Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 6 (1933)
- Issue
- Heft 310 (23.11.1933)
- Date
- 1933-11-23
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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tote 6 DIE STIMME fff. 310 — 23. November 1933 Ein Jahr zionistische Kultusgemeinde Montag, den 4. Dezember, findet im Hotel Continental aus Anlaß der ersten Wiederkehr des Zionistischen KllltllSWBhiSiegeS ein zionistisches Masseitmeefivta statt i. —■ =s Näheres in der nächsten Nummer der „Stimme" aas Der omßriKQnischß Gesandte gegen ein antisemitisches Oesterreich Der neue amerikanische Gesandte in Wien, Mr. Carle, «rklärte am 14. d. M. in einer Pressekonferenz u. a. folgendes: «Was die politischen Verhältnisse in Oesterreich anlangt, so fühle ich mich mit meinen Herren der Gesandtschaft als bloßer Beobachter und bin der Meinung, daß es sich da am Dinge handelt, die der Oesterreicher mit sich selbst ausmachen muß. Ich möchte aber bei dieser Gelegenheit feststellen, daß die Bevölkerung der Vereinigten Staaten zum größten Teil von ehemaligen Einwanderern abstammt, die seinerzeit Europa verlassen haben, um religiösen und rassischen Anfeindungen zu entgehen. Aus diesen Gründen ist es klar, daß Amerika seine Sympathien niemals einem Lande geben wird, in dem der Antisemitismus vorherrscht. Es ist Sache des Oesterreichers, sich in diesem Punkt nach seinem eigenen Willen zu verhalten; Sache der Amerikaner wird es aber sein, seine Sympathien nur jenen Ländern zum Ausdruck zu bringen, wo es keine Verfolgungen aus rassischen Gründen gibt. Ich darf in diesem Fall für meinen Standpunkt den Vorzug der Objektivität beanspruchen, da ich selbst den Typus des reinrassigen nordischen Menschen verkörpere. In meinen Adern fließt zu einem Viertel preußisches, zu drei Vierteln amerikanisches Blut und nicht ein Tropfen jüdischen Blutes. Amerika kennt Oesterreich als ein Land, in dem eine liberale Auffassung in diesen Fragen vorherrscht und vor allem als das Land der „OmuatHchkeit“. Deshalb ist Oesterreich auch in meiner Heimat so sehr beliebt; man kann sogar ohne (Jebertre)bung behaupten, daß Oesterreich augenblicklich in Amerika das populärste Land der Weit ist Diese Beliebtheit sollte nun auch ehebaldigst „kapitalisiert“ werden. Zu diesem Zweck wäre es förderlich, wenn mich weiterhin aus Oesterreich Nachrichten nach Amerika gelangen, die diese Popularität noch steigern. Ich werde für meine Person jedenfalls alles tun, was in meinen Kräften liegt, um Oesterreichs Popularität, die meiner Meinung nach viele hunderte Millionen wert ist, auch praktisch nutzbar zu machen.» Diese Aeußerungen Mr. Earles wirken sensationell. Sie sind eine deutliche Warnung nicht nur an die Nationalsozialisten in Oesterreich, sondern auch an jene Kreise, die einer mehr oder minder getarnten Einführung des numerus clausus und anderer antijüdischer Maßnahmen auf dem Gebiete der Verwaltung oder Gesetzgebung das Wort reden. ★ Diese mutigen Ausführungen des amerikanischen Repräsentanten, der überdies ein persönlicher Freund des Präsidenten Roosevelt ist, sind den Wiener Nazi sehr ungelegen. Sie haben bereits in der ihnen eigenen Art darauf reagiert, indem sie dem amerikanischen Diplomaten in den letzten Tagen, wie eben bekannt wurde, eine Anzahl Drohbriefe zusandten. Massenmeeting der Wiener Judenschaft In der Dienstag, den 14. November, im Hotel Continental stattgefundenen zionistischen Massenversammlung, über die wir bereits in unserer letzten Nummer berichteten, hielt zunächst der Präsident des Zionistischen Landeskomitees, Dr. Oskar ürünbaum, einen warmen Nachruf für Leo Motzkin, der vom Publikum stehend angehört wurde. Dr. Grünbaum zeichnete in großen Zügen diese führende Persönlichkeit im Zionismus und wies auf den schmerzlichen Verlust und die schwer zu füllende Lücke hin, die durch den Tod Motzkins der zionistischen Bewegung entstanden. Als Hauptreferent des Abends erstattete der Präsident der Wiener Kultusgemeinde, Dr. Desider F r i e d m a n n, der einzige österreichische Delegierte an der Londoner Welthilfskonferenz, einen überaus instruktiven Bericht über die Arbeiten dieser Konferenz. Die Londoner Welthilfskonferenz — führte der Redner aus —, die alles eher als eine zionistische Versammlung war, hat in ihrem Bestreben, das Los der deutschen Juden zu lindern, die bedeutsame Feststellung gemacht, daß Palästina unter allen Ländern der Welt als Absorptionsland für deutsche Juden die erste Rolle spiele. Dementsprechend wurden auch Beschlüsse gefaßt, größere Geldsummen für die Ansiedlung deutscher Juden in Palästina, insbesondere für den Bodenkauf daselbst, aufzubringen. Diese Anerkennung Palästinas als des einzigen Rettungsankers für die deutschen Flüchtlinge gipfelt in der Erkenntnis, daß nicht Unterstützung allein, mag diese noch so großzügig sein, das Los der deutschen Juden erleichtern könne, sondern ausschließlich konstruktive und produktive H»I f s a r b e i t. Palästina leistet konstruktive Hilfe für die deutschen Juden. Das deutsche Judenproblem ist nicht nur ein Problem derjenigen Länder, in die sich der Flücht- Hngsstrom ergießt. Es müsse vielmehr dafür gesorgt werden, daß die Bedingungen der Unterstützung der deutschen Juden ln den einzelnen Ländern die gleichen seien. Trotz der ernsten Bemühungen der Londunct Konferenz müsse man feststellen, daß ein Plan für die Fürsorgearbeit für deutsche Flüchtlinge bisher vermißt wurde, trotz der vielen Geldopfer. Es ist ein Problem der Auswandererbewegung, die gewissen Grundsätzen unterworfen sein muß. Auch bei dieser großen Notabelnversammlung in London mußte man die traurige Feststellung machen, daß die materiellen Mittel nahezu erschöpft sind. Die bisher gesammelten 525.000 Pfund wurden bereits ausgegeben. Die Frage steht nach wie vor: Wie helfen wir den deutschen Juden? Präsident Dr. Friedmann zieht eine Analogie der Hilfeleistung für die deutschen Flüchtlinge mit der Hilfeleistung für eigene Notleidende in unserem Lande. Die Schwierigkeiten sind vielgestaltig und es ist bezeichnend für den Ernst der Situation, daß die Londoner Hilfskonferenz die Notwendigkeit erkannte, zahlreiche Kreise deutscher Juden von der Auswanderung aus Deutschland abzuhalten, und nur denjenigen nach Tunlichkeit zu helfen, bei denen eine Umschichtungsmöglichkeit vorhanden ist. Das eigentliche Problem ist das Problem der Jugend. Berufsumschichtung biete hier die einzige Lösungsmöglichkeit. Es genügt hier nur an wenige Zahlen zu erinnern, ln den letzten sieben Monaten sind in Deutschland von Akademikern 267 Aerzte, 124 Chemiker, 101 Staatswissenschaftler, 171 Straftrechtslehrer entlassen worden. Von diesen war es nur möglich, 250 in ihre früheren Berufe wieder einzustellen. Von 10.003 jüdischen Aerzten sind 6000 arbeitslos, nicht zu reden von dem traurigen Los der Mittelschullehrer. Das brennende Problem wird auch durch die Situation der jüdischen Studentenschaft erhellt. Von den 2000 Flüchtlingsstudenten waren 39 Prozent Mediziner, 34 Prozent Juristen und 10 Prozent Staatswissenschaftier. Präsident Dr. Friedmann, der auch an die Wiener Judenschaft appelliert, die Kinder, die heranwachsende Jugend nicht akademischen Berufen zuzuführen, weist energisch den Vorwurf zurück, als ob sich die Juden zu diesen Berufen gedrängt hätten. Vor achtzig Jahren hättn die Juden keine Möglichkeit gehabt, jüdische Bauern zu werden. Es war notwendig, den Geisteskrätten des Juden einen freien Abfluß zu sichern, der natürlich in die freien Berufe des Mediziners, Juristen, Lehrers ust. mündete. Das sei kein Verschulden der Juden, bloß die Konstatierung eines Zustandes, eines Zustandes, der von den Juden am meisten beklagt wird. Daraus erwächst aber für niemanden ein Recht, Beschränkungen für die Juden zu verlangen. Wir werden nie eine Minderung unserer Rechte zulassen. Die Juden wurden ein Volk ohne Substanz und wurden und werden daher viel leichter von Katastrophen heimgesucht als alle anderen. Diese Erkenntnisse sind auch für die Juden in Oesterreich notwendig. Trotz schmerzlicher Enttäuschung müsse auch hier Remedur geschaffen werden. Die jüdische Notwendigkeit ist: Normale Lebensverhältnisse zu schaffen durch Umwandlung der sozialen Struktur der Juden in aller Welt als Hinterland für Palästina. Zurück zu normalen Verhältnissen — das soll die Lehre der Juden In aller Welt sein. Präsident Dr. Friedmann fordert zum Schluß seiner von Verantwortungsgefühl und sachlichem Ernst getragenen Ausführungen Stellungnahme zum Problem und fordert Mitarbeit am Wiederaufbau einer neuen jüdischen Gesellschaft nicht nur für die Gegenwart, sondern auch für die Zukunft des jüdischen Volkes. Der Aufbau dieser Gesellschaft in Palästina möge in der Diaspora sein Ebenbild haben. (Starker Beifall.) Dr. Oskar ürünbaum, Präsident des Zionistischen Landeskomitees, setzt sich in kerniger, bisweilen auch scharfer Rede mit der geistigen Haltung der Assimilation zu den brennenden Problemen, wie sie aus der deutschen Judentragödie aufgerollt sind, auseinander. Dr. Grünbaum fordert das Aufgeben jener geistigen Haltung des Juden, die nur eme Fassade des Judentums kennt, aber im Innern fremd und hohl diesem gegenüber bleibt.. Redner weist auf die große Tragödie des Judentums in unseren Tagen hin, die eine offene Stellungnahme erfordert. Wenn wir doch nicht verzweifeln und noch immer Hoffnung hegen, so sei dies nur dem Zionismus und seiner aufopfernden Arbeit in Palästina zu danken Ohne den Hoffnungsschimmer Palästinas wäre unser Schicksal ein katastrophales. Doch andererseits könne man nicht jene Kreise, die noch an falschen Theorien festhalten, und einen Kampf gegen den Zionismus führen, von der Mitschuld daran freisprechen, daß heute die Hilfeleistung für 65.000 jüdische Flüchtlinge solche Schwierigkeiten bereite. Man stelle sich vor, wenn in diesen drei Jahrzehnten der zionistischen Forderung nach sozialer Umschichtung mit mehr Ernst Folge geleistet worden wäre: Wir stünden heute ganz anders da und Palästina hätte mühelos die deutschen Flüchtlinge aufnehmen können. Dr. Grünbaum setzt sich auch in der Folge mit den Anwürfen gegen die Zionisten, sie seien kleinere Patrioten, auseinander. Wir lassen uns Jerusalem ebensowenig vorwerfen, wie die Christen Rom. Dr. Grünbaum weist auf die jüdische Jugendarbeit der Zionisten hin, die das Herzische Wort von der Umwandlung von Judenjungen in junge luden wahrmacht. Der Zionismus ist weder eine Kolonisationsgesellschaft, noch eine Transportgesellschaft, sondern nichts anderes, als wie ihn Theodor Herzl bezeichnet hat: «Der Staat unterwegs.» Dr. Grünbaum schließt: Der Zionismus ist nicht nur die Lösung der Judenfrage für die Juden selbst, sondern bedeutet eine Lösung dieser Frage für die ganze Welt. Diejenigen aber, die heute auch in unserem Lande den Antisemitismus fördern, mögen nicht vergessen, daß der Antisemitismus einem Bumerang gleicht, einem Geschoß, das auf den Schützen selbst zurückfällt. (Starker Beifall.) Der nächste Redner, Dr. Josef Löwenherz, Vizepräsident der Kultusgemeinde, weist einleitend zunächst auf die nationalsozialistischen Einflüsse der arabischen Unruhen hin und brandmarkt in diesem Zusammenhang die grenzenlose Brutalität der heutigen Machthaber in Deutschland. Im Namen der Gerechtigkeit — fordert der Redner freies Geleite für Juden, die aus Deutschland auswandern wollen. Nachdem Dr. Löwenherz sich mit der uner.uicklichsten Gilde der sogenannten Dr.-Naumann-Gruppe auseinandergesetzt, erklärte er, es gäbe keine Judcntümer, sondern nur ein Judentum. Redner geißelte in scharfen Worten die Haltung jener Juden in Deutschland, die glaubten, sich am besten so zu schützen, daß sie sich auf Kosten der Ostjuden den heutigen Machthabern anbiedern wollten; Diesen muß klar gesagt werden, daß Hitler auch vor national-deutschen Juden nicht Halt gemacht hat. Die jüdische Parole müsse die jüdische Ehre sein. Dr. Löwenherz kam im Laufe seiner Rede auch auf die Verhältnisse in Oesterreich zu sprechen. Er wies mit besonderem Nachdruck auf die Erfolge der österreichischen Bundesregierung in ihrem Kampfe gegen die H'.tler-Gefahr in Oesterreich hin, erinnert an das Abzeichenverbot usw. und meint: Es gibt eine österreichische Kultur, vor der man sich beugen muß. Die Regierung habe des öftern erklärt, daß in den Rechten der österreichischen Judenschaft keine Schmälerung eintreten werde. Wir wollen der Regierung Glauben schenken. Allein trotz dieser Zusicherungen ist die Situation auch in Oesterreich keine rosige. Der Antisemitismus macht sich in unserem Lande breit und er arbeitet mit Mitteln, die. alles eher denn fair sind. Wenn die «Reichspost», das offizielle Organ der österreichischen Regierung mit statistischen Rechenkünsten Numerus clausus-Propaganda macht, so müssen wir mit aller Entschiedenheit erklären: daß wir diesen Statistiken andere, ehrlichere entgegenhalten können. Wenn der Numerus clausus für Anwälte und Aerzte gefordert wird, dann fordern wir entsprechend der jüdischen Bevölkerungszahl die ihr zukommende Anzahl von Angestellten im Staatsdienst und in der Kommunalverwaltung. Nach diesen Statistiken müßten es 25.000 jüdische Staats- und Stadtangestellte geben, entsprechend der Zahl der 240.000 jüdischen Einwohner dieser Republik. Dr. Löwenherz fordert auch im Zusammenhang mit dem Kampf um die jüdischen Rechte in Oesterreich Einigkeit. Es gehe nicht an, daß gewisse jüdische Körperschaften aus irgendwelchen noch so edlen Motiven Sonderakt onen einleiten, die die einheitlichen Aktionen zu durchkreuzen vermögen. Dr. Löwenherz fordert Abkehr von jeder Sonderpolit k. Zum Schluß rllhrt Dr. Löwenherz an ein trauriges Kapitel der jüdischen Gemeinschaft: Es wäre heute in Palästina ein Vielfaches von 6000 deutschen Juden, ja, es wäre heute ein Leichtes, auch der deutschen Judenfrage Herr zu werden, wenn man jene Energien, die in einem drei Jahrzehnte langen Kampf der Assimilation gegen den Zionismus aufgewendet wurden, im Kampf für den Zionismus entfaltet hätte. Doch noch ist es Zeit zur Umkehr und Einkehr. Auch für die Wiener Judenschaft bietet sich jetzt die große Möglichkeit, aktiv am Aufbau Palästinas tätig zu sein und an der im vollen Gange befindlichen Aktion zur Neukolonisation in Palästina zum Gedächtnis an den verstorbenen Zionistenführer Dr Chaim Arlosoroff mitzuhelfen. Mit dem Appell, die Mifal-Arlosoroff-Aktion tatkräftig zu fördern, schließt Dr. Löwenherz seine oft durch Beifall unterbrochene zündende Ansprache. Mit kurzen Dankesworten für die Reden der beiden Präsidenten der Kultusgemeinde schloß Dr. Grünbaum die Versammlung. niK UW M SU JÜDISCHE ILLUSTRIERTE ZEITUNG «Die Welt» ist die einzige jüdische ilustrierte Zeitung Mitteleuropas, erscheint vierzehntäpig im Großformat und bringt in reichhaltiger Folge Bilder aus aller Weit, Komane, Feuilletons, aktuelle Nachrichten, eine große illustrierte Sportrubrik u. v. a. 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