Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 6 (1933)
- Issue
- Heft 313 (14.12.1933)
- Date
- 1933-12-14
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3053752-3054015-3054067--3891-3059446- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Hebron 1× ep/1047559
- Safed 1× ep/1046078
OCR text
Wr. ÄtS — Tf. flfiWinVf afnrsr mrarmwi CHANIIKKAH-RFH AfiF JLxM.1. IVlViil m 1 V#Iw Zum diesjährigen Chanukkah Keines der jüdischen Feste erscheint wie dieses Auf einen doppelten Sinn und dadurch auf eine tiefe historische Problematik des Jüdischen Volkes hin orientiert. Viel mehr vielleicht als der gegenwärtigen war unserer, der Aeiteren Jugend gerade diese Zweiheit zum Symbol einer großen geschichtlichen Dualität und Wandlung des jüdischen Volkstums geworden. Wir kannten noch das alte Chanukkah, das nichts war als das Fest familienhafter Innigkeit, mehr als nur äußerlich durchliohtet von den farbigen Lichtlein einer Erinnerung, die gleichsam keine mehr war. Eine Erinnerungsstimmüng, die von alten Erinnerungen verblieben war und sich daher von Gefühlen vergangener Zeiten, die wir nicht mehr ganz kennen, gewandelt hatte zu der Stimmung traulicher Bamiung in die Verborgenheit des jüdischen Lebens, in seinen unschätzbare Seelenwerte hütenden Zauber. Die kriegerischen Inhalte des «Maos Zur» verblaßten völlig vor diesem Stimmungsinhalt — oder doch nicht völlig? Lebte vielleicht in der Stärke jener Bannung, einer nur zum Teile erzwungenen Abschließung, lebte vielleicht auch selbst in der oft naiven Sympathie zu allem «Freiheitlichen» in der Welt, die uns Juden doch wahrlich etwas anging, eine verwandelte Spur von Makkabäertrotz und Makkabäerhöffnung? Mit dem offenen Bekennen eines neuen zionistischen Willens schien die alte Makkabäerstlmmurtg dem jüdischen Volke wiedergekehrt, was darin seinen unmittelbaren Ausdruck fand, daß man von. nun an nicht Chanukkah im früheren Sinne, sondern Makkabäer f e s t e feierte. Seltsamerweise klang gerade in der neuen Betonung des Eigenen, Nationalen eine fremde Note mit, denn so selbstverständlich sich die zionistische Jugend damals national zu Makkabäerfesten zusammentat, .ebenso selbstverständlich sang man hierzulande, wo es doch kein eigentliches jüdisches Volksleben gab, zumal in der Großstadt — Melodien deutscher Nationalgesänge. Ir. Polen: und Rußland sang man die «Hatikwah» und jüdische Volkslieder, die doch auch nicht gänzlich frei von fremder Tönung waren. Dennoch wurde dadurch wieder Volksmäßiges; ins Nationale, Jüdisch?» ins JÜdischrtationale hineingetragen. Und nicht die deutsche Sitte der akademischen Burschenschaften, sondern die tragisch Krisenhafte Not des jüdischen Lebensschicksals von der einen Seite, die hoffnungsvolle Kühnheit das zionistischen Pioniertums von der anderen, zeitigte den neuen jüdischen Helden: den Soldaten der russisch-jüdischen Sefbsfwehr, den jüdischen Legionär im Weltkrieg und den Verteidiger der palästinensischen Arbeit. Inzwischen aber wuchs der Nationaltsmus der Welt, als Totalität betrachtet, zu unverhoffter, ja zu bedenklicher Höhe. Bis er das kemhatteste, besonnenste Volk in s.-'nen Grundfesten ergriff und zym Repräsentanten bestialischer Verwilderung für die ganze zivilisierte W6lt verwandelte. Bis gerade von diesem, in mehr als einer Beziehung wesensverw midien Volke ein Vernichtungsschlag gegen den ihm erreichbaren Teildes jüdischen Volkes ausgehtr Dies wäre natürlich kein Qrynd, am berechtigten Makkataäertum, das ursprünglich im Nationalen Menschheitsziele retten wollte, irre au werden, wäre kein Grund, einen von der Tendenz zum Bestiaüsmus freien Nationalismus nicht um so höher einzuschätzen. Wenn nicht die oberflächliche Ueberschätzung des Nationalen um seiner selbst willen, der zwar nicht verkündete, aber doch praktisch gepflegte Ersatz des nationalen Geistes durch den nationalen Geist auch bei uns zwangsläufig hie und da zum Ausdruck käme. Nicht ob der extreme Revisionismus oder der extreme B’rith-Schalom-Stamlpunkt im Rechte sind, ist hielür das Entscheidende, sondern die Notwendigkeit der /rrhi'hderung eines faschistischen Nationalgeistes, dessen eine verhängnisvolle Konsequenz ein unabsehbarer un-* * aussichtsloser latenter Kriegszustand mit dem Arabirtum wäre; die andere, nicht minder verhängnisvolle eine innere Abkehr von# eigentlichen jüdisdwa Wasan. Uadwuköoato uns ein Nationalismus helfen, der unter dem Scheine des «Aufbruchs der Nation» ihr Wesen zu vernichten sich anschickte? Wem es aber schmerzlich ist, dies als Gefahr am eigenen Leibe zu verspüren, der mag es von Hitler-Deutschland lernen. Darum möchte man, scheint es, des üblich geworden Makkabäerfeierns diesmal nicht recht froh werden. Vielleicht suchen manche instinktiv — durch die Tragödie der deutschen Judenheit veranlaßt — in der Vertan- | icii war wirklich froh, afS ich eines Abends auf der Jaffastraße in Jerusalem die große und bekannte Silhouette von Rabbi Alter erblickte, der schon seit vielen Jahren in Jerusalem lebt. Er war kein Rabbiner, aber seine tiefen talmudischen Kenntnisse, sein respekteinflößendes Alter und seine fast zur Legende gewordene Klugheit — in der großen polnisch-litauischen Stadt hatte man ihn in allen Streitigkeiten zum Schiedsrichter gewählt — machten den Titel «Rabbiner» fast zur Selbstverständlichkeit Vielleicht hatte er mehr als mancher Rabbiner gelernt und war nicht weniger gottesfürchtig als ein «Wunderrabbi». Vor zwanzig Jahren war Rabbi Alter ins Heilige Land gekommen, um hier seinen Tod zu erwarten, da er schon volle sechs Jahrzehnte hinter sich hatte und sich alt und schwach fühlte. Aber in Jerusalem geschah ein Wunder: er wurde kräftig und lebenslustig; er widmete sich neuen Idealen und Bestrebungen, und an ihm erfüllte sich das Wort der Mischna, daß das Klima Palästinas Kranke heilt ... Rabbi Alter erzählt jetzt schon niemandem mehr, daß er das ^eilige Land aufsuchte, um dort zu sterben. Umgekehrt: er ist sicher, daß Gott ihni noch viele viele Jahre schenken wird, um die Ankunft des Messias zu erleben, — er, der wirklich ernste und tiefgläubige «Zaddik». Und in diesem Sinne schreibt er auch ständig lange Briefe an seine Freunde und Verwandte. Ich begrüßte ihn herzlich. Erst mußte er angestrengt nachdenken, bis er sich an mich erinnerte und seine Hand väterlich und zufrieden einigemal über meinen Kopf fahren ließ. Dazu hatte er ein gewisses Recht, denn als unsere Bekanntschaft vor zwanzig Jahren geschlossen wurde, war ich, der Sohn seines. besten Freundes, gerade zehn Jahre alt. Da-a mals hörte ich gern von ihm seine «Geschichten aus den heiligen Büchern», die er mir und meinen älteren Brüdern an den kalten Winterabenden lange lange Stunden erzählte. Wir liefen eine Zeidang durch die Hauptstraßen Jerusalems und sprachen von dem und jenem. An dem Postgebäude mit der großen Uhr bogen wir rechts in die Landstraße, weil Rabbi Alter «die reine Luft im offenen Feld atmen» und vielleicht zum tausendstenmal — «die Heilige Stidt vom Gebirge aus sehen» wollte;. Es war die angenehmste und dazu am besten geeignete Stunde des Tages. Die Sonne neigte sich zum Untergange, und die Kühlt der Jerusalemwinde beherrscht? die Luft. Lange schwieg Rabbi Alter und rauchte, äußerlich ganz teilnahmslos, eint Zigarette, Plötzlich blieb er stehen und wies auf einen weißen Stein. Dort wollten wir uns ausruhen, und dort wo'Jte er mir eine schöne Geschichte erzählen wie in den guten alten Zeiten . . . Eint wirkliche Geschichte aus dem Leben des alten Jerusalem. Sein Blick war der heiligen Stadt zugewandt, uriJ Gst bewegungslos, mit ruhiger Stimme, erzählte er das nachstehend wortgetreu aufgezeichnete Geschehnis: Zehn Monate wohnte ich in Jerusalem, in dem gleichen Viertel «Mea schearim», in dem mein Haus bis heute steht. Vom ersten Augenblick an war ich sehr zufrieden, daß ich gerade dieses Häuschen hatte kaufen können, das neben der «Ungarischen Jeschiwah», dem bekannten, aus weißen Steinen erbauten hoher Hause, und neben der Wohnung des berühmten Meseritscher Rabbi gelegen war. Wi« olt sagte Ich au meiner Frau» «Siehst genheit etwas vom innigen Schimmer des alten Chanukkah, das doch auch so nicht mehr wiederkehrL Wo wäre das dritte Chanukkah-Makkabäerfest, das uns empfinden ließe, wie jüdische Kraft, wahrhaftig und bewußt, jüdischen Geist im notwendigen Kampf in die Welt trüge? Aber vielleicht müßte dann der gewiß nicjht bloß von außen um seine Weihe gebrachte Tempel noch vorher das Wunder der Lichter erfahren. Dr. Ernst Müller. du, hier leben wir wirklich in Heiligkeit!* ich hatte zu jener Zelt das Empfinden, daß die Einwohner dieser Stadt — besonders die Schüler der benachbarten Talmudschule — sozusagen in ewiger Sehnsucht lebten; ich glaubte, daß diese bleichen frommen Burschen immer im Schatten einer unbestimmten und unbewußten Sehnsucht sich bewegten. Ihr ganzes, oft bejammernswürdiges Dasein schien für den Fremden ein schweres Mysterium, obwohl in ihren tiefen klugen Augen sich manchmal Meuterei, ein Sichaufbäumen gegen ihr schweres und zielloses Leben auszudrücken schien. Was sie wollten, klang ganz einfach: Chanukkah-Kerzen sollten auf der Klagemauer, dem letzten Rest des heiligen Tempels, auf der hohen, alten «Kotei Ha'maaravi», ffer Klagemauer, leuchten! Ja, das klang ganz harmlos, und doch . . . Ich erzähle der Reihe nach. Eines Abends, einige Tage vor Chanukkah, als ich ruhig auf dem Sofa saß und mit Behagen in dem gewohnten Singsang ein Blatt aGemara studierte, hörte ich plötzlich vor meinem Hause ßtimmen. Gleich darauf öffnete sich die Tür, und sechs bis sieben junge Leute standen vor mir. Sie begrüßten mich, voll Ehrfurcht,. dann trat einer aus der Reihe und sagt«: zu mir: «Sie dürfen unseren Besuch nicht als Störung empfinden, Rabbi Alter. Wir kommen alle als fromme, gute Juden. Und wir wollen einen Plan ausführen, der das Heilige Land berühmt machen sollt Eine große Aufgabe steht uns bevor: Wir wollen, daß das reine, heilige, jüdische Licht wieder über Jerusalem flammel Wir haben jetzt eine Gelegenheit dazu. Wollen Sie uns behilflich sein. Zuerst verstand ich sie gar nicht. Meine U Überraschung war groß, schon deshalb, weil ich erst jetzt erkannte, daß ich jene Talmudjünger vor mir hatte, dieselben Schattenjuden und doch ganz andere Leute. Menschen Waren es mit mutig blickenden Augen, gelösten Bewegungen, mit offenem Gcsiebtsausdruck, geladen mit Tätigkeitsdrang. Ich hatte kaum Gelegenheit zu fragen, als sich die Tür wieder öffnete und der Rabbi von Meseritsch selbst in das Zimmer trat Das war für mich eine große Ehre. Sofort stand ich auf und bat den ehrwürdigen Alten, meinen Platz emzi/nchmen. Er machte eine charakteristische Handbewegung, wie einer, der keine Zeit hat, u;<d sagte zu den Jünglingen: . Ich habe heute mit einigen Rabbinern, Kabbalisten aus Safed, gesprochen. Und wißt ihr, was sie mir gesagt haben?’ Wenn das jüdische Licht über der Klagenauer flammen wird, dann kommt Moschiah, der Sohn Davids. Versteht Ihr, meine Kinder, Verstehen Sie, Rabbi Alter, daß wir, diese Burschen und ich, die wir splchen Plan vorgestern erdacht haben, vielleicht Gesandte Gottes sind? An die Arbeit, Kinderl Gott ist mit uns!» Wir unterhielten uns dann längere Zeit, und ich wurde mit allen Einzelheiten des Planes bekanntgemacht. Die Talmudjünger sollten einen großen achtarmigen Leuchter aus leichtem Holz und acht große Leuchter aus Blech aniertigen, und ich, der ich ihnen als Neuankömmling, als reicher Mann galt, war dazu äusersehen, die Sache zu finanzieren, damit auch auf mich ein Teil der «Mitzwah» komme. Nicht Kerzen, sondern Bfennöl sollte benutzt werden, denn der Wind bläst stark in Jerusalem» besonders in den Nachtstunden. Und wie soll man die Leuchter auf die Klagemäuer hinäufbringen? Auch die«« schwere Frage wurde gelöst Jxfatom dfle/cfamr Der Sdiolz aus dem Jiddischen von Jaüoü Hosenmai Jenseits des Berges, hinter der alten Klause, ruht ein Schatz. So munkelte man im Städtchen. Doch den Schatz zu bergen, ja, rdas war nicht so leicht. Freilich, würden alle Juden des Städtels — hieß es — einträchtig Zusammenleben, und um den Schatz gemeinsam sich bemühen, sie würden ihn ganz gewiß auch finden. Der Schatz, der Schatz, das war in jenen Tagen das allgemeine Gesprächsthema im Städte!. Und die Meinung verdichtete sich: Würden alle Bürger miteinander in Frieden leben, ohne Groll, Neid und Feindschaft, würde nicht Kriegs- und Habsucht und Mißgunst und Bosheit die Menschen gegen einander erfüllen, würden sie — dessen war man gewiß — den Schatz auch finden. Doch wehe, wenn es anders sein sollte! Dann würde der Schatz immer tiefer sinken, immer tiefer in den Boden der Versenkung, in die Dunkelheit der Nacht Während man so dachte, begann man nach dem Schatz zu suchen. Der eine hier, der andere dort. Aber da setzte auch schon Hader und Streit ein. Der Schatz wurde zum Zankapfel des Städtchens. Und je weiter die Suche ging, um so härter und heftiger gerieten die Sucher aneinander. Man stritt über den Ort des Versteckes. Der eine behauptete mit apodiktischer Sicherheit, sein Ort wäre da, de> andere meinte, er wäre dort und war entrüstet, daß man seiner Meinung Zweifel entgegensetzt. Man begann einander zu beleidigen, beschimpfte und besudelte sich, zuerst im Scherz, dann aber im Ernst und je länger die Suche dauerte und je näher man sich der Entdeckung des Schatzes wähnte, desto lief-; tiger entbrannte der Streit zwischeh den Suchern, wuchs die Empörung ~ eines jeden, gegen jeden.; Der Schatz aoor »ank tief in die unbekannte' Erde. Tiefer und immer tiefer. *) Zur Schalom-Alejchem-Jubiläums-Feier, die m diesen Chanukkähtagen in Wien stattiindet. Man wird die arabische Moschee, die auf dem' Wege nach Hebron liegt und an die Klagemauer grenzt, betreten. Einer der JesthiwaJi-; ünger, ein langer magerer Bursche, in Jerusalem geboren, der Arabisch besser spricht als ein Araber, hatte die Hauptmission zu übernehmen. Er sollte in die Moschee hineingehen und dem «Muezzin», dem Aufseher, ein paar Silbermedjedies geben, für die Erlaubnis, ihn in der Moschee übernachten zu lassen. Dann werden wir alle uns dort hinlegen, und wenn der Wächter schlafen wird, durch den Hof gehen und den Leuchter auf der Mauer auf stellen. In dem Hause eines afghanischen Juden neben der Moschee werden wir eine Leiter anbringen, sie hervorholen und auf ihr die Mayer besteigen ... So wurden alle Vorbereitungen getroffen.. * Unsere Herzen klopften stark, als der zu der Heldentat ausersehene Chanukkahabend, gekommen war. Wir gingen in geschlossenen Reihen und trugen die Leuchter zwischen uns.. Vor Aufregung konnte keiner ein Wort hervorbringen. Es war ganz kalt in der Luft, und ebenso kalt war es in unseren Herzwt. Endlich erreichten wir das Tor der schee. Die Leiter stand bereits an der Mauer, und als wir sahen, daß der Muezzin schlief, kletterten einige mit dem Leuchter auf die Mauer. Einige lange Minuten, und wir standen oben auf der Klagemauer. Plötzlich dämmerte es uitS ein starker Regen setzte ein, der Nordwind blies, und die Flämmcheri in mm Oelgefäßen erloschen. Es war unmöglich, sie wieder zu entzünden. Die Zeit verrann, und nach vielem vergeblichem Mühen mußten wir schnell die Moschee verlassen. Traurig und unmutig kehrten wir zurück. «Moschiach will noch nicht kommen,» sagte der Rabbi. * Niemand gab ihm Antwort. Unser Chanukkahfest war gestört . . . (Isr. Farn., Hamburg.) SfiL JITZCHAK1