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Die Stimme · 1933-10-12 · Heft 304 (12.10.1933) · page 3

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Journal
Die Stimme
Volume
6 (1933)
Issue
Heft 304 (12.10.1933)
Date
1933-10-12
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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fit. 304 — 12. Oktobet 1933 DIE SUMME Seife 9 Das Drille Reich vor dem VOIkerlribuital Die Völkerbundversammlung tagte diesmal in ihrem neuen Genfer Palais, das eine Schöpfung jüdischer, für ihren Entwurf seinerzeit preisgekrönter Künstler, auch seiner ganzen Bestimmung nach in höherem Sinne ein Symbol jüdischen Geistes darstellt. Es ist ja schon oft darauf hingewiesen worden, wie sehr der humane Gedanke, internationale Zwistigkeiten statt durch blutige Waffengewalt durch einen Gerichtshof friedlich-schiedlich zu bereinigen, dem messianischen Friedensideal des Judentums entspricht. So ungefähr sagt dies der Nationalsozialismus auch, nur mit ein bißchen anderen Worten: «Judenschwindel», «Schwatzbude», in der Juden und Neger über das deutsche Volk Gericht zu halten wagen, bis die gepanzerte Faust der siegreichen Hitlerianer dem Unfug ein Ende machen und das internationale Untermenschentum auseinanderjagen würde, das waren die Ausdrücke, mit denen die Hakenkreuzler, solange sie als Oppositionspartei den deutschen Regierungen das Leben sauer machten, das Genfer Völkerbundtribunal belegten. Einer der hitzigsten Bekrittler dieser Institution war Herr Goebbels. Jetzt ist er als deutscher Propagandaminister selbst nach Genf gefahren, hat das, was er Rathenau und Strese* mann als Verrat am deutschen Volke angekreidet hatte, nunmehr selbst begangen: Er ist vor dem Völkerbund als Vertreter Deutschlands aufgetreten, und zwar nicht, seinem Parteiprogramm aus der Oppositionszeit entsprechend, mit gepanzerter Faust, sondern nur mit jener Waffe, die den äußerlich geradezu als Blasphemie des nordischen Edelrassegermanen wirkenden Goebbels zu einem der sieghaften Repräsentanten des nationalsozialistischen Führerideals empörgetragen hatte: seiner impulsiven Rhetorik. In seinen eigenen Jargon übertragen heißt das, er hat in der «Schwatzbude» nach Kräften mitgeschwatzt . . . Und nicht nur im Plenum, nein, auch in den Kommissionen war Hitler-Deutschland vertreten und hat in denselben parlamentarischen Formen, wenn auch nicht mit demselben Erfolge wie Rathenau und Stresemann, die deutsche Regierungspolittk verfochten. Also haben sich die Nationalsozialisten, deren Reihen ]a die deutschen Wortführer in der Völkerbundversammlung samt und sonders entstammen, einer evidenten Inkonsequenz schuldig gemacht? Je nun, wie man’s nimmt. Sie waren in Genf ebenso inkonsequent und ebenso konsequent wie zu Hause, im Dritten Reich. Haben sie im Inland jede Erinnerung an den einstigen nationalsozialistischen Programmpunkt «Brechung der Zinsknechtschaft» unter Verbot gestellt, so rühmte sich einer ihrer Redner in Genf, daß das Singen der einst so populären Strophe «siegreich wollen wir Frankreich schlagen» abgeschafft worden ist. Ja, die in ihrer Heimat so ungemütlichen Exponenten des Hakenkreuzes haben in Genf die Gemütlichkeit soweit getrieben, ganz offen zu gestehen, daß es ihnen nicht darauf ankömmt, noch etliche Punkte ihres Parteiprogramms über Bord zu werfen. Trotzdem sollte ihnen niemand Charakter- und Prinzipienlosigkeit vorwerfen. Deshalb rollten dieselben Männer, die soeben erst gezeigt haben, daß sie mit sicn reden lassen, plötzlich wild die Augen, mit denen sie kurz vorher Verständnis heischend, gezwinkert hatten, und ihre eben noch in Nachgiebigkeit und Verträglichkeit hinschmelzende Stimme verhärtete und verstärkte sich mit einem Maie zum Donnerton einer unerschütterlichen und unerbittlichen Ueberzeugungstreue. Denn es gibt einen Punkt, in dem sie keinen Spaß verstehen und in dessen Verfolgung sie sich nicht um Haaresbreite von ihrem eingeschiagenen Weg abbringen lassen: das ist der J u d e n p u n k t. Es hat in der Versammlung nicht an Versuchen gefehlt, auch bezüglich dieses Punktes die Deutschen zur Raison zu bringen. So hat der konservative britische Politiker Ormsby Gore dargelegt, die Rassentheorie sei eine durchaus verwerfliche Idee, die mit den Prinzipien der Gerechtigkeit und Freiheit in schärfstem Widerspruch steht. Die Juden seien treue Staatsbürger, wenn man sie gut behandelt. Prompt erhob sich der deutsche Delegierte v. Kelle r und erwiderte, die Ausführungen Ormsby Gores hätten die deutsche Delegation in keiner Weise überzeugt. Aufrichtiger wäre das Bekenntnis gewesen, daß die Ausführungen des Briten zwar überzeugend, aber gerade darum für die nationalsozialistische Politik belanglos sei. Denn das Ziel dieser Politik ist ja gar nicht, die Juden zu treuen Staatsbürgern zu gewinnen, sondern sie schlecht zu behandeln. Die Fesselung des Judentums an den Marterpfahl — ein Bild, das der Lieblingslektüre Hitlers entstammt — ist nicht Mittel zu irgendeinem höheren Zwecke, sondern Selbstzweck. Hitler hat sich ja niemals an die objektive Vernunft gewendet, sondern bewußt und mit Absicht (siehe sein Buch «Mein Kampf!) die Aufpeitschung der schlechten Instinkte als wichtigsten Agitationsfaktor empfohlen. Er bleibt wohlweislich diesem Prinz auch jetzt treu, nachdem es ihn im jähen Aufstieg zur höchsten Macht emporgetragen, sich also praktisch bewährt hat. Hitler weiß ja, daß es ihm ebenso unmöglich ist, wie seinen vielverlästerten Vorgängern im Amte, die normalen Wünsche und Sehnsüchte des deutschen Volkes zu befriedigen. Daher befriedigte er in nie geahntem Ausmaß die Entartung des politischen Trieblebens in die Perversität des Sadismus, der sich zu allen Zeiten am ungestraftesten gegen die Juden austoben durfte. Auf Elsaß-Lothringen und Oesterreich haben die Machthaber des Dritten Reiches in Genf einen foiineUea Verzicht zum Ausdruck gebracht* Um so erbarmungsloser schwingen sie den Tomahawk über dem Skalp des Judentums. Es kann angesichts dieser Taktik nichts Aufreizenderes geben als die Genfer Erklärung des Dr. Goebbels, daß die in Deutschland in Angriff genommene Lösung der Judenfrage auf planmäßigstem und — humanstem Wege erfolge! Wenn man die brutale Verjagung nützlicher, zum Teil intellektuell überragender Arbeitsmenschen aus ehrlich errungenen Erwerbsgebieten als «planmäßige» Lösung anerkennen will, dann kann dies höchstens im Sinne der obigen Kennzeichnung der wahren Hitler-Ziele geschehen. Die sadistische Begeilung impotenter Bosheit am Unglück soziologisch wertvollster Elemente hat im Dritten Reiche wirklich einen Gipfel organisatorischer Planmäßigkeit erreicht. Wer aber in diesem Zusammenhang das Wort «human» gebraucht, der verrät damit nur, daß er gar nicht weiß, was human ist. Dr. Goebbels wurde denn auch auf Grund seiner Ausführungen tüchtig ausgelacht, und hat sich, über diesen unerwünschten Heiterkeitserfolg verstimmt, aus Genf in seine Heimat zurückgezogen, wo ihm Aehnliches nicht passieren kann, da die dort von seiner Propaganda Erfaßten nichts zu lachen haben . . . Gegen eine wirklich planmäßige und humane Lösung der Judenfrage wäre natürlich nichts einzuwenden. Im Sinne der Planmäßigkeit läge zunächst die Klärung der staatsrechtlichen Stellung der deutschen Juden, nachdem man ihnen die Gleichberechtigung mit den anderen Staatsbürgern Deutschlands aberkannt hat. An Versuchen, eine solche Klärung herbeizuführen, hat es Ja nicht gefehlt, doch wurden sie bezeichnenderweise nicht von der deutschen Re¬ JOS. J. LEUfKAUF AKL-Ges. Spedliions- und Lagerhaus-Oklienges. Wien, I., Deutschmeisterplatz Nr. 4 Telephon A 18-5-80 Serie Internationale Transporte Spezialverkehr nach und vo’n Palästina per mare und per Donau. Auskünfte aller Art über Palästina werden bereitwilligst erteilt. Palästina-Zolltarif steht den Parteien zur Verfügung. Vertretung in Palästina: Friedrich Katz, Haifa, P. 0. B. 17, Alexander Fried, Jaffa, P. O. B. 171, Tel-Awiw, Geula Street 42. gierung, sondern von Privatpersonen unternommen. Bekannt ist der Erfolg des Dr. B e r n h e i m, den Juden Oberschlesiens den im Friedensvertrag den nationalen Minderheiten zugesicherten Schutz angedeihen zu lassen. Obwohl dieser Erfolg im großen und ganzen ein rein formaler war, liegt er den Hakenkreuzlern doch schwer im Magen. Das hat die deutsche Delegation in Genf ganz deutlich verraten. Ihr Wortführer von Keller verübelte den Franzosen, daß sie auf diesen — wie der deutsche Redner sagte, «loyal erledigten» — Fall nochmals. zurückgriffen und eine ähnliche Lösung in ganz Deutschland anregten, von Keller wies darrauf hin, daß der betreffende Artikel des Minderheitenabkommens nur für Oberschlesien Geltung habe und eine Kritik der deutschen Gesetze nicht in die Kompetenz des Völkerbundes falle. Schließlich überraschte von Keller die Versammlung mit der Erklärung, daß die Juden überhaupt nicht als nationale Minderheit zu qualifizieren seien, da sie selbst dies nie gewünscht hätten . , . Es ist dies unseres Wissens der erste Fall, daß die Repräsentanten des deutschen Reiches auf jüdische Wünsche Bezug nehmen und diese zur Grundlage ihrer eigenen Auffassung machen. Diese Auffassung läßt es allerdings um so schleierhafter erscheinen, warum die sich zu ihr Bekennenden so ungestüm die Entrechtung der Juden durchführen zu müssen glauben. Der deutsche Delegierte D r. Ritter beantwortete diese Frage zur allgemeinen Verblüffung mit der Behauptung, daß Deutschland von 0 s t j u d e n überschwemmt worden sei, die besondere Privilegien für sich beanspruchten, so daß sich das deutsche Volk zur Abwehr genötigt sehe. Diese Erklärung, eine offenkundige Ausgeburt der Verlegenheit, ist in jeder Hinsicht unsinnig. Denn die angebliche Abwehr ostjüdischer Uebergriffe wirkt sich sonderbarerweise in der völligen Entrechtung der in Deutschland seit unzähligen Generationen ansässigen Juden aus, während die Ostjuden als Ausländer auch in Hitler-Deutschland ein gewisses Mindestmaß von Schutz genießen . . . Und dann: Was sind das für Privilegien, die von den Ostjuden angeblich erstrebt worden sind? Hat etwa irgendein frisch aus dem Osten zugereister Jude sich um die Würde des deutschen Reichspräsidenten oder um den Reichskanzlerposten beworben, wie dies seitens eines in Deutschland frisch eingebürgerten Nichtjuden aus dem Ausland vor kurzem geschehen ist? Was die Ostjuden in Deutschland anstrebten, war die Möglichkeit, ehrlichen Erwerb und nützliche Beschäftigung zu finden. Wer ihnen dieses Menschenrecht streitig macht, darf nicht von Humanität reden. Eine humane Lösung der Judenfrage hätte für die systematische Ueberführung der aqs gewissen territorialen oder sozialen Gebieten vertriebenen Länder und Berufe gesorgt. Was haben die deutschen Expropriateure in dieser Hinsicht getan? Man frage die Emigranten, man frage die plötzlich überschwemmten Emigrationsländer 1 Gar nichts ist geschehen, um die jähe Entwurzelten nicht hilflos untergehen zu lassen! Die Regierung ihres deutschen Heimatlan- Maria Jeritza in ihrem ersten Tonfilm mit: Paul Hartmann, Leo Slezak, Szöke Szakall 119 W. Regie: Wilhelm Thiele — Buch: Hanns SaBmann Hasik: Franz Lehar Produktion; Projectograph-Film Elite-Kino I. Lustspieltheater II. Rotenturm-Kino I. Sascha-Palast III. Schottern ing-Kino I. Flotten-Kino VI. Heimat-Kino IX. ■mm Verleih; Robert Müller, Ges. m. b. H., Wien VII. «ww* des hat sich um sie nicht weiter gekümmert, wenn sie nicht gerade einen Preis für den Kopf des einen oder anderen Flüchtlings ausgeschrieben hatte. Dazu war Geld da, aber die Emigranten selbst ließ man aller Mittel entblößt ins Elend ziehen. Der Völkerbundversammlung lag ein holländischer Antrag, betreffend internationale Hilfeleistung für deutsche Flüchtlinge vor. Wie hat sich die von den deutschen Lösern der Judenfrage angeblich geübte Humanität dazu geäußert? Der deutsche Wortführer Dr. Ritter sprach sich gegen den Antrag aus. Er erklärte schließlich großmütig, daß Deutschland gegen internationale Hilfsmaßnahmen nichts einwenden werde, obwohl es der Ansicht ist, daß sich der Völkerbund damit nicht befassen soll ... Es wurde ein Unterkomitee eingesetzt, das sich mit dieser Frage zu befassen haben wird, Deutschland hat es ab gelehnt, in diesem Unterkomitee vertreten zu sein . . . Die Völkerbundversammlung hatte demnach gleich an Ort und Stelle Gelegenheit, von der «Planmäßigkeit» und «Humanität» der Hitlerianer in der Judenfrage das richtige Bild zu gewinnen. Die Folgen waren für Deutschland sehr unangenehm. Es steht mit seinen Wünschen nach Gleichberechtigung mit den anderen Großmächten und dahin zielender Revision des Friedensvertrages fast ganz isoliert da. Niemand denkt angesichts der Entwicklung in Deutschland an Abrüstung. Auch wir Juden müssen uns hüten, die einzige Waffe, die uns gegen Hitlerdeutschland zur Verfügung steht, vorzeitig aus der Hand zu geben: «Keinen G r o s c h e n f ü r deutsche Waren!» muß unsere Losung sein. Wenn der Wirtschaftsboykott planmäßig durchgeführt wird, dann wird auch die Humanität wieder aufgehen über Deutschland. E Die Trauung des Fräulein Ily Reisz, Tochter des jüdischen Abgeordneten für die tschechoslowakische Republik Dr. Julius Reisz, mit dem Advokaten Dr. Eugen Jelinek aus Bratislava, wird Sonntag, den 15. Oktober, nachmittags 3 Uhr, im Seitenstettentempel stattfinden. Compass Tours New York Wien Paris IX* Spitalgasse 3 a. Gelelliclialtsrciie itac*» Palästina 1. November 1933 Sonderfahrt mit dem Luxus- Expreßschiff „Vulcania^ (36.000 Tonnen) Aber Rom, Neapel, Athen Auskünfte und Anmeldungen: Wien IX., Spitalgasse 3 Telephon B 42-5-38

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