Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 6 (1933)
- Issue
- Heft 307 (3.11.1933)
- Date
- 1933-11-03
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 dm STIMM! Nr. 307 — 3. November 1933 formt und gegeben wird. Ein Einfluß von unten hinauf Ist logischer Erwägung nach völlig ausgeschlossen. Das aber verficht bei dem Herrn Hofrat Ratzenhofer und seinen Parteigenossen wenig. Er hat vermutlich Oelegenhelt gehabt, sich zuweilen über Rechtsnehmer und ihre Vertreter, die aus seiner Hand Recht zu nehmen genötigt waren, aufzuhalten, und das genügt ihm, um in großer Versammlung, bei der man von dem weisen Mitglied einer weisen Körperschaft Besseres erwartet hätte, den Standpunkt zu vertreten, den — wenigstens aus verständlichen Motiven — Herr Dr. Walter Riehl immer wieder zu vertreten Gelegenheit nimmt. Anmerkung der Redaktion. Im Zusammenhang mit diesen Ausführungen verweisen wir auf die glänzende Erwiderung des Präsidenten der Rechtsanwaltskammer Dr. Siegfried Kantor, die im «Wiener Tagblatt» erschienen ist. IDr. Leopold Sofer gestorben I Knapp vor Blattschluß erreicht uns die erschütternde Nachricht, daß einer unserer besten Wiener Zionisten, Dr. Leopold Sofer, vorgestern, im 51. Lebensjahre, einem tückischen Leiden erlegen ist Indem wir uns eine Würdigung dieses ausgezeichneten Menschen und so frühzeitig dahingeschiedenen wertvollen zionistischen Arbeiters für unsere nächste Nummer Vorbehalten, wollen wir nur heute einen Brief des Verstorbenen an die Redaktion unseres Blattes veröffentlichen, der, wie kaum eine Würdigung es vermöchte, die charakteristischen Züge von Dr. Leopold Sofers Wesen festhält . Der Brief, den Dr. Sofer unmittelbar nach Vollendung seines 50. Geburtstages im Ferbuar dieses Jahres, aus welchem Anlaß Dr. Sofer Gegenstand herzlicher Ehrungen war, schrieb, enthält überdies einen heute überaus tragisch anmutenden Schlußpassus. Der Brief, datiert vom 12. Februar 1933, lautet: «Tit. Redaktion der Wochenschrift «Die Stimme» Wien, I. Mit Erstaunen las ich in der letzten Nummer der <Stimme%, daß Sie von der Tatsache meines vollendeten 50. Jahres Kenntnis genommen haben. Ich danke Ihnen für diese Aufmerksamkeit, ersuche Sie jedoch gleichzeitig dringend, von der angekündigten Würdigung meiner Person frdst. Abstand zu nehmen. Das vorhandene Material können Sie — und dazu gebe ich meine Zustimmung — an meinem 70. Geburtstag oder zu meinem Nekrolog gelegentlich (das Wort gelegentlich Ist dünn durchgestrichen. Red.) verwenden. Mit Zionsgruß hochachtungsvoll Dr. Leopold Sofer.» Dr. Sofer ahnte wohl selbst kaum, daß dieser Anlaß so erschreckend rasch sein wird. Aufruf der Wiener Kultus* gemeinde An der Schwelle des Winters, der die Leiden der Armen vervielfacht, rufen wir wieder alle zur Hilfeleistung auf, die das Schicksal vor Kälte, Hunger und Obdachlosigkeit bewahrt bat Doppelt schwer ist unsere Aufgabe für den kommenden Winter. Denn nicht nur unseren, durch die Wirtschaftskrise zur Arbeit*- und Erwerbslosigkeit verurteilten Wiener Armen und deren Kindern, unseren einheimischen Alten und Kranken, sondern auch denen soll geholfen werden, welchen blindwütige Gewalt haßerfüllter Menschen alles: Ehre, Menschenwürde und Existenz geraubt hat, den Opfern der deutschen Judenverfolgung, Hunderte von diesen stehen seit Monaten in unserer Fürsorge, aber die Mittel hlefür sind erschöpft, die Einstellung dieser Hilfstätigkeit wäre für die Betreffenden katastrophal Nicht minder unheilvoll wäre es, wenn wir nicht in der Lage wären, unseren Wiener Armen zur Seite zu stehen, die angsterfüllt den Schrecknissen des Winters entgegenseben. ln den vergangenen Jahren konnten Dank dem Opfermute unserer Gemeinde-Mitglieder, die neben den allgemeinen Winterbilfsaktionen auch unser H.Ifswerk förderten, viele Tausende von armen Juden, die von keiner anderen Seite Hilfe zu erwarten hatten, vor dem Aergsten bewahrt werden. Mehr als 200.000 kg Brennmaterial wurden verteilt, über 100.000 Portionen warmer Mahlzeiten wurden verabreicht, fast 8000 Lebensmittelpakete zur Verfügung gestellt, viele der Aermsten wurden mit Kleidern und Wäsche versehen, vor Obdachlosigkeit bewahrt, die Errichtung von Tageshelmstätten für notleidend Jugendliche wurde gefördert und manches andere. Jede Gabe ist notwendig und willkommen; wer nicht Imstande Ist, auf einmal ausgiebig zu helfen, den bitten wir um regelmäßige kleinere Zuwendungen während der Wintermonate. Jeder der hilft, erfüllt nicht nur ein Gebot der Menschlichkeit, nicht bloß seine Pflicht als Jude, er leistet damit auch dm Zoll der Dankbarkeit dafür, daß ihn das Schicksal vor Not und Heimatlosigkeit be\ ali.1 uat Spenden wollen an Ule Fürsorge Zentrale der isr. Kultusgemeinde, Wien, I., Seitenstettengasse 2, Tel. U 25 5-85 Serie, Pottep&rk&S&eukoaU) ß ZU-6-59, überwiese« werden. HtHkotonteallow m Pal«»ttwg Zum Gedadtfnl* Chalm Arlosoroff* Boden und Freiheit Ist der Ruf des jüdischen Volkes. Wieder wütet brutalster Judenhaß, schon sind die verschiedensten Länder überflutet von flüchtigen Opfern niedrigster Verfolgung. Ihnen Heimat zu bereiten, Ist dringendste jüdische Verpflichtung. Es gilt; im Lande der jüdischen Zukunft eine feste und dauernde jüdische Baisls zu schaffen. — Ein neues Siedlungswerk ln Palästina wird verknüpft mH dem Namen Arlosoroff, zur ewigen Ehrung des Führers, der auf so tragische Weise seinem Wirken entrissen worden ist An alle Juden ergeht der Ruf, dieses Werk durch Opfer zu ermöglichen! Jeder Jude, der fühlt, wie sehr neue Siedlungstfltlgkelt In Palästina nottut, damit das jüdische Volk wieder Hoffnung schöpfe, ist aufgefordert, an diesem Werke mitzuarbeiten, das ebenso jüdischen Arbeitern wie auch Mittelständlem und Opfern der brutalen deutschen Judenhetze zugute kommen soll. Die Oröße dieses Werkes hängt ab von der jüdischen Opferbereitschaft! Es gilt, die weitesten jüdischen Kreise zu erfassen. Jeder leiste seinen angemessenen Beitrag und stelle diesem Werk seine Kraft als Werber und Sammler zur Verfügung! In vorbildlicher Welse haben die Juden in Palästina selbst den Ertrag dreier Arbeitstage geopfert und bisher schon 18.000 Pfund aufgebracht Wir erwarten, daß auch die Judenschaft Oesterreichs ihre Pflicht tue! Dir. Siegfried Altmann, Dr. Paul Berger, Dr. Max Bernhardt, Adolf Böhm, Dr. Fritz Ekstein, Blanka Federn, Dr. Z. F. Finkelstefn, Prof. A. Freud, Dr. Desider Friedmann, Dr. Leo Goldhammer, Dr. Oskar Grünbaum, Dr. Wilhelm Knöpfmacher, Obering. Otto Krasny, Dr. J. H. Körner, Dr. Josef Löwenherz, Sophie Löwenherz, Dr. Jakob Ornstein, Sabine Paßweg, Dr. Leopold Plaschkes, Dr. Siegfr. Plaschkes, Dr. David Röthblum, Mendel Singer, Dr. Michael Steinberg, Dr. Chalm Tärtakower, Dr. Waiter Werner, Sandor Wolf. Ma£**% tftcA: „Zx le&te. Hießt umsonst" (Einige Worte zum Mifal-Arlosoroff). Ein Junges schöpferisches Wesen, voll Liebe zu seinem Volke, von großer schöpferischer Energie, zum Führer bestimmt kraft seines starken Willens und klaren Blickes, ist durch mörderische Hand am Anfang seiner Tätigkeit niedergebrochen worden. Noch wirken die Segnungen seiner schöpferischen Großtat für die jüdischen Massen gleich den Säften eines frühzeitig gefällten Baumstammes. Denn dieses Wesen lebte nicht umsonst — sein Andenken soll nicht der Vergessenheit verfallen — seine Erbschaft soll ln Israel ewige Zelten überdauern. Um dies zu verwirklichen hat die Zionistische Exekutive beschlossen, einen Fonds zur Schaffung eines neuen Kolonisationswerkes in Erez Israel zum Gedächtnis des jung verstorbenen Chaim Arlosoroff zu gründen — in dem Lande, wo Hunderte jüdischer Familien auf altneuem Boden ihre Heimat finden. Die Initiative hierzu kam aus d°r Mitte der jüdischen Arbeiter ln Palästina, in deren Mitte der Verstorbene als Freund und Genosse lebte und wirkte. Die jüdischen Arbeiter in Palästina waren auch die ersten, die der Aufforderung zur Sammlung der nötigen Fonds für dieses neue jüdische Siedlungsgebiet Folge leisteten — für ein Siedlungsgebiet, das den Namen ihres Führers und Freundes für ewige Zeiten tragen soll. Mehr als 23.000 jüdischer Arbeiter haben sich an den Sammlungen beteiligt; viele von ihnen haben für diesen Zweck zwei, selbst drei Arbeitstage geschenkt. Ebenso, hoffe ich, wird jeder Jude einen Stein zur Errichtung dieses Denkmals beilragen, das wir zum Gedächtnis eines unserer kräftigsten Männer aufzustellen beabsichtigen, der in so jungen Jahren unverschuldet von dieser Welt ging. Dieses Denkmal wird so lichterloh und strahlend sein, wie eine neu entzündete Fackel, die da leuchten wird auf einem der galiläischen Berge, um zu erzählen von der unauslöschlichen Liebe von Menschen zur Mutter Erde. Dieses Denkmal wird Trost und Hoffnung ln Millionen düsterer Stuben hineintragen, über die ganze Erdkugel Hoffnungsstrahlen bringen und diese Menschen zu neuen Taten und Schaffen neue Formen eines Lebens voll Freude und Hoffnungen erwecken. Dieses Denkmal wird dann kein toter Gegenstand, vielmehr eine lebendige und fruchtbare Tat sein, begleilet vom Gesang wachsender Kinder. ln ihm wird ein neuer Stützpunkt für ganz Israel erstehen. Sollte denn nicht jeder seinen Stein zur Errichtung dieses Denkmals beitragen? Dank jedem Juden auf dem Lande wird in der Stadt für fünf Juden Platz geschaffen und Zehnern, Arbeitsfreude und Schaffungsmöglichkeiten im Lande unserer Ahnen gewährt. Und noch etwas: Vergessfit nicht, daß wir. jede Elle Boden nichtf nur auszulösen haben, wie ein, gefangenes Kind, sondern daß wir sie mit Mühe und Arbeit erwerben müssen. Zu dieser neuen Arbeit rufen wir Euch, Eure hilf reiche Bruderhand auszustrecken. Die zionistische Terminologie wird gewissermaßen durch ein neues Wort bereichert: M i fa 1,'W e r k, A k 116 n: Aber "ein richtig begriffener Zionismus beäetitet 'Sri1 sich’ tcfcon Mifal. ' ' Für diese raschlebige Zeit, die für das Judentum, schwer und schicksalhaft ist, wie kaum eine zuvor, ist die1 Geschichte des politischen Zionismus schon zu alt, als daß man sich bei Zionisten mit dem bloßen Bekenntnis zufriedengeben dürfte. Zionismus muß identisch sein mit Aktion, weil Zionismus der Ausdruck der innersten jüdischen Lebens- und Widerstandskräfte ist. . Der Prager Zionistenkongreß, der in seiner Verkrampftheit letzten Endes nur die Tragik des jüdischen Seins widergespiegelt, die innere Erschütterung des Judentums in seinem bewußtesten Teile geoffenbart hat, er hat gleichzeitig die Kraft zu einer großen und anfeuernden Parole gefunden: N e u k o 1 o n I s a t i o nl Friedliche Eroberung eines neuen Gebietes in Palästina für die schaffende jüdische Arbeit, deten Drang nach der Scholle unaufhaltsam ist. Es liegt nun an den Zionisten, der heroischen G es c h i c h t e d e s Emek ein zweite »Kapital an die Seite zu setzen. Was das hi dieser Zelt bedeutet, bedarf wahrlich keiner Darlegung! Man soll über der Inneren Zufriedenheit mit den Fortsciirittcn des jüdischen Aufbauwerkes in Erez Israel nicht übersehen, daß ein gesundes und starkes Gemeinwesen nur auf dem soliden unerschütterlichen F u n d a me nt der Landwirtschaft ruhen kann. Aber nicht das auf Export eingestellte Pflanzertum allein kann auf die Dauer den landwirtschaftlichen Charakter des jüdischen Gemein- ‘ wesens bestimmen. Ein wirkliches jüdisches Palästina wird es ohne den jüdischen Bauer, den Bearbeiter der eigenen Scholle, nicht geben. Man muß sich erinnern, daß die Kolonisation aus nationalen Mitteln in den letzten Jahren gestockt hat und man muß die ganze volle Wichtigkeit dieser Seite unserer Aufbauarbeit wieder ln den Vordergrund rücken. Es Ist kein Vorwurf gegen das private Kapital, dessen weiterer Zustrom nach Palästina nur zu wünschen ist, daß es den Gesetzen allen Aufs tiefste erschüttert geben wir Nachricht von dem Ableben unseres Gesinnungsgenossen Dr, Leopold Sofer ehemaligen Präsidenten des Palästinaamtes, des Keren Hajessod, Vizepräsidenten des Keren Kajemeth und Mitgliedes des Zionistischen Landeskomitees, des ausgezeichneten Menschen, ergebenen und stets opferbereiten Zionisten, dem zum Schaden der zionistischen Sache das Schicksal die Erfüllung seines LebensWunsches versagt hat, in Erez Israel zu schaffen und zu wirken. Er verschied, 5t Jahr alt, am 31. Oktober d.J., und wurde am 2. November zu Orabe getragen. Der frühzeitig Dahingegangene wird Int Gedächtnis seiner zahlreichen Freunde und Mitarbeiter fortleben. /l-»«*"' > rtiifieshnrnH^e. D’e Präsidien des Keren und ri^s.Keren Ka’emeth, Pa^stlnaamt.