Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 6 (1933)
- Issue
- Heft 312 (7.12.1933)
- Date
- 1933-12-07
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seift 4 Df« STIMM* Nr. 812 — 7. Dezember 1983 Vfttrreuii« älteste KfncUrw*0«nUfcrlii PÄAH *»t n I fc*r M Wn b f I fc. V11. H mI ü e * m * m\j ■ 5. y » tt „ . < 1 A, srlien. Denn in unseren Tagen, wie überhaupt seit Be* ginn der Disspora, greift der Antisemitismus im einzelten jüdischen Individuum das jüdische Koiiektivum an. Daher muß sich das jüdische Koiiektivum zur Wehr setzen. Diese zionistische, auf richtiger sozio* logischer Geschäftsauffassung fußende Erkenntnis ist heute aueh schon In weiten Kreisen der Assimilation zum Dyrchbruch gekommen. Von Jochanan ben Sakkal angefangen, der unmittelbar nach der Zerstörung Jerusa ems uurch die Römer in Jabnen in seiner theologischen Lehranstalt da« erste jüdische Koiiektivum schuf, bis zu den Wiener Assimilanten, die sich trotz aller Assimilationstendenzen um die Gründung der jüdischen Gemeinde in Wien, ihren Ausbau und ihre Erna.tung bemühten und bis in unsere Tage geilt durch das J.üdische v°Ik das mächtige Streben nach Erhaltung des jüdischen Koiiektivum«. Wir Zionisten tarnen uns nicht, wir kämpfen mit offenem Visier, dadurch unterscheiden wir pns von den Assimilanten* Aber wir und auch weite, bisher assimilatorische Kreise wollen leben, als Juden leben, und wir glauben zuversichtlich, daß nicht der Untergang, sgndern die Aufejstehung des Judentums aus den Nöten unserer Zeit geboren werden wird. Aus diesen Gründen können wir von Tietzes Ratschlägen keinen Gebrauch maehen. Wjr müssen es vielmehr ableimen, wie Noah in der Areh« zu warten, bis uns die Taube d*n Oeliwaig bringt und uns verkündet, daß Friede unter den Menschen herrsche und daß nun unsere «Mission», die Menschheit glücklich zu maehen, einsetzen könne. Denn wir fürchten, daß vorher unsere Arche altersschwach oder vom Feind torpediert werden könnte, und daß wir dann wie Katzen im Sack ersaufen. Wir Zionisten erblicken unsere «Mission» darin, für unser Volk zu arbeiten und es den anderen Völkern zu überlassen, ihre Angelegenheiten allein zu besorgen. Denn damit arbeiten wir am besten für uns und für die Menschheit. Ist erst das jüdische Volk in Palästina frei und glücklich, gibt es überall in den Ländern der Qaiuth ein aufrechtes, gleichberechtigtes Judentum, dann ist die Judenfrage gelöst und damit wird auch dem Frieden der Völker ein gewaltiger Dienst erwiesen worden sein. Wir können also Tietzes Pessimismus über unsere Zukunft nicht teilen, durch den er, trotz seiner Erklärung in der Vorrede, er wolle nicht Partei ergreifen, doch Partei ergriffen hat. Es muß aber anerkannt werden, daß sein Buch die Literatur über das Judentum bereichert hat. Tietzes Buch wird §9 manchem Juden und Christen Wissen vom Judentum bringen und damit den Anreiz geben, unter die Oberfläche zu gehen. Da§ ist in unserer Zeit des Trommelfeuers der ßchiagworte wichtiger denn Je und gerade deswegen muß man bei aller Ablehnung seiner assimilatorischen Tendenz dem Autor Dank wissen, daß er gerade Jetzt mit seinem Werk vor die Oeffentlichkeit tritt. Dr. Oskar Orünbaum* Wiens Jndenschaft geleitet den Czortkower Reblie zu Grabe Nach längerer Krankheit verstarb hier in einem Sanatorium im 78, Lebensjahre der berühmte Czortkower Rebbe Israel Friedman n, ein Enkel des Israel R u s h i n, des großen Riziners, des Begründers der Sadagoraer Wunderrabbl-Dynastie Friedmann. Der Tod des als gütigen Helfer und über die chassadischen Kreise hinaus berühmten jüdischen Kabbalisten und Talmudisten hat in allen Kreisen der jüdischen Bevölkerung größte Anteilnahme ausgelöst. Insbesondere Ist die Welt der Chassidim durch den Tod ihres großen Rebbe erschüttert. Die ungeheure Popularität des dahingegangenen Czortkower Rfcbbe kam an dem Sonntag vormittags stattgefundenen Leichenbegängnis, bei dem sich ergreifende Szenen und fanatische Ausbrüche der chassidischen Anhänger abspielten, zum Ausdruck. Im folgenden bringen wir den Bericht; Da« Begräbnis gestaltete sich?u einer großen Kundgebung der orthodoxen Judensohaft Wiens. Viele tausende Menschen umlagerten senen vom frühen Vormittag an das Traueriiaus in der Heinestraße 35. Dort und auf dem Zen* traifiredhof kam es zu ergreifenden Szenen, da die Anhänger des Wunderrabbi» mit fanatscher Leidenschaft sieh bemühten, den Sarg zu berühren, beim Transport des Toten mitzuhelfen und möglichst nahe hinter dem Sarge elnherzugelien. Schon am frührn Morgen hatte sich die gläubige Judenaohaft in der Nähe de? Trauerhauses angesammelt und harrte trotz der grimmigen Kälte geduldig aus, bis d e Begräbnis* feierüehkeiten begannen. In das Trauerhaus selbst zu gelangen, war kaum möglich. Nur mit äußerster Mühe gelang es, die Würdenträger, den gesamten Wiener Kultusvoratand — der Präsident Dr. Deaidvr Friedmann war mit beden Vizepräsidenten erschienen — Rabbiner aus Baden, mehrere ungarische Rabbiner, dl*? Wiener Rabbiner, die Präs denten der orthodoxen Kultusgemeinden der Tschechoslowakei, die Vertreter der Judenschaft des Burgenlandes und viel» Deputationen, zum Hause zu geleiten. Vor dem Trauerhause spielten sich erregte Szenen «b. Um P2I2 Uhr mittags trugen di« Auserwählten den roh gehobelten Holzsarg, der mit einem schwarzen Tuch bedeckt war, aus dem Hause. Die Menge war nun nicht mehr zu halten. Alles drängte nach vorne, jeder wollte möglichst nahe zum Sarge gelangen upd womöglich den Sarg berühren, Unter ergreifenden Szenen wurde der Sarg Ws zum Praterstern getragen und konnte erst dort, wo ein große» Wacheaufgebot einen freien Raum geschaffen hatte, m das Leichenauto gehoben werden, Während der Fahrt durch die Praterstraße grüßte ein dichtes Spalier den toten Rabbiner. Au» den dicht mit Trauer* gästen besetzten Fenstern hörte man noch di« Klagerufe, die dem Hinscheiden de« berühmten Wunderrabbis galten. Ein« lange Kolonne von Automobilen, Autobussen und sonstigem Fuhrwerk folgte dem Leichenwagen auf den Zentralfriedhof, wo die Feier für 1 Uhr mittag« anberaumt wurde. ErgreiSeade Szenen am Grabs Auf dem Zentmlfriedhof tatte sich wieder eine nach vielen Tausenden zählende Menschenmenge angesammeit. Die Polizei mußte in Ueberfallsautos Mannschaften der Schulabteilung heranbringen, um den Verkehr nur halbwegs aufrechterhalten zu können. Al» der Leichenwagen mit dem toten Wunderrabbiner einlangte, kam es abermals zu überall bewegten Szenen* Jeder von den Trauergästen wollte zum Serge, um von dam Toten Abseh>d zu nehmen. Der Sarg wurde in die Leichenhalle gebracht, wo die rituellen Zeremonien vorgenommen wurden. Da dit Halle den gewaltigen Ansturm aber nieht aufnehmen konnte, mußten die Zeremonien schließlich in den Hof verlegt werden. Wieder kam es zu ergreifenden Szenen, Jeder der Gläubigen wollte mithelfen, den Sarg zu tragen. Fast e ne halbe Stunde benötigte der Lcichenzug, wm von der Elniegnung»baflt bis zum Qrabe zu gelangen. Auf dem freien Platz vor dem Grabe drängte eich die Menschenmenge. Ein dichter Kordon von Sicherheitswache hielt die andrängende Menge zurück. Ein Sack mit Tausenden von «Quittlach» wurde dem Toten mit Ins Grab gegeben, dann wurde zunächst von den Rabb'nern und später von seinen nächsten Angehörigen das Grab zugeschüttet. Die Trauerkundgebungen am Orabe dauerten noch bi» in d;e späten Nachmittagsstunden, da immer wieder Anhänger eintrafen, die an der Grabstätte eine letzte Andacht verrichten wollten. - 1 1 .,, Jugoslawien gewährt ionischen Emigranten Asyl Belgrad. Der Senat Jugoslawiens hatte am 30. November seine zweite Judendebatte in kurzer Zeit. Senator Ivan M n i a t r 0 v i c interpellierte den Innenminister wegen der 350 jüdischen Familien aus Deutschland gegebenen Erlaubnis, sich in Jugoslawien ansiedeln zu dürfen. ln Beantwortung dieser Interpellation erklärte Innenmin ster L a z 1 c; «Die Regierung Jugoslawiens hat jüdischen Familien aui Deutschland die Erlaubnis zu dauerndem Aufenthalt erteilt, aber nur solchen Familien, die sieh selbst erhalten können, also Staat und Gesellschaft nicht zur Last fallen, überd es Kapital ins Land bringen. Es handle sich vorläufig um Gewährung von Asylrecht, über die Seßhaftmachung dieser Familien ist noch keine Entscheidung getroffen wor- Seefeld, iiioi (rqq Meier) hervorragendster Wlntersporlplatz u, Hübenlultkurort, das Sonnunparadies für Kinder, jede Art Wintersport. «Schneesicher*. Pension Geschwister Scheer streng *^3 Bekannt erstklassige Verpflegung, Wiener Küche, billige Preise. Telopnon 28. Mitgi »*d des Vereines zur Förderung ritueller Hamhnr". den. Gegenwärtig befinden sich in Jugoslawien etwa 200 jüdische Flüchtlinge aus Deutschland, von denen »ich 100 aus eigenen M tteln erhalten, 01 von den jüdischen Gemeinden betreut werden, Von den früher eingewanderten deutschjüdischen Emigranten sind über 600 bereits nach Palästina weitergereist und auch ein Großteil der übrigen in Jugoslawien befindlichen Emigranten wird ihnen folgen.* Der Minister fuhr forti «Es ist eine bekannte Tradition Jugoslawiens, politischen Emigranten Asyl zu gewäh» . ren und gegenüber dan Angehörigen jüdischer Konfession Toleranz zu üben, w.r haben keinen Grund, von dtoem Prinzip in unserer Konfessionspolitik abzugeben; handelt es chh doch um Angehörige der jüdischen Konfession, die stets in Eintracht m t unserem Volke gelebt, an der Schaffung Jugoslawiens mbgiarbeltet und auch auf den Sclilachtleldcrn ihr Teil zur Schaffung des neuen Staate» beigetragen hat,» Der Qreßrabbiner Jugoslawiens, Senator Dr. A1 c a 1 a y, dankte dem Minister für seine Ausführungen und dem jugo- »lawaehen Volk für seine freundschaftliche Haltung gegenüber den Juden. Die luden haben m Jugoslawien, wie in wenig anderen Ländern, ein Vaterland gefunden. Auch die jetzt au« Deutschland geflüchteten Juden wollen niemandem zur Last fallen und sind besticht, ein Aufbaaielement in Jugoslawien zu »ein« Ela« Nvitwwt^wlult deutsch* JUdlscUer Fltiebtttage bei Agram Zagreb. Nicht weit von Zagreb (Agram), dar Haupt« stadt von Kroatien, haben jüdische Flüchtlinge au« Deutschland ein higher dem Baron v. Outmanit gehörendes Großgut angekauft, da« in «ine Imdwirtsohaftiiche Kolonie umgewandelt werden wird. Vorn Verband jüdischer Gerne nden Jugoslawiens wird erklärt, d;fl geplant »ei. auf diesem Territorium eine Musterwirtschaft und eine landwirtschaftliche Schule zu errichten. 30 ORO CHCn pro STOCK WECHSEL.mKAoSO besorgt Bankgeschäft Friedrich Knell, W|en,!.. rranz-JoM »s-Kr i 7— Tel. R-24**'»7J, Dr. Welzmann erst 59. London. Dr. Chalm VV e i z m a n n gab In einem Ga* sprä:h mit Pressevertretern dem Gefühl der Rührung und Dankbarkeit Ausdruck, das Ihn bei dan Kundgebungen und Würdigungen ln der Jüdischen Pros3» anläßlich *-.no» «09. Geburtstages» erfülle; er müsse jedoch bemerken, daß er am 27. November erst sejn 5 9. Lebensjahr vollendet habe. Der Irrtum ist darauf zurückzufübren, daß die Nach* echlagewerke, sp aueh das «jüdische Leitern», das Jahr 1873 als de» Geburtsjahr Weidmanns apgeben, äo wird also Dr. Weidmann auch im nächsten Jahr «U die Würdigungen und Wünsch« über sich ergehen lassen mii»»en, JiHisafaer Weltkongreß l3sa Sonnfner 1C34 Pari». Das Coniittf des Dcldgations Juives hat unter dem Vorsitz seines nach dem Tode Leo Motzkins neu gewählten Präsidenten Dr, Nahum Goldmann eine Sitzung abgehalten, auf dir dl» Frage der künftigen Stellung d»r JüdL sehen Minderheiten zum Kongreß der europäischen Nationalitäten (Minderh<ßnkonj'rcß) bespro'clutn wurde. In einem nach der Sitzung »usjjt'p,ebenen tvow.nuiniqud wird die Einberufung einer Konferenz von Wtietcrn der einzelnen Minderheiten a-ngekündigt, auf der die Stellung der Juden zum Ajinderhcltenkongr f Im Hinblick auf dessen Haltung gegen» über dem deutschen Judenproblem geklärt werden «olL Gleichzeitig teilt Dr. Goldmann mit, daß der Jüdische Welt* kpngreß, der im Frühjahr 1934 zusammentreten sollte, infolge von technischen Schwierigkeiten erst Im Sommer 1934 wird stettfinden können. In den Vereinigten Staaten werden zum Kongreß Wahlen auf demokratischer Basis abgehalten werden? man rechnet damit, daß eine halbe Million Wähler iil Amerika zur Wahl «ehreiten -werden.-In einer Anzahl anderer Länder ist jedoch die Durchführung von Wahlen nicht möglich, und auch die Arbeiter!, aktion der Zionistischen Organisation verharrt in heftigem Wldeistand gegen den Kongreß, wodufeh 6eine Vorbereitung, insbesondere in Pofan und Palästina, schweren Hindernissen hegegnet. Indessen hofft Dr. Goldmanp, daß man dieafc Schwierigkeiten wird übefwinden können. Bf. H. laitäMt £$ Jahr9 aff Der Vater des Präsidenten der Jüdischen Tel .graphen* ageotur. Herr Moses Hirsch Landau feiert am 11. d. M-, Erew Chanukah, «einen W. Geburtstag. Von einem leichten Unwohlsein h fallen, befindet »ich der Jubilar in einem Sanatorium im Zustande der Besserung. Da» Komitee zun Schaffung eine» aM. H. Landau Fonds* im jüdischen VVaisenhause zu Baden bei Wien hat diesen Fonds ber.lts vor 5 Jahren, anläßlich des 80. Geburtslage« des Jubilar« etabliert. Indem das Komitee dem ehrwürdigen jüdischen Patrizier an diesem hohen Jubeltag» hfirzlichst gratuliert und ihm eheste volle Wiedergeneaung für weiteres langes Wirk.n auf dem ihm lieben Cjebiete jüdischer Humanität wünsdvt, gibt das Komitee gleichzeitig d.m wärmsten Wunsche des Jubilar» an »eine vielen Freunde und Verehrer dah n Ausdruck, daß sie diesmal von persönlichen Ehrungen und Gratulationen Abstand Nehmen mögen und an d ren statt den den Namen de» Jubilars tragenden Fond« Im Jüdischen Waisenhaus zu Baden reichlich zu bedenken und durch müde Gaben und Spenden dieses jüdisch« Wohlfahrtsw-ric zu stärken und zu fördern. Eine beaon«a”3 günstige Gelegenheit, die Weihnachtsferien in Polen billig zu verbringen, bietet eine Sonderfahrt des polnischen Verkehrsbureaus, «Francopal» (gemeinsam m. d, Czernowitzer «AUg. Zeitung»), Abfahrt am 21. Dezember, Rückkunft Wien F, Jänner 1934. Näheres: Francopol, Rennweg 1, Tel, U 19-4-90. Redegewandte Damen und Herren gesucht! Wir suchen redegewandt Domen und Herren, die «ick mit der Werbung für unsere Verein'gung beschäf.lgen wollen. Nähere Bedingung n sind in der Tüeit von 10 bis 12 Uhr vormittag« und 3 bis 5 Uj*r nachmittag« zu erfragen. Fanrilienschutz, U., Aspernbrückengasse 2. BHiUHTEN,MlwW IviftAüU riii.VuL*Vi-Ku,t«, Wien, *X.. Kluokyflps*0 11 Fest-Gottesdienst Anläßlich des 80, Qelmrtetugea de« Obmannep Jostf Kehn am 10. Denembev 1038, % Uhr 48. Mitwirkend; Oherkantor J, Mann au» Urünn, verstärkter Chor der israel. Kultusgemeinde unter Leitung des Herrn Kurt Kuchsselb, Korten In der Tompclkanzlel täglich von 4 bis Uhr orhältllrh. — Da» H«lnerträgnis fließt den Vereinen zur Ausspeisung armer Klndor und Krwaclnwner des 20. Uor.irkc's zu.