Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 6 (1933)
- Issue
- Heft 313 (14.12.1933)
- Date
- 1933-12-14
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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I Nr. 3t 3 — 14. Dezember 1935 DIE STIMME Srtfe S Nächste Palästinareisen 2L Februar Auskünfte: Reiseu. Verkehrs-Oes. (Orendi-Loka) Wien *., Rotinturm traße «.0 (FUisc .markt 1), Telephon H 24-5-25 Dr. Weizmann wirbt für den Arlosoroffronds in Pa is Im Hotel Continental in Paris fand ein feierlicher Empfang für Professor Weizmann statt, der speziell nach Paris gekommen war, um dort für die ArlosoToff- Aktion zu sprachen. Den Vorsitz führte dar gewesene Minister und bekannte Judenfreund Senator Justin- Go d a r d. Weizmann legte in seiner Ansprache mit reichhaltigen Beweisen dar, welchen Nutzen den Arabern die jüdische Arbeit in Palästina bringe, ln Transjordanien, wo keine Juden sind, lei'den die Araber Not und Hunger Auch dürfe nicht übersahen werden, daß die Araber aus den Nachbarländern nach Palästina kommen, um dort Beschäftigung zu finden. Palästina erlebt Zeiten des Aufstiegs und des Niederganges, aber die allgemeine Linie ist die ei.ür normalen Entwicklung. Wenn die Juden ihr Werk fortsetzen, können noch viel größere Resultate erzielt werden, aber die Arbeit müsse in einem viel schnelleren Tempo vor sich gehen als bisher. Jetzt ist zu Experimenten keine Zeit mehr vorhanden. Der brutale Antisemitismus hat sein Zentrum naoh Deutschland verlegt und marschiert weiter vorwärts..., er stem schon am Rhein und kann ihn auch überschreitan..., er kann seinen Weg auch über den Ozean nehmen ... Ideen, sie mögen noch so böse sein, brauchen kein Vitsum. Sie gehen'schnell, zu schnell. Die neuen Ereignisse sind für uns eine ernsteWarn u n g, sie beleuchten unsere Wirklichkeit. Sie haben Palästina vor neue Probleme gestellt. 43 Prozent der Zertifikate haben in letzter Zeit deutsche Juden bekommen. So soll es auch serin, was sollen wir aber mit den anderen Juden tun, die nach Palästina drängen? Hunderttausend Juden warten in Polen auf die Gelegenheit, nach Palästina zu gehen, 20.000 Chaluzim wajten in den Ausbildungsstätten auf ein Zertifikat Es ist tragisch, wenn man bedenkt, daß die 16 Milli o nen Juden imVölkerbu n d n i c h t v e r t r e t en sind, während z. B. der Irak mit' seinen 3 Millionen, meistens Nomaden und Analphabeten, dort seine Vertretung hat. Wenn man übe* unsere Probleme und Leiden dort diskutiert, sind wir gezwungen, dies durch andere besorgen zu lässen. Wir müssen unser Palästina haben als einen Stützpunkt, um unsere Probleme und Fragen vor die Welt zu bringen. Sie sparen Geld wenn Sie jetzt Ihre Wohnräume erstklassig malen und anstr.ichen lassen durch Schütz-Zuckerberg, Maleru. Anstreichermeister, Wien, V., üeigergasse 2. Telephon U 40-7-75. Diese Ziele und das Empfinden haben unsere zionistische Arbeit immer beseelt Das war auch der Weg Ariosotoffs, über dessen lebendiges Wiak und tragischen Tod wir heute zu spreche» haben. Zum Gedächtnis Arlosoroffs, der uns und Palästina in so jungen Jahren entrissen worden ist, soll in Palästina eine neue Siedlung, welche seinen Namen tragen wftrd, errichtet werden. In Palästina muß ein Gleichgewicht zwischen privatem und nationalem KapXal geschaffen werden. Beide sind notwendig und man soll sich nicht bemühen, Antithesen zu erfinden. JederJude, der ein Haus in Palästina baut odei ein Unternehmen dort schafft und Arbeit für Einwanderer ermöglicht, vollbringt eine n a t i o n a 1 e Arbeit. Aber Privatkapital sucht Gewinn und Dividende. Es muß darum nationales Kapital mobilisiert werden, welches Platz für Arbeit und Kapitalaufnahme schafft. Die Arlosoroff-Aktion, die von dem letzten Zionistischen Kongreß proklamiert wurde, ist ein Ruf, dieses nationale Kapital zu schaffen und nationale Wirtschaft zu bauen. Wir sind alle, wie ein Mensch, verpflichtet, diesen Appell zu unterstützen. Wir alle wissen, daß Arlosoroff sein ganzes Leben Palästina gewidmet hat und dab er gestorben ist für diejenigen, die nach :hm leben. Die Ansprache übte einen sehr starken Eindruck auf adle Versammelten und es wurden sofort 50.000 Francs für die Arlosoroff-Siedlung gesammelt * Mifal Arlosorofif Die Sammeltätigkeit des Mifal Arlosoroff muß in den nächsten Tagen abgeschlossen werden. An alle Mitarbeiter ergeht darum die dringende Bitte, ihre Kontingente raschest zu erfüllen und mit den verantwortlichen Leitern der Gruppenarbeit abzurechnen. Es wird dringend gebeten, die Abrechnung ehestens vorzunehmen. Schluß*) Die meisten richten sich darauf ein, dauernd hierzubleiben, und treffen, soweit das möglich ist, ihre Dispositionen danach. Doch bis dahin ist noch ein weiter Weg. Vorläufig kommt es noch darauf an, die gröbsten äußerlichen Schwierigkeiten aus dem Weg zu räumen. Nicht viele sind es z. B., die bis jetzt eine carte d’identitd erreicht haben, ganz abgesehen davon,, daß es kaum möglich ist, die Arbeitskarte zu erhalten. Diese Formalitätenfragen sind noch längst nicht gelöst. Die Flüchtlinge, zum großen Teil ohne Einreisevisum, ja sogar ohne irgendein Dokument herübergekommen, bemühen sich um die Aufenthaltsgenehmigung in Frankreich, die ja auch im allgemeinen ohne weiteres erteilt wird, aber sozusagen nur in Raten. Anstatt der carte d’identitd, die das Aufenthaltsrecht gibt, erhält man ein rdeepissö, das zum Zwecke des Aufenthaltes von Monat zu Monat verlängert wird. Neuerdings ist viel die R^de vom Reisebüro, einer neugeschaffenen Comitö-Abteilung, die den Flüchtlingen die Möglichkeit zur Weiterreise gibt. Das Reisebüro besteht aus einem Tisch und einem dahintersitzenden bebrillten. Mann, < der sich bemüht, die gegebenen Reisemöglichkeiten in dje anderen Länder, den Flüchtlingen... auseinanderzusetzen. Irgendein witziger Bold hat auf die Rückfront des Tisches gekritzelt: «Cooks Travel! ing Service». Auf Befragen teilt der Herr mit der Brille mit: «Momentan sind wir in der Lage, die Flüchtlinge nach Brasilien weiterzuschicken. Es ergeben sich gute Möglichkeiten für Handwerker, Arbeiter und Techniker und vor allem in der Landwirtschaft. Iin übrigen schicken wir jeden dahin, wo er eine Arbeitsmöglichkeit hat, sofern die Unterlagen dafür beigebracht werden können.» * «Sind schon viele Flüchtlinge auf diese Weise abgefahren?» «Noch ist diese Abteilung im Werden, aber schon jetzt fahren täglich mehrere fort Nach Sfldf ra n kre ic h, WjCtäc&aftiLcfa, An einer Tür des Komiteegebäudes ist ein Schildchen befestigt, auf dem zu lesen ist: «Placement — Arbeitsvermittlung.» Vor der Tür drängen sich immerfort Hunderte von Menschen. Von Zeit zu Zeit wird einer aufgerufen. Der gibt sich einen Ruck, entschwindet durch die Tür und hinterläßt trotzdem keine Lücke. Hier treffen sich die Arbeitsuchenden aller Kategorien. Jeder, der hierherkommt, hofft, nicht vergebens zu hoffen, aber die Aussichten sind schmächtig und gering. Die ominöse Tür ist wie eine Scheidewand zwischen Intensität und Ohnmacht Diesseits der Tür sind Menschen, die einen Inhalt für ihre neue Existenzform suchen, jenseits der Tür dagegen ist dieser Inhalt meistens nicht zu finden. Der Abteilungsleiter sitzt mit einem melancholischen Gesicht da, nimmt die Personalien und das sonstige Wissenswerte auf und versichert schließlich, daß im Moment nichts Geeignetes frei sei. Man sieht es ihm an, er leidet *) Siehe «Die Stimme» vom 30. v. M. ffJV UNfKHTBARER otut ouncu m stabt AB HEUTE: ikinX#i£pSel ELITE-'- SCHOTTENR.IN© K,P° LUSTSPIEL* TH EÄTEIOtfAmPAlASFF lölTENKINO w. MONOPOL SO- W 6 I L fc C O. nach Spanien, nach Polen, nach Holland, nach Palästina.» Doch im Grunde reißt man sich nicht gerade darum, aus Paris fortzukommen! Soweit sich übersehen läßt, ist der Prozentsatz der weiterbeförderten Emigranten gering. Alle ihre täglichen, alle ihre behördlichen, alle ihre sonstigen Sorgen bilden das Gesprächsthema für überall, wo Flüchtlinge sich treffen. In den Hotels, im Restaurant, in den Cafes. Man weiß fast genau im voraus, wie sich alle Gespräche abwickeln. Es gibt eine Reihe von stereotypen, ewig gleichlautenden Fragen, über die sich die Flüchtlinge, wo immer sie einander begegnen und sobald sie einander als solche erkannt haben, zunächst ins Reine kommen müssen. Sie schienen einem inneren Zwang oder einer .höheren Gewalt zu gehorchen. Der mechanischen Hersagung religiöser Gebetsformeln ähnelt beinahe die Art, in der sich etwa .folgende Fragen mit Sicherheit von . dem betreffenden Frager Iosiösen: «Nun, wie lange sind Sie schon hier? - «Aus welcher Stadt kommen Sie?» «Ist es dort schlimm zugegangen?» Wenn einer verhaftet gewesen war: «Wie erging es Ihnen im ' Gefängnis, bezw. Konzeu trationslager?» «Haben Sie schon was in Aussicht, bezw. Arbeit?» Ist auf diese Fragen eine mehr oder minder erschöpfende Auskunft erteilt worden — und sie wird immer gegeben, . weil man ja von anderen genau dasselbe wissen möchte —, dann hat das. merkwürdige Frage-und-Antwortspiei sein Ende gefunden, die Partner haben eine unaufschiebbare Arbeit erledigt, sind von irgend etwas befreit und können sich nun neuen Themen zuwenden: der Krise, der Presse oder der Politik. Und jeder der beiden Partner empfindet vermutlich — so ist der Mensch nun mal — eine leise Genugtuung darüber, daß es dem anderen nicht besser gehe als ihm selbst... offensichtlich unter seiner eigenen Ohnmacht, es schmerzt ihn sicher, immer wieder absagen und vertrösten zu müssen, und man gewinnt den Eindruck, daß sein freudloses Gesicht schon zu einem festen Bestandteil seiner Tätigkeit als Arbeitsvermittler geworden sei. Gegen Ende der Unterhaltung memoriert er beispielsweise: «Also Sie sind Rechtsanwalt, sprechen französisch, spanisch, italienisch. Vielleicht wollen Sie ohne Fixum für eine englische Zeitschrift Abonnenten werben? Nein? Dann habe ich im Augenblick leider nichts Geeignetes. Bedaure sehr . ...» So ungefähr sieht es aus; wenn es gerade einen Intellektuellen erwischt. Es läuft darauf hinaus, daß die Träger der freien Berufe sich umstellen müssen. Auf technische Berufe oder auf Landwirtschaft. Wenn sie Glück haben, kommen sie als Hauslehrer unter, aber dieser Fall tritt ziemlich selten ein. Besser steh1 es für die Handwerker. Sie haben immerhin die Chance, ihre gelernte Tätigkeit wieder aufzunehmen und es darin zu etwas zu bringen. Als Schneider, Schuster, JjüdUc&&$ &nig\£Mten£e&m 6t ßofcfc Von Bernard Hoch*) Zionistisches Landeskomllee für Oesterreich SAMSTAG, 16. DEZEMBER, HALB 9 UHR ABENDS, SCHWARZENBERGKASINO, I., SCHWARZEI'BERG?LATZ 1 Große Nokkabaerfeier unter Mitwirkung ERSTKLASSIGER KUNSTKRÄFTE Festrede: Dr. Deslder friedmann, Prät'de'tf der Israelitischen Kultusgemeinde Wien Karlen erhältlich: Zion. Bcreaus, I., Kärntnerstraße 78, Tel. R 27-4 86 - Klub „Eres Israel“, H., Praterstraße 13, Tel. R 44-3-45 - Bücherstube Rath, II., Taborstraße 20 a, Tel. R 43-1-58 - Jüdische Kunststeile, II., Aspernbrückengasse 2, Tel. R 48-2-91 t i