Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 6 (1933)
- Issue
- Heft 309 (16.11.1933)
- Date
- 1933-11-16
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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fff. 309— 10. November 1939 DK STIMM« Dem o 2Ue> föass&wehi&jundung. Kon. 04. I ioMuAait (Xa\£i&&d) (Schluß) *) Nicht nur von der Oeistesgeschichte, sondern auch von der politischen Geschichte her weiß man, daß Mannesmut und Treue der alten Hebräer und Hingebung bis zum Letzten, wie sie aus den historischen Büchern »u ersehen sind, für die anderen Völker geradezu beispielgebend waren. Daß Leistungen des Geistes und des Qenies zumindest nicht seltener und geringer sind als bei anderen Rassen, auoh darüber ka>nn jede objektive Geschichte des Menschheitswissens informieren. Daß auch die soziologische Struktur der Juden in der Gegenwart das Entgegengesetzte des Zerrbildes ist, welches antisemitische Blätter davon entwerfen, das könnte man sehen, wenn man Oberhaupt noch Augen für die Wirklichkeit hätte und nicht illes durch die Brille der gegebenen Ideologie und der demagogischen Terminologie betrachten würde. Daß man aber nur die antisozialen Ausnahmeerscheiaungen sieht und diese für typisch, ja für genotypisch erklärt, das ist eine bewußte Fälschung. Denn es gibt heute Dinge, die auch der oberflächlichste Beurteiler nicht übersehen kann. Es gibt heute ein Land mit ganz eigentümlichen Menschen. Auf der ganzen Erde gilt seit je das Gesetz vom sozialen Gefälle, das heißt von der fast ausnahmslosen sozialen Einbahnrichtung vom Lande in die Stadt. Freiwillig und ohne Not geht nirgends der Stadtbewohner oder gar der Intellektuelle wieder zur bäuerlichen Scholle zurück. Die eigentümlichen Menschen dieses Landes sind die einzigen, welche dieses Gesetz vom sozialen Gefälle durchbrechen. Söhne und Töchter aus reichem Hause mit Unlversitätsbildung drängen sich dazu, Steine klopfen und schmutzige StaJlarbeit leisten zu dürfen. Manuelle Arbeit ist ein ReHgions- »rtikel geworden, und als ganz voll gilt auch diese erst dann, wenn sie in der Malariagegend noch mit Gesundheitsgefahr verbunden lat Merkwürdige phänotypische Erscheinungen! Die eigentümlichen Leute dieses einen Landes sind Juden, und das „Land heißt Palästina. Und obwohl auch in den anderen Ländern — der unendlichen UeberzäH nach — wir «ns der phänotypischen Form des Juden durchaus nicht zu schämen brauchen, so entspricht doch seine Betätigungs» form nicht immer dem schönen Sohlagwort von der schaffenden schwieligen Hand. Hier in Palästina aber ist derjenige Typus als Masse da, der auch für das einseitigste, eiliger engteste Verständnis ein klares Beweismittel darstellt. Aber die Ideologen von der Rassenseite, die sonst Belegmaterial aus allen Zeiten und aus allen Ländern der Welt herbeiholen, sehen das nicht! Es geht nioht an, einfach die These in die Welt zu setzen: bei der einen Rasse sind alle, auch hier vorherrschenden schlechten Eigenschaften nur zufällig, phänotypisch; bei der anderen Rasse aber sind gerade sie der wirkliche Ausdruck des Genotypischen. Das ist eine absichtliche Irreführung des eigenen Volkes. Dadurch, daß die wirkliche Wissenschaft dem nicht widerspricht, nicht diesen Sophismus aufdeckt und zu altem schweigt, was um sie herum und unter Berufung auf sie vorgeht, hat sie sich mitschuldig gemacht der Verbrechen, die In ihrem Namen geschehen. Man kann nun sagen, Wissenschaft und Politik sind zwei yerscWedene Gebiete. DÄr wirkliche Gelehrte kümmert sieb nicht um Politik. Da aber die Historiker und Philosophen nichts von Anthropologie und Biologie, die Anthropologen und Biologen nichts von Geschichte und Philosophie verstehen und sie außerdem alle zusammen auf dem Gebiete der Politik meist Stümper sind, so konnte der Dilettantismus nirgends solche Triumphe feiern wie gerade hier. Sicher ist die beste Widerlegung gegen eine solche Verleumdung nicht der rhetorische Versuch, die einzelnen Argumente dialektisch zu entkräften und darzutun, die darauf aufgebauten Schlüsse seien falsch. Sich nicht darum zu bekümmern, was der Antisemitismus behauptet und zu beweisen versucht, sondern einen Damm von Tatsachen zu errichten, an dem die Flut der Verleumdung sich breohen muß. Das Ist das wichtigste Mittel gegen die Erschütterung des eigenen Selbstgefühls und gegen die Erschütterung des Gerechtigkeitsgefühls der die objektive Wahrheit Suchenden.' So entscheidend und so wichtig aber auch die Aktion, die Tathandlung ist, für die darüber nicht aufgeklärten Millionenmassen aller der vielen Völker, unter denen die Juden leben, ist die öffentliche Meinung und Stimmung ihres Landes entscheidend. Und diese Stimmung hängt ab von den Schlag Worten, die der Zeitgeist dieser Epoche geschaffen und geprägt hat. Der Zeitgeist einer Epoche, das »t ihre Ideologie. Erst durch Zerstörung einer solchen Ideologie, was etwas anderes ist als ihre advokatorenhafte Bekämpfung, erst wenn wir einer solchen Ideologie bis in ihre letzte Wurzel uachgehen und sie unschädlich machen, und wenn dann gleichzeitig die Probe aufs Exempel durch die Wirklichkeit Siebe «Die Stimme» vom 3. d, M. des Lebens ebenfalls das Gegenteil nachweist, erst dann können wir hoffen, alle diese Schlagworte endgültig um Ihre Wirkungskraft zu bringen. Wissenschaft steht auf der einen Seite, oder doch etwas, was sich auf die Wissenschaft beruft. Wissenschaft müßte auch auf der anderen Seite stehen. Oder doch zumindest Kenntnis von dem, was die sich mH uns befassende Wissenschaft oder Pseudowissenschaft sagt. Es müßte bei den seit langem bestehenden großen Verteidigungsorganisaitionen, die ja ihre bedeutenden Verdienste haben, einen ständigen Referenten geben, der die Quellen der öffentlichen Meinung schon an ihren Ursprüngen entgiften würde, lange bevor ein unausachöpfbarer See von diesem Gift durchsetzt wurde. Das ist nun leider nicht geschehen, und das Versäumte ist nicht mehr einzuholen. Auch der Zionismus, der ja eigentlich für die psychische Disposition der Intellektuellen der letzten Generation verantwortlich ist, hat dieses Gebiet Eilci fl« ihm Auskünfte und Anmeldungen: Reisebüro Wien, I., Rotentnrmstr. 20 (Ecke Fleischmarkt 1), Tel. R 24-5-25. 0V.OC K S Kaufen 81« Ihre Klassenlose beba Glucksbauer Zentrale: IV., Favoritenatraite 4 Filiale: n., Leopoldegasse 26 Telephon A-48-6-81 Ziehung schon am 21. und 23. November vernachlässigt. Nichtsdestoweniger glaube ich, daß auch jezt nocji manches Wichtige getan werden kann. Unabhängig davon, ob von dieser oder jener Körperschaft Verwahrung eingelegt wird gegen das Vorgehen in Deutschland, ob im englischen Unterhaus oder fen Völkerbund Protest erlwben wird gegen die Einführung eines verschiedenen Rechtes zwischen Juden und Ariern, unabhängig von Gegenaktionen gegen Interessenschädigung und Rechtsbeugung, müßte auch gegen die Verleumdung der Rassenehre zunächst von der Judenheit selbst feierlichst Verwahrung eingelegt werden. Und nicht nur von» einzelnen isolierten Organisationen, sondern wirklich wirkungs- und eindrucksvoll wäre eine solche Verwahrung nur, wenn die geschlossene, lückenlose Totalität der jüdischen Gesamtheit solidarisch gegen die Verunglimpfung der jüdischen Ehre, der jüdiohen Rasse, der jüdischen Lehre zusammentreten würde. Diese Repräsentanz der Gesamtheit müßte trachten, alte Veranstaltungen dafür zu treffen, daß nach Möglichkeit nachgeholt werde, was bisher versäumt wurde. Eine Enquete von Gelehrten derjenigen Wissenschaftszweige, die in der Rassenideologie eine Bedeutung haben, von Forschern unparteiischer Richtung, aber auch unter Hinzuziehung von solchen, die gegen uns eingestellt sind, müßte der Querschnitt der bis heute vorliegenden Forschungsergebnisse dieser Spezialgebiete feststellen und müßte trennen, was unbestreitbar sicherer Besitz ist, von dem, was noch durchaus bestritten und noch kontrovers ist. Es wird sich dabei ergeben, ob die heute in Deutschland herrschende Rasseitideoiogie auf sicherem Fundament ruht oder auf der Wolkengrundlage einer Phantasie, und wir können sicher sein, daß wir dem Ergebnis dieser Untersuchung in voller Ruhe entgegenblicken dürfen. Jenseits einer solchen Enquete zur Feststellung des bisherigen Wissens könnte es eine selbstgestellte, darüber weit hinausreichende andere Aufgabe dieser neu entstandenen Körperschaft sein, Beschlüsse zu fassen und Mittel zu sichern für die Einleitung selbständiger wissenschaftlicher Forschungen. Die hebräisohe Universität in Jerusalem wäre eine geeignete Stelle dafür. iM&ikw&uUg*. (jOtte&dC&tite. ü% tlhi&uka Im Reformtempel von Loa Angeles Es berührt einen merkwürdig, wenn man den Amerikaner im Ausland kennt, hierher kommt und dann die vielen Kirchen sieht. Wozu braucht dieser nüchterne Geschäftsmann alle die Kirchen? An jede* Ecke eine und dazu die vielen Betstuben! Es gehört aber hier zum guten Ton, einer «Congregation» anzugehören, und es gibt furchtbar viele Sekten, deren jede den lieben Gott allein für sich gepachtet hat Aber ein Teil der Geschäfte hat dennoch Sonntags geöffnet und verkauft, — das stört die Frömmigkeit weiter nicht . . . Und mit den Juden ist es sehr, ähnlich. Ungefähr 75.000 wohnen hier von allen Arten und Abstammungen, die man nur will. Ihre Berufe sind wie in Europa: Aerzte, Rechtsanwälte, Textil und Drogerie, Zigarren und Versicherung. Auch viele jüdische Blumenverkäufer auf der Straße gibt es, denn der Amerikaner liebt Blumen. Und ediese vielen Juden haben, hisigem Brauch gemäß, auch dementsprechend viele Synagogen errichtet. Von meiner Wohnung nur wenige Minuten entfernt, stehen allein drei Synagogen oder vielmehr amerikanische Tempel, alle drei «reformiert». Ich war an einem Freitagabend in der größten, die mir am interessantesten schien, weil ihr die reichsten Juden angehören. Die haben einen Prachtbau an einer ganz vornehmen Straße hingestellt, außen wie der Dom von Mailand, innen wie der Ufa*Palast am Zoo in Berlin. Ich fragte, da ich eine halbe Stunde zu früh kam, einen Mann, der wie ein Schammes aussah, ob hier Minjan sein werde. Beleidigt gab er mir erst keine Antwort. Dann sagte er, ich soll nur später wiederkommen. Am Eingang mußte ich dann meinen Hut abnehmen. An Jeder Pforte standen Diener, um die Plätze anzuweisen. Ich saß auf dem Platz von Karl Lämmle, dem Tonfilmfabrikanten deutscher Herkunft. Die Sache geht los mit einem Orgelkonzert (Bach, Haydn und Tschalkowsky). Das nimmt eine halbe Stunde in Anspruch und sorgt dafür, daß die Zuspätkommenden zur Predigt rechtzeitig da sind. Nach dem Konzert kommt ein Vorbeter im Tslar auf die Kanzel und beginnt einige Sätze aus den Psalmen auf Hebräisch zu rezitieren, übersetzt sie dann ins Englische, und die Gemeinde, 1000 und mehr Leute, antwortet englisch, wie es im Gebetbuch dieses Tempels vorgeschrieben steht. Weiter bestand der Gottesdienst aus dem hebräischen Einleitungssatz des Schmäh und etwa 3 bis 4 Versen der Schmono-Esra. Dar zwischen Orgelspiel und Gesang einer Opernsängerin mit Begleitung von vier Männerstimmen. Im Mittelpunkt steht der Rabbi mit seiner Predigt. Er wäre kein schlechter Redner für eine politische Versammlung. Aber eine Predigt ist das nur am Ende, wenn ihm einfällt, daß er im Tempel steht (vorher machte er Witze in seiner Rede). Das Thema hieß «Die Mission der Juden», aber gesprochen hat er in Wirklichkeit über Christen-Mission. Eines hat mich bei allem doch gefreut: sie reden nicht von einer mosaischen Religion, sondern sie reden von sich einfach als Juden und wissen noch, daß sie eine Gemeinschaft sind, zu der sie auf Grund ihrer Abstammung und Existenz gehören. Sie machen sich einen unjüdischen Ritus zurecht, der dem aus Europa Kommenden zuwider sein muß, aber sie kommen in Haufen zum Gottesdienst und nicht nur alte Leute, nein 50 Prozent junge Menschen. Man darf aber nicht glauben, alle amerikanischen Juden seien so, wenn dies hier auch vielleicht die größte Gemeinde im Westen Amerikas ist. Im Osten ist es anders und dort gibt es auch noch — «richtige» jüdische Synagogen. Th. L. Jom Kippur rn der Taubstummensynagoge Eines der merkwürdigsten Erlebnisse, die ich je hatte, war der Jom Kippur-Gottesdienst in der hiesigen Taubstummensynagoge. Die Synagoge ist eine Abteilung des berühmten Tempels «Emmanuel», wo das eleganteste Publikum New Yorks — man muß schon sagen —. «verkehrt», wo die Männer mit Spazierstöcken und die Frauen im höchsten Putz sich einfinden — kurz, wo der Gottesdienst mehr den Eindruck einer Theaterpremiere macht als den einer Gpbetsver» Sammlung. Auch die Taubstummen, dig hier in ihrem eigenen Gebetsraum Zusammenkommen, sind nicht eben gerade zu den Frommen zu zählen, Männer und Frauen sitzen zusammen, und gebetet wird — wie auch im eigentlichen Haupttempel