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Die Stimme · 1933-10-19 · Heft 305 (19.10.1933) · page 5

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Journal
Die Stimme
Volume
6 (1933)
Issue
Heft 305 (19.10.1933)
Date
1933-10-19
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr. 3U> - id. Oktober 1033 DIB 8TVMMB 8«H«y wmm—mmmmaA KUNST UND WISSEN Eine Huldigung für Ussischkm Von Dr. David Kothblum bn folguvivn geban wLr die anläßlich des Ussischkiri-AbenJ im Großen Miis.kvereinsjaal durch den Prii.s Konten der Histadruth Iwrith, Dr. David Wo th hl um, gehaltene hebräische Ansprache an Uvsischkin i i deutscher Ueherset,'in. g wieder. E« geht eine Legende in Jerusalem: An eben dem Tage, an welchem das Reich zerstört wurde, ist such der Erlöser gehört*» worden. Wohl hat ein sterblich Aug Ihn flicht erblickt und ki-i» menschlich Ohr ihn vernommen und «loch hat das jüdische Volk sein Walten, sein Weilen unter uns, seinen Odem und das Geräusch seiner Fittiche iibei uns wahrzunehmen nicht aufgehört. Seit dem Anfang der Verbannung bis auf den heutigen Tag. Dieser Engelerlöser geleitete uns im Wandel aller Zeiten auf den dunklen und verschlungenen Wegen unserer Wanderschaft, er war et», der die große Sehnsucht nach dem Lande der Väter ln unser verödetes Her« versenkt, der das Erlöschen des Hoffnungsstrahles in unserer armen Seele verhütet und der, wenn es finster um uns in fremden Landen wurde, die heilige Fackel immer von neuem entzündet hat. Viels Boten standen diesem sagenhaften Erlöser zu Diensten. Wer will all die Namen nennen, angefangen vom Rabi Johanan Ben Sakai bis Rabl Menahem Ussischkln? Jeder von ihnen war ein Qottgesandter seiner Zelt Oerade in Zeiten der Not, als Israels Licht ganz zu verlöschen schien, erstand «Jener Mann», der die historische Tat seino Zelt gesetzt und auf den nationalen Fortbestand seines Volkes entscheidenden Einfluß geübt hat. In die Reihe «Jener Männer» — Ihre historische Bezelcnming ist verschieden, man nennt sie Propheten, Schreiber, Tanaiten, Geonim, große Aare, Gerechte und noch anders — gehört unser illustrer Gast, Herr Ussischkln, den wir aufs ehrerbietigste zu begrüßen und zu seinem 70. Geburtstag zu beglückwünschen, heute die große Ehre haben. Es ist klar, daß wir ln dieser Stunde und an diesem Ort nicht alt die Verdienste zu würdigen vermögen, die sich unser Gast um Volk und Land erworben hat, wir können aber einen Vergleich aus der Bibel heranziehen, der sie voll und ganz kennzeichnet. Ussischldns Lebenswerk wird durch jene heilige Leiter symbolisiert, die unser Erzvater Jakob im Traume erblickte. Die Leiter, deren Puß den Boden berührte, deren Spitze in den Himmel ragte, auf deren Sprossen Himmelsengel auf und nieder gingen. Si? stand am Boden — das ist der Boden der Heimat, der Boden, den wjr unter unseren Füßen, wollen wir als Nation existieren, Immer fühlen müssen, der Boden, dem wir so verwachsen nein sollen wie jene Geschöpfe ln dem unvergeßlichen Werke von Buki Bon Jogli. Ihre Spitze ragt in den Himmel — bedeutet das Streben nach hebräischem Geist, nach allen Errungenschaften hebräischer Kultur. :n der Glaube, Moral, Literatur, Kunst und vor allem die Sprache inbegriffen ist, die nicht von unserem Munde und nicht von dem Munde unserer Nachkommen weichen darf, die allen nationalen Werten vorangeht, die zu pflegen und zu hegen unsere erste VolkspfHcht ist. Die Engel, die auf- und niedersteigen — symbolisieren die Art des Wirkens des Herrn Ussischkln. Alles was er tat, war reinste Pflichterfüllung. Mit Einsetzung seiner ganzen Kraft, ohne Irgendwie abzuweichen, mit heiligem Opfermut und mit einer Begeisterung, die Ihresgleichen ln der Qeschichte des Zionismus sucht, strebte er dem Ziele entgegen. Denket nur an die hebräische Ansprache, die er vor der Friedenskonferenz gehalten hat, eine Tat, di« unsere Ehre und Ansehen unseres Volkes vor den Vertretern der Nationen erhöht hat. An jenem Tage, an welchem das Reich vernichtet wurde, ward der Erlöser geboren und diese wunderbare jerusafemische Legende setzt fort, daß der Name dieses Erlösers Menahem war. Wenn fch ein Prediger wäre, könnte Ich an diesen Vornamen anschließen und manches noch sagen. Ich bin aber nur ein Mann aus dem Volke und nach einem alten Talmudwort darf der Segen eines solchen nicht gering in den Augen des Mitmenschen erscheinen. Und als Mann aus dem Volke schließe ich mit dem Segen! Verehrter Herr Ussischkin. der Sie 70 Jahre alt geworden sind! Der über Zion thront und Sie zum treuen Sachwalter seines Volkes erwählt hat, möge Ihrem Leben noch viele, viele Jahre bescheren. Er sende Ihnen seinen Segen aus den Höhen, kräftige Ihre Hände, stärke Ihr Herz und mehre Ihre Kraft, auf daß Sie Ihre ergebungsvolle, wunderbare und heilige Arbeit noch lange, lange unserem Volke und unserer Heimat widmen können. Das Theater des Kulturbundes deutscher Juden eröffnet Das Theater des Kulturbundes deutscher Juden wurde mit einer Aufführung von Leasings «NathanderWeisc* eröffnet. Hierüber wird uns aus Kreisen des Kulturbundes aus Berlin geschrieben: Der Abend zeugte ln seiner von nervös übersteigertem Premierenfieber und müder Resignation gleich weit entfernten Stimmung, in der hingebungsvollen Leistung der Darsteller und in der ernsten Abnahmebereitschaft und Aufgeschlossenheit des Publikums, von dem tiefen Willen der im Kulturbund zusammengeschlossenen, Spielende und Schauende einigenden Theatergemeinde, auch in einer Zeit innerer und äußerer Not —- und in ihr erst recht — die Werte echter Kunst wie bisher zu pflegen und an ihnen Stütze und Erhebung zu finden. Mit Recht konnte der Vorsitzende des Kulturbundes, Intendant Dr. Kurt Singer, in seinen einleitenden Worten darauf hinweisen, daß wohl noch niemals das Oben und Unten im Theater, Bühne und Zuschauerraum, so miteinander verschmolzen gewesen seien, wie in diesem Theater und bei dieser Aufführung, in der Juden für Juden spielen und jedes von der Bühne gesprochene Wort an gemeinsames Schicksal anklinge. Es sei die Aufgabe des Kulturbundes, erklärte Dr. Singer, aus dieser Schicksalsgemeinschaft eine Arbeitsgemeinschaft zu machen. Die mühselige Arbeit, die dem Zustandekommen dieses Theaters vorangegangen ist, sagte den Künstlern und Arbeitern, die in tage- und nächtelangen Proben die erste Aufführung im Theater des Kulturbundes vorbereitet haben, seinen Dank und dankte auch der Regierung für ihr wohlwollendes Entgegenkommen, durch das die Begründung dieser Pflegestätte von Kunst und Kultur erst ermöglicht worden ist. «Wenn der Vorhang über dem Bilde eines einsamen Juden gefallen sein wird,» schloß Dr. Singer seine Ansprache, «dann nehmen Sie den Eindruck mit sich, daß wir aus der Einsamkeit zueinander gefunden haben, wir Juden in Deutschland, wir deutschen Juden!» Die Aufführung, von einem harmonisch abgestimmten Ensemble getragen und stellenweise, insbesondere ln der Ringerzählung zu mitreißender Kraft sich steigernd, fand den stürmischen Beifall des vollbesetzten Hauses. In den Problemstellungen einer verflossenen Geistesepoche suchte und fand das Publikum Analogien zu seinem Erleben ln dieser Zeit und folgte dem Spiel mit innerer Anteilnahme auch da, wo Handlung und Diktion neueren Auffassungen nicht mehr ganz entsprechen können. Der großen Leistung Kurt Katschs als Nathan reihte sich das Spiel Martin Brandts (Sultan), Käthe Focrders (Recha), Ernst Lennarts (Tempelherr), Martin Wolfgangs (Klosterbruder), Fritz Llotis (Patriarch) und der übrigen Darsteller (Jenny Schaffe«-. Lilli Kann, Fritz Wisten, Fred Alexander, Heinz Sehönbid, Max Komuski, Klaus Brill) würdig an. Nach dem siebenten Bild * und am Schluß des Stückes wurden die Darsteller, der Regisseur Dr. Karl Loewenberg und Heinz CondcU, der das Bühnenbild entworfen hatte, immer wieder an die Rampe gerufen. Der Erfolg des Abends läßt erwarten, daß der Kulturbund deutscher Juden, der schon heute über eine ansehnliche Mitgliederzahl verfügt, immer weitere Kreise des kunstiiebenden jüdischen Publikums Berlins um sich scharen wird, ln der Pause hatten die Besucher Gelegenheit, die im Foyer und in den Umgängen des Theaters — der Kulturbund hat das Berliner Theater in der Charlattenstraße für sein« Zwecke geschmackvoll adaptiert — untergebrachte Ausstellung jüdischer Künstler, die von Prof. Eugen Spiro und Dr. Max Oaborn geleitet wird und Bilder und Zeichnungen von Max Liebermann, Mark Chagall, Arno Nadel, Jakob Steinhardt u. v. a. enthält, zu besichrigen. SPIECEI DER WOCHE Sprachenfrage in der Türkei Die türkischen Juden, bekanntlich aus Spanien eilt* gewandert, benützen im häuslichen Umgang hauptsächlich die spanische Sprache, In letzter Zeit nun verlangt die türkische Regierung, die bekanntlich eine Gegnerin der jüdischen Schulen und der zionistischen Bewegung ist, daß die Juden auch zu Hause türkisch sprechen. Am Roschhaschanah- Tage wurde in allen Synagogen eine Botschaft des Bcth-Din verlesen, worin den Juden empfohlen wird, sich der fürkischen Sprache zu bedienen. Die Mütter wurden auf gefördert, ihren Kindern die türkische Sprache beizubringen. Eint ähnliche Aufforderung erging am Versöhnungstage seitens des Großrabbiners. Auch das einzige türkisch-jüdische Organ <Boz de Orient» schreibt in diesem Sinne. Je nach Bedarf Herr Kammersänger Richard Tauber, Besitzer eines hohen päpstlichen Ordens, und wenn wir nicht irren, päpstlicher Kammerherr, steht derzeit in London im MittelpunKt einer öffentlichen Diskussion. A. E. Abrahams, der Besitzer des Aldwych-Theaters in London, kündigte ein Gastspiel Taubers an und bezeichnete ihn in Zirkularen an die Juden Londons als «jüdisches Kind*. Es stellte sich aber heraus, daß Tauber nur jüdischer Abstammung ist, da sein Großvater Jude war. Daraufhin äußerte sick der geschäftstüchtige Direktor A. E. Abrahams brieflich wie folgt: «AffcA hat man gelegentlich des Engagements Richard Taubers dahin informiert, daß Tauber der jüdischen Nation angt* hört, weil ein Teil seiner Familie Jüdisch war. Deshalb ht er für mich ein „jüdisches Kind «Sucher und Künder», ein fesselnder und zeitgemäßer Vortragszyklus von Frau Dr. Martha Hofmgnn, beginnt Dienstag den 24. d. M, um 6 Uhr nachmittags, Wien, IX., Freiheitsplatz 13, Mezzanin 9. Der Kurs umfaßt 6 Vorträge, und zwar über Josef Popper-Lynkeus, A. D. Gord o n, Leo Tolstoi, Manatma Gandhi, Rudolf Steiner, Martin B u b e r. Er gibt einen umfassenden UeberbFcJt über die Wegweiser aus der Not der Zeit. Anmeldungen schriftlich oder telephonisch A 27-6-Ö8. Jüdische Friedhöfe Von Dr Heinrich Frost Jüdische Friedhöfe mit ihren schlichten Gräbern, bescheidenen Denkmälern und tausendjähriger Schrift, sind Oasen auf dem Leidenswege des Judentums, Wlevlef Tragik und Mißgeschick liegen hier begraben, wieviel Hoffnung ruht hier nach unsäglichem Kampf, nach bitterer Verfolgung auf der Wanderung und vergeblichem Suchen nach einem Heim und karger Existenz. Diese Buchstaben mit ihren krummen Schnörkeln sind Zeichen der furchtbaren Schicksale, die den Juden zuteil wurden. Zeichen der Leiden und des Unrechts, die im Laufe der Jahrhunderte dem armen Volke zugefügt wurden. Jeder Stein, jede Aufschrift sind Spuren eines Märtyrertums, das heute noch besteht. Und nicht einmal hier gönnt man oft den Toten ihre Ruhe. Der Haß gebärdet sich in wahnsinniger Form und artet In einen entsetzlichen Vandalismus aus, für den die menschliche Empörung keine Worte findet Es gibt alte und verfallene jüdische Friedhöfe, die langsam verschwinden. Kein Zaun und kein Weg sind mehr vorhanden. Die Gräber haben sich stark gesenkt. Der Zahn der Zeit hat alles Irdische weggewischt. Nur Zipfel der Grabsteine besagen, daß der Ort heilig Ist und die Ueberreste der Ahnen beherbergt. Jahre arbeiten und verrichten den Dienst des ewigen Prozesses. Noch findet man einen Buchstaben, der, halb verwittert, mit Mühe entziffert werden konnte. Namen sind verschwunden. Der ganze Friedhof ist «in namenloses Grab. Niemand pflegt ihn mehr. Die Kinder tind Verwandten der Toten sind auch achon längst tot. Aber die jüdische Gemeinde wacht darüber, daß kein Mensch den natürlichen (Jang des Vergehens beschleunigt. Nur die Natur darf hier ihre Arbeit verrichten. Es entstehen neue Friedhöfe, wenn die Pest oder der Krieg das große Sterben fördern. Im Osten kann man Pestfriedhöfe sehen. Die vom Tode Gezeichneten wurden isoliert. Und doppelt isoliert waren die jüdischen Pestkranken. Schrecklich waren die letzten Stunden der Cholerakranken und noch dazu, wenn sic Juden waren. Wir lesen die Beschreibungen dieser Ere:gnisse, aber was sind sie gegen die grausame Wirklichkeit. Die alten Friedhöfe in Amsterdam, Prag und Warschau, wieviel könnten sie uns sagen aus der Geschichte des Ghettos und der traurigen Vergangenheit der Juden. Der Weltkrieg hat neue Friedhöfe erstehen lassen. Kriegsgräber haben Europa in einer erschreckenden Zahl bedeckt, Jüdische Kriegsfriedhöfe sind nicht selten, ln der ukrainischen Steppe, in der polnischen Ebene, am Balkan und in Italien liegen kleine jüdische Müitärfriedhöfe, die Helden des Judentums im ewigen Schlafe umarmen. Treu dem Staate, dem sie dienten, gingen diese Unerschrockenen von ihren Müttern und Ihrer Familie, um weit In der Fremde zu ruhen. Pietät und Anerkennung wird vielleicht diese Gräber schmücken und sie nicht einem raschen Untergange weihen. Diese Gräber sind Beweise gegen die Entstellungen, welche Feinde des Judentums zu ihren Zwecken gebrauchen. In diesem Ringen der europäischen Nationen kämpfte Bruder gegen Bruder und dennoch haben die Juden Ihre Pflicht erfüllt. Zuckermann hat in seinem Lied das jüdische Leid am besten zum Ausdrucke gebracht. Die Nachkriegszeit hat die Juden und ihre Familien ganz auseinandergerissen. In allen Weltteilen, in Afrika und ln Australien bestehen jüdische Friedhöfe. Die bittere Not zwingt die Juden zur Auswanderung in d.@ entlegensten Teile der Welt, ln Amerika sind jüdische Friedhöfe in einer sehr großen Zahl entstanden. Das Ghetto in New York fiat die Entstehung von vielen jüdischen Friedhöfen zur Folge. Früher haben die frommen Juden die Uebersiedlung nach Palästina vorgenommen, um in der heiligen Erde begraben werden zu können. Heute ist es nicht mehr möglich, (n den amerikanischen Friedhöfen kommen die dortigen Verhältnisse unter den Juden zum Ausdrucke. Viele reichen Juden lassen sich Mausoleen bauen. Die Juden in den amerikanischen Städten sind in Vereinen organisiert, welche den Boden kau* fen und Friedhöfe gründen, auf welchen die Vereinsmitglie* der begraben werden. In New York befindet sich auf einer Anhöhe der Friedhof Mount Hebrew Cementary. Dort reihen sich schon aneinander Gräber von Emigranten, die in einer besseren Zeit nach Amerika auswanderten. Heute ist Amerika kein gelob« tes Land, Heute möchten viele Juden nach Palästina auswandern. Dort in den jüdischen Kolonien, in modern emge« richteten Siedlungen ersteht neues Leben, Aber Amerika bleibt die zweite Heimat des Juden. Denn in keinem Lande der Welt werden die Juden so geachtet wie in Amerika. Deshalb ist der amerikanische Boden jedem Juden teuer, mir ist Mount Hebrew Cementary heilig, denn eine edle Mutter ist dort vor einem Jahre zur letzten Ruhe gebettet worden, sie war meine Mutter . . . in Wien hat der jüdische Friedhof am Zentralfriedhof einen stattlichen Zubau in der letzten Zeit erhalten. Ein würdiges Monument der großen jüdischen Gemeinde. Einzelne Gräber sprechen ein beredtes Beispiel für jüdische« Wissen auf verschiedenen Gebieten in Oesterreich; Leo Falk Arthur Schnitzler und Perez Chajes

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