Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 6 (1933)
- Issue
- Heft 305 (19.10.1933)
- Date
- 1933-10-19
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3053752-3054015-3054059--3798-3059345- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Haifa 2× ep/1047930
OCR text
Seife 0 DTE STIMME Nr. 305 — 19. Oktober 1933 Werdendes Ex&z*fo\&eJl Miwäcfont&cit ßag&£&ia-&4#a0* dcK „ \fi6nme" Die Entwicklung der palflsHnensIsdien Städte Von Dr. med. Landau (Jerusalem) Der langjährige VorsifzeHe der Ziorvstischen Organ:sation in Danzig Dr. med. Landau, der s:en gegenwärtig m Jerusalem (Keren Abraham) niedergelassen hat, schildert in diesem Aufsatz se>ine Eindrücke über Tel- Awiw, Haifa und Jerusalem, auf die wir unsere Leser besonders aufmerksam machen. (Anm. d. Red.) T e 1 - A w i w ist heute wo-hl der bewegteste Platz an der ganzen Mittelmeerkiiste, dem Treiben nach eine Goldgräberstadt. Einwohnerzahl vielleicht 50.000, vielleicht 60.000, vielleicht 80.000, wer weiß es. Jede obere Schätzung hat recht oder hat nächstens recht, jeden Monat kommt das Schiff aus Triest und bringt 1000 und mehr Leute, dazwischen kommen Dampfer aus Marseille und Constanca, dann der Landweg — man vergesse nicht, daß die eigentliche Reisesaison erst beginnt —, daß neben Deutschland andere Länder Material in steigendem Maße liefern. Ailes geht zuerst in J a f f a—T e I - A w i w an Land. Die Hafenverhältnisse sind schrecklich. Ich spreche nicht von dem Ausbooten der Menschen, das bei einigermaßen bewegter See — und die See ist hier immer bewegt — stets eine nervenerregende Sensation ist, obwohl noch nie ein Mensch verunglückt ist. Schließlich können die Leute ja auch in Haifa bequem von der Schiffstreppe aus an den Kai steigen, wenn ihnen die Sache in Jaffa—Tel-Awiw ängstlich ist — es sind nur vier Stunden Fahrtunterschied. Aber das Skandalöse ist der Schiffstransport von Gütern; jedes Stück wird mit Barke von der Reede durch die Brandung gerudert, durch eine Lücke in den Felsen, die keine zehn Meter breit ist, dabei handelt es sich oft um Stücke, die 20 und mehr Tonnen wiegen. Man kann sich denken, wie das den Betrieb aufhält bei dem Riesen-Import, den die neue Einwanderung mit sich bringt. Die Zollbehörde ist völlig ratlos, denn man kann es doch nicht anders bezeichnen, wenn sie neulich einfach den Hafen für acht Tage wegen Ueberfüllung sperrte und die Schiffe nach Haifa wies. Diese erzwungene Umleitung hat in mir bekannten Fällen ganze Schiffsladungen von Holz zu Verlustgeschäften gemacht, weil bisher der Holzhandel und die Holzlagcrung in Jaffa konzentriert war. Aber es ist ein Zeichen dafür, mit welchem Hochdruck augenblicklich das Leben in Tel-Awiw arbeitet und wie. schwer es ist, die Stadt den Erfordernissen der Einwanderung anzupassen. Ursprünglich eine kleine Stadt im Villenstil, wird Tel- Awiw von Tag zu Tag zusehends ein riesiges Handels- und Indusrtiezentrum. Hier konkurieren die Industrien der ganzen Welt. Einen Aluminiumtopf kann man haben als Schweizer, England-, Schweden- und Japan-Fabrikat. Das war die Auswahl, die mir vorgelegt wurde. Die Konkurrenz verbilligt die Waren natürlich ungemein, wobei auch der Handel nicht mehr als 3 bis höchstens 5 Prozent verdient, so daß das Leben sehr billig ist. Der Zoll beträgt durchgängig nur 10 bis höchstens* 12 Prozent vom Wert, nur für Getreide und Mehl ist augenblicklich ein gleitender Zoll in Kraft, um die einheimische Landwirtschaft zu schützen. Butter ist nicht geschützt, man sieht hir neben der einheimischen litauische, lettische, dänische und australische, das Kilo dürfte etwa 15 Piaster im Detail kosten (1 Piaster Vioo £), Zucker bekommt man zum Weltmarktpreis, etwa 2 Piaster das Kilo im, Detail. Eier und Fleisch entsprechen etwa den üanziger Preisen, ebenso Brot. Nun wird also wöchentlich in Tel- Awiw der Strom der Emigranten hineingepreßt, die untergebracht werden müssen, wobei es schon zum erheblichen Teil Kapital sten sind mit mindestens 10G0 £. Nun denke man sich die Folgen für den Grundstückmarkt. Jede freie Wohnung hat ungezählte Bewerber, also zahlt man für drei Zimmer mit Zubehör 6 bis 8 £. Da hiedurch der Wohnungsmangel natürlich nicht behoben wird, baut man, wo eine freie Stelle ist, und da in der Stadt keine freien Stellen mehr sind, planiert man in Eile alle Sanddünen, von denen die Stadt umgeben ist, und baut neue Straßen an allen Ecken und reißt mitten im Zentrum alle (vielleicht sechs bis zehn Jahre) alten Häuser nieder und baut sie größer auf oder stockt auf, und so ist Tel-Awiw ein riesiger Bauplatz, über dem dauernd eine Wolke von Zementstaub in der Sonne flimmert. Dafür handelspolitisch betrachtet! In Tel-Awiw floriert alles, was man im entferntesten Sinne zur Bauindustrie rechnen kann, es ist fast unmöglich, all das Material heranzuschleppen, was man braucht. Es fehlen die Hände, besonders die fachlich gebildeten, um mit den Erfordernissen Schritt zu halten. Es wird in Tel-Awiw alles gebraucht, was zum Transportwesen gehört, auch zum Versicherungswesen. Ich habe dort festgestcllt, daß die meisten Häuser, geschweige denn das Mobiliar, nicht gegen Feuer versichert sind; erstens ist der Nachbar nicht versichert, und zweitens verläßt man sich darauf, daß Stein und Beton nicht brennt. Dunek Schmid, Wten Salka Bessler, Stanislau Verlobte Also auch hier noch ein weites, zur Beackerung reifes Feld. Gebrauoht wird alles, was mit der Nahrungsmittelindustrie zusammenhängt, Eisfabriken, Kühlhäuser, Emballage-, besonders Blechindustrien; alles, was geschaffen wird und ist, ist im nächsten Moment zu wenig. Gebraucht wird aber auch vor allem noch Kapital, denn selbst die Riesensummen, die ins Land kommen, sind zu klein gegenüber den Erforderdemissen. Man ersieht das wohl am besten daraus, daß man zwar angeblich schon für 7 bis 7»/2 Prozent Geld auf erststeliige Hypotheken bekommen soll. Ich habe aber nicht gesehen, daß jemand Geld unter 8 bis 9 Prozent weggegeben hat, wenn er das nicht bekommt, baut er eben allein. Nun die große Kardi. alfrage, die Ich höre: Ist das nicht Boom8 Wird das aufgeblasene Wirtschaftsgebilde nicht zusammenklappen? Darauf antworte ich mit Bestimmtheit: Nein? Solange sich nicht die politischen Verhältnisse in der Welt ändern, nicht! Solange sich nicht die Wirtschaftssysteme ändern, nicht! Beide treiben die Juden überall aus ihren Positionen, sind ihnen feindlich und lassen ihnen zum großen Teil als einzige Chance Erez Israel; wir stehen erst am Anfang der Entwicklung, nicht am Ende. Das ist Tel-Awiw. Wer für sich ein Betätigungsfeld sucht oder suchen muß, gehe hin. Aber was tut der, der in Ruhe leben will oder kann? Bisher sagte man, gehe nach Haifa. Haifa. Es ist wunderschön am Karmel gelegen, mit Aussicht auf das Meer, dort herrscht Ruhe. Ja, das war einmal. Ersterus haben die Einwanderer auch entdeckt, daß Haifa landschaftlich schön ist, und zweitens ist der neue und wirklich moderne Hafen fertig und schon benutzbar. Also geht ein immer stärker werdender Seitenstrom der Einwanderung nach Haifa mit denselben Folgen wie in Tel-Awiw. Man baut Straßen den Berg herauf, und wo eine Straße fertig ist, sichert sich jeder einen Bauplatz, den er auch bezahlt, und dann sucht er Geld zum Bauen unter dem — übrigens wahren — Hinweis darauf, daß er schon alle Wohnungen in dem noch gar nicht gebauten Hause fest vermietet habe. Ein Stück Eoden, das vor sechs Jahren in einer wüsten Gegend lag, ist jetzt baureifes Gelände an einer fertigen Straße. Haifa hat noch das Charakteristische, daß gerade ein großer Teil der deutschen Einwanderer sich dort seßhaft macht. Haifa wid als Hafen Jaffa erschlagen, Tel- Awiw als Industriezentrum wird es nicht erschüttern. Jerusalem. Die Schönheit Jerusalems läßt sich nicht beschreiben. Alles ist erhaben, würdevoll, man spürt es, daß hier 3000 Jahre Geschichte reden. Nicht, daß hier alle Nationen der Welt aus Prestigegründen Monumentalgebäude als Kirchen und Hospitäler aufgeführt haben, die Natur selbst ist das Schönste. Jerusalem liegt 800 Meter hoch, auf Felsenhügeln gebeut, die auch mit ihrem rötlichen Sandstein das AURTIOnSHAttS FÜR ALfERTBflIER ELUCKSElId Be8.IO.lt. Wesen AuilüSünx des Haushaltes Versteigerung der kompletten Wolinunsselnriclitu.iU des Herrn 0. F., enthaltend antikes nid modernes Mobiliar, Teppiche, Gemälde, Kupferstiche, Qlas, Por7.cllr.11, Böseudorfer-Flüsel, Gcbiattclis- Kegcnstünde etc. Besichtigung: Bis Freitae, den 20., und Montag, den 23. Oktober. 9 bis 6 Uhr. In der Wohiunz, IV, TechnikirstraSe 5, II. Stiege, Tel. U 40-0-71. Versteigerung: Dienstag, den 24.. und Mittwoch, den 23 Oktober, prür. 3 Uhr. IV., Technikerstia'’e 5, II. Stiege. M’z/ Material für alle Hausbautcn geben, überall eine wunderbare Fernsicht, von der Stadt auf die Hilgel, Oelberg, Scopusberg und die anderen, und von den Bergen auf die Gebirge von Transjordanien, vom Amphitheater der Universität auf das Tote Meer und den Jordain, Spaziergänge um die alte Mauer, alles bietet Beschäftigung für den Geist. Es ist hier jetzt auch noch Ende September in der Sonne sehr heiß, aber die Abende sind erquickend kühl, man sitzt auf der Terrasse und genießt den wunderschönen Sternenhimmel. Wer will, kann übrigens auch ins Cafe oder Kino gehen. Allen Gerüchten zuwider ist übrigens Jerusalem eine rein jüdische Stadt. Ueberall auf den Straßen, auf allen Regierungs-, Post-, Eisenbahn- und Verwaltungsbehörden, denn auch hier nimmt die jüdische Bevölkerung durch Einwanderung ständig zu, entstehen hier überall neue Viertel. Aber die Preise sind noch mäßig. Idh bezahle in einem eigenen Häuschen in einem ganz neuen Viertel, das nur zehn Minuten Fußweg vom Zentrum entfernt liegt, für drei kleine Zimmer mit Bad 3 £ den Monat. Daß hier die Preise so schnell steigen werden, glaube ich nicht, denn die starke Baubewegung hier ist in Erwar* tungdes Bedarfes, nicht weil der Bedarf schon drängt. Industrie ist hier nooh fast gar nicht entwickelt, weil die Wasserversorgung Jerusalems noch schwierig ist. Ein Teil der Palästina-Anleihe von 3 Millionen Pfund Sterling ist für die Wasserzufuhr Jerusalems durch Anlage eines großen Wasserwerkes in den Bergen bestimmt, dann ist auch für Industrie Platz. Das ist nicht so zu verstehen, als ob es jetzt kein Trink- oder Waschwasser in Jerusalem gäbe — wir baden z. B. zweimal in der Woche —, aber die Wasserleitung wird nur alle fünf Tage mit Wasser gefüllt; jedes Haus hat ein eigenes Reservoir, und wenn man zu verschwenderischq ist, sitzt man am fünften Tage ohne Wasser da. was sehr peinlich ist. Aber sonst kann ich Jerusalem als Ruhesitz allen aufs Beste empfehlen, das Klima ist dort dem europäischen am nächsten, weil Jerusalem am Hort liegt, und nicht umsonst sind alle zentralen jüdischen und Regierungs-Institutionen hier. Auch wirtschaftlich ist der Auf-, schwung Jerusalems in allernächster Zeit vorauszusehen, und meines Erachtens wird er hier vielleicht noch solider sein als in den anderen Städten. Nun die Schlußfolgerungen: Wenn die jüdische Jugend nicht hebräisch sprechen lernt, verliert sie den Zusammenhang mit Erez Israel, und ich meine nicht nur den geistigen Connex, sondern rein körperlich die Möglichke..;, sich h:er in das Volksganze einzuordnen. Das ist nach meiner festen Ueberzeugung ihre einzige Chance für die Zukunft. TrofzSlrclhm^^ Jerusalem. Ungeachtet dessen, daß die Regierung den von der arabischen Exekutive für den 13. Oktober als Protest gegen jüdische Einwanderung und Bodenkauf durch Juden proklamierten Streik verboten hat, forderten die Mitglieder der Exekutive die arabische Bevölkerung auf, den Streik doch durchzuführen und sich zu Massenkundgebungen in Jerusalem zu versammeln. Die Exekutive rechnete offenbar mit der wohlwollenden Neutralität der britischen Behörden. Der Verlauf des Streiktages hat den Erwartungen der arabischen Führer nach beiden Selten hin nicht ganz entsprochen; denn erstens wurde die Streikparole nur von einem Teil der arabischen Bevölkerung befolgt, auch war die Beteiligung an den Demonstrationen nicht so überwältigend, wie die Führer es erwartet hatten, und zweitens hatte die Regierung viel Polizei aufgeboten, um die Demonstration zu verhindern und die Ruhe aufrecht zu erhalten. Man schätzt die in Jerusalem aus dem ganzen Lande zusammengeströmte Menge zusammen mit den In Jerusalem wohnhaften Demonstranten auf etwa 6000. Infolge Einschreitens der Polizei kam eine einheitliche Demonstration nichtzustande, sondern es marschierten einzelne Trupps durch verschiedene Straßen, die Immer wieder von der Polizei aufgelöst wurden. Die Jaffa-Straße war durch berittene Polizei, Polizei zu Fuß und Militär abgeriegelt Etwa 1000 Demonstranten, die durch das Neue Tor zogen, wobei verschleierte Frauen ihnen voranschritten, wurden von der Polizei auseinandergetrieben. Nur einem kleinen Teli Moslems unter Führung einiger Mitglieder der arabischen Exekutive gelang es, zum Regierungsgebäude zu kommen. Die Regierung aber weigerte sich, die , Mitglieder der Exekutive, Führer einer verbotenenen Kundgebung, zu empfangen. Die Polizei zerstreute schnell d.e vor dem Gebäude Versammelten. Der greise Präsident der arabischen Exekutive, Muza Kazim Pascha, brach vor dem Reglerungsgcbäude ohnmächtig zusammen, konnte sich aber bald wieder erholen. Obwohl die jüdischen Einwohner sich durchaus frei ln allen Teilen der Stadt bewegten, kam es an keiner Stelle zu ernsteren Zusammenstößen; an verschiedenen Stellen der Stadt kam es zu kleinen Plänkeleien, bei denen mehrere Personen geringfügige Verletzungen davontrugen. Aber nur bei wenigen dieser Plänkeleien waren Juden beteiligt. Kontoristin, in allen Bureau- und Archivarbeiten versiert, mit besten Empfehlungen, bittet um Anstellung, geht auch als Verkäuferin, Gesellschafterin oder auch zu Kindern. Zuschriften erbeten an Kln:«n Julius, V., ReinprechtsrJorfcrstraße 49a/I/9. Jüdische Volkspartei Mittwoch, den 25. d. M., findet um 8 Uhr abends in der Zion. Bezirkssektion Leopoldstadt, II., Praterstraße 13 (Lloydhof) eine Versammlung statt. Thema: «Die Lage der Juden.» Referent: Oberbaurat Robert Stricker. Juden! Erscheinet zuverlässig und pünktlich!