Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 6 (1933)
- Issue
- Heft 304 (12.10.1933)
- Date
- 1933-10-12
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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I»r. »4 —12. OWob'ef 19» DIB STIMMB KUNST UND WISSEN Moderne Wissenschaft bestätigt die Bibel Interessante Forschungsergebnisse englischer Gelehrter In früheren Jahren wurde gern die Behauptung aufgestellt, daß die Ergebnisse der modernen Wissenschaft, in erster Linie der Altertumsforschung, den Darstellungen, die di« Bibel gibt, widersprechen, daß also der Fortschritt der Wlasenschaft die Bibel widerlege. Erst in neuester Zeit ist man darauf gekommen, daß das gerade Gegenteil richtig ist. Einer der berühmtesten englischen Archäologen zum Beispiel, Sir Charles M a s t o n, hat erst vor wenigen Wochen in einer hochinteressanten Schrift den Beweis geführt, daß gerade nach den allcrneuesten Forschungen das Alte Testament von der Diluvialzelt angefangen, hieb- und stichfest sei und daß jene Bibelkritiker, die die Schöpfer der sogenannten cevolutlonistischen Theorie» waren, unrecht hatten. Zu Ende des vorigen Jahrhunderts bildete sich eine Oflippe von Gelehrten, die sagten, der Ursprung aller Religion sei eine gewisse Form des Polytheismus gewesen, während sich der Monotheismus erst in einer verhältnismäßig späten Zeltepoche entwickelt habe. So stand zum Beispiel in einer der berühmtesten Studien über die Bibel, die sogar unter dem Protektorat der englischen Kirche herausgegeben wunde, zu lesen, daß die Juden erst zur Zeit des Propheten Arnos zum reinen Monotheismus übergetreten seien. Der Gelehrte Charles Maston stellt sich nun, gestützt auf die Forschungen des Dr. Langdon, eines bekannten englischen Assyriologen, der unter anderem in der Nähe von Babylon wichtige Ausgrabungen veranstaltete, auf den Standpunkt, daß die älteste menschliche Religionsgeschichte charakterisiert sei durch ein Abweichen vom Monotheismus zum Polytheismus und zum Glauben an böse Geister. Solcherart würde also der Sündenfall, von dem die Bibel erzählt, wissenschaftlich erhärtet und zugleich die evolutionistische Theorie widerlegt sein. Durch viele Jahre hindurch haben sich die Gelehrten damit befaßt, die Spuren alter jüdischer Kultur zu durchforschen, die 8000 Jahre zurückliegen und vor allem in den Sandwüsten Mesopotamiens vermutet wurden. In erster Linie war es die britische Regierung, die sich für derartige Forschungen im Irak einsetzte. Heute, nachdem man in diesen Gegenden zahlreiche Steine mit Inschriften aller Art sichergestellt hat und dieses Material von Fachleuten genau gesichtet wurde, kann man auch auf Grund dieser Zeugnisse eindeutig feststellen, daß der Monotheismus die älteste menschliche Religionsform war, was übrigens auch die Anthropologen bestätigen, die behaupten, der primitive Mensch habe nur an einen Gott und überdies an ein Fortleben nach dem Tode geglaubt. Manche Kritiker des Alten Testaments meinten auch, daß den Juden die Schrift erst im 6. oder im 7. Jahrhundert vor Christus bekannt wurde. Heute aber beweisen die Archäologen eindeutig, daß die Schrift bereits zu Moses’ Zeiten bekannt gewesen Ist, da man auf der Halbinsel Sinai Inschriften auf Steinen fand, die sogar noch älter sind als die mosaische Zeit. Die Forschungen des Dr. Langdon in Mesopotamien haben ferner erwiesen, daß die urspntlgliche semitische Bezeichnung für Gott, «El», soviel bedeutet wie: «der, der in der Höhe ist». Diese Ansicht wird durch Inschriften erhärtet, die Larrgdon fand und auf die Zeit Josuas zurückgehen. Die wichtigsten „ Anhaltspunkte für jene modernen Forscher, die die Bibel durch die Wissenschaft bestätigt sehen, liefern aber die Ausgrabungen tn Jericho. Dort hat Professor Qarstang festgestellt, daß Jericho zwei Mauerreihen besaß, die dreißig Fuß hoch waren. Diese Befestigungsanlagen waren aber schlecht angelegt und hielten einem Erdbeben nicht stand. So kam es, daß beim Einsturz dieser Mauern auch die Häuser begraben wurden, die zwischen den Mauern erbaut zu werden pflegten. In diesen Häusern nun fand man Reste von Getreide, Datteln, Oliven und verschiedenen Speisearten, halb verkohlt, die den biblischen Berichten von Josua voll und ganz recht geben. Man kann die Einnahme Jerichos durch die Juden heute mit dem Jahre 1400 vor Christi fixieren, also um zwei Jahrhunderte früher, als man bisher annahrn. Dieses Datum aber stimmt mit dem Buche «Exodus» (iberdn. So ist es also Tatsache, daß die modernen Forschungsergebnisse die Berichte der Bibel in immer weiterem Ausmaß bestätigen. Rasiere Dich gut und billig oesterreiciiiscnes -Fabrikat _Ueberall erhältlich Das Werk der „Palestine Publishing Company11 Werke deutsch-jüdischer Gelehrter und Schriftsteller werden in Palästina herausgegeben London. Wie die Jüdische Telegraphen-Agentur erfährt, konnte die finanzielle Beteiligung einer Reihe öffentlicher Institutionen und Verlagshäuser an der Im August dieses Jahres in England eingetragenen «Palestine Publishing Company Ltd.» gesichert werden, einer neuen großen Druck- und Verlagsanstalt für Palästina, die die Herausgabe von Werken jüdischer Oelehrter und Schriftsteller besorgen will, hauptsächlich solcher, die genötigt waren, Deutschland zu verlassen. Die jiddische Enzyklopädie erscheint Paris. Die Vorarbeiten für die Herausgabe der großen Enzyklopädie des allgemeinen und des jüdischen Wissens in jiddischer Sprache mit Hilfe des anläßlich des 70. Geburtstages Professor Simon Dubnow s in Berlin gegründeten Dubnow-Fonds stehen vor dem Abschluß, ln den Arbeiten war eine Unterbrechung eingetreten, da die Mitglieder der Fondsverwaltung und der Redaktionsstab ihren bisherigen Sitz, Berlin, verlassen mußten. Nach Uebersiedlung des Komitees und der Redaktion nach Paris wurde ein neuer Finanzplan aufgestellt, dem Fonds flössen namhafte finanzielle Unterstützungen zu, so daß das Erscheinen des ersten Bandes der Enzyklopädie für März 1934 festgesetzt werden konnte. Die nächsten Bände sotten in entsprechenden Abständen regelmäßig folgen. Die wissenschaftliche Vorberel• tung des Oesamtwerkes Ist ziemlich weit gediehen, die Redaktionen der einzelnen Abteilungen arbeiten intensiv an der Sichtung und Ordnung des Materials. Juden in Ungarn — 600 Jahre vor der Landnahme durch die Magyaren Bei Erdaushebungen im Oarten des Fürstprimas in Oran wurde ein jüdischer Grabstein aus dem dritten Jahrhundert n. Chr. gefunden. Fachgelehrte stellten fest, daß sich an der betreffenden Stelle des Gartens eine Beerdigungsstatte für jene Juden befand, die mit den Römern nach Pan• nonien, dem heutigen Ungarn, gekommen waren. Es waren dies Nachkommen jener Juden, die Titus nach der Zerstörung Jerusalems als Gefangene nach Rom brachte und die sich später auf die verschiedenen Kolonien des römischen Reiches verteilten. Wie die Ausgrabungen in Gran zeigen, gab es bereits 600 fahre vor der Landnahme Ungarns durch die Magyaren in diesem Gebiete jüdische Niederlassungen. Zählung der Juden Im alten „Königreich Böheim“ Das Statistische Staatsamt der Tschechoslohakei teilt mit, daß im alten Königreich Böhmen (Böheim) bereits seit 1754 Volkszählungen stattfanden. Im Jahre 1762 wurden hier 28.394 Juden gezählt. Darunter merkwürdigerweise nur vier Rabbiner. Im übrigen gab es unter ihnen 40 Landesbeamte, 373 Handwerker, 5399 «Untertanen», keine Bürger, 1559 Diener, ferner 2700 Hauseigentümer, aber demgegenüber nur 971 Häuser, die Juden gehörten. Es hatte manches Haus, insbesondere in der Prager Judenstadt, mehrere Eigentümer, was sich nach und nach zu der Kuriosität entwickelte, daß es Hausanteile gab und noch gibt, die sich nur in lächerlich langem Nenner ausdrücken lassen, z. B. 13123446. Die Zahl der Juden nimmt bis etwa 1890 zu, wo sie 94.619 erreicht, von da an fällt sie stetig und ist jetzt auf etwa 76.300 angelangt. Vorlesung Siegssiund Schorf Siegmund Schorr ist auch in Wien kein Unbekannter. Vor einem Jahre hatte man hier Gelegenheit, Schorrs zwerchfellerschütternde Komik, die in lustigen und luftigen Persiflagen sich ausbreitet, zu bewundern. Es war ein durchschlagender Erfolg, wenn er auch naturgemäß nicht dieses große aufnahmsfähige Publikum vorfand wie in den polnischen Städten, deren Vortragssäle, mit Siegmund Schorr auf dem Programmzettel, förmlich belagert werden. Nicht zuletzt ist diese Popularität Schorrs dem Umstand zu verdanken, daß er nicht nur ein Meiister der kurzen jiddischen Satire ist, sondern auch ein Rezitator von großem Temperament und Eigenart, die das Publikum zu Lachstürmen mibreißen. Die bevorstehende Vorlesung Siegmund Schorrs wird ohne Zweifel noch weitere Kreise Wiener Juden auf dieses urwüchsige Talent des jüdischen Ostens aufmerksam machen. ISRAEL MAJOFIS: Gericht mit Gott Eine Geschichte aus dem Volke «Der Gerechte lebt in seinem Glauben.» (Habakuk 2, 4.) Das geschah vor vielen, vielen Jahren in der großen Jüdischen Gemeinde Berditschew, wo der berühmte RebLevi Jizchak Rabbi war. Obwohl an jenem Tag weder Monatsbeginn noch sonst ein schulfreier Tag war, ließ Reb Sissel, der Melamed, seine Schüler früher als sonst nach Hause. Dann zog er seinen Sabbatrock an, setzte den Samthut auf, strich sich den Bart glatt und machte sich, den Stecken in der Hand, auf den Weg zu Reb Levi Jizchak. Schon lange trug er sich mit dem Gedanken, es hatte ihm aber immer an Mut gefehlt. Schließlich, als seine Frau mit ihren ewigen Klagen und Tränen ihm gar zu arg zusetzte, entschloß er sich doch dazu. Von früh bis spät plagt er sich mit seinen Schülern und verdient kaum auf trockenes Brot, Graupensuppe und das Stückchen Fisch für den Sabbath, ganz selten Fleisch. Den Segensspruch am Freitagabend muß er über Barches sagen, auf Wein langt’s nicht. Kleider für Weib und Kind werden einmal in der Zeit angefertigt, wenn die alten unmöglich mehr geflickt und gestopft werden können. Die Wohnung ist klein und finster, keine Hoffnung auf eine bessere. Trotzdem hat seine Dwoire nie geklagt, ihn nie dafür verantwortlich gemacht. Seine Dwoire ist ein braves Weib, sie weiß, daß die Frau den Mann zu ehren hat und hütet sich deshalb, ihm das Herz schwer zu machen. Diese Welt ist doch nur ein Vorhaus jener besseren Welt. Und es macht nichts aus, hier besser oder schlechter zu speisen, weicher oder harter zu schlafen, wenn man nur ehrlich bleibt und dem Herrn der Welt in Treue dient. Diesmal aber hat sie Recht. Sie ist doch eine Mutter und das Herz tut ihr weh .. . Nechomke ist schon zweiundzwanzig und hat noch immer keinen Mann. Alle Freundinnen sind längst verheiratet, viele haben schon Kinder, nur sie sitzt noch da und welk tdahin wie eine Blume inr Fenster. Kein Geld da für Ausstattung und Mitgift. Jahr um Jahr geht dahin . . . Wohin soll das führen? Sein Leben lang schuftet man und kann nicht einmal sein Kind versorgen, sein einziges . . . «Du bist kein Vater,» hält ihm Dwoire vor. «Hast kein Herz. Dich kümmert es nicht, wenn das Kind ganze Nächte durchweint.» Nein, auch ihm schnitt es ins Herz, aber er ist doen kein Weib, er wird doch sein Weh nicht zeigen. «Wenn du ein Vater wärst andern gleich,» sagt sie, «wärest du schon längst in die Umgebung gefahren und hättest etwas Geld zusammengenommen. Einen / ehrlichen Juden, einen Gelehrten werden doch andere Juden nicht im Stich lassen. Wo es um solch gutes Werk geht . . .» Doch so tief konnte er sich nicht erniedrigen. Auf milde Gaben angewiesen sein? Hat er das bei Gott verdient? Was verlangt er denn schon von ihm? Mit diesen Gedanken war er vors Haus des Rabbi gelangt. Sein Herz begann laut zu pochen und große Furcht befiel ihn: Ist, was er da vor hat, nicht — Gott behüte — Ketzerei? Ist er am Ende nicht bei Sinnen? Doch bevor er noch richtig überlegen konnte, stand er schon mitten im Zimmer vor Reb Levi Jizchak. Der hob seine hellen Augen vom Buch auf und hieß ihn willkommen. «Was bringst du Gutes, mein Sohn?» «Ich habe eine Klage,» antwortete Sissel. «Eine Klage? Gegen wen?» «Gegen Gott!», sagte Sissel, von seiner Kühnheit überrascht, aber entschlossen. Reb Levi Jizchak umfing ihn mit seinem klugen, milden Blick und überlegte: Ein Jude hat eine Klage gegen den Schöpfer der Welt. Er glaubt sich von der Vorsehung benachteiligt. Also anhören und ihm Gottes Wege zu erklären suchen, damit er nicht — Gott verhüt’s — den Allmächtigen verleugne. — Doch laut sagte er: «Du bist der Kläger — bringe deine Sache vor! Der Angeklagte ist anwesend, denn Gott «erfüllt doch die ganze Welt mit seiner Herrlichkeit». Sprich!» Sissel erzählte von seinem gedrückten Leben, wie er seinen Beruf ehrlich erfülle, von seiner Tochter Nechama, die er nicht verheiraten könne, da ihm die Mittel dazu fehlten, und schloß: «Für mich und mein Weib will ich nichts; wahrscheinlich verdiene ich nicht mehr. Aber für mein Kind muß er mir geben, dazu ist er verpflichtet! Unsere Weisen — ihr Andenken sei gesegnet — sagten doch: Ihrer drei sind am Menschen beteiligt, Vater, Mutter und Gott, gelobt sei er. Nun, wir, die beiden ersten Teilhaber haben getan, was wir tun konnten, sie ernährt und gekleidet nach unseren Kräften. Mitgift können wir ihr keine geben. Er aber, der dritte Teilhaber, hat genug; heißt es doch von ihm: Mir ist das Silber und mir das Geld. Warum soll er also nicht zur Hochzeit unseres gemeinsamen Kindes beisteuern?» Reb Levi Jizchak hatte ihn aufmerksam angehört. Jetzt fragte er: «Hast du schon einen Bräutigam in Aussicht oder fehlt dir nur das Geld?» «In der alten Schul lernt er,» antwortete Reb Sissel, «ein feiner junger Mann, Jakob-Mosche heißt er. Es fehlen mir nur dreihundert Rubel fiir Mitgift und Hochzeitsfeier.» «Wenn die Sache so steht,» meinte Reb Levi Jizchak, «hast du Recht. Aber vielleicht ist der Teilhaber, von dem du das Geld verlangst, mit der Partie nicht einverstanden? Vielleicht gefällt ihm der Bräutigam nicht? Geh’ daher nach Hause und komm in drei Tagen wieder. Ich will mir unterdessen den jungen Mann ansehen.» Am nächsten Tag begab sich der Rabbi in die alte Schul. Er nahm den jungen Mann vor, prüfte ihn und fand ihn erfüllt von der Lehre, gottesfürchtig und begabt 89