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Die Stimme · 1933-11-23 · Heft 310 (23.11.1933) · page 7

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Journal
Die Stimme
Volume
6 (1933)
Issue
Heft 310 (23.11.1933)
Date
1933-11-23
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 310 — 23. November 1933 DTE STIMME «eitet DIE JÜDISCHE SCHULE ___Blätter für Schule und Erziehung 22, November 1933 Beilage der .Stimme“ Nummer 1 DtejmHwiMSeiNiic Im Dr. Mm MIm. Direktor des Chajes-Gymnasiums Die jüdische Schule ln Wien ist nicht aus äußerem Zwang, sondern aus innerem Bedürfnis entstanden. Ihr Oründer, Oberrabbiner Chajes, jener große Mann, der mit einem jüdischen Oefühl von einzigartiger Unmittelbarkeit und Wärme tiefes menschliches Verständnis für alle Erscheinungen des Lebens harmonisch vereinte, empfand wie kein zweiter die Gefahren der Entjudung; ihnen zu begegnen, setzte er die Tat der Errichtung der jüdischen Schule. Er dachte sich diese Schule vor allem für die westjüdischen Kinder, die vom Verlust der jüdischen Substanz am stärksten bedroht sind. Mit prophetischem Blick sah er die Zeit kommen, da die Juden Wiens nach der jüdischen Schule verlangen werden, weil sie von außen her notwendig werden wird. Ais er sie gründete, war sie es nicht; und so ist in ihrer Existenz der Beginn jüdischer Kulturautonomie zu erblicken, die entstanden ist aus innerstem Streben nach Wahrung und Erneuerung des Judentums, nach Erhaltung jüdischer Wesensart und jüdischer Kultur. Die jüdische Schule bedeutet Umkehr von den falschen und ln die Irre führenden Wegen der jüdischen Assimilation, deren Zeit, wenn nicht alles trügt, abgelaufen ist. Worin liegt die Bedeutung dieser Schule? Zunächst darin, daß sie eine natürliche und organische Gemeinschaft von Gleichgearteten bildet, eine wahre jüdische Gesellschaft, daß sie jüdische Atmosphäre erzeugt. Es ist etwas Großes um solche Gemeinschaft, und wenn die jüdische Schule nichts anderes leistete, als daß sie ihre Zöglinge in innerer und äußerer Verbundenheit erzieht und so für die spätere Arbeit im jüdischen Volke und für das jüdische Volk vorbereitet, so wäre schon damit ihre Existenz gerechtfertigt. In dieser Zelt der Fremdheit, ja der offenen Feindseligkeit gegenüber allem Jüdischen ist es von höchster Bedeutung, daß jüdische Kinder, frei von äußerem Druck, in einer Sphäre von Wohlwollen, aufwachsen und daß Seele und Geist dieser Kinder sich ungehemmt entfalten. Es ist nicht zu viel behauptet, wenn man sagt, daß die jüdische Schule den Kindern ihre Jugend rettet, Ihre jüdische Jugend. Freiheit und Verbundenheit erzieht besser als Druck und Fremdheit. Kinder, die so aufwachsen, werden dereinst als innerlich gefestigte Menschen in die Welt hinausgehen und als Freie und Eigene den anderen gegenübertreten. Die jtjdlsche Schule Ist aber nicht nur eine äußere Gemeinschaft auf biologischer Grundlage, sie ist mehr: es ist eine Gemeinschaft, erfüllt und getragen von einer Idee, der ewigen Idee des Judentums. Die Schule ist bestrebt, in ihren Zöglingen das Bewußtsein der Kontinuität der jüdischen Kultur sowie das Gefühl der Verantwortung für das Schicksal des Volkes und seines Geistes zu erzeugen und wach zu erhalten. So ist sie die Schule einer Idee und die Schüler sind Träger dieser Idee. Ehrfucht vor dem jüdischen Wert und freudige Hingabe an das Volksganze, Verantwortung für Leben und Geist des Volkes — das sind wohl die höchsten erzieherischen Ziele der jüdischen Schule. Ein wichtiges Instrument der jüdischen Erziehung ist die lebende hebräische Sprache. Indem das jüdische Kind sich sie aneignet, gewinnt es nicht nur den Zusammenhang mit der jüdischen Vergangenheit, mit der gewaltigen geistigen Tradition des Volkes, sondern auch den mit der jüdischen Zukunft, mit dem Aufbau des eigenen Volkstums auf dem Boden Palästinas. Nicht alle, die der Erziehung der Schule teilhaftig werden, können nach Palästina gehen. Aber alle, die die Schule verlassen, sollen ln steter innerer und äußerer Verbundenheit mit dem werdenden Volks- und Geisteszentrum Palästinas Träger des jüdischen Wertes und des jüdischen Schicksals sein. Die Zahl ehemaliger Zöglinge, die ihr Leben mit Palästina verbunden haben, ist nicht unbeträchtlich und sie wächst von Jahr zu Jahr. Das Streben nach Einheit und Ganzheit, das jeder echte junge Juden, die es wahrhaft erfüllen wollen, nur nach junge Juden, die es wahrhaft erfüllen wollen, nur nach Palästina führen. Die Problematik der jüdischen Schule ist ungeheuer Die Erziehung der Kinder ist in jüdischen Familien seit undenklichen Zeiten im Mittelpunkt des Interesses jüdischer Eltern gewesen. Es war so im Ghetto, es war sogar, wenn auch manchmal mit entgegengesetzter Wirkung, in den Zeiten des Liberalismus und der Aufklärung. Und es wurde von vitalster Bedeutung in den letzten Jahrzehnten des wiedererwachten jüdischen Nationalismus. Die Selbstbesinnung der Juden hat zu allererst und mit elementarer Kraft bei der Erziehung der jüdischen Kinder ihren Einfluß ausgeübt. Wer erinnert sich nicht an die Entschlüsse fast entjudeter Familien, wieder wenigstens Im Hause jüdische Feste zu feiern. Oft auf Drängen der von der Schule heimgekehrten Kinder. Diese wollten die um den Weihnachtsbaum besorgten Eltern zum «Umbau» auf die Menorah bewegen. Da gab es Verwarnungen seitens der Eltern, ein sehr unpädagogisches Verhöhnen oft. Aber die Kinder lernten vom Leben in der Schule und ließen nicht locker. Die Eltern «meinten es mit ihren Kindern gut», wenn sie alles vermieden, was dem Hause den Schein eines jüdischen Hauses hätte geben können. Mit aller Vorsicht und mit sehr viel Nachsicht wurden einige wenige Feiertage eingehalten. Der «Großvater» mußte oft zur Führung der Zeremonien herhalten. Die Zeiten änderten sich rascher als es den Eltern lieb war. Die Jugend wuchs heran, mit ihr die neue, erneuernde Bewegung. Das Haus der Juden wurde bald zum jüdischen Haus. Die Pflichten der dem Nationaljudentum ergebenen Eltern wuchsen ins Unermeßliche. Oft mußten diese jüdischen Eltern Judentum lernen, um mit den Kindern mitzuhalten. Viele führten jüdische Feste im Haus wieder ein, den Kindern zuliebe, wie sie oft lächelnd meinten. Im Unterton lag eine stolze Freude, wenn sie cs nur verstanden. Aber all das waren und sind nur Halbheiten in der Galuth, in der wir leben. In den letzten Stunden der Weltgeschichte mußte das jüdische Haus {evolutioniert werden. Seit Generationen aufgerichtete Kartenhäuser der Assimilation brachen plötzlich zusammen. Hilflos standen oft die Eltern diesem Geschehen gegenüber. Den weinenden, den fragenden, den verzweifelten Kindern, die aus der Schule, von der Gasse kamen und ihr Leid klagten, wußten die Eltern keinen Bescheid zu geben. Weder den der eigenen Ueberzeugung noch den eines neuen Weges. Die Schule war für die jüdischen Kinder ein politischer, ein seelischer Kampfplatz geworden, anstatt eine Lehr- und Lernstätte. Dem hat nur die bewußte jüdische Schule abgeholfen. Wie die Reichsvertretung der deutschen Juden offiziell bekannt gibt, trat unter Vorsitz von Landgerichtsrat Dr. Lilienthal der Unterausschuß des Erziehungsausschusses der Reichsvertretung zusammen, der sich besonders mit der Frage der Gründung neuer jüdischer Schulen befaßte. Aus dem Bericht über die bisherigen Arbeiten ergab sich, daß der Erziehungsausschuß an etwa 50 größere jüdische Gemeinden Deutschlands, in denen bisher keine jüdischen Scfouleinrichtungen bestanden haben, wegen Gründung jüdischer Volksschulen und an etwa 40 Gemeinden, die groß, so groß, wie die des jüdischen Lebens überhaupt Daß die Schule Mängel hat, wie alles Lebende, isl selbstverständlich. Aber sie ist die stärkste Wlrkllohkeli des jüdischen Wien, fast die einzig mögliche Wirklichkeit. Heute Ist sie notwendiger als je. Ihre stille Arbeit wirkt, in aller Bescheidenheit und Demut sei es gesagt, gestaltend und umgestaltend in das jüdische Leben dieser Stadt. Die fünfzehn Jahre ihres Bestandes haben bewiesen, daß sie Innerlich notwendig, daß sie eiq wahres Bedürfnis ist, nicht Zuflucht für Aengstliche, sondern Heimat für Starke und Aufrechte, die — trotz allem — auch hier an einem eigenen jüdischen Leben bauen. Zionistische Fraucngruppe VIII/IX (Wizo) Einmalige und einzigartige Attraktion für das zionistische Wien Große Kinder-Chanukkafeler welche am Sonntag, don 17. Dezember 1933, um 8 Uhr nachmittags im Festsaal des Hotel Post, Wien, 1., Fleischraarkt 24, Eingang Drachengasse, stattfindet. Kartell: bei der Mirjam, I., Jordangaspe 7, von 5 bis 7 Uhr; Frau Dr. Blauer, IX., Pfluggasse 9, Tel. A 19*6-14; Frau Dr. Finkolstein, IX., Alsorstraße 60, Tel. B 41-3-58; sowie hei allen Damen des Vorstandes. ... .....Willi .. — .. i i, ... ■.. Der Kampf des jüdischen Kindes um die Seele der Eitern Jüdische Schulen in Deutschland Jene jüdischen Eltern, die rasch entschlossen waren und das Heil ihrer Kinder ohne Uebergang oder Ersatz retten wollten, bekannten sich für ihre Kinder zur jüdischen Schule. Kein leichtes Unterfangen. Oft ein Kampf im Familien- und Freuodeskreis. Man war und ist «peinlichen» Fragen ausgesetxt. Oft dem Vorwurf der Rückschrittlichkeit. Zum zweiten haben diese jüdischen Eltern jüdischer Kinder in der jüdischen Schule noch eine harte Aufgabe: Die Abstimmung ihres Haushaltes und ihrer Lebensweise zum neuen Leben ihrer Kinder. Sie werden von ihren Kindern an den jüdischen Ruhetag erinnert. An die jüdischen Feste. Ihn Kinder bringen in das sogenannte «liberale Heim» einen neuen Ton. In des Wortes wahrster Bedeutung. Hebräische Laute, und vor allem hebräische Lieder, erklingen nach Jahl* hunderten wieder in jüdischen Häusern. Man muß das miterleben, um sich die Glückseligkeit der Eltern vorzusteüen. Die wohlbehütete Bibliothek im Hause erfährt eine kleine Umwälzung. Neue Literatur zieht ein, wobei die alte, die international hochwertige, keinen Schaden erleidet. Ein neuer Geist hat in diesem jüdisohen Haus Einzug gehalten. Aber die jüdischen Eltern der Kinder in der jüdisohen Schule haben nicht nur Freuden und Genugtuung. Sie trugen auch schwere Opfer. Vor allem materielle Opfer. Denn die jüdische Schule in der Galuth kostet viel Geld. Selbst für die Aermsten. Man bringt diese Geldopfer unter schwersten > Anstrengungen, wenn auch gerne. Man spart sich vieles vom Munde im wahrsten Sinne des Wortes ab, um die Erziehung der Kinder bestreiten zu können. ' Zum Schluß ein Wort an jene jüdischen Eltern, die ihre Kinder noch nicht in die jüdische Schule schicken. Glaubt nicht, daß Ihr, wenn Ihr die Mühen und Kosten spart, Euren Kindern einen großen Dienst tut. Wir wollen mit Euch und Eurer Ueberzeugung nicht hadern. Es mag auch die Erziehung in den allgemeinen Schulen ihre Vorteile, ihren pädagogischen Wert haben. Auch diese Kinder werden sicherlich zum Judentum den Weg finden. Aber was wir von den jüdischen Eltern dieser Kinder verlangen, ist Verständnis, wohlwollendes Urteil und — last but not least — einen Anteil an den schweren Geldopfern der jüdischen Schule. Von den Ersparnissen am Schulgeld der öffentlichen Schulen gegenüber dem der jüdischen Schule gebet einen Prozentsatz ab für die Erhaltung der reinen jüdischen, der hebräischen Schule! Bruno Rabinowitz. bereits jüdische Volksschulen haben, wegen des Ausbaues dieser Schulen und der Ausgestaltung des Unterrichts in der den beonderen Bedürfnissen der jüdischen Jugend entsprechenden Weise herangetreteu ist. Eine große Zahl dieser Gemeinden hat bereits in grundsätzlich zustimmendem Sinn geantwortet. Schon auf Grund der bisherigen Verhandlungen dürfte die Schaffung von 8 bis 10 neuen jüdischen Volksschulen zu erwarten sein. Der Ausschuß empfahl grundsätzlich die Schaffung von Einheitsschulen für alle Richtungen, wobei entsprechend den lokalen Verhältnissen gegebenenfalls eine Teilung des Religionsunterrichtes eintreten soll. Er sprach sich ferner dafür aus, daß in der Regel die jüdische Gemeinde Träger der Schule werden soll. Schließlich wurde in der Sitzung über die Unterstützung einiger zu jüdischen Landschulheimen ausgestalteten Schulheime beraten. Tausend Kinder wurden in Berlin eingeschultt ln den Räumen der Synagoge Fasanenstraßc ku Berlin fand die feierliche Eröffnung von sieben Parallelklassen zu den Volksschulen der Jüdischen Gemeinde statt. Der Vorsitzende des Gemeindevorstandes, Direktor Heinrich Stahl, stellte an die Spitze seiner Ausführungen die Mi-t tejjung, daß die Gemeinde in kurzer Zeit etwa 1000 Kinder neu einschulen mußte.

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