlehtisr Jaffa. Dem Untersuchungsrichter Bodilly wurden siebzehn junge Leute, zum grfSSten Te9 Wfigflfcdef des revisionistischen Ju gpadbunde* Brith Trumpeldor, vorgeführt, dfii sich wegen fhärer T e i!- nähme an den Demonstrationen in TeI-Aviv zu verantworten haben. Die Besch ukEgung lautete auf Teilnahme an einem gesetzwidrigen Ueazng. Alle Beschuldigten wurden vorläufig gegen Kaution auf freien Fuß belassen. Die Verhandlung wuiflde auf den 27. Dezember vertagt Eist deutscher Judo aus Palästina ausgewiesea Jerusalem. Bei der letzbm Razzia auf Uegal nach Palästina eingewanderte Juden wunden vier Personen, die a u s W1 e n als Touristen «ach Palästtaa gekommen waren, und der Leipziger Max V p g e 1 verhaftet und soffen wegen Ueberschreltung der ihnen gewährten Autenthaltsfrist deportiert werden. Bla dah&p verbleiben alt Im Gefängnis. Vogel, der 18 Mo«nate in Palästina wellte, Ist der erste Jude aps Deutschland, der von der Ausweisung betroffen wind. Von den übrigen Verhafteten sind Alfred Duckler tmd seine Gattin vor acht Monaten, Jakob Winter und Rudolf Frlnger vor fünf Monaten nach Palästina gekommeiA Alle Verhafteten hatten in Palästina Arbeit gefunden. «Palästina Gazette» vqröffentHcht die Liste der vom 24. November bl» 6. Dezember ausgewiesenen 13 Personen, von denen sieben Judem atmt ★ «Falastin» meldet aus Beirut, daß zwei Gruppen türkischer Juden, davon sieben aus Smyrna und die flhrigen aus Konstantinopei, beim Versuch, die türkische Grenze nach Syrien zu überschreiten, um sich von dort mich Palästina zu begeben, verhaftet wurden. Was bedeutet der StraBenexzeB von Tet-AvtvT Von unserem Spezi alftortreepoadente n D. G. Palästiaa-ZertiSikate für Jugend* lielie aus Deutschland Berlin. Das Berliner Palästlnaamfc teilt mit: Die .Mandatsregierung hat der Jewish Agency für das nächstehalbe Jahr 350 Zertifikate zur Verfügung gestellt, die für jugendliche aus Deutschland im Alter von 15 bis lßjahren Verwendung finden sollen. Die ersten 65 Zertifikate, welche für die nach En Charod fahrende Gruppe bestimmt sind, gingen bereite an das Palästinaamt Berlin ab. Es klang durchaus plausibel, wenn die «Stimme» vom 23. November ln ihrem Artikel «Der wahre Grund der arabischen Palästina Unruhen» ausgeführt hat, daß sie ähnlich wie deren schlimmerer Vorgänger vom Jahre 1629 etc. zumindest unter wohlwollender Duldung der Palästinaregierung zustande gekommen1 sind, um die militärische Machtposition Englands im vorderen Orient zu stärken; daher dle&inai im Anschluß an die Eröffnung des getarnten -Kriegahafens Haifa jene Vollmachtserklärung des Königs («Orcterln Councel») an den High Commlssioner Palästinas, «von Zeit zu Zeit Gesetze zu erlassen, welche df zur Verteidigung der: Grenzen Palästinas und den Schutz seiner Einwohner für richtig halte», Mobilisierungen, Requisitionen von Automobilen, Pferd und! Wagen anzuoninen usw. Seither wurde bekannt, daß England auf dem Wege von Palästina nach Irak in Dibbau nahe dem.Eufrat für mehrere Millionen Pfund einen befestigten, für tausende Soldaten ausreichenden Stützpunkt auszubauen beschloß. Und nun zu dem in Tel-Aviv, wie es heißt, von den Revisionisten veranlaßten Straßenexzeß, von welchem der Korrespondent der «Reichspost» ausschreit, daß es einen Akt schwerer Feindseligkeit gegen England bedeutftl Was geht da wirklich vor? Zunächst muß man «ich erinnern, daß die Gemeindeverwaltungen von Jerusalem, Haifa und Jaffa, sowie der anderen arabischen Städte des Landes zu türkischen Zeiten, besonders nach dem jungtürkischen Umsturz, eine Autonomie besaßen, welche ihnen von der englischen Palästinaregierung wieder genommen wurde; und daß nur das aufblühende Tel-Aviv eine gewisse Autonomie zu erringen und zu behaupten wußte. Aber die erste Bresche in die Autonomie gelang der Regierung vor einigen Jahren zu schlagen, als die Stadtgemeinde Tel-Aviv, deren kurzsichtige Häupter ln der Krisenzeit 1925 bis 1927 durch Ausführung großzügiger Notstandsarbeiten das Gleichgewicht dei Budgets erschüttert hatten, mit einem Defizit von 85.000 Pfund Sterling nahe vor dem Bankrott stand. Die Palästinaregierung hat damals, ganz in Abweichung von ihrer bekannten Knickerei gegenüber den dringendsten Lebensbedürfnissen des Jischuw, diesen hohen Betrag zwecks Schuldendeckung bereitgestellt, dabei aber nicht vergessen, die Bedingung beizufügen, daß künftig das städtische Budget der Regierung alljährlich zur Approbation vorgelegt werden müsse. Ein weiterer Schritt im Abbau der Autonomie Tel-Aviva seitens der Regierung war es; wenn diese mit Berufung auf die Empfehlungen ihres Speziälsachverständigen Dowbiggin zur Reformierung der Reglerungspolizei. welche beim Pogrom von 1929 so kläglich versagt hatte, nunmehr die Einreihung der autonomen, zu hundert Prozent jüdischen Polizei Tel-Avivs, welche sich stets bewährt, ja ausgezeichnet hatte, in die Regierungspolizei verlangte. Der Stadtverwaltung Tel-Avivs gelang es Paiasftitft-Abfelluna JOSES POPPER Internationale Transporte, Wien, 11., Taborstf. 22 Telephon R 48-5-10, R 49-5-70 Serie. In Palästina: The Levant Bonded Warenhouses Co» Ltd«, rar® vontt nmön mnnn Haifa, Telephon 346 Jaffa, Telephon 36 725 Spezial-Warentransporte, Uebersiedlungen, Verpackungen für Palästina, Transport- und Reisegepäckversicherungen. Auskünfte jeder Art Ober Palästina. 1 nur mit großer Mühe, den Schein zu wahren, z. B. durchzusetzen, daß die städtischen Polizisten noch durch zwei Jahre das Stadtwappen an der Kappe tragen dürfen. Und nun der Straßenexzeßl Nach einer von den Revisionisten veranstalteten Demonatratlonsvewammlung gegen die von Regierungs wegen im ganzen Land durchgeflftrten Verfolgung der «illegalen» Einwanderer kam es zu einem Straßenumzug, an dem natürlich, wie überall, zusammengelaufenes Volk unkontrollierbarer Herkunft und jenseits aller Praktionsbekenntniase tellnahin. Jüdische und englische Polizisten wurden geschlagen und verwundet. Schon eine Woche vorher hatte man in Tel-Aviv zwei Geheimpolizisten, welche mit Menschenjagd auf Illegale befaßt waren, überfallen und verprügelt, Scheiben zertrümmert und die eingreifende Polizei gröblich insultiert. Bel all dem drängt sich dem nüchternen Beobachter die peinliche Frage auf: «C u i b o n o?» DaTf man diese Frage dahin beantworten, daß allein die Palästinareglerüng einen Voxteil davon haben kann, wenn in den jüdischen Reihen Unruhe, Zwist und Bruderkampf herrscht? Wie leicht ist es doch, durch Provokateure Unruhen in Tel-Aviv tu erzeugen, um dann das Recht zu haben, «Ordnung und Sicherheit» zu schaffen und zu diesem Zweck die unzulängliche Polizei nach einheitlichem System zu «reorganisieren», das heißt, ihres jüdischen Charakters zu entkleiden. Die Situation wird blitzartig durch den Beschluß der Gemeindevertretung von Tel-Aviv beleuchtet, welche den Straßenexzeß und den Angriff gegen die Polizei nachdrückliehst verurteilt hat, wobei sie es gegen den Protest der Unken Minderheit vermied, das Odium gerade auf die Revisionisten zu werfen. Wann endlich wird diese unselige Fraktionswut von links und rechts ein Ende nehmen I Hat man auch aus dem1 Fall Arlosoroff nach dem augenscheinlichen Versanden der Untersuchung gegen die angeblich jüdischen Mörder nichts gelernt? Längst hätten unsere Führer im Lande sich zusammen tun sollen, um gemeinsam mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln die Aufklärung des Mordes in einer anderen Richtung zu führen, um die wahren Drahtzieher vielleicht doch noch zu fassen. Nichts derlei geschah noch geschieht Unabweisllche nationale Pflicht aber müßte es wenigstens für die Zukunft sein, durch Verhinderung von Gewalttaten und Roheiten von Juden gegert Juden oder gegen die Polizei den noch vorhandenen spärlichen Rest der Selbstverwaltung Tel- Avivs zu gefährden und der Palästinareglerüng den willkommenen Vprwand zu liefern, daß sie der Autonomie unserer «Jüdischen Stadt» den Todesstoß versetzt. Jeder Tag bringt neue Beweise, wie der Mangel an Brüderlichkeit und Toleranz in der jüdischen Gasse und das Vorwalten der Fraktionswut uns vor der Regierung verächtlich und zum wehrlosen Objekt Ihrer Willkürakte macht. Zu rasch haben wir an. den Fall Norman B e n twlch vergessen, welcher seit Herbert Samuels Statthalterschaft die höchsten Justizämter des Lande« verdienstvoll bekleidet und Palästina sozusagen seine Gesetzgebung geschaffen hatte und dann, laut brüsker Erklärung an das Londoner Parlament, nur deshalb entlassen wurde, weil er als Jude den Arabern und dqr Regierung anstößig war. Bentwich sind eine Reihe weiterer minder prominenter Opfer gefolgt. Dieser Tage traf das gleiche Schicksal einen ausgezeichneten jüdischen Beamten der Palästinaregierung, Ing. Andrew Koch, der seit langen Jahren Leiter der Wasserversorgung Jerusalems war:, der sein Amt ln vorbildlicher Weise verwaltet und die Regierung immer wieder gedrängt hat, dem skandalösen Zustand der Hauptstadt ein Ende zu bereiten und endlich eine moderne Wasserleitung zu bauen. Ing. Koch wurde, ohne daß die geringste Beschwerde gegen ihn vorlag, ln taktlosester Weise vom Dienste suspendiert und alsbald entlassen und man kann schon heute sicher sein, daß sein Nachfolger auf diesem wichtigen Posten der zu zwei Drittel jüdischen Stadt kein Jude sein wird. Es ist höchste Zeit, daß sich alle jüdischen Fraktionen in Palästina und darüber hinaus zu einer Unverbrüchlichen Einigkeit und Einheit zusammenschließen, um unseren äußeren Feinden die Stirne bieten zu können. Ein Manifest an die Judenheit der Welt lästinas veröffentlichen ein Manifest an ganzen Welt, in dem es u. a. heißt*. die Judenheit de: Jerusalem. Der aschkenasisohe Oberrabbiner von Palästina, Cook, der Dichter Chaim Naehman Bialik, und die Führer sämtlicher bürgerlichen Parteien Pa- Die Politik der englischen Regierung in Palästina, insbesondere die Einschränkung der jüdischen Einwanderung in einer Zeit, ln der das Land jüdische Arbeit so sehr braue ht, ferner die angekündigte Einsetzung eine« Legislative Council, verstärken die Befürchtungen unter der Judenheit, daß England als Mandatarmacht für Palästina entgegen den gegebenen Versprechungen und dem Geiste des Mandates die Entwicklung des Jüdischen Nationalheims erstarren lasse« und die Juden in ihrer ureigenen Heimat Palästina in ein en ges Ghetto elnschließen wolle. Das Minifest ruft die Welt? judenheit zum organisierten planmäßigen Abwehrkampf auf. Gedenket der Winternotstandsaktion der Kultusgemeinde! Geld- und Naturalspenden erbeten an die Fürsorge-Zentrale der Isr. Kultusgemeinde Wien, I. Seüenstettengasse Nr, 2 Tel. U 25-5-85 Serie, Postsparkassenkonto B 29.659