Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 6 (1933)
- Issue
- Heft 313 (14.12.1933)
- Date
- 1933-12-14
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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~8ettt» 0IE STtMMB Nr. 318 — 14. De*©mtjer 1938 DR. SAMUEL RAPPAPORT: Der k ■ii eilige BaJcK EINE CHASS1DISCHE LEGENDE Eine altjüdische fromme Tradition gebietet, Braut und Bräutigam, besonders an deren Hochzeitsfeste, durch Tanz, Wort und Gesang zu belustigen. Der Talmud weiß viel von solch keuschem, frohem Uebermut zur Belustigung eines Brautpaares zu berichten. So z. B. warf R. Schmuei bar Jizchak zur Erheiterung eines Brautpaares drei Myrtenzweige nach Art der Jongleure in die Höhe und fing sie kunstgerecht einzeln auf. R. Acha hob gar eine Braut auf seinen Rücken und führte so einen Hochzeitstanz auf. Tanz und Worte zur Huldigung der Braut gehörten allgemein zur frommen gebotenen Sitte und sind ihre Art und Texte im Talmud verzeichnet (Tr. Ketubot 17 A.). R. Nachman bar Jizchak wertet die Mizwah desjenigen, der das Brautpaar erheitert als eine nationale Tat, «als ob er eine de** Ruinen Jerusalems wieder aufbauen würde* (Tr. Berachot 6 B). Treu dieser altjüdischen Tradition war und ist es noch heute in frommen ostjüdischen Kreisen Brauch, für Hochzeiten einen sogenannten B a d c h e n (wörtlich Spaßmacher), auch «M a r s c h a I i k» genannt, zu bestellen, dessen Aufgabe es ist, das Brautpaar und die Hochzeitsgäste durch Humor, Späße und heitere Liedervorträge, wie auch gelernte Parodien und Tanz zu erfreuen. Wu einst gibt es auch heute noch Badchanim von Beruf, deren Badchanut ihre einzige Erwerbsquelle bildet. Mitunter gibt es aber auch Privatpersonen, die über Badchenfähigkeiten verfügen und entsprechendes Wissen besitzen rnd die häufig neben dem Hauptbadchen oder in Ermangelung eines solchen, freiwillig und ohne Entlohnung, gewissermaßen in Erfüllung eines frommen Gebotes, ihr Wissen und Können zur Erfreuung des Brautpaares zum Besten geben. Die Geschichte eines solchen Gelegenheits- Badchen will ich nun, wie ich sie einst aus frommen chassischem Munde gehört habe, hier nacherzählen. Es war zur Zeit, als der heilige Zaddik "R. Naftali*) noch jung war und bevor er sein Licht in Ropczyce erstrahlen ließ, in Dukla bei seinem Schwiegervater «Kest» aß. Man liebte und verehrte ihn sehr nicht nur wegen seiner großen Frömmigkeit und seines tiefen Wissens, sondern auch wegen seines frischen Humors, seines sprudelnden, geistreichen Witzes und seines steten Frohmutes, wie es eben einem echten Jünger des heiligen Basischem geziemt Mochte die Stimmung im Hause, im Beth-Hamidrasch oder in der Klaus w.egen so mancher Umstände noch so gedrück' sein, so wußte R. Naftali durch eine lustige Anekdote oder einen gelungenen Witz Sorge und Trübsal zu verscheuchen und die Gemüter aufzuheitern. Nun trug es sich zu, daß R. Naftali eines Tages plötzlich von dem mächtigen Verlangen ergriffen wurde, nach Lezaisk**) zu seinem Lehrer, dem heiligen R. Elimeiech,***) zu gehen, um wieder aus dem Brunnen seiner Lvhre zu trinken, an seiner Sonne sich zu wärmen und seinen Segen zu empfangen, nachdem er schon lange sein heiliges Antlitz nicht geschaut hatte. Obwohl sich manches Hindernis dieser Reise, die weit und beschwer- *) R. Naftali Horowitz, berühmter Zaddik in Ropczyce (Galizien), Verfasser des kabbalistischen Bibelkommentars «Ijalah Scheluchah», wirkte Ende des 18. und im ersten Viertel des 19. Jahrhunderts, Begründer der Zaddikim-Üynastie in Dzikow (Tarnobrzeg) und Rozwadow. **) Jiddisch Lizensk (Galizien) genannt. ***) R. Elimeiech, genannt R. Elimeiech Lizen9ker, berühmter Zaddik, Verfasser des vielstudierten kabbalistischen Bibelkommentars «Noam Elimeiech», wirkte in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. lieh war, entgegenstellte, obwohl seine Nächsten ihn inständig baten, mit Rücksicht auf die sengende Hitze noch einige Tage zu warten, ließ er sich, einem inneren mächtigen Verlangen folgend, nicht dazu bewegen, die Reise auch nur um einen Tag hinauszuschieben. War es ja überdies auch noch im tiefernsten Monat Elul, dem Monat der Buße und Einkehr, in dem man erst recht der Weisung und des Segens des Zaddik bedarf. Tallis und Tefilün, einige Bücher, Wäsche und Wegzehrung waren bald gepackt und so schnürte er sein Bündel und machte sich mit einem frohen Lied auf den Lippen rasch auf den Weg. Die Reise zum Zaddik entspricht gewissermaßen der einstigen Wallfahrt zum Tempel in Jerusalem, die man zu Fuß zurückzulegen pflegte, und so wallfahrt auch der echte Chassid noch heute zu seinem Zaddik — insofern sein Wohnort von dem des Zaddik nicht allzu weit entfernt ist — in der Regel zu Fuß, wofür ihm ein besonderer himmlischer Lohn (Schar Halichah) zuteil wird. R. Naftali legte den größten Teil des weiten Weges zu Fuß zurück, und nur wenn er sehr ermüdet war, bestieg er eine des Weges ziehende Fuhre, um, sobald die Müdigkeit verflogen war, seinen Weg wieder zu Fuß fortzusetzen. Es war schon Nacht, als R. Naftali den alten Kieferwaid, der Lezaisk umgibt, verließ. Im Dunkel erblickte er die Giebel des auf dem Hügel thronenden Klosters. Nun wußte er sich endlich im Wohnort des Zaddik. Trotz der Mühen der langen Reise empfand er keine Müdigkeit Er ging in die Herberge, wusch sich und eilte, ohne auszuruhen, geradewegs zum Zaddik, denn noch am gleichen Abend wollte er einen Blick von ihm erhaschen und von ihm «Schülern nehmen» (begrüßt werden). Doch hier erwartete ihn eine große Ent-; täuschung: im Hause des Rabbi war Ruhe, kein Licht war zu sehen, der Zaddik schlief schon. Mißmutig verließ R. Naftali das Haus und .ging, in .Gedanken vertieft durch die Gäßchen der Stadt Auch hier war alles still, kein Geräusch, kein Mensch, kein Licht belebte die Straßen. Dia Stadt lag schlafend da. Als R. Naftali an die Ecke de^ großen Ringplatzes kam, bemerkte er viel Licht in dem Hause einer Seitengasse. Verwundert blieb er er stehen. Voller kam um diese späte Stunde das viele Licht? Sollte dies etwa ein Irrlicht oder gar Teufelsspuk sein? Rasch entschlosr sen nahm er zur Abwehr die Zizit in die Hand sprach das «Schema Israel» und schritt der geheimnisvollen Stelle zu. Er stand vor einem ärmlichen, halbverfallenen Hause, aus dessen hellerleuchteten Räumen Flüstern und weinende Frauenstimmen hörbar wurden. Behutsam öffnete er die Tür. Da eröffnete sich seinem Blick ein eigenartiges Bild. Die festlich beleuchteten Räume waren von Männern und Frauen in Sabbatkleidüng, Wie auf einer Hochzeit, erfüllt Doch statt in froher Stimmung, standen sie alle mit traurigen, verstörten Mienen da. In einem Winkel standen die vier Chuppahstangen zusammengelegt, mit dem eingerollten Baldachin. In der Mitte des Raumes sitzt im Chüppah-Kleide die bitter weinende Braut, neben ihr ein älterer Mann und eine Frau, wahrscheinlich ihre Eltern, die bittend auf sie einreden. «Was geht hier vor?» rief R. Naftali verwundert, «warum diese 'Flauer und gedruckte Stimmung bei einer Hochzeit, die doch von Freude und Jubel erfüllt sein soll?» Es ist ein Unglück geschehen, klärt man ihn auf, die Eltern der Braut haben den Badchen des benachbarten Städtchens zur Hochzeit bestellt — denn in Lezaisk gebe es keinen Badchen — der noch im Laufe des Tages hätte kommen sollen und bis zur Stunde nicht erschienen sei. Er dürfte, wenn er nicht erkrankt Ist, es höchstwahrscheinlich vorgezogen haben, in eine andere Stadt zu einer reicheren Hochzeit zu gehen, wo ihm mehr Verdienst winkt als hier bei armen Leuten. Nun aber weigert sich die Braut, zur Chuppah wie «zu einem Begräbnis» zu gehen, ohne von einem Badchen «besungen» zu werden und ohne daß Brautpaar und Gäste von diesem erfreut worden wären. Trotz des eindringlichen Bittens und Flehens der Eltern und der Gäste beharrt sie hartnäckig darauf, ohne Badchen nicht zur Chuppah zu gehen; der Badchen aber wird heute wohl nicht mehr kommen. Nun ahnte R. Naftali, warum es ihn in Dukla so mächtig nach Lezaisk hingezogen hatte: ihm war iiq Himmel die Mizwah zugedacht, das arme Brautpaar an seinem Hochzeitsfeste zu erfreuen. Und so rief er beglückt, daß auch die Braut es höre, aus: «Das trifft sich gut, denn ich bin ein Badchen aus einer entfernten Stadt und bin froh, eine Gelegenheit gefunden zu haben, um mein Können zu zeigen. Wenn ihr einverstanden seid, will ich gleich beginnen.» Niemand kannte hier R. Naftali und so wurde das Anerbieten des unbekannten Badchens mit Freude angenommen. Er wurde zur Braut geführt und begann nun nach Art eines Badchens mit dem «Kallebesingen», in welchem er in der üblichen melancholischen Weise der verstorbenen frommen Ahnen der Braut und der schweren großen Pflichten der jüdischen Frau gedachte. Kein Frauenauge blieb trocken. Dann begann er ein «Lustiges», huldigte tanzend der Braut und zauberte ihr ein sonniges, glückliches Eheleben vor. Die gedrückte Stimmung schlug bald in allgemeine helle Freude um. Alle Anwesenden waren sich darüber einig, daß man einen so gottbegnadeten Badchen in Lezaisk noch nie gehört hatte. Unter lustigem Gesang und Tanz des Badchen wurde nun nach dem «Kallebesingen» das glückliche Brautpaar zur Chuppah geführt Inzwischen nahte Mitternacht,- die Stunde; in der die Schechinah ob der Zerstörung ihres Heiligtums und der Zerstreuung ihrer Kinder im GaJut in bittere Klagen ausbricht, in die auch die Engel mit Weinen und Schluchzen miteinstimmen. Um diese Zeit erhob sich R. Elimeiech zur «Chazotklage» von seinem Lager, goß «Nagelwasser» auf seine Hände, umgürtete sich mit einem Sack, schüttete Asche auf seine Stirn und setzte sich nach Art der Trauernden unbeschuht im Winkel nahe dem Türpfosten auf einen niederen Schemel, um, wie immer, mit der Schechinah und den Engeln ob der Zerstörung Jerusalems und der Leiden Israels zu klagen. Doch siehe da, er empfand keine Trauer, ja, nicht nur, daß keine traurige Stimmung in seinem Innern aufkommen wollte, sein Herz war sogar von einem ganz unbegründeten und unerklärlichem Gefühl der Freude erfüllt. Vergebens versuchte er bei den Klagepsalmen «An den Wassern Babels» und «0 Herr, Helden kamen in dein Erdteil», bei denen er sonst immer in Schluchzen ausbräch, zu weinen. Diesmal blieb er ungerührt. Selbst die herzzerreißenden Nationalelegien des R. Moscheh Alschaich und des R. Abraham Hakohen vermochten seinen Augen keine Träne zu entlocken. Erstaunt schaute er um sich. In den langen Jahren seines Erdenwallens hatte er noch nie einen solchen Chazot erlebt. Er schloß die Augen, entledigte sich alles Irdischen und erhob sich im Geiste in die himmlischen Regionen. Vielleicht würde es ihm hier gelingen, mit den Seraphim zu weinen. E lauschte. Doch auch hier vernahm er statt Kiage und Weinen nur frohen Sphärengesang und gleichsam ein Ecno reinen heiligen Lachens. Rasch stieg seine Seele wieder herab und kehrte in ihre irdische Hü’Is zurück. Ef; öffnete die Augen und war wie betäubt. Wit ist dies Rätsel zu lösen9 Etwas Ungewöhnliches geht vor sich. Aber was? Sind etwa die Leiden Israels beendet und seine Erlösung nahe? Ist etwa der Maschiach schon unterwegs? Er schlug das Buch zu, ohne die Chazotklagen und Gebete beendet zu haben, entledigte sich des Sackes, schüttelte die Asche von seiner Stirn, legte Schuhe, Mantel und «Spodik» an, nahm seinen Stock, den Stock des Zaddik, in die Hand und ging auf die Straße. Vielleicht würde .hm hier die Gnade einer Offenbarung zuteil werden. Die Straße war still und finster. Alles schien in tiefen Schlaf versunken. Nur in der Ferne bemerkte er viel Licht aus einem Hause strahlen und als er sich ihm näherte, hörte er ein schallendes, von tief empfundener Freude getragenes Lachen. Ohne zu wissen, wie und warum, mußte er laut mitlachen. Er Öffnete die Tür des Hauses, blickte in den Raum und blieb verwundert stehen. Bei einem Hochze’tsmahle sitzen Brautpaar und Gäste vergnügt beisammen und auf dem Tisch steht mit keck zur Seite geschobenen Jarmulka, auf geschürzten Rockschössen und ein wenig aufgekrempelten Aermeln freudestrahlend und übermütig sein Lieblingsschüler R. Naftali und erfreut als Badchen durch seine Gesänge, Vorträge, lustigen Späße und Witze d.e ganze Hochzeitsgesellschaft. Nun begriff R, Elimeiech, warum beim heutigen Chazot Weinen und Trauer weder auf der Erde noch im Himmel aufkommen konnten. Wenn R. Naftali als Badchen Braut und Bräutigam an ihrem Hochzeits.este erfreut und belustigt, dann müssen selbst die Engel im Himmel lachen. Große Schulem-Alechemf-esiakaaerme Vor fünfzig Jahren hat der großie jüdische Humorist Schülern Al ec hem, sein: unsterbliches Werk in der modernen jüdischen Literatur begonnen. Er war dw heitere Volksgenius, dessen Lachen durch das Dunkel des jüdischen Lebens hell, erlösend sprudelte. In der ganzen jüdischen Welt wird, um die Chanükkahzeit der f ü n f z i g s t e G eb u r t s t ä g von Schülern Alechems Meisterwerk gefeiert. In Wien hat sich ein Koniitee aus jüdischen Schriftstellern und Repräsentanten der jüdischen Kuiturorganisationen gegründet, das Donnerstag, 21. Dezember, halb 8 Uhr abends, im Festsaal des Hotel Stefanie, II., Taborstraße 12, eine große Schulem-AIechem-Akademie Veranstaltet. Aus dem Programm: Elegie auf den Tod Schülern Alechems von Levin, gespielt von einem Streichquartett unter Lc.tuug von Prof. Dimitrowsky. Schülern Alechems visionärer Humor, Referat des jüdischen Schriftstellers M. Groß, Humoresken, Satiren, Groteskszenen, Monologe von Schülern Alechem, rezitiert von Herz G ro ß b a r t, dem bedeutendsten Interpretationskünster, den das Komitee für die Mitwirkung an; der Schulem-Alechem-Akademie gewonnen hat. * Billige Karten im Vorverkauf bei Komiteemitgliedern, in der Buchhandlung Rath, II., Taborstraße 20a, und an der Abendkassa. Herz Großbart in Wien Der jüdische Meisterrezitator Herz 0 r o ßbart trifft dieser Tage in Wien ein. Herz Großbart ist der kongeniale Interpret der bedeutendsten jüdischen Dichter der modernen Literatur, ein Wortgestalter von großer Originalität und Eindringlichkeit Großbart .wird dem Wiener jüdischen Publikum in der Schulem-Alechem-Akademie, die D o n n e r s t e g. dec 21. d. M., im Festsaal des Hotel Stefanie, II., Taborstraße 12, stattfindet, die Gestaltenwelt Schülern Alechems in ifcrer grotesken Wunderlichkeit vorführen- WoJtin, am 1 Zur großen Makkabäerfeier des Zionistischen Landeskomitees im Militärkasino (Schwarzenbergplatz)