Mannheim
Compact Memory

Die Stimme · 1933-11-09 · Heft 308 (9.11.1933) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Stimme
Volume
6 (1933)
Issue
Heft 308 (9.11.1933)
Date
1933-11-09
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3053752-3054015-3054062--3833-3059383
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

SeHe * DIE STIMM« -- „ - >f. SM — 9. Wwemiwr IM* deutschen Sprachgebietes der ganzen Welt erscheinen bereits nationalsozialistische Zeitungen mit antisemitischer Tendenz, sondern auch in Holland, in der französischen Schweiz, Frankreich, Schweden, England, Bulgarien, Finnland usw. gibt es bereits regelmäßig erscheinende nationalsozialistisch-antisemitische Zeitungen in den betreffenden Sprachen. Geschickte Sendlinge sorgen dafür, daß angesehene große Blätter in verschiedenen Ländern, wie in England, Holland und Dänemark plötzlich Bewunderer des nationalsozialistischen Regimes in Deutschland wurden. Allenthalben in der ganzen Welt ist antisemitisch gestimmten Kreisen durch den Hitlerismus die Zunge gelöst worden, und was man früher schamhaft in seinem Herzen verbarg, wird jetzt öffentlich ausgesprochen. Das Beispiel, welches Hitler-Deutschland durch seine Judenverfolgung der Welt gibt, findet leider überall Nachahmung und Anklang. Aerger als Rauschgift wird der exportierte Hitlerismus zur Benebelung und Verrohung des weißen Kulturkreises. ..... ■ Ein ADDBfi der wiener Huiiesnemeinde ur nie wnitiie wmMsaMinn Im Rahmen einer Montag, den 6. d. im Präsidium des Wiener Kultusvorstandes stattgefundenen Pressekonferenz referierte der Präsident der Wiener Kultusgemeinde Doktor Desider Friedmann über die von der Kultusgemeinde eben eingele.tete jüdische Winterhilfsaktion. Präsident Doktor Friedmann begründete einleitend die Notwendigkeit einer spezifischen jüdischen Winterhilfsaktion mit der Existenz einer spezifisch jüdischen Not in Wien. Die Winterhilfsaktion der Gemeinde Wien komme bekanntlich vorwiegend den ausgesteuerten Arbeitslosen zugute. Da aber unter den Juden zu einem großen Teile Angehörige der freien Berufe Sind, die niemals im Bezug der städtischen Arbeitslosenunterstützung standen, scheiden sie im Prinzip trotz ihres großen Elends aus dieser Winterhilfsaktion aus. Es ist die Kultusgemeinde, die seit vielen Jahren gezwungen ist, eine besondere Winternotstandsaktion durchzuführen. Ira Jahre 1031/32 wurden aus freiwilligen Spenden der Gemeindemitgiieder 150.000 Schilling gesammelt, ^as letzte Jahr 1932/33 ergab bloß 100.000 Schilling. Etwa 95.000 Mahlzeiten wurden verabreicht, 265.000 Kilogramm Kohle verteilt. Präsident Dr. Friedmann entrollte bei dieser Gelegenheit ein überaus interessantes Bild über die immense soziale Fürsorgearbeit der Kultusgemeinde. Es ist ein Zeichen der Zeit, daß die größte Post im Jahresbudget der Wiener Judengemeinde, in der Höhe von über 6 Millionen Schilling, jene für Fürsorgezwecke einnimmt, und ein Drittel des gesamten Budgets, das ist über 2Vz Millionen Schilling ausmacht. Dabei erhält die Wiener Kultusgemeinde zu diesen ihren Leistungen von keiner Öffentlichen Körperschaft irgendwelche Zuschüsse. Trotz der im Friedensvertrag und der in der österreichischen Verfassung verankerten Klausel, nach der -eligiöse, ethische Minoritäten das Recht haben, Beiträge vom Bund oder der Gemeinde zu verlangen, trotz der seit dem Jahre 1924 von den offiziellen Körperschaften der Kultusgemeinde gemachten Zusicherungen und rechtlichen Anerkennung ihrer Forderung hat die Wiener Judengemeinde bis jetzt keinen wie immer gearteten Zuschuß bekommen. Wohl ist nach dem Gesetze die Wiener Judengemeinde als bloß «Israelitische Kultusgemeinde» anerkannt, allein nach den Leistungen, insbesondere auf sozialem Gebiet, hat die Wiener Israelitische Kultusgemeinde längst den Rahmen der bloßen Religionsgemeinschaft gesprengt. Sie ist zu einer Fürsorgegemeinschaft geworden im vollsten Sinne des Wortes. Es bedarf riesiger Mittel, um die jüdische Not von heute einigermaßen zu lindern. Das Fürsorgebudget der Wiener Judengemeinde wird durch die rasche und offene Hilfe, durch die zahlreichen Subventionen und Zuweisungen für geschlossene Fürsorge in Anspruch genommen. Ein ganzer Kranz von Anstalten wird von diesem Fürsorgebudget erhalten. Das Spital mit seinen 214 Betten und den jährlichen Kosten von 914.000 Schilling, wobei 220 Personen unentgeltlich untergebracht werden, und die Versorgungsanstalt, die 500.000 Schilling kostet, deren jüngste Insasse 22 Jahre lind deren ältester Insasse 94 Jahre alt ist — allein 200 Aufnahmesuchende, die ärztlich und sozial als dringend bezeichnet werden, können infolge Mangel an Mitteln nicht untergebracht werden —, ferner das Blindeninstitut Hohe Warte und die Wanderfürsorge, die Kinderheime und Waisenhäuser für Mädchen und Knaben, Lehrlings- und Erziehungsheime, Kindergärten und Kinderbewahranstalten, Ambulatorien für Kinder in Verbindung mit Tagesheimstätten — eine im 20. Bezirk und eine im Augarten, in diesem letzteren sind vergangenen Sommer allein 328 tuberkulöse Kinder mit ausgezeichnetem Erfolg untergebracht gewesen »» und die Summe von 2’/2 Millionen Schilling erscheint nicht mehr so hoch. Sie erscheint sofort begreiflich, wenn man sich die Tatsache vor Augen häU, daß an über 50.000 Juden, also ein Viertel der gesamten jüdischen Bevölkerung, durch die Verschlechterung ihrer wirtschaftlichen Lage auf direkte oder indirekte Unterstützung der jüdischen Gemeinde angewiesen ist. Eine besonders tragische Erscheinung bilden jene, leider sehr zahlreichen jüdischen Familien, die früher die Institutionen und Wohlfahrtseinrichtungen der Kultusgemeinde unterstützt liahen und heute infolge jahrelanger Erwerbslosigkeit ins tiefste Elend geraten sind. Zu der Not der einheimischen jüdischen Bevölkerung geseilt sich noch in diesem Jahre die Not der aus Deutschland nach Wien geflüchteten Juden, deren Situation eine geradezu verzweifelte ist. Unter der Aegide der Wiener Kultusgemeinde hat das «Hilfskomitee für deutsche Juden» für diese Zwecke 140.000 Schilling aufgebracht, und über 1000 Personen Hilfe geleistet, einem Teil die Ermöglichung zur Weiterreise. Im 7uge der zahlreichen sozialpolitischen Neuerungen hat die Wiener Kultusgemeinde in ihrer Fürsorgearbeit sich nicht ausschließlich auf die momentane Hilfeleistung beschränken dürfen, sondern ein großes Netz produktiver Fürsorge ausgestaltet. Hier sind vor allem die sogenannte Darlehenskasse zur Gewährung kleiner unverzinslicher Darlehen an jüdische Handwerker und Kleingewerbetreibende, ferner der reaktivierte jüdische Arbeitsnachweis hervorzuheben. In den nächsten Tagen werden an sämtliche Kultussteuerträger Aufforderungen zur Beitragsleistung für die Notstandsaktion und für die Deutschlandhilfe ausgeschickt werden. Das Präsidium der Kultusgemeinde hofft, daß die Eingänge auf Grund dieses Aufrufes hinreichen werden, um diese so überaus notwendige Winterhilfsaktion zu beginnen, um die bisherige Unterstützungsaktion für die Deutschland- Emigranten fortsetzen zu können. Präsident Dr. Friedmann schloß seine Ausführungen mit einem Appell an die Wiener Presse, diese Notstandsaktion für die Wiener jüdische Bevölkerung, die stets bei allen allgemeinen Hilfsaktionen in der vordersten Reihe mitwirkte, nach Tunlichkeit zu unterstützen. An der Pressekonferenz nahmen au:h die beiden Vizepräsidenten Dr. Josef Löwen herz und Dr. Jakob Ornstein sowie der Obmann der Fürsorgezentrale Dr. Isidor Klaber teil. SOTECEL »ERWUCHS $}U&dÄopc&£nduiig. oueß üi OeittMaicß, Im niederösterreichischen Städtchen Hohenau war Anfang voriger Woche der dortige jüdische Friedhof Schauplatz wüster Schändungen. Nachdem über ein Jahrzehnt diese grauenvollen Untaten in Deutschland verübt wurden, hat nun auch ein jüdischer Friedhof in Oesterreich daran glauben müssen. Friedhofschändung! Es gibt kein entsetzlicheres, kein brutaleres, das Innerste des Menschen aufwühlenderes Ereignis. Es ist grausamer als ein Töten von lebendigen Menschen, denn es ist ein Töten von Toten, die sich nicht mehr zur Wehr zu setzen vermögen. Es ist nur schwer, die Bestialität wiederzugeben, mit der auf dem Hohenauer jüdischen Friedhof vorige Woche gehaust wurde. Grabsteine wurden umgeworfen und zertrümmert, einige von ihnen in nicht wiederzugebender Weise beschmutzt, Gräber zertrampelt, Bäume umgebrochen und die Wege verwüstet. Insgesamt sind nach den bisherigen Untersuchungen 54 Grabsteine beschädigt, ja viele von ihnen zertrümmert worden. Die zertrümmerten Marmortafeln, die die einzelnen Gräber zierten, sind über die Friedhofsmauer geschleudert worden. Der ganze Friedhof bot ein fürchterliches Bild von wütendem Vandalismus und Zerstörung. Seihst der dort befindliche Brunnen wurde zerstört und eb:nso wurden die Fenster der Leichenhalle eingeschlagen, Lindenbäume aus dem Boden gerissen und der Blumenschmuck der einzelnen Gräber mit Unrat und Schmutz bedeckt. Es ist wohl eine Selbstverständlichkeit, aber verdient doch registriert zu werden, daß nebst der tiefsten Erschütterung der Hohenauer jüdischen Bevölkerung über diese verbrecherische Untat auch die christliche Bevölkerung Hohenaus über die Schändung aufs tiefste empört ist. Der Dechant des Ortes nahm das grauenvolle Ereignis zura Anlaß einer Predigt und einer schärsten Verurteilung. Die Hohenauer Friedhofschändung kann für sich in An-, Spruch nehmen, die erste dieser Schandtaten in Oesterreich zu sein. Dr. Leopold Sefer Er war der erste Präsident des Pal ästint« Amtes und zwar in den ersten entscheidenden Jahren, iit denen die schweren Verfassungskämpfe zwischen den Par* teien geführt wurden und deren Resultat das heutige Amt darstellt. Damals wurde die historische dritte Alijah durchgeführt und da gab es Probleme vieler Art zu lösen. Zum Glück war Dr. Sofer Präsident der Kommission, der nur ein Ziel kannte: der Seche zu dienen. Dank seiner großen Friedfertigkeit und besonderen Konzilianz war es möglich, den inneren Frieden herzustelien und die Alijah klaglos durchruführen. Die Chaluzfürsorge war damals ein äußeist scawieiges Problem, der Verewigte vermochte es zu lösen dank seiner Hingabe und dem Vertrauen, das ihm alle Gruppen entgegenbrachten. Er schuf auch das erste mustergültige Ohaiuzheim. Dann kam der Keren Hajessod — das Räderwerk der Alijah und der Kolonisation. Dr. Sofer stellte sich .xr Verfügung. Auch hier bewährte er seine Treue und sein glänzendes Organisationstalent. Auch dem KKL. widmete er eine Zeitiang als Vizepräsident seine Kraft. Gerade im letzten Jahre seines Lebens war er bestrebt, im Rahmen des KKL. eine große zionistische Sache zu schaffen. Inzwischen aber reifte in ihm der mächtige Wunsch, Erez Israel mit eigenen Augen zu sehen. Er fuhr dorthin und kam als Berauschter zurück. Voll der tiefsten Eindrücke über das Gesehene hatte er keine Ruhe und mußte von Gruppe zu Gruppe gehen, um den jüdischen Massen mitzuteilen, was er gesehen. Mit jugendlichem Eifer und zugleich tiefstem Glauben an die Realisierbarkeit unserer Idee predigte er die Besiedlung des Landes. Seine Ausführungen packten die Zuhörer, weil sie schmucklos, einfach und ehrlich waren. Aber nicht nur anderen predigte er die Ansiedlung in Erez Israel, er traf offenbar alle Vorbereitungen, um mit seiner Familie dorthin zu übersiedeln. Er hatte bereits sein teuerstes Pfand, seine Kinder vorausgeschickt. Und da kam das Fürchterliche, von allen und auch von ihm Unerwartete: er erkrankte an seinem tödlichen Leiden, und unsere Bewegung verlor einen seiner besten Träger, Palästina einen seiner besten Bürger. Srin'* Frau, die in den Jahren seiner großen Arbeit für unsere Bewegung ihm treu zur Seite stand und mit großer Energie ihre zionistische Pflicht erfüllte, und seine Kinder, die bereits in die zionistische Arbeit eingetreten waren, haben die große Aufgabe, das vom Verewigten begonnene Werk fortzuführen. Mögen sie darin Trost finden in ihrem fürchterlichen Verluste. Dr. Chaim T a r t a k o w e r. * Das Leichenbegängnis für Dn. Leopold Sofer fand letzten Donnerstag vormittag statt. Eine überaus stattliche Trauergemeinde gab dem Verstorbenen das letzte Geleite. Am offenen Grabe sprachen Oberrabbiner Dr. Taglicht, für die Bnei Brith Adolf Böhm, für das Zionistische Landeskomitee Dr. Michael S t e i n b e r g, für die persönlichen Freunde des Dahingeschiedenen Obermedizinalrat Dr. Moritz Laub. Die kantoralen Funktionen versah Oberkantor Marge 1 i e s. Denkmal für die Rathenau-Mörder Halle. Am 29. Oktober wurde auf dem Friedhof von S a a 1 e c k bei Bad Kösen . ein neues Grabmal für Oberleutnant Kern und Leutnant Fischer, die Mörder Walther Rathenaus, im Beisein von Vertretern der nationalsozialistischen Verbände feierlich eingeweiht. . Das Palästina- Informationsbuch 3. Auflage soeben erschienen Das beste Such seiner Art! II Präzise Beantwortung aller Fragen über PaJästina- I Verwaltung, Steuer, Recht, Zoll, Verkehr, Touristik, I Einwanderungsbestimmungen, Existenzmöglichkeiten, I Zionismus. — Führer durch das Land. — Hebräißche* I Vokabularium in Lateinschrift. 120 Oktavseiten Tatsachen und Ziffern! Eine Landkarte. Im Inland- S 4.20, im Ausland M 2.50, Schw. Fr. 3.—, Pengö 4.—, Zloty 5.—, Kc 20.—, Dinar 45.— bei Vorauszahlung, inklusive Porto. Erhältlich bei: r.o.m.u.H. 91 V*M\1 Wien, in., ianilstraser EUftei t Palästina-Amt, I., Kärntnerstraße 28 Keren Hajessod, I., Kärntnerstraße 28 Krankenschutz Allg. Kranken-Vers.-AnstaU, Wien, L, Böscndorferstr. 1 Bel freier Aerztewähl — gegen niedrige Prämien — eine Krankenversicherung! Sammelt und opfert filr die Ariosaroff-Neusiedlung!

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.