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Die Stimme · 1933-11-09 · Heft 308 (9.11.1933) · page 5

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Journal
Die Stimme
Volume
6 (1933)
Issue
Heft 308 (9.11.1933)
Date
1933-11-09
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr. 3ÖÄ — 10. November 1933 DTE STIMME 8Mft 3 vheai «“ ® nikeh TELEPHON H 21*20*4 |<I*I Ab Montag, 19, Novgmbtr NEUES PROGRAMM Armin Berg Borta TUrk Arthur Qalnu I Wag vom fio dsumatd Sander Bott Armin Spr Ingar Prolog ImHlmmeil I folsen einer Karambolage Familien dy.i Conference: Altxandtr Strahal Sonn* und Felcrlap: 4 Uhr ßa,rm.-Vorsteilung u engltlite« PrHsen Br. lilelzmann: Die deutsche Judenheil lOhri den Kemui um . fort Dr. Chaim Weizmann führte in seiner Schlußanspräche aus: Auf dieser Konferenz ist jede Richtung in der Judenbeit vertreten. Die Konferenz stellt einen würdigen Rahmen dar, würdig der großen jüd.schen Tragödie. Der Geist, der uns hier beseelt hat, wird uns einen Schritt vorwärts bringen fai der Richtung des von uns ersehnten Fortschrittes. Ich boffe innigst, daß, wenn wi>r ein zweitesmal Zusammenkommen, wir einen solchen Fortschritt werden verzeichnen können. Bei drei Punkten möchte ich noch kurz verweilen. Erstens: die deutsche Judenhe.'t wird Ihren Kampf um 9ir« Gleichberechtigung weiter führen. Sie mag zeitweilig durch physische Gewalt niedergehalten, durch eine sogenannte Majorität überwältigt werden, aber Ihr Geist kann nicht gebrochen werden. Sie wird diesen Kampf fortführen nicht allein um ihrer selbst willen, sondern um der gesamten Judenheft willen. Zweitens: Wir haben alle dne grausame Lektion erhalten. Infolge einer Kette historischer Ereignisse, die sieh auf Jahrtausende erstreckten, ln denen wir nicht aktiv Handelnde, sondern passiv Leidende waren, sind wir ln eine besondere wirtschaftliche Struktur gezwängt worden. Es lag nicht an uns, daB wir Zwischenhändler, Intellektuelle usw. wurden und von jenen Berufen feingehalten waren, die die Grundpfeiler einer normalen Qcadlschaft sind. Eine grausame Ironie der Geschichte Ist es, daß wir, ursprünglich ein ackerbautreibendes Volk, unsere natürliche Basis verloren haben. Wir leben ln ebier rapide sich lindernden Weit und Bind immer die ersten Opfer aller Wandlungen. Heute werden wir in Deutschland zermalmt, morgen kann der Schauplatz ein anderer sein, und nur Gott weiß, wann dieser Zermalmuogsprozeß ein Ende haben wird. Man straft uns für das Verbleiben in einer Position, ln die wir gegen unseren Willen gezwängt wurden. Darum Ist heute Berufs- Umschichtung und Anpassung an neue Wirtschaftsformen das wichtigste Problem. Wenn z. B. ln Rußland ein Extrem das andere ahjtfst, so Ist doch die Substanz des Bauern die gleiche geblieben. Wir Juden nur verlieren bei jeder Aenderung von unserer Substanz. Darum eben blicken wir mit so viel Hoffnung auf Palästina, wo unsere wirtschaftliche Schichtung eine normale ist und wo die Umschichtung für Neuankömmlinge am schmerzlosesten durchgeführt werden kann. Drittens: Unser Angriff auf das Problem heute ist anders als in der Vergangenheit. Früher war Philanthropie stete der Schlüsselpunkt jüdischer Arbeit Heute genügt Philanthropie nicht mehr. Man muß dem Pro« Das grolle Komlkerensemble flsöke fstkall, Balph A. Roberte, Ernst Verebte, Viktor de Rova, Trude Berliner, Karl* Eörenaen io Es war einmal eh Muslhis... Ab morgen t Buro-mno i„ üiia-nno i» -Kino I. lattspiai- Mer-xino ii, sascDa-Pafasi lll. Flotten-Kino vil HUaOE.VOETrVir.M, vn. blem radikal zu Leibe gehen. Diese Konferenz hat große Anstrengungen in der Richtung gemacht Nicht durch Klagen, nicht durch Argumente und nicht, indem wir der Welt erzählen, wieviele Gelehrte wir haben, werden wir etwas erreichen, sondern nur durch eine große konstruktive Anstrengung zum Aufbau einer normalen jüdischen Gesellschaft. Ich sehe, schloß. Weizmann, den. Tag herandämmem, an dem sich da* Schicksal der Judenhelt erfüllt, als ein Volk unter Völkern in Ehre und Frieden zu leben. Und das Blut unserer Märtyrer ist der Sam« für unsere Zukunft. Exportierter Hfttierismus Der Aufsatz, der uns von einer wohlinformierten Persönlichkeit zur Verfügung gestellt wurde, gewinnt besondere Aktualität durch die letzten Unruhen in Palästina, bei denen ohne Zweifel auch Naziemfssäre Ihre Hand Im Spiele hatten. (Anm. d. Red.) In den letzten Jahrzehnten Ist Deutschland das klassische .and des Judenhasses geworden. Auch in anderen Ländern ist man die Juden verfolgt und bedrückt, und dieses Vorgehen verschiedentlich begründet, ln Deutschland erst Ist der /ersuch unternommen worden, für den Judenhaß, dem man len «wissenschaftlichen» Namen Antisemitismus verlieh, sine theoretische Grundlage zu finden. So entstand aus der begleichenden Sprachwissenschaft des Professor Müller aus >et rsburg und aus seinem Begriffe des Indogermanismus ttwie aus der Rassentheorie von Gobineau eine neue »aeiidowlsaenschaft: der «wissenschaftliche Antisemitismus». Js wurden d!ckc Bücher geschrieben, Verlagsanstalten gegründet und periodische Zeitschriften zur Verbreitung des Intisemitiamus herausgegeben. Diese Bestrebungen wurden ift van maßgebenden Stellen gefördert; sie fanden Jedoch liemals eine über einen bestimmten kleinen Kreis hinaus- •ehendc Unterstützung. Selbstverständlich bemühten sich die mttaemitischen Verleger, wie besonders der Altmeister des putschen Antisemitismus, der vor kurzem im Alter von lf»er 80 Jahren verstorbene, vom Dritten Rc'ch an seinem Lebensende gefeierte Theodor Fritsch ln Leipzig, Ihre Er- :eugnisse im gesamten deutschen Sprachgebiet zu verbrei- «n und auch Uebersetzungen ihrer Bücher ln anderen sprachen herauszugeben. Vor einigen Jahren war sogar die ledc davon, daß internationale Ant'semitenkongresse verunstaltet werden sollten, an denen einzelne Parteien in verichiedenen Ländern interessiert waren. Tatsächlich haben iber diese angesagten Kongresse nicht stattgefunden. Der Jrund für das Nichtzustandekommen lag wohl hauptsächich darin, daß hinter den einzelnen antisemitischen Pareien in den verschiedenen Ländern doch nur schwache Organisationen mit geringen Geldmitteln standen. Die reichen Antisemiten, wie Henry Ford u. a. zeigten geringe Neigung, ich ihre antisemitische Einstellung größere Summen kosten u lassen. Die Erträge aus der Verbreitung antisemitischer Merke, wie der «Protokolle der Weise» vo» Zion» oder «Der internationale Jude» flössen in die Taschen der Verleger und nicht für die Zwecke des gemeinsamen Zieles: der internationalen Bekämpfung der Juden. Mit dem Erstarken und dem Aufstieg der nationalsozialistischen Partei in Deutschland nahmen die Bestrebungen, den Antisemitismus international von Deutschland aus zu verbreiten und zu organisieren, einen starken Aufschwung. Die nationalsozialistische Organisation verfügt Uber einen großen Apparat, über genügend Geldmittel und eine große Zahl von halbgebildeten Parteigängern, die in sich den Drang verspürten, sich zu betätigen und sich für diese Betätigung bezahlen zu lassen. So wurde schon bald nach der Begründung der nationalsozialistischen Partei in Deutschland eine Abteilung für die Propaganda des Nationalsozialismus im Ausland geschaffen, dessen Leiter Alfred Rosenberg, der nationalsozialistische Sachverständige für Außenpolitik, war. In Wahrheit beschränkte sich dieses Departement darauf, Verbindungen mit den antisemitischen Parteien der ganzen Welt anzuknüpfen und mit deren Hilfe Freunde für den Nationalsozialismus zu werben. Die Tätigkeit dieser Departements breitete sich zunächst Im deutschen Sprachgebiet aus: also In Oesterreich, der Tschechoslowakei, der Schweiz, in Polen, bei den deutschen Minder* heiten in Jugoslawien, Rumänien, Ungarn und besonders in Uebersee, U. S. A., Brasilien und Argentinien. Die Tätigkeit umfaßte also das gesamte Auslanddeutschtum und durch dessen Vermittlung die reaktionären und faschistischen sowie antisemitischen Teile der Völker, ln deren Mitte die deutschen Minderheiten leben. Besonders stark waren die Erfolge dieser Auslandeagitation in Ungarn, Südamerika, Lettland und in der Tschechoslowakei. Aber auch in Rumänien und in der Schweiz waren die erzielten Erfolge nicht zu verachten. Der zweite Kreis, der von der nationalsozialistischen Judenhaßpropaganda bearbeiteten Gebiete umfaßte viele den Deutschen sprachverwandten Länder: Schweden, Holland, Dänemark, Norwegen und das flämische Belgien. Der dritte Kreis schloß in sich die anglosächolschen Gebiete, also England und die Vereinigten Staaten. Schließlich stieß man auch in romanische, slawische und ugrofinnische Gebiete vor. Die Erfolge waren am größten ln Ländern des deutschen Sprachkreises und bei den Auslanddeutschen; aber auch bei den anderen Völkern gelang die Schaffung von Propagandazellen, d. h. die Einrichtung von Organisationen, bei denen nationalsozialistische Sendllnge Beschäftigung und Verdienst finden. Mit der Uebernahme der Macht durch die Nationalsozialisten in Deutschland wurde die antisemitische Agitation im Auslande auf ganz neue Grundlagen gestellt. Wer Im Besitze des Staatssäckels ist, und mag dieser noch so mager sein, kann ganz andere Mittel für einen Zweck aufwenden, als eine noch so starke private Organisation. Die Reaktion der Weltmeinung auf die antisemitischen Ausschreitungen des Hitler-Regimes machte aus der antisemitischen Agitation der Partei im Auslande eine StaaHnotwendigkeit. Galt es doch allen Protesten der gesitteten Welt gegen das antisemitische Hitler-Deutschland durch eine wohlorganisierte Gegenpropaganda zu begegnen! Sei es, daß das böse Gewissen der Nationalsozialisten dazu treibt, sich Mitschuldige in der ganzen Weit zu schiffen, oder sei es, daß sie von dem Heile Ihrer antisem!‘»schen Grundsätze so tief überzeugt sind, daß sie sich verpflichtet fühlen, diese Wahrheit in aller Welt zu verbreiten — die Tatsache steht fest, daß mit staatlicher deutscher Unterstützung in den letzten Monaten eine großzügige Organisation der antijüdischen Propaganda in der ganzen Welt geschaffen wurde. In England besteht ein großes Bureau mit einigen Dutzend Angestellten zu diesem Zwecke; in Frankreich treiben sich Hunderte von nationalsozialistischen Spionen und Parteigängern mit besonderen «Missionen» herum. Die Vorgänge in Oesterreich und in der Tschechoslowakei sind in der ganzen Welt bekannt. Ja, sogar das ferne Kuba ist von der Tätigkeit rationalsozialistischer Sendlinge nicht verschont geblieben. Die letzten Unruhen in Kuba trugen einen nationalsozialistisch und demgemäß auch einen radikal antisemitischen Charakter. In Elsaß- Lothringen wird von den Nationalsozialisten eine systematisch betriebene Judenhetze bezahlt, ln Holland sind mit Hilfe der deutschen Regierung besondere SA.-Gruppen, darunter Jugendgruppen, (.(schaffen worden. Nationalsozialistische Broschüren werden in alle Sprachen übersetzt, und sogar die nationalsozialistischen Lieder werden in holländischer, dänischer, flämischer und schwedischer Uebersetzung verbreitet. Nationalsozialistische Katechismen, Kalender u. dgl. werden in vielen hunderttausend Exemplaren in der ganzen Welt verteilt. Alle Politiker, Journalisten und repräsentativen Führer der einzelnen Völker werden über die Schlechtigkeit der Juden, über die jüdischen Pläne, eine Weltherrschaft zu gründen, «aufgeklärt». Die rassentheoretischen Werke eines Günther und anderer nationalsozialistischer «Gelehrter» werden in den verschiedensten Sprachen herausgegeben. Diese Dinge kosten einen Haufen Geld. Aber sie verschaffen einer großen Anzahl von nationalsozialistischen Parteigängern die Möglichkeit, aus der Staatskrippe zu fressen, und das ist wohl eine' der Hauptzwecke des großaufgezogenen Unternehmens. In dieser gesamten Tätigkeit liegt, was man nicht zu leugnen vermag, ein großer Schwung. Der Propagandaminister Göbbels versteht sein Geschäft, wie allgemein bekannt, im Inlande ausgezeichnet. Sein persönliches Auftreten in Genf war nicht gerade ein durchschlagender Erfolg; aber er läßt sich nicht entmutigen, und um so energischer bemüht er sich mit Hilfe von zahlreichen Em’ssüren, langsam systematisch die öffentliche Meinung zu bearbeiten und dem Echec, den er persönlich in Genf erlitten hat, wettzumachen. Man muß leider feststellen, daß die nationalsozialistische Agitation gegen die Juden ln sehr vielen Ländern auf fruchtbaren Boden fällt. Nicht nur innerhalb des Kundgebimq der He^hsveFtPftung der deutscN Juden zur Volftsbeframiiig Berlin. Die Reichsvertretung der deutschen Juden erklärt: «Zum 12, November: Mit dem ganzen deutsc hen Volke sind auch wir Juden aufgerufen, zu der auswärtigen Politik der Reichsregierung unsere Stimme abzugeben. Sie wird gefordert für die Gleichberechtigung Deutschlands unter den Völkern, die Versöhnung der Nationen und die Befreiung der Welt Trotz allem, was wir erfahren maßten: Die Stimme der deutschen Juden kann nur ein «Ja» sein. Die Reichs- Vertretung der deutschen Juden.» Eine Denkschrift der Reichsvertretung an die Regierung Berlin. Die Reichsvertretung der deutschen Juden beabsichtigt der Reichsregierung demnächst eine Denkschrift zu unterbreiten, ln der die Auswirkung der gesetzlichen Maßnahmen der letzten Zeit auf die Lage der jüdischen Bevölkerung dargelegt und Wünsche betreffend die Eingliederung der Judenschaft in das Sfaatsgefüge vorgebracht werden sÖSen. D8-$.-$B 14141

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