Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 6 (1933)
- Issue
- Heft 306 (26.10.1933)
- Date
- 1933-10-26
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3053752-3054015-3054060--3808-3059356- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 306 — 27. Oftober 1933 DTE STIMME SPIECEI DER WOCHE (f+tiafo. Dieses liebliche Wort ist die Abkürzung für Qörings geheime Staatspolizei Diese Oestapo arbeitet genau nach den Methoden der sowjetrussischen Tscheka. Auch in ihren KeUern wird gefoltert Ein berüchtigtes Folierungslokal der Oestapo befindet sich in Berlin in der Kolumbia• Straße, Dort wurde n, a. der Jüdische Journalist Kurt Heller gefoltert, Heller wurde in den ersten Tagen des Terrors verhaftet, zunächst in das Gefängnis geworfen, dann Ifi ein Konzentrationslager gesteckt und schließlich freigelassen, Im August wurde er von der Gestapo wieder Verhaftet und in die Kolumblastraße gebracht. Dort wurde er wiederholt mit Stahlruten gepeitscht. Sein Zustand ist sehr bedenklich. In der Kolumbiastraße befinden sich zirka 30 Jüdische Gefangene. Am Jom Kippur-Tage wurden die Jüdischen Gefangenen in den Hof gebracht und gezwungen zu emurmeln», das heißt, man zwang sie, das Murmeln von hebräischen Gebeten nachzuahmen. Das dies natürlich nur unter großem Gejohle der Nazi vor sich ging, ist selbstverständlich. Das Auspeitschen mit Lederpeitschen gilt ln der Kolumbiastraße als die mildeste Strafe. gUe. H-ottl tu de* KaWitlgfan JZaateJi Es war von vorneherein klar, daß Hitler den Versuch machen werde, Nazipropaganda auch im Auslande zu betreiben. Auch in Nordamerika mehren sich nun die Zeichen dafür, daß das Hitlerregime dort seine Agenten arbeiten läßt. Die amerikanischen Blätter bringen aufsehenerregende Mitteilungen, daß die United States Line, die ganz In amerikanischen Händen liegt, unter dem Personal viele Deutsche aufzuweisen hat, die sick als Nationalsozialisten betätigen und für die Einfuhr von Nazipropagandamaterial sorgen. Abgesehen davon ist man auch einem großen Schmuggel deutscher Waren auf die Spur gekommen und die Staatsanwaltschaft führt bereits eine Untersuchung. Leider läßt die Geschlossenheit der Juden in Nordamerika viel zu wünschen übrig. Die Einigungsverhandlungen zwischen dem «American Jewish Congtess» und der «Amerikanischen Liga zur Verteidigung der jüdischen Rechte» haben sich zerschlagen und inzwischen wächst die Aktivität der Nazi. Der jüdische Abgeordnete Dickstein erhielt Drohbriefe, in welchen ihm mitgeteilt wurde, er möge sich mit nützlicheren Sachen betätigen ah mit den Angelegenheiten der Nazi, dann würde er auch länger leben. Einem Großkaufmann, der sich weigerte, deutsche Zuckerwaren zu kaufen, wurde ebenfalls in anonymen Briefen mit seiner Ermordung gedroht. Die Schaufenster eines anderen Jüdischen Kaufmannes, der zum Boykott auf gefordert hatte, wurden von Nazis eingeschlagen, ln Newark fand kürzlich ein Nazimeeting statt, das von Gegnern gestört wurde. Es kam zu Tumulten, Polizei schritt ein und verhaftete eine Reihe von Teilnehmern, darunter fünf Juden. Die Jüdischen Frontsoldaten haben eine Massenversammlung aller Antinazi-Elemente einberufen. Aus der «V er einigten deutschen Gesellschaft» sind alle jüdischen und liberalen Elemente ausgetreten und die verbliebene Rumpforganisation wird allgemein als Naziorganisation betrachtet. Hilters Buch «Mein Kampf» wurde in einer amerikanischen Ausgabe herausgegeben. Es ist um zwei Drittel kürzer als das Original und viele im Original enthaltenen Ausfälle gegen die Juden und gegen die Demokratie wurden in der amerikanischen Ausgabe nicht gebracht. Trotzdem wurde das Buch von der großen Presse ablehnend beurteilt. Der Kongreßabgeordnete Samuel Dickslein, der Vorsitzende des Einwanderungskomitees erklärt, daß die deutsche Regierung eine geheime Agitationszentrale in New York unterhalte. Der Herausgeber der deutsch-amerikanischen «Staatszeitung*, Ridder, gab zu Protokoll, daß bei ihm ein gewisser Heinz Spanknöbet, ein Naziagent, erschienen sei, der ihm empfohlen habe, weniger prosemitisch und mehr zugunsten der Nationalsozialisten zu schreiben, und drohte Ridder mit entsprechenden Maßnahmen, falls er einmal nach Deutschland kommen solle. Darauf warf Ridder den Agenten hinaus. Der Tempet Emanu-El in der Pifth Avennue, New York, wurde am Jom Kippur-Tage mit Hakenkreuzen und «K. K. K.» (Ku-Klux-Klan) beschmiert. Außerdem mit der Aufschrift: «Die Juden müssen verschwinden, die Demokratie muß verschwinden, der Papst muß verschwinden.» In Milwaukee, das eine starke deutsche Bevölkerung hat, fanden Anti-Hitler-Demonstrationen statt. In Germantown, Philadelphia, fand eine Feier aus Anlaß des 250jährigen Staatsjubiläums statt, bei welcher der deutsche Botschafter ln New York, Dr. Luther (der ehemalige Reichsbankpräsident), die Begrüßungsansprache halten sollte. Dr. Luther verweigerte jedoch seine Mitwirkung, als er hörte, daß das Hissen der Hakenkreuzfahne vom Festausschuß abgelehnt worden war. Dr. Luther bemüht sick auch, den unangenehmen Eindruck der Nazipropaganda ln New York und anderen Städten abzuschwächen und hat offiziell erklärt, es sei unrichtig, daß Gäbbets 300 Propagandisten nach Amerika entsendet habe. Das amerikanische Judentum traut diesen Mitteilungen nicht tsnd rüstet zum Hciikolonisqftoii in PalastHtm Zum OcdMiMi ClMrtm Arfosoroff* Boden und Freiheit Ist dar Rat des Jüdischen Volkes. Wieder watet brutalster Judenhaß» schon sind die verschiedensten Länder fiberflutet von flüchtiges Opfern niedrigster Verfolgung. Ihnen Heimat zu bereiten, Ist dringendste jüdische Verpflichtung. Es gilt, Im Lande der jüdischen Zukunft eine feste und dauernde jüdische Basis zu schaffen. — Ein neues Siedhmgswerk In Palästina wird verknüpft mit dem Namen Arfosoroff, zur ewigen Ehrung des Führers, der auf so tragische Weise seinem Wirken entrissen worden ist. An alle Judtyi ergeht der Ruf, dieses Werk durch Opfer zu ermöglichen! Jeder Jude, der fühlt, wie sehr neue Sledlungstltlgkeit in Palästina nottat, damit das jüdische Volk wieder Hoffnung schöpfe, ist aufgefordert, an diesem Werke mitzuarbeiten, das ebenso jüdischen Arbeitern wie auch Mittelständlern und Opfern der brutalen deutschen Judenhetze zugute kommen soff. Die Größe dieses Werkes hängt ab von der jüdischen Opferbereitschaft! Es gilt, die weitesten jüdischen Kreise zu erfassen. Jeder leiste seinen angemessenen Beitrag und stelle diesem Werk seine Kraft als Werber and Sammler zur Verfügung! In vorbildlicher Weise haben die Juden in Palästina selbst den Ertrag dreier Arbeitete ge geopfert und bisher schon 18400 Pfund aufgebracht Wir erwarten, daß auch die Judenschaft Oesterreichs ihre Pflicht tue! Dir. Siegfried Altmann, Dr. Paul Berger, Dr. Max Bernhardt, Adolf Böhm, Dr. Fritz Ekstein, Blanka Federn, Prof. A. Freud, Dr. Desider Friedmann, Dr. Leo Goldhammer, Dr. Wilhelm Knöpfmacher, Obering. Otto Krasny, Dr. J. H. Körner, Dr. Josef Löwenherz, Sophie Löwenherz, Dr. Jakob Ornsteln, Dr. Leopold Piaschkes, Dr. Siegfr. Piaschkes, Dr. David Rothbium, Mendel Singer, Dr. Michael Steinberg, Dr. Chaim Tarfcakower, Dr. Walter Werner, Sandor Wolf. KAMMERSÄNGER. ALFRED PICCAVIR MORA GREGOR IN DEM QRO.ffTONFU.AA SZÖKE SZÄKALL WALTER RIllA SUSI LANNER EINE MUSIKALISCHE KOMÖDIE INSZENIERT VON RI CH A KP Of WA.LP MUSIK: K AFER» JURMANN RUCK: WERMUTU'ECHUll'FARKAI I URAUFFÜHRUNG AS HiüK BURGKINO x. SCHOTTENRING-KI NO*- ELITE-KINOs- LUSTSPIELTHEATER« SASCHA PALAST«. FLOTTEN KINO v». EIN PAN-HtAA IM VERLEIH DER ATLANTIS Abwehrkampf. Die Boykottpropaganda nimmt immer größeren Umfang an. 8dh, untahsdUagaM rtwi Aas Paris wird gemeldet: Jean Benoit-L evi, der Verfasser des Drehbuches des in Paris nach dem Roman «La Maternelle» (die Kleinkinderschule) von Frapti laufenden Films, der seit kurzem auch in Deutschland unter dem Titel «Mutterhände» mit starkem Erfolg herausgekommen ist, hat durch Vermittlung des französischen Schriftstellervereines Beschwerde erhoben, daß der Film in Deutschland nur unter dem Namen Benoit erscheine. Er hat sich entschlossen, die weitere Vorführung des Films in Deutschland nur unter seinem vollen Namen Benoit-Levi zu gestatten. Nazi-Lob für jüdische Künstlerinnen Berlin. «Völkischer Beobachter», «Angriff» und andere Nazizeitungen rühmen ln höchsten Tönen die Leistungen der Opernprimadonna Rosa Raisa, die jetzt mit einer italienischen Operntruppe in der Berliner Staatsoper gastiert. Dieses Lob gilt der «Italienerin», die Presse erzählt natürlich nicht, daß Rosa Raisa Jüdin ist und aus Bialystok stammt. Nicht weniger gefeiert wird von der Nazipresse die vorübergehend in Berlin weilende amerikanische Tonfilmdiva Sylvia Sidney, die man jetzt in Berlin in nicht weniger als sechs Tonfilmen sehen kann. Sylvia Sidney ist Jüdin. Der Nobelpreis und die deutschen Juden Stockholm. Die Statistik eines schwedischen Blattes über die bisherigen Nobelpreisträger verweist darauf, daß sich unter den 39 Deutschen, die bisher den Nobelpreis erhalten haben, 14 Juden befinden. Da aber nach der deutschen Auffassung Juden nicht mehr unter den Begriff «Deutsche» fallen, kommt Deutschland von der bisherigen ersten Stelle unter den Nobelpreisträgern an die dritte Stelle, und zwar hinter England und Frankreich. Die deutschen Juden allein würden unmittelbar hinter Amerika an fünfte Stelle treten. efflWglrtUritf, J£tik*SC&Aria£ und fUttodUdti Abfuhr für «Professor» Hans Günther Im neuen Deutschland gilt Professor Hans F. K. Günther von der Universität Jena als Großmeister der Rassenkunde; seine Lehren sind dem Nationalsozia* lismus zum Dogma und für die Rassenpolitik des Dritten Reiches grundlegend geworden. An seine «Rassenkundc des deutschen Volkes» knüpft in der Wiener «Reichspost» Prof. Dr. Arthur Graf Polzer-Hoditz u. a. folgende Bemerkungen: «... Daß wir armen Oesterreicher, die wir Immer glaubten, eine deutsche Stammbevölkerung zu haben, «hetitisch-hebräische» Urahnen haben, ist ebenso interessant wie neu, wie politisch — wertvoll . . . Wir erfahren aus Ihrem Buche, daß Sie die Sterilisation der Oesterreicher, also deren allmähliche schmerzlose Ausrottung wegen ihrer Minderwertigkeit für eine «unerläßliche Maßregei» hatten . . . Nach Ihrer Theorie scheiden wir Oesterreicher ats «Kurzschädel» aus der Reihe der «vollwertigen» Menschen aus. Wenn nun dem so ist, so teilt auch Ihr Führer, Reichskanzler Adolf Hitler, unser beschämendes Los, da er kein «Lang»- und kein «Blond»-, sondern als Oesterreicher ein ganz gewöhnlicher «Kurzschädeh hetltisch-hebräischen Ursprungs ist . . . Einen Mangel aber weist Ihre «Rassenkünde» dennoch auf: Sie unterscheiden zwischen «Langschädein» und «Kurzschädeln»; doch Sie vergessen eine dritte Kategorie: das große Reich der Flachschädel. Dies Ihnen, Herr Professor, zu sagen, war mir eir Herzensbedürfnis.» $4* öJn&iarLekuHQU'eJkitiC&e das 8h- Mi mumm Dr. Max Naumann, der Begründer und Führer des Verbandes nationaldeutscher Juden, hat im Namen seines Verbandes der Regierung einen Gesetzentwurf Überreicht, der darauf hinausgeht, daß seine Gesinnungsgenossen als «Deutschjuden» anerkannt und den Ariern gleichgestellt werden. Als «Deutschjuden» gelten: 1. Frontkämpfer mit Ausnahme derjenigen, die sich im kommunistischen, marxistischen, zionistischen oder pazifistischen Sinne betätigt haben; hinsichtlich sonstiger Formen der «antinationalen Betätigung» werden von Naumann Blitze! bestimmungen vorgeschlagen. 2. Mitglieder alteingesessener Familien; als Stichtag ist von Naumann der 1. Jänner 1933 vorgeschlagen. Auch aus dieser Gruppe sollen Marxisten und Zionisten ausgenommen werden. 3. Alle Personen, die von einer seitens der Regierung einzurichtenden Spruchstelle zugelassen werden. In der Spruchstelle sollen drei seitens der Regierung bestimmte Mitglieder und zwei besonders qualifizierte Deutschjuden zu* sammenwirken. Diese Bestimmung zielt dahin, Härten aus* zugleicben, hinsichtlich der für Jugendsünden erforderlichen Milderungen Einzelbestimmungen vorzuschlagen und vor allem der «deutschfühlenden Jugend» den Weg in die Zukunft zu öffnen. * Die ekelerregenden Anbiederungsversuche des sattsam bekannten Dr. Naumann hören leider nicht auf, trotzdem die Hitler-Presse wiederholt diesen würdelosen Moschko-Juden schärfstens zurückgewiesen und dessen Schmeicheleien als «Anschmeissereien» bezeichnet hat. Zur Ehre des so Hart geprüften deutschen Judentums kann gesagt werden, daß es endlich umzulernen beginnt und solche Individuen wie Naumann einmütig als Verräter, den man abschütteln muß, anprangert.