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Die Stimme · 1933-11-16 · Heft 309 (16.11.1933) · page 3

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Journal
Die Stimme
Volume
6 (1933)
Issue
Heft 309 (16.11.1933)
Date
1933-11-16
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 309 — 16. November 1933 DIE STIMME Seite 3 , Dr. Jakob Rosenthal: Am Grabe Leo Motzkins Leo Motzkin ist nicht mehr! Es ist unsagbar i »chwer, sich mit diesem Gedanken abzufinden, so schwer, Wie wenn man eben etwas ganz Nahes jäh und unerwartet verloren hat und es nie wieder haben wird. Es ist in diesen Tagen des großen nationalen Schmerzes viel über Leo Motzkin, den «Man ig-Hador» geschrieben und auch geredet worden. Es gibt wohl kaum einen Ort auf der Erdkugel, wo Juden leben, in die nicht die Trauerkunde von Leo Motzkins Tode gedrungen wäre und nicht Erschütterung, ja Bestürzung ausgelöst hätte. Motzkin nicht mehr? Noch sehen wir vor uns die kleine Gestalt, ein Bündel Akten vor sich, aus dem er jeweils, ohne hineinzuschauen, sämtliche Paragraphen und Absätze auswendig hätte zitieren können, noch sehen wir ihn den historischen Kongreßhammer auf dem Podium des Prager Smetana-Saal schwingen, noch hören wir seine bald weiche, bald unendlich liebevolle und bald energiestrotzende Stimme, die vom Pianissimo größte Wucht entwickeln konnte, wenn es sich um eine Feststellung einer objektiv gerechten oder wahren Sache gehandelt hat. Wir sehen die kleine Gestalt mit der ihm typischen Aktentasche und der geradezu sprichtwörtlich gewordenen Zigatre, immer rastlos tätig von Sitzung zu Sitzung eilen, und ahnten nicht, daß die Brust dieses Mannes sich schon oft in Attacken einer Angina pectoris zusammengekrampft hatte. Den schwersten aller Kongresse hatte Motzkin ln Prag zu Ende geführt. Wahrlich, die stereotype Schlußansprache Sokolows «Es war ein schwerer, aber ein schöner Kongreß», konnte diesmal unser Leo Motzkin nicht bejahen. Woher nahm er die Kraft, woher die unermeßliche Leidenschaft, mit der er an all die Arbeiten herantrat? Motzkin ist sozusagen in dem Sielen gestorben. Mitten in der Arbeit ist er dahingerafft worden. Vom Prager Smetana-Saal eilte Motzkin zur Jüdischen Weltkonferenz nach Genf, um bald darauf im «Palais des Nations» seine für die deutsche Judenheit segensreiche Hilfsarbeit zu ent- Alle Radioapparate modernste Typen, stets lagernd bei J. HAHN, Wien, IX. Wasagasse 12, Tel. A 18-5-20 Serie Günstige Teiizahlungskonditionen. Kostenlose Vorführung in Ihrem Heim. Günstige Gelegenheitskäufe. 5 Prozent des Kaufwertes gebe ich zugunsten jüdischer Institutionen mach Wahl des Käufers ab. Provinz- und Auslandversand. falten, ln dieser Völkerbundsession kamen die fürchterlichsten Bedrückungen von Juden vor das Tribunal des Weltgewissens, es war klar, Motzkin, der Anwalt für alles Jüdische, mußte hier sein. Vorher war er in einer anderen Schweizer Stadt gewesen, in Bern, am Kongreß der nationalen Minderheiten. Motzkin hat dieses Instrument selbst mitgeschaffen, ja, man kann Motzkin als den eigentlichen Schöpfer der europäischen Minderheitenbewegung bezeichnen. Denn mit der gleichen Hingabe, mit der er sich um die Verankerung der jüdischen Minoritätenrechte in den Verfassungen der osteuropäischen Staaten als Führer der Deligations Juives vor den Mächtigen der Pariser Friedenskonferenz wirkte, trat er auch für die Anerkennung des Minoritätenprinzips für alle anderen nichtjüdischen Minderheiten ein. Motzkin war daher auch in allen Kreisen der europäischen Minderheitenbewegung eine vielgeachtete und beliebte Gestalt Er war ständig Mitglied der Völkerbundligen und Vizepräsident der Nationalitätenkongresse. Bern hat Motzkin eine tiefe Enttäuschung gebracht. Und hier zeigte sich wieder Motzkin als der, der er seit fünf Jahrzehnten immer war, als der Anwalt, der die letzten Kräfte aus dem Köcher zu ziehen vermag, wenn es sich um Verteidigung von gebeugtem Recht handelt. In männlicher Haltung hat Motzkin die Wiederwahl zum Vizepräsidenten in diese Körperschaft entschieden abgelehnt, nachdem der Kongreß den Forderungen der jüdischen Fraktion nicht den von Motzkin verfochtenen Prinzipien entsprochen hatte. Es gab keine internationale bedeutsame Tagung, bei der nicht Lea Motzkin als Anwalt jüdischer Interessen aufgetreten wäre. Er war der «außerordentliche Gesandte des jüdischen Volkes». Und knapp vor seinem Tode, den Todeskeim bereits in sich, nahm Leo Motzkin an der Jüdischen Welthilfskonferenz in London teil, wo er in der ihm typischen Art den Standpunkt der Zionisten präzisierte, überall dabei zu sein, wo es sich darum handelt, einem bedrängten Teil des Volkes tätige Hilfe zu leisten. Die ganz große Liebe Leo Motzkins galt aber der zionistischen Bewegung, der er vorbehaltslos mit jeder Faser seines großen und warmen Herzens gedient hat In dieser Bewegung wuchs Leo Motzkin kraft der gigantischen Arbeit, die er hier leistete, zu fast übermenschlicher Größe empor. Seine Bedeutung für die Bewegung kann heute, da man unter dem erschütternden Eindruck der Todesnachricht steht, noch nicht genügend abgeschätzt werden. Die Zeit ist eine zu stürmische und läßt es nicht zu, Werte in Ruhe und mit historischem Maßstab zu beurteilen und abzuschätzen, den sie verdienen. Motzkins Bedeutung und seine Rolle in der zionistischen Bewegung war eine exzeptionelle. Es ist wenig gesagt, wenn man feststellt, daß Leo Motzkin der ständige Präsident der Zionistenkongresse in der Nachkriegsperiode war. Seine vorbildliche Arbeit als Kongreßpräsident ist eine der schönsten Traditionen dieser Kongresse. Er war — wie Sokolow treffend sagte — eine ganze Institution. Er übte dieses Amt mit einer unermüdlichen Hingabe, mit unendlich viel Takt und seltener Objektivität aus. Er verstand es wie kaum einer, die verzwicktesten Situationen eines aus aller Welt beschickten jüdischen Parlaments zu lösen und zu meistern. Mit Recht war er der Liebling aller Parteien gewesen, weil er ein ungeheueres Maß an Objektivität und strengste Sachlichkeit in seiner Kongreßführung an den Tag legte. Und noch eine Eigenschaft kam ihm bei diesem schweren Amt zu Hilfe: sein unverwüstlicher Humor. Ein Bonmot von Motzkin vermochte mit einem Schlag die größten Wellen und Wogen zum Stillstand zu bringen. Die von jugendlicher Begeisterung erfüllte Liebe zur Sache des Zionismus war es nicht zuletzt, die Motzkin für dieses Amt des Kongreßpräsidenten prädestinierten. Er war ein Musterbeispiel für einen Parlamentarier und gerade in dieser Eigenschaft wurde ihm von der gesamten nichtjüdischen Presse höchste Bewunderung gezollt Er kannte die parlamentarischen Sitten und Usancen wie einer, der nicht in einem russischen Städtchen geboren, sondern dessen Ahnen Jahrhunderte hindurch im Londoner Parlament gesessen waren. Ein Kongreß ohne Motzkin schien ebenso unmöglich, wie Motzkin ohne einen Kongreß. Von Leo Motzkin ging eine besondere Anziehungskraft auf alle aus, die ihn nur einmal begegneten. Motzkin wirkte auf jeden wie ein Magnet und man mußte sich oft fragen, wodurch er diese Wirkung mehr als alle anderen zionistia»s bm p“pNa-ms Am 21. November beginnt die Ziehung erster Klasse der 30. österreichischen massenioiierle Bestellen Sie Ihre Lose noeh heute bei Ludwig Frledmann WIEN I., SALZGRJES 12 Lospreise pro Klasse: V. S 6*-, V* S 12*—, V. * 24-, Vi S 48*- Bef jeder Ziehung sieht man, Es spielt sich gut bei Friedmann sehen Führerpersönlichkeiten erzielte. Diese Wirkung lag in der Persönlichkeit dieses Mannes, in seiner unglaublichen, ewig neuen Jugendlichkeit, Frische und Begeisterungsfähigkeit Leo Motzkin wirkte durch die Kraft der Ueberzeugung. Diesem Menschen mit der kleinen Gestalt und weise und schelmisch zugleich dreinschauenden Augen, diesem Motzkin kamen absolut keine besonderen äußeren Mittel zu Hilfe und doch wirkten dieselben Worte, die von anderen gehört, als Phrasen abgetan wurden, aus seinem Munde immer wie Offenbarungen. Und hier liegt das Schwergewicht. Motzkin war einer der letzten, die den Zionismus — hoch über alle Parteien und Gruppen stehend — ja erhaben könnte man fast sagen, über alle Politik im Zionismus, als Offenbarung erlebt haben. Die Idee der jüdischen Renaissance war ihm bis zu seinem Tode genau so eine Quelle stärkster Begeisterung, wie sie ihm in den ersten Anfängen, da er zu ihr gefunden war. Die Idee war ihm das Höchste und er glaubte an ihre immanente Macht, an die Realisierbarkeit dieses alten Traumes mit seltener Unerschütterlichkeit. Am Schluß eines schweren Zionistenkongresses — es war der XVI. in Zürich im Jahre 1929 — hat er diesem seinen Glauben Ausdruck verliehen. Der traditionelle Hammer habe ihn ebensowenig gelockt, wie die humoristischen Bemerkungen, aber hin und wieder habe er sich vergegenwärtigt, daß an dieser Stelle mit viel größeren Rechten ausgestattet, der größte Jude dieses Jahrhunderts stand; das war sein Lohn und daher nahm er die Kraft, jenen schwierigen Kongreß einem guten Ende zuzuführen. Nun ist auch Leo Motzkin, dieser jugendliche Veteran der zionistischen Bewegung, nicht mehr. Nun ist auch er gefallen im Kampfe für sein Volk, dem er sein Herz und seinen Atemzug Zeit seines Lebens gewidmet hat. Es fällt schwer, sich mit dem Gedanken von seinem Tode vertraut zu machen. Motzkin war ein Mensch, dem man nur mit größter Liebe begegnen konnte, weil trotz seiner strengen Sachlichkeit seiner rastlosen Arbeit doch etwas ganz Weiches ln ihm war, Weiches und Kindliches, das seinen eigenen Charm ausmachte. Mann kann diese Gestalt, man kann den Blick dieser kleinen gütigen Kinderaugen nur schwer vergessen. Das kleine Pariser Bureau in der vom Großstadttrubel des Etoile umrandeten Rue de la grande Armee, das Bureau, in dem sich täglich Schicksale eines über alle Welt zerstreute» Volkes abspielten, das Bureau des «Comitöe <te» Delegation« Juives» ist verwaist In der zioni- PALÄSTINA mit den vorzüglichen, großen Salonschiffen der direkten Eillinie Triest-! aifa des Lloyd -Triestino Abfahrten jeden Mittwoch um 13 Uhr ferner Luxuseillinien nach Athen, Istanbul, Alexandrien, Bombay, Ceylon, Singapore, Shanghai Schnellste Schiffe — Höchster Komfort AusKünite: uovd Triestino, Wien. I., Kürninerring 6 Tel, U 47-5-60 stischen Bewegung ist durch seinen Tod eine klaffende Lücke entstanden, die nicht so schnell wird ausgefüllt werden können. Die zionistische Bewegung, gestern noch die jugendlichst revolutionärste im zeitgenössischen Judentum, wird — dies kann man in solchen Tagen mit Betrübnis feststellen — alt. Ihre Führer, die sich für das Ideal und einer heute seltenen Selbstverleugnung aufopfern und aufreiben, sinken ins Grab, brechen zusammen, die Fahne noch hochhaltend. Leo Motzkin hat sich durch seine Arbeiten selbst das Denkmal gesetzt, er sank früh, viel zu früh nieder. Der Zionistenkongreß hat sein führendes Haupt verloren, die ganze Bewegung ihren leuchtenden Meister, die jüngere Generation einen vorbildlichen Lehrer. Alle unterdrückten Minderheiten haben in Motzkin einen warmen Anwalt ihrer Rechte, die parlamentarische Institution einen großen Parlamentarier verloren. Das jüdische Volk aber ist um einen großen Menschen und um einen großen Sohn ärmer geworden. Die Bewegung jedoch, der Motzkin sein Leben geopfert hat, wird seinen Traum fortweben. Massenkundgebung der Wiener Judenschaft In dem bis aufs letzte Plätzchen gefüllten Festsaal des Hotel Continental sprachen Dienstag abends die Repräsentanten des Wiener Judentums zur gegenwärtigen Situation der Juden in aller Welt. Die überaus instruktiven Darlegungen das Präsidenten der Wiener Kultusgemeinde, Dr. Desider Fried mann, über die Jüdische Welthllfskonferenz in London, die temperamentvollen Ausführungen des Präsidenten des Zionistischen Landeskomitees, Dr. Oskar Grünbaum, die in einen Appell an die Juden Wiens zur Einkehr und Umkehr mündeten und schließlich die zündende Ansprache des Vize- Präsidenten der Kultusgenreinde, Dr. Josef Löwenherz, die die Entschlossenheit des Wiener Judentums zum Ausdruck brachte, auch nicht ein Jota von seinen errungenen Rechten preiszugeben, wurden von dem zum größten Teil aus Nichtzionisten bestehenden Publikum nicht nur mit größter Aufmerksamkeit, sondern mit tiefster Ergriffenheit angehört. Wir behalten uns vor, auf die drei ausgezeichneten Reden der Repräsentanten des Wiener Judentums noch ausführlich zurückzukomtmen. Das Paiästina- Informationsbuch 3. Auflage soeben erschienen Im Urteil der sachkundigen Kritik: Das Neste Büeh ssinsr AN! II Präzise Beantwortung aller Fragen über Palästina- I Verwaltung, Steuer, Recht, Zoll, Verkehr, Touristik, I Einwanderungsbestiinniungen, Existenzmöglichkeiten, I Zionismus. — Führer durch das Land. — Hebräisches | Vokabularium in Lateinschrift. 120 Oktavseiten Tatsachen und Ziffern! Eine Landkarte. Im Inland S 4.20, im Ausland M 2.50, Schw. Fr. 3.—, Pengö 4.—, Zloty 5.—, Kc 20.—, Dinar 45.— bei Vorauszahlung, inklusive Porto. Erhältlich bei: bn#5“ r.0. IH.Ü.H. uiien. ui.. uwoaraoer Gürtel i Palästina-Amt, l., Kämtnerstraße 28 Kereit Hajessod, I., Kärntnerstraße 28

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