Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 6 (1933)
- Issue
- Heft 311 (30.11.1933)
- Date
- 1933-11-30
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Wie 6 DTE STIMME Nr. 311 — 30. November 1933 leiatir Bärenger Ober den Antisemitismus in Deutschland In seinem Vortrag über das Thema «Hitler und Israel» im Theatre des Ambassadeurs fälvte Botschafter e. D. Senator Henri B 6 r e n g e r, der bei der Behandlung der deutschen Judenfrage vor dem Völkerbund in so eindrucksvollen Worten für de Rechte der Juden eintrat, aus, daß der deutsche Antisemitismus gegen 600.000 Menschen .wüte, deren einziges Verschulden darin bestehe, daß sie keine Arier sind. «Wenn aber der Arier\ sagte Berenger, «blond und blauäugig sein muß, wie es behauptet wird, so ist der kleine, sdhwarze, kraushaarige und dunkelhäutige Doktor Goebbels diesem Menschentypus ganz entgegengesetzt. Die Deu tschen sind, was immer die Rassisten sagen mögen, keine Arier. Das deutsche Volk ist von allen Völkern des Nordens am meisten gemischt und am wenigsten arisch. Es wu-rde dauernd durch slawische, keltische, hunnische Invasionen blutmäßig beeinflußt.» In Wirklichkeit handelt es sich bei dem Rassenkonflikt im Dritten Reich um den Kampf zwekr Weltanschauungen und Zivilisationen: der deutschen Zivilisaton, welche auf Gewalt basiert ist wie der ganze germanische Mythos, und der jüdischen Zivilisation, die sich auf die Doktrin von der Herrschaft des Geistes und der messianischen Mission der Gerechtigkeit stützt. Wenn Deutschland die Gleichberechtigung fordere, schloß Senator Börenger seinen Vortrag, müsse es selbst den Anfang mache« und die Rechtsgleichheit zwischen den eigenen Staatsbürgern hersbelien. Zugehörigkeit zum Judentum „Kein wichtiger Grund zur fristlosen Entlassung“ Berlin, 28. November. Das Berliner Arbeitsgericht hat die fristlose Entlassung eines bei einer Firma als juristischer Berater tätig gewesenen jüdischen Rechtsanwalts und Notars, der den Weltkrieg als Offizier mitgemacht hat una auch verwundet worden ist und deshalb im Rechtsanwalts¬ und Notarstand verblieben ist, für ungültig erklärt Das Gericht stellte gleichzeitig grundsätzlich fest, daß die Tatsache der Zugehörigkeit eines Angestellten zur jüdischen Rasse und seines Bekenntnisses zur jlidschen Glaubens-, Volks- und Rechtsgemeinsohaft tür s'ch allein keinen wichtigen Grund zur fristlosen Entlassung darstelle, auch i; cb* unter dem Gesichtspunkt der durch die nationale Revolution erfolgten erheblichen Steigerung des National- und Rassegelühls der deutschstämmigen Bevölkerung. Ein Arbeitgeber könne sich Mitte Mai 1933 nicht mehr auf die Boykottbewegung des 1. April 1933 gegen das Judentum berufen, um sich eines Anstelhmgsvertrages fristlos zu entledigen. Für April bis Mai 1933 möge ein Arbeitgeber nach dem damals bestehenden revolutionären Zustand berechtigt gewesen sein, dem Verlangen der Arbeitnehmerschaft nach fristloser Entlassung jüdischer Angestellter stattzugeben. Im September 1933 könne das schon niaht mehr anerkannt werden. Vielmehr habe der Arbeitgeber die Pflicht, seine Entschlüsse unter eigener Verantwortung zu fassen und anmaßende Eingriffe von Mitgliedern der Belegschaft zurückweisen. Die. jüdischen Gemeinden und Organisationen unter Kontrolle der Geheimen Staatspolizei Innsbruck. Nach ein>er Meldung wurden in dieser Woche alle jüdischen Gemeinden und Organisationen m Preußen unter die Kontrolle der Geheimen Staatspolizei gestellt, bei der zu diesem Zweck eine eigene jüdische Sektion eingerichtet wurde, Beamten dieser Sektion besuchen jetzt fleißig die jüdischen Institutionen, stellen strenge Verhöre, auch über ganz abseitige Dinge, an und lähmen dadurch die Arbeit dieser Institutionen. Ausländische jüdische Hilfsinstitutionen, besonders amerikanische, werden zwar niclu besucht, aber auch deren Tätigkeit wird durch indirekte Maßnahmen gehemmt * 117 Allein an der Berliner Universität sind seit dem Frühjahr 117 Professoren und Dozenten, die Juden oder jüdischer Abstammung sind, entlassen worden. 64 der Entlassenen gehörten der medizinischen, 49 der philosophischen Fakultät an. Sorge für die Gesundheit Deiner Familie und benütze Shemen-Palästina-Olivenöl zum Kochen, Braten, Backen und Oelkuren, sehr ausgiebig, leicht verdaulich, bevorzugt in aller Welt. Shemen-Toi'etteseifen übertreten die beste Qualität Europas, Sh emenHaushaltungsseif en sehr billig und ausgiebig, erhalten Sie in Ihrer Parfümerie, Delikatessengeschäften. Verlangen Sie diese Produkte. Generalrepräsentanz für Oesterreich: S. RABINOWITSCH Wien, II., Zlrkiugas« 10. Tel. R 48-7-38. Einsteins Gesamtvermögen beschlagnahmt Berlin. Bekanntlich wurde vor mehreren Monaten die Sperre über Prof. Einsteins Bankguthaben in Deutschland verfügt. Nunmehr veröffentlicht der Reichsanzeiger eine Bekanntmachung des Geheimen Staatspolizeiamtes, nach der auf Grund des Gesetzes über die Einziehung kommunistischer Vermögen sämtliche Bankguthaben und Depots der Eheleute Albert und ELse Einstein, zuletzt Berlin W 30, Haberlandstraße 5, zugunsten des preußischen Staates eingezogen werden. Die Nazipropaganda in Amerika kostet viel Geld — also muß das Vermögen des jüdischen Pro.essors geraubt werden! * Nach 45 Dienstjaliren ohne Pension entlassen Hamburg. Der Chefredakteur des «Hamburger Anzeiger» Gustav Behrens, ein Jude, ist nach 45jähriger Dienstzeit ohne Pension und ohne Entschädigung auf Grund des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums (Arierparagraph) entlassen worden. * 25 Blutopfer des braunen Terrors Vor einer Versammlung der sozialistischen Hochschüler der Universität Manchester hielt der Abgeordnete der Arbeiterpartei, Greenwood, einen Vortrag über die deutsche Diktatur. «25 meiner deutschen Freunde», erklärte üreenwood, «sind im Laufe des Jahres 1933 von den Nazi ermordet worden, weil es entweder Sozialisten oder Juden waren.» * Arier dürfen keine Judenkinder adoptieren Eine Verordnung der Reichsregierung verbietet, wie die Blätter aus Berlin melden, Ariern die Adoption von Kindern jüdischer Abstammung. Desgleichen dürfen Juden keine arischen Kinder adoptieren. Dieses Gesetz hat rückwirkende Wirkung, d. h. schon erfolgte Adoptionen von jüdi- ’Sdhen Kindern durch arische Adoptiveltern und umgekehrt sind dadurch ungültig geworden. Eine weitere Ministerialverordnung bestimmt, daß Verträge, welche deutsche Verlagsfhäuser mit jüdischen Schriftstellern geschlossen haben, ungültig sind. Die Reichsbahnverwaltung hat nicht nur alle jüdischen Angestellten oder Angestellten nichtarischer Abkunft, sondern auch alle jene Angestellten entlassen, welche jüdische Familienangehörige haben. * Weitere Ortssperre tür Juden Straßburg. «Freiheit» meldet: An den Eingängen des thüringischen Städtchens Schleusingen sind Schilder mit folgendem Text angebracht worden: «Juden sind in Schleusingen nicht erwünscht» * Nazis füllen Fragebogen über ihre jüdischen Nachbarn aus Berlin. Die Nationalsozialisten von Hessen-Nassau haben von der Parteizentrale in Frankfurt a. M. Fragebogen zur Ausfüllung erhalten, diie u. a. lauten: 1. Wieviele politische Gegner wohnen in Ihrem Distrikt? 2. Wieviele Juden wohn en in Ihrem Hause und in Ihrer Nachbarschaft? Nennen Sie volle Namen und Adressen! Man nimmt an, daß solche Fragebogen auch an die Angehörigen der NSDAP, in den anderen Provinzen versandt worden sind. * Neuer Feldzug gegen jüdische Rechtsanwälte Berlin, ln der Presse wird eine neue Aktion gegen die jüdischen Rechtsanwälte angekündigt und dabei mitgeteilt, daß bis zum 20. Oktober allein in Berlin mehr als 600 jüdische Rechtsanwälte des Rechts zur Ausübung einer Praxis beraubt wurden. Die Zeitungen teilen mit, die Regierung habe beschlossen, die Zahl der jüdischen Rechtsanwälte so zu reduzieren, daß sie dem Verhältnis der Juden zur allgemeinen Bevölkerung, also weniger als 1 Prozent, entspricht F. C. Holtz schreibt in seinem «Fridericus»: «Es soll ruhig ausgesprochen werden, daß die Mehrheit der deutschen Bevölkerung mit Ungeduld den Tag herbeisehnt, an dem die gesamte Rechtspflege in Deutschland von Rechts wegen von den Juden freigemacht ist.» * «Hinaus mit den Juden aus Berlin und aus Deutschland!» Berlin. Die «Deutsche Zeitung* erhebt in einem Artikel die klare Forderung, daß man die Juden aus Berlin hinauswerfe, und schloßt hierin die Bemerkung, daß die Frage der Hinaussetzung der Juden aus dem gesamten Deutschen Reich wieder in den Vordergrund tritt. In das gleiche Horn stößt Graf Emst zu Reventlow in seiner Zeitschrift «Der Reichs wart». Er befaßt sich eingehend mit der Lage in Palästina, erklärt, daß Deutschland die Vorgänge in diesem Lande mit starkem Interesse verfolge, daß die Nationalsozialisten direkte Fühlung mit den Führern der Araber unterhalten und daß ein Bevollmächtigter der palästinensischen Araber in Berlin eingetroffen ist, um dem Reichspropagandaministerium über die Lage in Palästina im Zusammenhang mit den Araberunruhen zu berichten. Ein gewisser arabischer Emir, schreibt Reventlow, steht mit der Leitung der nationalsozialistischen Partei in brieflicher Verbindung und habe seiner Bewunderung mit den Resultaten der deutschen Revolution Ausdruck gegeb n. Zum Schluß erhebt Reventlow die Forderung, daß alle Juden aus dem Deutschen Reiche hinausgeworlen werden. Oberrabbiner Dr. Feuchtwang gegen die Verleumdungen des Judentums ln seiner letzten Freilag im Seitcnstettcntempel ge* hnltcnen Predigt kam Überrabbiner Dr. Dawid F euch t* w a n g, nachdem er die zwei Gestalten des Wochenabsclmittes analysiert hatte und darauf hin wies, d:|i der Dämon Esaus auch heute durch die Welt ziehe und dem Jakob Israel Pein und Leid zufilgen will, kam der Wiener Überrabbiner auch auf tagespolitische Ereignisse in Oesterreich, insbesondere wie sie sich durch die neue antisemitische Welle geistig vorbereiten, zu sprechen. Die Rede Dr. Feuchtwangs, die von Mut und Kraft der Ueberzeugung getragen war, übte auf des bis aufs letzte Plätzchen gefüllte Gotteshaus stärksten Eindruck aus. Der Predigt, die bisweilen hochpolitischen Charakter annahm, kommt größte Bedeutung zu. Oberrabbiner D». Feuchtwang wandte sich zunächst gegen die Legende vom Ewigen Juden. Sie sei böswillig erfunden, und zwar von den Feinden des Judentums. Nie hat es einen Juden namens Ahasveros gegeben. Nur als ewiges Judentum ziehen wir durch die Geschichte und kämpfen gegen den Geist, der die Legende des Ewigen Juden erfunden hat. Dieser böswillige Geist ist in den sogenannten «Protokollen der Weisen Zions» niedergelegt, wissenschaftlich längst als Fälschung erwiesen, aber den Feinden des Judentums noch immer eine Handhabe. Dieser böse Geist hat ein Sechzig-Miliionen-Volk verwirrt und er hat auch bei vielen anderen Völkern Verwirrung gestiftet. Ich erkläre hier feierlich als Schwur, daß die «Protokolle der Weisen Zions», soweit sie vom Judentum handeln, gemeine Fälschung und Niedertracht, daß sie frei erfunden, daß sie nur böswillige Verleumdung sind. Und ich bin bereit, diesen Schwur allüberall zu wiederholen und jede Verantwortung dafür zu übernehmen. Es kann nicht wundernehmen, daß verschiedene Völker und schlechte Menschen sich dieser «Protokolle» bedient haben, sie als Werkzeug gegen die Juden benützen. Was mich aber wundernimmt, ist, daß sich auch in Oesterreich ein Mann gefunden hat, der auf Grund dieser Protokolle eben ein Buch geschrieben hat. Es heißt «Das Judentum und die Schatten des Antichrist» und stammt vom Pfarrer Gaston Ritter. Ich muß hier laut und vernehmlichst verkünden, daß auch dieses Buch nur Verleumdung, nur Lüge ist, vom FCind des Judentums geschrieben. Es stützt sich auf die Niedertracht der «Protokolle» und ist dadurch bereits verurteilt. Oberrabbiner Dr. Feuchtwang wies in seiner Rede darauf hin, wie heute Begriffe von Freiheit und Menschlichkeit falsch verstanden werden, und wie inan sich fürchten müsse, solche Worte auszusprechen, geschweige denn, sie zu verteidigen. Dabei habe gerade der Begründer des Christentums gezeigt, daß Menschlichkeit, Freiheit und Glauben mit Treue verbunden werden könne. Auch das Judentum habe seit jeher die Idee der Freiheit und Menschlichkeit hochgehiaJten. Die Welt von heute will aber vielfach nicht verstehen, daß man für Freiheit und die Menscheit eintreten und dabei doch am Vaterland hängen kann. Und wir Juden können das. Wir sind freiheitlich und kämpfen für die Menschheit, aber auch für das Vaterland, in dem wir wohnen. Die Rede des Oberrabbiners löste große Begeisterung und Zustimmung aus. Von Juden und Judentum. Eine Auswahl von Büchern zur Judenfrage, ungewöhnlich billig. Der heutigen Auflage unseres Blattes ist ein Prospekt der Firma R. L ö w i t, Wien, I., W o 11 z e i 1 e 6, beigefügt, auf den wir unsere Leser besonders aufmerksam machen. Naue Fahrpreise des Lloyd Triestino für Emigranten Wie wir erfahren, treten am 22. November für Emigranten aus Oesterreich die nachfolgend angegebenen Preise in Kraft, die neben der Ueberfahrt von Triest nach Jaffa oder Haifa auch den Transport und die Einschiffung des Gepäcks und die Einschiffmvgstaxe in Triest einschließen: III. Klasse für Kategorie A, G, H.S 254.25 HL „ „ „ B, C, D.S 16615 III.B. „ „ „ B, C, D.S 144.15 Deck „ „ „ B, C, D.S 120.45 Diese Preise gelten für die direkte Eillinie Triest—Palästina. Auskünfte erteilen: Lloyd Triestino, Wien, L, Kärntnerring 6, und Palästina-Amt, 1., Kämtnerstraße 28. Melden sie sich raschest zur nächsten Polenreise am 10. Dezember im Reisebüro „MA IENRRÜ(,'Kh‘‘ Wien, lM Botenturmstraüe 26. Telephon R, 24-2-S6 und R 24-2-87 Die wirklich billige Schutt• quelle finden Sie bei »DA-HO« (Inh Dauui Horowitz) Wien li. lahorstruße Nr 11h Ecke (hedler sfruße QuaUtUirwaren mi Kuflerel billigen Preisen. Bei Berufung auf die »Stffm* me« 8 Prozent Rabatt