Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 6 (1933)
- Issue
- Heft 311 (30.11.1933)
- Date
- 1933-11-30
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. Ölt — 80. November 1983 DIE STIMME 2)autsc&e. 'Jju/Lut ün Exill Von Bernard Hoch Unter ihnen findet man politisch geschulte und disziplinierte beute, die auch in der Emigration den Anschluß an .ihre Bewegung bald suchen und finden. Wesentlich unklarer ist der Typus der wirtschaftlichem Emigration. Hierzu zählen die sehr zahlreichen selbständig und angeetellt gewesenen Kaufleute, deren Existenzmöglidikoit rn Deutschland sich zu sehr verengte, um ihnen ein weiteres Auskommen zu sichern. Es ist kaum im einzelnen kontrollierbar, ob und inwieweit sich bei ihnen die Notwendigkeit zur Auswanderung herausöteilte, sofern sie nifcht direkt politisch bedroht und verfolgt waren. Im ganzen ein durchschnittlicher, politisch meist indifferente! Typus, der beruflich fast völlig entwurzelt ist, da sloh hier mit dem kaufmännischen Etikett wenig amfangen läßt, und überdies viele frühere berufslose Geäegenheitsverdiener sich ganz einfach als Kaufleute bezeichnen, ohne es eigentlich zu sein. Außer diesen beiden gibt es noch einen dritten, sehr wichtigen Emigrantentypus, der sowohl politisch als auch wirtschaftlich registriert werden kann. Das sind die zahlreichen Träger der intellektuellen Berufe, die, selbst wenn sie nicht eigentlich politisch aktiv waren, doch als politisch verfolgt gdlten können und anderseits durch die Einführung der Arieparagraphen ihre wirtschaftliche Existenz, beziehungsweise Zukunft verloren haben, Aerzte, Rechtsanwälte, Ingenieure, Journalisten, Schriftsteller und die große Zahl von Studenten bilden den dritten Emigrantentypus. Wo immer sie können, zollen die Flüchtlinge dem Tag ihren Tribut an politisierenden Gesprächen. So sehr sie auch von der Ergebnis- und Nutzlosigkeit ihrer politischen Stn&gxaHtehße&eti üt p&xis Das Leben der Emigranten spielt sich im übrigen zwischen den Metrostationen ab. Es ist eine ewig wiederkahrende tägliche Hetzjagd von Station zu Station. Vom Hotel zum Restaurant und wieder zurück, zwisohenduroh zur Pröfectur de Police, zum Comite, zur Liga für Menschenrechte, zu Firmen, zu Geschäftsleuten, zu Redaktionen, zu Privatleuten. Der T.ag ist angefüMt mit Hoffnungen und meistens ebensovielen Enttäuschungen, doch jene nehmen ab und diese zu. Sie bleiben vorläufig an der Peripherie des Lebens von Paris mit seinem herrlichen Durcheinander, sie stecken in der Notwendigkeit, sich von Deutschland — auch innerlich — zu entfernen und können sich dem neuen Lande nooh nicht nähern. Sie leben auf neuer Erde, ohne sie zu erleben. Noch befinden sie sich zu sehr in dem argen Zwiespalt zwischen gestern und heute, um sich akklimatisieren zu können. Aus diesem Zustand resultiert ej.ne Unsicherheit, die sich auf Schritt und TrPtt in den Dingen des täglichen Lebens auswirkt Hinzu kommt bei den meisten .. Ans dem lande des braunen Zaren Billige Sonderfahrt Abfahrten: 10. Dezember und 2a Dezember. Rückfahrten: II. Daceafcat oder 2. J.inner, beide Abfahrten II Uhr abends POLEN Wien—«Pa Ran und retour & M1* Wien - Leinfierg QBB. ■ und retour h 1 Paßu. Visageblihren graust Numerierte Sitzplätze in beidenRichtunf*® _ . iJ>Qi ~ — -- * Reisebüro „MnrienbrUeke'% Wien* I« Tel. B U-2-8B mmmmm RotenturmstraOe si Tel. R-M-Mf Dispute überzeugt sind, so heftig drängt es sie, diesen Ausgangspunkt ihres EmigraLonserlebnisses, genannt Politik, auch immer wieder als Ausgagnspumkt für ihre Unterhaltung zu benützen. Sie reden von Politik und laufen jetzt doch nur neben ihr her. Die Gespäche hängen in jedem Winkel wie alter verbrauchter Flitter: noch immer flimmernd und gleißend, jedoch zu nicht» mehr nütze. Es handelt sich natürlich stets und ständig um die Verhältnisse ln Deutsch!!and: Was wohl noch alle» kommen möge, wie es jetzt wohl dort aussehe, und vor allem, wie lange es nooh dauern könne. Es macht mürbe und deprimiert, diese Diskussionen oft anhören zu müssen, denn aus jedem Wort spürt man die riesengroße Sehnsucht nach der Heimat heraus. Man spricht kaum von der Politik um ihretwillen, sondern um einen Gesprächsgegenstand über Deutschland zu haben. Er ist gewissermaßen ein kleines Surrogat für alle jenen Empfindungen, die den Dingen und Menschen jenseits des Rheins gelten und kein Objekt mehr haben, an dem sie sich betätigen können. Das Politisieren ersetzt Ihnen ein wenig von dem, was sie aufgeben mußten und hat mehr moralischen und sentimentalen als politischen Hintergrund. Wenn sie sich irgendwo eines Neuankömmlings bemäohtigen, wird er mit erschöpfender Gründlichkeit nach allen Details ausgeprägt, die er in Deutschland erlebt hat Auch die nebensächlichsten Dinge sind interessant für die Emigranten, wenn sie nur irgend etwas mit Deutschland zu tun haben. die deprimierende Unkenntnis der Sprache. So tauschten sie in der Emigration die körperliche Unsicherheit gegen eine seelische ein. Es gehört viel Willen und auch ein wendg Robustheit dazu, diese Kinderkrankheiten der Emigration au überwinden. Viele bringen es nicht fertig und fahren zurück. Sie ziehen die unsichere Zukunft tri Deutschland de,T •brutalen Gegenwart in der Emigration vor. E6 ist die Flucht vor der Flucht, die Flucht im Kreise, es ist ein Fortleben nach dem staatsbürgerlichen Tode in Deutschland. Diejenigen, die hier bleiben, strengen sich mächtig an, um durchztthialten. Jede neue Adresse, die ihnen eine Bewerbungsmögli'chkeft gibt, facht ihre Hoffnung neu an, und die Absagen sorgen schon dafür, daß die Hoffnungen nicht zu Illusionen ausarten. Es ist eine tief pessimistische Men* schensorte, deren Energien sich hier mit den tausend MIßheilligkeiten des Alltags kreuzen. (Schluß folgt) Wh bringen diese Darlegungen eines nichtztonisti- •chen Emigranten, welche die Hoffnungslosigkeit der «Siiniliert-Ni t:m.;;ra,iten in ihrer ganzen Trost.osigkeit aufzeigen. Für diese Juden scheint Palästina noch Immer nicht zu existieren. (Anm. d. Red.) Paris ist der größte Sammelplatz und die Zentrale der deutsch-jüdischen Emigration von 1933. Hier hat sich die wesentlichste Basis für eine Not- und Lebensgemeinschaft gebildet die zu einem kompakten Teil der jüdischen Diaspora überhaupt geworden ist Während die übrigen Gastländer je einen ganz bestimmten Emigrantentypus infolge von wlrtschattlichen oder politischen Besonderheiten anzogen, befindet sich in Paris die Emigration in der ganzen Heterogenität der abgesplitterten jüdischen Bevölketungsteile Deutschlands. Diese Heterogenität — sowohl im geistigen als auch im wirtschaftlichen Sinne — erhält naturgemäß bis zu einem gewissen Grade ihren Ausgleich durch die Gemeinsamkeit der Stammeszugehörigkeit, und man hätte glauben können, daß die Situation der jetzigen Schicksalsgemeinachaft die Verbundenheit unter den einzelnen zu •türken vermocht hätte. Und doch ist das nur sehr bedingt der Fall. Man begegnet allenthalben einer immerhin wahrnehmbaren Isolierung je nach politischer Einstellung, wirtschaftlicher Lage, geistiger Qualität. Den Ursprung dieses Phänomens mag man vielleicht mit Recht in den Erscheinungen der Diaspora suchen, die mit ihren Assimiiationstendenzen von jeher eine gewisse Lockerung der jüdischen Volksverbundenheit verursachte. In Deutschland war das nicht so auffällig, weil dort jeder einen bestimmten Personenkreis um sich zog, oder in «inen solchen hineingezogen wurde. Hier jedoch, wo der Zufall in seiner ganzen Blindheit an die Steile der Selbstbestimmung getreten ist, hier, wo Menschen aus entgegengesetzter politischer und geistiger Atmosphäre zwangsläufig in ein gemeinsames Fahrwasser getrieben worden sind, nehmen die Gegensätze Gestalt an. Hiezu kommt eine sehr bezeichnende Tatsache. Jeder weiß, welche Kluft stets zwischen den West- und Ostjuden hi Deutschland bestand. Man muß leider feststellen, daß sich die Divergenzen und Aversionen zwischen den beiden Lagern auch jetzt noch fortsetzen, in einem Lande, das beiden 'Teilen als Gasuland zu gelten hat Sie haben aus der Situation bis jetzt noch nichts gelernt. Die Kluft zwischen Ostuncl Westjudentum ist au fond eine Kluft zwischen zwei verschiedenen Kulturkreisen, nur wird — insbesondere von den deutschen Juden — übersehen, daß der Antisemitismus sich gegen beide wendet Auch hier trifft man immer wieder auf jenen in Deutschland schon sehr peinlichen Dünkel der deutschen Juden, die den Ostjuden genau so fremd und ablehnend gegenüberstanden wie gewisse Völker gegenüber einer Volksmi-norität. Daraus ergibt sich das zugleich traurige und groteske Bild von zwei passionierten Gegnern, die einem gemeinsamen Feind entfliehen, um sich in aller Ruhe und Gemütlichkeit weiter bekriegen zu können. Man hört vielfach die Ansicht, die Ostjuden hätten ja ein Vaterland, wo sie hingegen könnten, in Polen täte ihnen doch kein Mensch etwas... Dieses absurde Argument hebt sich schon allein durch «Me Tatsache auf, daß es sehr viele Polen der jungen Generation gibt, die das Land ihrer Nationalität nie gesehen haben, in Deutschland geboren sind und absolut keine Beziehung zu dem Lande haben können, dessen Sprache sie nicht einmal entfernt kennen und von dem sie lediglich den Reisepaß besitzen. Vielleicht mußte erst eine Emigration der deutschen Juden kommen, um gleichzeitig die Tragik des ostjüdischen Menschenschicksais ganz sichtbar werden zu lassen. In Wirklichkeit trifft das vorhin erwähnte Argument nur diejenigen Ostjuden, die erst vor kurzem nach Deutschland einwanderten. Die meisten aber, seit vielen Jahren in Deutschland ansässig, müssen ihre neue Wahlheimat genau so suchen wie die deutschen Juden, sei es aus wirtschaftlichen, sei es aus familiären Gründen. Doch dies allein ist noch nicht das Entscheidende. Die Absurdität der Situation liegt verborgen auf einem Gebiet, das nicht nur mit den Thesen der Vernunft betreten werden darf, sondern wo die eigentlichen Zusammenhänge eher gefühlsmäßig erkannt werden können. Wem das Organ dafür fehlt, der wird auch nie begreifen, wo die Schnittpunkte ostjüdicher Mentalität und westlicher Kultur liegen. Die letztere ist jedenfalls nicht von den deutschen Juden allein gepachtet worden; Es liegt nahe, diese Phänomen des Bruderstreites mit einem anderen zu vergleichen, das mehr politischen Charakter trägt und dennoch ähnliche Symptome auizuweisen hat, nämlich mit dem Kampf zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten, die sich in der Emigration genau so heftig befehden, wie sie es im Zweiten Reich getan haben. Zur Charakterisierung des Emigrantentypus gehört zunächst die Feststellung des Emigrationsmotivs. Zwei Motive lassen sich im wesentlichen klar herausschälen: das politische und das damit zusammenhängende wirtschaftliche. Mit der Kennzeichnung der beiden Motive sind die Typen eigentlich schon umgrenzt. Die polit’schen Flüchtlinge als reinste Emigrationstypen verließen Deutschland ichon aus Gründen der persönlichen Sicherheit. Sie rekru Üeren sich aus Mitgliedern und Funktionären der beiden marxistischen Parteien, aus Angehörigen der antifaschistischen Front oder des Reichsbanners, aus sozialistischen Oder kommunistischen Journalisten und Schriftstellern. Der Pleitegeier und die jüdische Hydra (D. P. K.) Obwohl der Geschäftsgang der deutschen Theater immer schwächer wird und die Zahl der Besucher ständig abnimmt, da die Bühnen nicht nur ihrer besten Kräfte beraubt worden sind, sondern auch die zur Aufführung gelangenden Stücke kein Interesse erwecken, schreibt der <Völkische Beobachter»; «D/e „Theaterpolitischen Nachrichten” wachen darüber, daß in der Spielplangestaltung und im sonstigen Leben des deutschen Theaters nicht die jüdische Hydra versteckt und erneut ihr Haupt erhebt.» Wie Deutschland Seltna Lagerlöfs 75. Geburtstag feiert Da Selma Lagerlöf ihr letztes Werk dem <dnt er nationalen Komitee zur Unterstützung der politischen Flüchtling« liberaler Berufe» geschenkt hat und die Erträgnisse den deutschen Emigranten zugute kommen sollen, verkündet die deutsche Presse, gerade in den Tagen, in denen die ganze Kulturwelt der greisen Dichterin in Verehrung gedenkt, folgendes: «Wer künftig, solange die Dichterin sich solchermaßen gegen unser neues Vaterland bekennt, noch ein Buch der .Lagerlöf kauft, schädigt Deutschland.» wmmmmmmmmmmmmmmmmm Billige Gesellschaftsreise nach Polen u. Czernowitz Abfahrt: 21. Dezember, 8 Uhr vormittags, Rückkunft: 8. Jänner voririittags. Sonder-D-Zug 2. und 3. Klasse (geheizt, Platzkarten. Samm lpaß für üesterreicher, Polen und Rumänen. Auskünfte und Prospekte: Reisedienst «Czernowitzer AUgv Zeitung», Wien, L, Schulerstraße 1 (Stadtbureau «Der Tag»), Tel. R 21-6-78. Uesamtdurchführung: «Poln. Verkehrsbureau Francopol», Ul., Rennweg l, Tel. U lß 4 90, wo auch Anmeldungen erfolgen. «Ich suche meine Brüden, Breslau. Vor dem Breslauer Sondergericht fand die Verhandlung gegen den Verwaltungsdirektor der Breslauer Jüdischen Gemeinde, Amtsgerichtsrat a. D. Dr. Emst Rechnltz, und den Handlungsgehilfen Albert Rosenthai statt. Beide hatten sich wegen «Verbreitung vonGreuelnachrichten» zu verteidigen. Rosenthal hatte — und zwar, wie beide Angeklagten übereinstimmend angaben, bereits etwa Ende April — Herrn Dr. Rechnitz als verantwortlichem Schriftleiter des Gemeindeblattes einen Artikel «Ich suche meine Brüder» eingereicht. Die Anklage erblickte das schwere Vergehen, dessen sie die Angeklagten beschuldigte, vor allem in zwei Stellen des Aufsatzes. An der einen hatte Rosenthal ausgeführt, daß der deutsche Jude durch seine Erfolge auf den verschiedensten Gebieten des wirtschaftlichen und kulturellen Lebens bei seinen deutschen Volksgenossen vielfach Haß hervorgerufen habe, an der anderen, daß er jetzt nicht nur Kämpfer, sondern weit mehr Märtyrer geworden sei, der schütz- und wehrlos allen Anfeindungen seiner Widersacher preisgegeben sei. Das Gericht verurteilte jeden der beiden Angeklagten zu einem Jahre und drei Monaten Gefängnis. ♦ Die Hölle der Kinder «Sozialdemokrat» meldet: «Das Martyrium des ausgestoßenen Kindes in Hitler- Deutschland ist ein Kapitel von solcher Grausamkeit, daß einem der Atem stockt . . . Aus Bingen wird ein charakteristischer Fall gemeldet. Ein Hitlerjüngelchen kam mit einem polnisch-jüdischen Klassenkameraden in Streit um» zog, ganz wie die Alten, eine Alarmpistole und schoß auf den «Untermenschen». Der jüdische Schüler wurde im Gesicht schwer verletzt Die Lehrer, diese Edelinge aus dem Dritten Schreckensreich, standen, gemütlich Butterbrote kauend, sichtlich amüsiert daneben und rührten keinen Finger , , . Diese Greuelmeldung, die kein «Märchen», sondern eine erschütternde Tatsache ist, zu kommentieren, hieße sie atochwäcfruua