Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 6 (1933)
- Issue
- Heft 304 (12.10.1933)
- Date
- 1933-10-12
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE STIMME &mt ’ Nr, 904 » 12. Oktofof lNfy in Palästina verhandelte und dessen Sympathien für den Zionismus und seine Ziele erwarb. Derselbe Nahum Sokolow, der im Prunksaal des englischen Palastes W i n d $ o r an der königlichen Tafel sitzt, ist auch ein großer Talmudist, dessen umfassendes rabbinisches Qelehrtenwissen dem eines bedeutenden, geistigen Repräsentanten, auch der frömmsten Gemeinde, nicht nachsteht. Dazu gesellt sich ein immenses Wissen, das sich auf das gesamte europäische Geistes- und Kulturleben erstreckt. Am bedeutendsten aber tritt dieses, sein Wissen auf sprachlichem Gebiete hervor, da, wo er Einmaliges, Unvergängliches geschaffen. Wohl hat er in zahlreichen jüdischen und nichtjiidischen Zeitungen manche glänzende Abhandlungen ln jiddischer, deutscher, polnischer, russischer, französischer und englischer Sprache geschrieben, wie überhaupt seine literarisch-wissenschaftliche Tätigkeit eine verblüffende Ist. Es seien hier nur seine «Geschichte des Antisemitismus», ferner das vor nicht langer Zeit erschienene Buch «Baruch Spinoza und seine Z e i t», die «H i s t o r y o f Z i o n i s m», dessen Vorwort B a 1 f o u r geschrieben hat, sowie seine meisterhaften Uebersetzungen einer Anzahl bedeutender Werke aus der Weltliteratur Ins Hebräische hervorgehoben. Sei ft bestes aber hat er in der von ihm im Jahre 1884 gegründeten Zeitschrift «Hazefirah» für die Wiederbelebung der neuhebräischen Sprache geschaffen. Er ist der Mitschöpfer, Miterneuerer dieses nationalen Instrumentes, das von jahrhundertelanger Tradition wohl liebevoll behütet und verehrt, doch nur in starrer, lebensferner Form in Büchern eingeschlossen wär und dem erst eine spätere Zeit lebendigen Klang verlieh. Er, Sokolow, hat ihm neues Leben eingehaucht, neue Seiten aufgezogen und siehe da, das Wunder geschah: Die Sprache, die alte, heilige Sprache, die von Skeptikern totgesagt, erstand im neuen, verjüngten Gewände, erblühte in neuer, lebendiger Schönheit. Vom Meister belebt, erklang sie einer aufhorchenden, immer zahlreicher werdenden Gefolgschaft. Aber Sokolow ist nicht nur der Meister der Form geblieben. Die im europäischen Geiste redigierte «Hazefirah» trug die Fackel der jüdischen Renaissanceidee bis in die kleinsten entlegensten Judenghetti des Ostens. Diplomat und Volksführer, Propagandist und politischer Unterhändler, aktiver Mitschöpfer einer neuen Kultur und gleichzeitig Mitbegründer der politischen und materiellen Voraussetzungen für die Pflege der ersteren — das ist Nahum Sokolow. Wie so mancher der bedeutendsten Führer der zionistischen Bewegung, kommt auch Nahum Sokolow vom Journalismus her. Ja, er ist der eigentliche Begründer der modernen, hebräischen Journalistik. Freilich stand schon seine journalistische Tätigkeit im Dienste elfler großen, befreienden Idee, und diese erzieherische Tätigkeit war von nicht geringerer Bedeutung als seine späteren, von Erfolg gekrönten Verhandlungen mit den mächtigsten Regierungen dieser Erde. Nur die Front war eine andere geworden. Dennf um eben diese politischen Verhandlungen für die Realisierung einer Idee im Namen von Millionen Menschen führen zu können, hatte es vor allem bedurft, diese Idee in die Gehirne und Herzen dieser Millionen zu verpflanzen. Und dies hat Sokolow, der Journalist Sokolow, getan. Er hat den Keim zu einer reichen Saat gelegt. Und wie Baron Edmond de Rothschild vor der Balfour-Deklaration in Palästina kolonisierte, hat Nahum Sokolow hebräische Kultur in den Geistern und Qetnütern der osteuropäischen Juden gepflegt, noch ehe es einen politischen Zionismus gab. Sokolow war einer der politischen Wegbereiter der Balfour-Deklaration, aber in einem viel höheren Maße war er der geistige Wegbereiter des neuen, hebräischen Erez Israel. Und es ist vielleicht nur das Gefühl der historischen Sendung und nationalen Pflicht, die Sokolow nicht dort bleiben und wirken ließ, wo er nach geistiger Anlage und persönlicher Vorliebe hätte bleiben wollen: in der Redaktion der «Hazefirah» oder gar ln der Stille seiner Gelehrtenstube, sondern ihn als einen der ersten unter die Gefolgschaft Herzls führte. Der umfassende Geist Nahum Sokolows hat es vermocht, die Mentalität geistig verschiedener Epochen schöpferisch ln seiner eigenen Persönlichkeit zu verbinden und diese Immer in den Dienst der Erziehung nationaler Erfüllung gestellt. Diese bewunderungswerte, außerordentliche Entwicklungsfähigkeit, diese seelisch-geistige Elastizität sind es, die die faszinierende Eigenart Nahum Sokolows ausmachen und ihn, den hohen Siebziger, so ewig jung erscheinen und an immer neue Aufgaben, an diesen wachsend, sich erneuernd, herantreten lassen. ßUKAI3ERS7&.tä * *. ALseftirrm. t 3J6 - S18 - S X. Ge*präch mit Nahum Sokolow Auf seiner Rückreist von Pystian und Topoldanky (der Sonwierresidenz des Präsidenten Masaryks) nact London ist Montag früh der Präsident der Zionistischen Weltorganisation und der Jewteh Agency, Nahum Sokolow, In Begleitung seiner beiden Töchter sowie des Pysdaner Kurarztes Dr. Eugen Neuwitz z« kurzem Aufenthalt in Wien eingetroffen. Wiewohl der jetzige Wiener Aufenthalt des Präsidenten Sokolows privaten Charakters Ist, Heß er ee sich nicht nehmen, sich durch das Präsidium und führende Mitglieder des Zionistischen Landeskomitees sowie durch die Präsidenten der Wiener jüdischen Oemeinde über die zionistische und Jüdische Situation in Wien informieren zu lassen. Präsident Sokolow hatte auch die Liebenswürdigkeit, in einer längeren Unterredung mit unserem Redakteur sich über aktuelle zionistische Probleme zu äußern. * Das Gespräch mit Sokolow kommt rasch in Fluß. Es kreist um die Eindrücke, die er von seinem letzten Aufenthalt in der Tschechoslowakischen Republik mitbringt. Sokolow war bekanntlich mit seinen beiden Töchtern nach Beendigung des Kongresses über Einladung des Präsidenten Masaryk Gast des Präsidenten der Tschechoslovakichen Republik auf desen Sommerresidenz in T o p o 1 c i a n k y. Sokolow spricht voller Begeisterung und Verehrung für den Weisen aus dem Hradschin. Ich hatte — sagt Sokolow — lange und oft Gelegenheit, wieder die alte Freundschaft zu Masaryk aufzufrischen. Masaryk ist der alte Freiheitskämpfer und Gerechtigkeitsapostel geblieben, der er zur Zeit der HHsner- Affäre war. In unseren Gesprächen erinnerte ich Masaryk an seinen großen Kampf jener Zeit und fügte hinzu, daß wir heute ln einem viel schwereren Kampf stehen, da wir 600.0 00 Hilsner-Angeklagte zu verteidigen und zu retten haben, denen viel Aergeres als Ritualmord zur Last gelegt wird. Masaryks Herz schlägt auch heute noch sehr warm für unsere Leiden. Dies ist verständlich. Unsere Zusammenarbeit mit tscheohoslovakischen Politikern datiert nicht von heute und nicht von gestern. Schon lange vor der Balfour-Deklaration bestand ein inniges Verhältnis, insbesondere zwischen Sokolow und Masaryk. Die beiden Staatsmänner, die in der Bibliothek des Britischen Museums in London über das Wiedererstehen ihrer Völker Gespräche führten, trafen sich später in N e w Y or k, wo Sokolow den Präsidenten Wilson über die tschechoslovakischen Intentionen informierte. Anderseits hat Masaryk Sokolow bei der Friedenskonferenz in Paris tatkräftigst unterstützt. Masaryk — sagt Sokolow — ist auch heute ehrlich PaMsflna-AMcIlinHi JOSEF POPPER Internationale Transporte, Wien, II., Taborstr. 22. Telephon R 48-5-10, R 49-5-70 Serie. In Palästina: The Levaht Öotided Warenhouses - Co. Ltd., rtanp ^ona1? rwrvon mann Haifa, Telephon 346 Jaffa, Telephon 36 Spezial-Warentransporte, Uebersiedlungen, Verpackungen für Palästina, Transport- und Reisegepäckversicherungen. Auskünfte jeder Art Uber Palästina. über die antisemitische Welle entrüstet und tut sein Möglichstes, um Toleranz und objektives Verstehen an Stelle von Gewalt zu setzen. Von demselben Geiste sind auch erfüllt die Bemühungen seines Vertreters Dr. B e n e s c h, der gegenwärtig als Berichterstatter der Mandatskommission in Genf für unsere Sache eine Lanze bricht. Ob die Genfer Judendebatte etwas Konkretes gebracht hat? Aut dis moralische Kraft kommt sa an, die wir aus dieser Debatte schöpfen können. Diese Judendebatte in Genf hat gezeigt, daß wir, wiewohl eine kleine Minorität, doch nicht allein und verlassen sind. Sie Ist der Beginn einer Epoche, in der die Welt das Judenproblem endlich von jener Seite erfaßt, die wir als Zionisten als einzig richtig seit nun fünf Jahrzehnten ln alle Weit hinausposaunen. In diesem Sinne kann man schon heute von einem guten Ergebnis dieser Genfer Tage sprechen. Der Geist, der unsere Tage in Topoldanky erfüllte, hat bis nach Genf gereicht. Ueber die Hauptaufgaben der neuen Exekutive äußerte sich Sokolow wie folgt: Sokolow liebt es nicht, politische Richtungen und Systeme an Personen oder Namen zu knüpfen. Seine Mission sieht er darin, mit einer zionistischen Politik das Maximum des Möglichen zu erreichen, und eine zionistische Politik heißt nichts anderes heute, als ein realpolitisches Programm durchzuführen. Nicht auf den Namen dieses oder jenes Systems kommt es an, sondern au! die Arbeit, darauf, Soviel juden als mög lieh ln« Land zu bringen, soviel wirtschaftlich Ins Land zu bringen, soviel wirtschaftlich2 Positonen als möglich im Lande zu sichern, wobei dv.x Vorhandene konsolidiert werden muß. Das soll unsere Aufgabe ln naher Zukuntt sein und den Rahmen für unsere unmittelbare Arbeit bilden. Das Programm der neuen Exektlve auf einen Nenner gebracht, heißt vor allem Geldsammeln. Denn der Verwirklichungsprozeß des Zionismus, in dem wir heute bereits stehen, ist ein Prozeß der Einwanderung von Menschen und ihrer Seßhaftmachung und Verwurzelung Im Lande. Die Menschen sind da, sie strömen heute aus aller Welt in das einzige Ihnen offenstehend« Asyl Palästina. Für die Menschen benötigen wir Boden. Um den Boden 2u bekommen, benötigen wir Gekf. Ein einfacher Prozeß, sagt lächelnd Sokolow. Und Palästina? Palästina hat heute Raum für Hunderttausende Juden, ohne Verdrängung eines einzigen Arabers, zu denen sich überdies die Beziehungen bedeutend gebessert haben. Von Tel-Awiw bis Akko, längs der Küste ist kilometerlang unbebauter Boden, der nach Händen und nach Bearbeitung schreit. Es ist besonders wichtig — das sagt Sokolow — auf diese Tatsache hinzuweisen, in einer Zeit der fürchterlichen Judennot, in einer Zelt, da eine ganze jüdische Gemeinschaft über Nacht ihre Heimat verlor und an fremde Türen pochen muß, ohne Einlaß zu finden und auf die bange Frage «wohin?» keine Antwort bekommt. Die Entwickiungsmöglichkeit in Palästina ist ganz enorm* Eine Industrie ist bereits im Entstehen begriffen. Hier ist es die Exekutive, die noch mehr als mit finanziellen Mitteln, mit Rat jenen zur Seite steht, die an die Schaffung Industrieller Werke herantreten. Die Exekutive hat ein eigenes Infametionsamt für Industrieförderung errichtet, dessen Aufgabe ee Ist, in dieaen einschlägigen Gebieten auch die Hilfe der Regierung in Anspruch zu nehmen. Hier bietet insbesondere Haifa, die man wirklich als die Stadt der Zukunft bezeichner kann, große, ja gewaltige Perspektiven. Ueber Transjordanien äußerte sich Präsident Sokolow wie folgt: Er ist nicht für eine sofortige Forcierung der Arbeit in Transjordanien. Die Entwicklung Palästinas wird zu einer immer größer werdenden Expansion der jüdischen Arbeit führen, die auch auf Transjordanien sich ausdehnen wird. Gewisse Teile Transjordaniens können allmählich durch Intensive Arbeit der jüdischen Kolonisation erschlossen werden. Auch in führenden arabischen Kreisen Transjordaniens ist der gute Wille für eine jüdisch-arabische Korporation vorhanden. Doch am wichtigsten ist wohl die Stärkung und Festigung der jüdischen Arbeit in Palästina, die von selbst ein Uebergreifen auf Transjordanien möglich machen wird. Zum Schluß berührte Präsident Sokolow noch kurz die Tragödie der deutschen Juden. Er wisse nicht — sagt Sokolow, inwieweit von deutscher Regierungsseite heute die deutsche Judenverfolgung zu einem Stillstand gebracht werden will. Eines aber ist sicher: die deutschen Juden dürfen nicht verzagen und nicht den Kopf hängen lassen. Sie dürfen nicht kapitulieren. Sie müssen ihren Kampf, der ein Kampf um die Emanzipation ist, um Ehre und Würde des Juden als gleichberechtigten Menschen, nach wie vor mit derselben Zähigkeit fortführen. Die deutschen Juden stehen in diesem Kampfe nicht allein, der, da er ein Weltproblem geworden ist, auch durch ein Labyrinth von Tränen, Elend und Not, doch zu einem erlösenden Ende führen wird. * Aus jeder seiner gedanklichen Konzeptionen, jedem seiner von visionärem Weitblick getragenen Sätze teilt sich der synthetische Sinn Sokolows für historische Zusammenhänge mit. Man verläßt das vornehme Stadthotel mit einem Gefühl des Trostes und der Bereicherung, mit dem Bewußtsein, eine Stunde in der Nähe eines Mannes geweilt zu haben, der zu den bedeutendsten führenden Männern unseres Jahrhunderts zählt. J. R. Besuch des Präsidenten Sokolow im zion. Landeskomitee Präsident Nahum Sokolow, obwohl inkognito in Wien, stattete nach seiner Ankunft einen offiziellen Besuch dem zionistischen Landeskomitee ab, wo er vom Vizepräsidenten des Landeskomitees, Herrn Dr. Michael Steinberg, empfangen wurde. Das Beste am billigsten! O.K. Gaststätte für jedermann l, Kärntnerstraße Nr. öl Wiener Rathauskeller Unter persönl. Leitung: Otto Kaserer