Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 6 (1933)
- Issue
- Heft 310 (23.11.1933)
- Date
- 1933-11-23
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 310 — 23. November 1933 DIE STIMME Seite $ Per wahre Gmnd der Patätflna UBnihtn Von unserem Spezialkorrespondenten*) Die in verschiedenen Blättern verbreiteten Nachrichten Uber die Ursachen der letzten Unruhen in Palästina sind allesamt irreführend, ob diese Nachrichten nun von interessierter Seite eingegeben oder aber aus eigener Unkenntnis der Dinge entstanden sind. Es gehört zur politischen Erziehung des jüdischen Volkes, daß es den wahren Grund kennen und einschätzen lernt. Er liegt, einfach genug, im Willen der Mandatsregierung, ihb Machtbefugnisse zu erweitern. Ein plausibler Vorwand für die letzten Unruhen war diesmal weit und breit nicht zu finden. Die arabischen Effendis, die im Jahre 1930 bankrott gingen, weil ihre auf Spekulation gekauften, großen Bodenkomplexe durch Drosselung der jüdischen Immigration nach den Unruhen von 1929 unverkauft blieben und sie nicht die Zinsen des entliehenen Kapitals bezahlen konnten, wissen ein Lied davon zu singen, was für Schaden ihnen die politische Propaganda gegen die Juden gebracht hat. Und die anderen Latifundienbesitzer verstehen ebenso, was ihnen droht, wenn die jetzige große Konjunktur plötzlich durch nationalistische Hetze gestört würde. Und die einfachen Fellachen, welche sich im Laufe der letzten 6 Jahre aus den Wucherhämden ihrer konnationalen Geldgeber befreien konnten, weil nicht nur die Arbeitskraft der Bauernfrauen durch Ve/kauf von Gemüse, Eiern u. s. f. an die jüdischen Nachbarn sich gut bezahlt machte, sondern weil sie auch selbst Alle Radioapparate modernste Typen, stets lagernd bei ). HAHN, Wien, IX. Wasagasse 12, Tel. A 18-5-20 Serie Günstige Teilzahlungskonditionen. Kostenlose Vonführung in Ihrem Heim. Günstige Gelegenheitskäufe. 5 Prozent des Kaufwertes gebe ich zugunsten jüdischer Institutionen nach Wahl des Käufers ab. Provinz- und Auslandversand. im Taglohn bei jüdischen Farmern soviel Bargeld verdienen konnten, um sich zu entschulden, sie sind ja desgleichen mit dem Zustrom von zahlenden Menschen, und mögen sie immerhin Juden sein, hochzufrieden. Bekannt ist überdies, daß die Araber von ihrem Boden durch die Juden nicht «vertrieben» werden; vielmehr haben jene Grundbesitzer, die uns Boden verkauften, noch immer genug davon, um sich zu erhalten, zumal sie mit dem Erlös aus jenem Teil ihres Bodens den restlichen Teil um so bssser entwickeln können; auf jeden Fall aber werden die Pächter geldlich so entschädigt, daß sie nach ihrer Uebersiedlung in ein anderes Gebiet gegenüber ihrer früheren Lage als wohlhabend gelten können. Wirtschaftliche Not und Niedergang konnten also die jetzigen Unruhen nicht verursacht haben. Was also ist der wahre Grund? Wir laden unsere Leser nach Haifa. Der neue Hafen dort wurde durch die Einfahrt eines schlichten Frachtdampfers eröffnet. Es lagen in der Bucht noch drei andere solche Frachtdampfer. Hingegen nahm weder ein Personendampfer, geschweige denn ein Kriegsschiff an diesem hochwichtigen Akt teil. Großbritannien wollte damit vor aller Welt bezeugen, daß dieser Hafen dem friedlichen Güteraustausch zwischen Ost und West zu dienen habe. Wer aber weiß hierzulande nicht, daß dieser Hafen als Kriegshafen gebaut wurde? Als strategisch wichtigster Punkt für Englands Kriegsflotte und für seine Luftflotte, als Basis zum Schutz des bedrohten Suezkanals und des Luftweges nach Indien. Aber die Mandatsregierung hatte von Haus aus kein Recht, diesen so wichtigen Hafen Haifa militärisch auszugestalten. Um nun zu beweisen, daß die Polizeitruppe nicht genüge, entstanden die Unruhen von 1929, wobei die Regie insofern klappte, als die Attacke der Araber sich von den gut organisierten und wehrhaften Punkten des Jischuw, wie Tel- Awiw, Petach Tikwa, Chedera und Ejn Charod, wohlweislich fernhielt, während Hebron, Moza und Safed Opfer und Beute jener Horden wurden. So mußte denn rasch eine Truppe von 3000 britischen Soldaten «zur Unterstützung der Polizei» ins Land gebracht werden, *) Von einer wohünformierten palästinensischen Seite erhalten wir die folgenden Ausführungen, die mit Rücksicht auf die letzten Maßnahmen der Palästinaregierung in der Einwanderungsfrage besondere Aktualität gewinnen. welche noch heute — zum Großteil auf Kosten des palästinensischen Steuerzahlers — dort kampieren. Unangenehm war freilich das Geschrei, welches die Juden damals in aller Welt erhoben, so daß der Völkerbund sich dadurch aufregen ließ und daß dessen Mandatskommission an die Vertreter der englischen Regierung peinliche Fragen richtete. Daraus galt es, zu- und umzulernen. Als jetzt — anno 1933, ein paar Tage vor der Hafeneröffnung — eine neue Veranstaltung zweckmäßig schien, um militärisch wieder ein Stück vorwärts zu kommen, wurde das als eine Art Improvisation gestaltet Der Mufti von Jerusalem, welcher 1929 als Arrangeur im Vordergrund stand, war diesmal gar nicht in Palästina zugegen, sondern nach Indien verreist. Dann war diesmal die Devise, daß es nicht gegen die Juden, sondern als Protest gegen die Regierung ginge. Bitte, nur gegen die palästinensische Regierungl Warum? Wogegen sollte protestiert werden? Ziemlich egal. Die einen behaupten, wegen der großen Immigration, die anderen wegen Verweigerung des Parlamentes, wieder andeTe wegen Knebelung der Presse u. s f. Es gibt keine einheitliche Parole, keine geschlossene Meinung. Selbst die führenden Araber sind desorientiert. Nach den jüngsten Meldungen aus London aber wird alles klar; Der König von England hat nun die seit dem Jahre 1931 bereitliegende Vollmachterklärung (Order in Councel) aij den High Commissioner Palästinas unterschrieben und verlautbart, derzufolge dieser ermächtigt wird, von Zeit zu Zeit Gesetze zu erlassen, welche er für die «Verteidigung der Grenzen Palästinas und den Schutz seiner Einwohner für richtig hält». Bald wird sich jetzt das «from time to time» als ständige Einrichtung erweisen. Der High Commissioner wird also Mobilisierung, Requisition von Automobilen, Pferd und Wagen u. s. f. anordnen können. Dem muß jedoch vorher die Mandatskommission des Völkerbundes zustimmen. Und damit sie zustimme, muß doch irgendeine Tatsache, ein Grund vorliegen. Bitte, der Grund liegt vor: Es waren Unruhen; es gab Tote, es wurden Polizisten und Soldaten der Mandatsmacht schwer verwundet und sogar getötet; mit Mühe und Not konnten die Organe des Staates die Ordnung wieder hersteilen. Das alles muß doch den Völkerbund überzeugen! Am Vorabend des Gedenktages der Balfour-Deklaration war alles abgeblasen, wie beim Manöver. In Scharen fluteten die Äfciber aus dem Hauran auf der Straße über Nazareth'wieder dem Jordan zu und nach Transjordanien zurück, jene armen Teufel, die eigens für den Rummel bestellt waren, und von denen gestern einer halbtot vor Hunger auf der Straße zusammengebrochen ist, trotzdem* doch die arabischen Notabein 100 Sack Mehl unter diesen hilfsbereiten Brüdern haben verteilen lassen. Nun fort mit ihnen I Der Zweck ist doch völlig erreicht. Die Regierung hat den Arabern nachgegeben. Wieso das? Sie hat die Festlichkeiten anläßlich der Hafeneröffnung in Anbetracht der vielen schmerzlichen Opfer der Unruhen abgesagt. Für uns Juden ist das alles deshalb zu wissen wichtig, weil sich daraus ergibt, daß die palästinensische Verwaltung das ganze Land fest in Händen hat und daß keinem Juden ein Haar gekrümmt wird, wenn sie nicht will. Auch 1929 wollte sie eigentlich nur eine Machterweiterung für sich selbst. Daß dabei Natives, Warschau. Der Präsident der Zionistischen Organisation und der Jewish Agency, Nahum Sokolow, präzisierte in einem Interview mit dem Leiter der Warschauer Jüdischen Telegraphen-Agentur die Stellung der Zionistischen Exekutive zu der jetzt so aktuellen Frage der jüdischen Einwanderung nach Palästina u. a. wie folgt; Die Beschränkung der Zahl Zertifikate auf ein solches Minimum seitens der Palästinaregierung muß zur Folge haben, daß unser Kampf und die Aktivität der Jewish Agency vervielfacht werden. Das Judentum in der ganzen Welt wird in dieser so brennenden Frage mit der Jewish Agency Zusammengehen müssen. Eine einheitliche Haltung des Weltjudentums wird die englische Regierung dahin beeinflussen, unsere gerechten Postulate zu erfüllen. Ein Film der unvergeßlich bleibt Mit Richard Dix Estelle Taylor/Irene Dünne Ab Freitag Kreuzkino, I. Krystallkino II. Ab 1. Dezember Zentralkino, X. LoxTon-Palast,XVL n--,,Ul"-Cil~ VII. Araber und Juden ums Leben kamen, muß ihr gleichgültig bleiben, da sie doch bereit ist, ihre eigene« Leute zu opfern, wenn dadurch nur die Macht de6 Imperiums gestärkt werden kann. Das alles hat nichfe mit der Judenfrage, mit der arabischen Propaganda, mit dem Gegensatz zwischen jenen beiden Völkern zu tun. Das ist eine kleine politische Offensive zur Sicherung eines strategisch wichtigen Punktes. Sonst nichts. Erwähnt sei noch, daß die sonst so schlaue Familie Hussein! diesmal in die Falle der hohen Politik hineinplumpste, während die Nashashibi ihre Landsleute vor einer Attacke auf die Polizei warnten. Der Kampf zwischen diesen Familien um die Führung im arabischen Lager ist nämlich noch lange nicht entschieden. Jedenfalls haben jetzt die Nashashibi moralisch' die Oberhand, denn sie durchschauten das Spiel und wollten nicht selbst die Hand dazu bieten. Die Husselni durchschauten/ias Spiel wahrscheinlich auch, dachten aber den Aufruhr in solche Bahnen zu lenken, die ihnen und ihrer Stellung genehm waren. Doch Englands Beamte blieben auf der Hut und ließen nur so lange demonstrieren und schreien, Steine werfen und schießen, so lange es ihnen paßte. Die vorgesohriebene Dosis Unruhe sollte und durfte nicht überschritten werden. Deshalb hat man jene arabischen Leit-’ hammel, die da englischer sein wollten als England, kurzerhand verhaftet und eingetürmt. Im allgemeinen hielt man sich ans Programm. So wurden mehrfach jüdische Passanten, die sich versehentlich angegriffen sahen, von prominenten Arabern selbst geschützt, und z. B. in Haifa für ein paar Stunden in einer Moschee in Schutzhaft gebracht, kurzum, die arabische Volksseele hat regulierbar gekocht. Das sind die wahren Hintergründe der letzten Unruhen. Das jüdische Volk soll nicht etwa glauben, daß die Araber sich als gefährliche Kraft und die Mandatsregierung sich als schwach erwiesen habe, so daß diese kapitulieren müßte. England ist durchaus Herr der Lage. Solange es seine Interessen in Palästina von jenen des jüdischen Volkes nicht durchkreuzt sieht, kann und wird die Mandatsregierung die jüdische Immigration zulassen, ob die Araber es wollen oder nicht; freilich nur in dem Ausmaß, welches der Regierung aus diesem oder jenem Grund zusagt. Ernster würde freilich unsere Situation, wenn England eines Tages zur Ansicht käme, daß seine und unsere Interessen gegensätzlich seien. Denn schließlich kann das starke England immer einen Ibn Saud finden, der bekanntlich in wenigen Wochen den bisherigen Freund und Verbündeten Englands, König Hussein, aus Mekka und Medina hinauswarf. Wir hoffen, daß es zu dieser gefährlichen Situation nic^ kommt Jedenfalls müssen wir aber darauf gefaßt und dagegen gewappnet sein. Unser Kampf mit der Mandatarmaclit in der Einwanderungsfrage ist ein kontinuierlicher; von je stehen In dieser Frage zwei prinzipielle Anschauungen, zwei festumrissene Methoden einander gegenüber. Die eine Methode ist die der Restriktionen, der exakten Regelung, des langsamen Tempos. Die Anhänger dieser Methode haben die Vorstellung, daß das jüdische Nationaiheim nur einen kleinen Prozentsatz des jüdischen Volkes aufnehmen kann. Sie ziehen das Palastinastreben in den großen jüdischen Zentren der Welt nicht in Betracht und erwarten gerade von einem langsamen Einwanderungsprozeß einen Erfolg des Palästinamandates. Die zweite, liberale Methode erstrebt ein schnelles Tempo, fast schon freie Einwanderung. Die Verfechter dieser Anschauung ziehen die Lage der Juden in der ganzen Welt und die Emi- Vfcshum Sokolow über Ale Lao* Die diesjährige Makkabäerfeier des Zionistischen Landeskomitees findet Samstag, den 16. Dezember, im Militärkasino (Schwarzenbergplatz) statt Festredner: Dr. Desider Friedmann, Präsident der Wiener Kultusgemeinde