Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 6 (1933)
- Issue
- Heft 303 (5.10.1933)
- Date
- 1933-10-05
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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St;te 5 THE STIMME Nr. 303 — 5. Oktober 1933 Manne». Doch die Härte ist bei mir ein Produkt meiner Entwicklung* Wir können in der Geschichte zwei Führertypon feststeilen. Der eine präsentiert den höflichen Menschen, der ständig den Frieden lieht, der mit niemandem hadert, dem einfach alles gelingt, der viele Freunde besitzt. F'r findet nirgend« Hörden und Hindernisse bis zu seinem Tode: er hat «O I a m H a s e h». Doch sein Schicksal ist es. nach dem Tode in Vergessenheit zu geraten. Den anderen Filhrertypus präsentiert der Mensch, der hart ist, der das sagt, was er im Grunde seiner Seele fühlt, der alle Wunden schonungslos aufzeigt. Diesen Führer schätzt man wohl, aber man liebt ihn nicht Er hat kein «Olam-Haseh», um so mehr ist ihm da» «Olam-Habah» gewiß. Sein Name steigt nach dem Tode immer höher im Bewußtsein kommender Geschlechter. Auch in der Geschichte des jüdischen Volkes können wir diese zwei Führertypen feststellen: Das Brüderpaar Moses und Aron. Mose» war ein schwerfälliger Redner, das heißt er sprach so, daß die Menschen mit seiner Rede nicht immer zufrieden waren. Schonungslos, offenherzig, ohne Diplomatie. Moses war sein Leben lang ein Mann, der mit dem Volke haderte. Er hatte nicht Olam-Haseh, sondern nur Zorcs. Aron mußte zum Volke sprechen, er war friedlichen.!, er war der Diplomat, er ging zu Pharao. Doch die Resultate? Aron war es, der mit seinen Händen das Goldene Kalb mitschaffen half, der im Leben Kompromisse schloß, dessen Sünden uns bis heute noch bedrücken. Nach Arons Tode blieb nichts zurück. Doch Moses hatte es nach seinem Tode erreicht, daß das heiligste Gut des jüdischen Volkes, die Bibel, seinen Namen führt, der bei uns für immer verewigt bleiben wird. Ich habe mir — schließt Ussischkin, von meiner frühesten Jugend an als Prototyp für meine Arbeit nicht Aron, sondern Moses gewählt. Mein Leben war bitter. Ich hatte viel zu leiden, zu kämpfen, doch ich habe den einmal eingeschlagenen Weg nicht verlassen. Es war der Weg Moses’, den ich auch Ihnen allen zu gehen rate. Rauschender Beifall dankte Ussischkin für diese Schlußworte. Ussischkin über seine sion. Eindrücke in Wien (j. r.) Nach Schluß des Banketts, da Ussischkin noch von Ovationen der Festteilnehmer umrauscht wurde, nahm unser Redakteur Gelegenheit, Herrn Ussischkin über seine Wiener Eindrücke zu befragen. Ussischkin äuße>rte sich mit großer Zufriedenheit über die zionstische Tätigkeit in Wien. Als Vortragender hatte er Gelegenheit, das große Interesse der Wiener Judenschaft wahrzunehmen. Ueberall, sagt Ussischkin, hat er zu großenjüdischen Massen gesprochen, die sicherlich ein lebendiger Beweis für die starke Verankerung des zionistischen Gedankens in der Wiener jüdischen Bevölkerung sind. Sein sehnlichster Wunsch ist es, daß seine Worte, denen von tausenden Wiener Juden mit so großer Begeisterung gelauscht wurde, Wesenheit während dieser Tage in Wien einen mächauch ein schöpferisches, tätiges Echo finden, daß seine Antigen Ansporn für die Wiener Judenschaft zu intensiver zionistischer Arbeit bilde. Denn das Wort, sagt Ussischkin, hat nur dann seine Bedeutung, wenn es zur Tat führt In diesem Sinne war er auch mit dem zionistischen Wien zufrieden. An den Zionisten selbst liege es, die gehobene Stimmung durch besondere Aktivität und Intensivierung der Arbeit auf allen Gebieten zionistischen Lebens entsprechend zu nützen. Feierlicher Empfang Ussischkin» in der Kultus* gemeinde Mittwoch den 27. September, mittags, wurde Ussischkin im Sitzungssaale der Kultusgemeinde vom Vorstand in Anwesenheit zahlreicher Kultusvorsteher und Gemelnde'abbnrr Wiens empfangen. Präsident Dr. Friedmann begrüßte den illustren Oast namens der Israelitischen Kultusgemeinde und führte u. a. aus: «Unser Gruß gilt dem Manne, der unermüdlich für das Ziel — die Juden nach Palästina zurückzuführen — arbeitet. Ussischkin war derjenige, der die glückliche Synthese von Ein Volk — ein Land, eine Sprache und ein Glauben, gepredigt hat. Alles, was, in den letzten 52 Jahren von der Bewegung geschaffen wurde, ist mit Ihrem Namen, Herr Ussiscbkin, verbunden und so ist die Geschichte der letzten 50 Jahre der zionistischen Bewegung die Biographie Ihres eigenen Lebens. Wer daran denken wird, wie das jüdische Leben neues Ziel und neuen Inhalt gefunden hat, wird an Ihre Persönlichkeit denken, an die Zeit, an der Sie noch vor 52 Jahren in der Chibath-Zion-Bewegung gearbeitet haben, als Sie ein Kollege Pinskers, des Verfassers der Autoemanzipation, waren; er wird an die Zeit denken, da Sie der erste waren, der dem Rufe Herzls gefolgt war und nachher gegen das Uganda-Projekt gekämpft hat, daß Sie für die praktische Kolonisation ln Palästina gearbeitet haben. Er wird auch dessen gedenken, daß Sie vor der Friedenskonferenz in Paris die Forderung des jüdischen Volkes in hebräischerSprache verdaten, und daß Sie immer der Repräsentant unserer Bewegung Ui Palästina waren, und last not least, daß Sie den Keren Kajemeth auf die Höhe gebracht haben, ro daß Ihr Name mit dem Aufbau des Landes für ewig verbunden sein Wird. Hier lebte Herz! und von hier ging der Ruf hinaus, einen fpdenstaat zu schaffen. In dieser Geaeimie wirkte unser unvergeßlicher Oberrabbiner Dr. Chajes. Er schuf das große Erziehungswerk, und die Oemcfnde ist bemüht, sein Firbe zu erhalten. Und deshalb bitten wir Sie, wenn Sie nach Palästina zurückkehren, grüßen Sie dort unsere Brüder und sagen Sie ihnen, daß Sie hier eine Gemeinde gefunden haben, die sich eng verbunden fühlt mit dem Werke in Palästina, die ihre großen Taten bewundert und ihre Hoffnungen mit Palästina verknüpft, daß das jüdische Volk erlöst werden wird durch Zion und in Zion. Usslsehkms Antwort Geehrter Herr Präsident! Fs gereicht r*r zur großen Ehre, hier in der ältesten, größten und kulturellsten Gemeinde der Welt so empfangen zu werden. Präsident Friedmann erwähnte mir Dr. Herz!, Prof. Chajes. Zwei Leuchten, der eine, ein politisches Licht, der andere ein kulturelles Licht. Aber hier war noch ein Mann, der viel Einfluß auf die Vorbereitung der Renaissancebewegung hatte. Das ist Perez Smo* I e n s k y. Hier in dieser kurzen Stunde über Herz! zu spre* chen, wäre ein Verbrechen. Sein Name heil gte Wien. Oberrabbiner Chajes, war ein wirklicher Gelehrter, den Demut, Kultur und Nächstenliebe auszeichnete. Wir haben auf seinen Namen in Palästina einen Chajeswald gepflanzt, der auch mit Hilfe der Spenden der Wiener Kultusgcmrinds zustande kam. Ich danke Euch dafür, daß Ihr Euch mit Palästina durch Festsetzung einer Summe für Keren Hajessod und für Keren Kajemeth in eurem Jahresbudget verbunden habt. Eine Gemeinde, die mit Klal Jisroel verbunden ist, kann jeder Geiahr standhalten, ln Wien kam vor 50 Jahren ein in- I times Gespräch zwischen zwei großen Juden —- Dr. P i n 8- I k e r und Oberrabbiner Dr. J e 11 i n e k zustande. Pinsker kam damals zu diesem großen Juden Jellinek, um ihm sein Manuskript «Die Auto-Emanzipation» vorzulegen. Jellinek 'antwortete ihmr darauf: «Nicht das ist der richtige Weg». Jahre sind vergangen und die Enkel Pinskersbauenjetzt, umdaszu.retten, was die Enkel Jellineks verloren haben. Pinsker wa* einer der Führer der jüdischen Assimilation Rußlands. Er hatte aber den Mut, als im Jahre 1881 die Pogromwelle in Rußland ausbrach, seine Gesinungsgenossen zu versammeln und mit ihnen die Mitgliedskarte dieser Assimilationsorganisation zu zerreißen und schrieb dann seine Auto-Emanzipation. Dasselbe machte auch Herzl in seiner .Jugend. Ich denke nicht daran, daß das ganze jüdische Volk nach Palästina übersiedeln wird. Ein Drittel der deutschen Nation ist auf der ganzen Well zerstreut. Dasselbe gilt auch für die englische Nation. Wir brauchen aber dor, ein nationales Zentrum. Ihr müßt Palästina erlösen und dann wird Euch Palästina vom Galuth erlösen. Sodann überreichte mit einer herzlichen Ansprache Vizepräsident Dr. Orn stein Herrn Ussischkin zur Erinnerung an seinen Besuch in der Kultusgemeinde das erste Statut der Gemeinde und das Buch «Die Geschichte der Juden Wiens» von Grunwatd. Er bemerkte dabei: «Ihre Aufforderung, Herr Ussischkin, daß wir immer wirken und empfinden sollen für das ganze Judentum, traf bei uns auf fruchtbaren Boden. Keine jüdische Sache soll uns fremd bleiben.» Ussischkin war Gegenstand großer Ovationen. Er wurde vom Präsidium durch alle Räume der Gemeinde geleitet Der Keren Kajemeth ehrt Ussischkin Montag, den 25. September, versammelten sich sämtliche Mitarbeiter des Keren Kajemeth, um Ussischkin zu ehren. Dozent Dr. Plaschkes überbrachte dem Jubilar an Stelle des verhinderten Präsidenten des KKL Adolf Böhm Glückwünsche im Namen des Keren Kajemeth. Es wurden dann an Ussischkin mehrere Fragen gestellt, auf die er ln einer herrlichen Rede antwortete. Ussischkin berührte hier die Fnage der jüdischen Stiftungen der ganzen Welt, die eine Summe von 20 Millionen Pfund betragen und die zumeist in nichtjüdischen Banken investiert sind. Ein großer Teil dieses Geldes tot durch Bankenkrach und durch den Niedengamg der Valuta zugrunde gegangen. Als Beispiel können die jüdischen Stiftungen in Deutschland dienen. Der KKL ist aber die einzige jüdische Anstalt, die über ein großes Kapital verfügt, das sicher angelegt ist, denn der Keren Kajemeth macht keine Geschäfte, sondern kauft mit dem investierten Gelde Boden, und der Boden steigt von Tag zu Tag in seinem Wert. Man könnte also alle diese Stiftungen im Keren Kajemeth anlegen und der Keren Kajemeth wird Zinsen zahlen. Einen solchen Anfang machte die Vereinigung der jüdischen Synagogen in England, die dem Keren Kajemeth 10.000 Pfund für 30 Jahre zu 2 Mt Prozent Zinsen geliehen haben. Der KKL könne auch bei Privaten eine Anleihe machen unter der Bedingung, daß sie eine langfristige ist. Der Keren Kajemeth will absolut nicht Boden kaufen, um ihn dann an Private wieder zu verkaufen, er ist nur bereit, zu vermitteln zwischen Verkäufern und Käufern, um der Spekulation Einhalt zu gebieten_ Trotz Verbrennung auf Scheiterhaufen. FEUCHTWANGER Dar HMIs«ha Krlaa brosch. S 10.70 Leinen S 12.70 erhältlich In J. L. POLLAKS Buchhandlung und Antiquariat Wien, XV., Marlahilferstraße 140. Tel. R 35-0-34 Ferner neu: Döblin. Jüdische Erneuerung, brosch. S. 3.95, gebunden S 5.86. Eine Ebniog für Br. Ta*takower Hierauf überreichte Ussischkin in feierlicher Weise der' verdienstvollen Leiter des Keren Kajemeth in Oesterreich, Herrn Dr. Qiaim Tartakower, zwei Diplome eines auf einen Garten und eines ruf die Eintragung itv Goldene Buch des Keren Kajemeth anläßlich seines SOjährfgen Geburtstages. Die eine Anschrift lautet: «Dr. Chaim Tartakower, dem bewährten Schriftsteller und Zionisten und hingebungsvollen Hebräer, dem teuren Menschen in Liebe und Dankbarkeit für seine fruchtbare Arbeit »ui aBen Gebieten der nationalen Arbeit, gewidmet von den Zionisten Wiens.» Die Anschrift des zweiten Diploms lautet: «Dem Lehrer und Führer in Liebe und Dankbarkeit von der zionistischen Jugend Wiens gewidmet.» Mit einer feierlichen Ansprache Ussischkin» an Dr. Tartakower wurde die Versammlung geschlossen. Der Abschied Ussischkin» von Wien Montag, den 3. Oktober, um 8 Uhr früh verließ Ussischkin und Frau Wien. Am Bahnhof hatte sich eine Anzahl von Verehrern und Freunden zum Abschied eingefunden. | Elsig Torczaner gestorben | Eine markante Figur des österreichischen Zionismus ist dahin. Er stammte aus Brody, der Stadt der jüdischen Kultur und europäischen Bildung. Sein Zionismus war echt, weil mit der hebräischen Kultur aufs tiefste verwurzelt un<£ wie. bei vielen Zionisten der ersten Periode, eine natürliche Konsequenz seines alten Judentums. Er bewahrte sich auch voll und ganz die Liebe und die Treue zur alten jüdischen Tradition und bestätigte durch sein Leben, daß die Tradition und der Zionismus keine Gegensätze sein müssen. Wunderbar war seine Liebe zu Herzl, vielleicht konnten hauptsächlich Menschen der Art wie Torczyner die Bedeutung dieses göttlichen Geschenkes an unser Volk ahnen und verstehen. Schreiber dieses lernte den verewigten Torczyner vor vielen Jahren kennen. Torczyner w^r bereits ein erwachsener Mann, der Schreiber ein junger Gymnasiast in Brody. Sie trafen sich im Brodyer zion. Verein. Das Gespräch wurde hebräisch geführt. Torczyner verteidigte mit Temperament Herzl und griff — er, der Hebräer — Achad Haam an. Zu allen Ereignissen des jüdischen und zionistischen Lebens nahm Torczyner Stellung und stets in aller Offenheit und mit Temperament. Auf tadelloses grammatikalisches Hebräisch legte er stets großes Gewicht und auch hier hielt er mit seiner Kritik nicht zurück. Daß er seinen Zionismus stets ernst, sehr ernst nahm, versteht sich ja bei einem Mann wie Torczyner von selbst. Groß war seine Liebe und seine Verehrung für Chajes; konnte es einem Manne mit den jüdischen und menschlichen Qualitäten wie Chajes gegenüber, seitens eines so echten und glühenden Juden und Zionisten wie Torczyner anders sein? Wie ernst es Torczyner mit der Bewegung war, kann man ja am besten an seinen Kindern sehen: der eine ist ein belgischer Zionistenführer, der andere der bekannte Sprach- und Literaturforscher Harry Torczyner, der in Erez Israel lehrte und nun wieder zu seiner alten Wirkungsstätte zurückkehrte. Im Zionismus bewahrte sich Torczyner seine volle Gedankenfreiheit, er stand ehrlich über allen Parteien und alle achteten ihn. Aber als alter Herzl-Zionist blieb er der Organisation stets treu. Torczyner war aber auch als Mensch wahrhaft menschlich. Eine Episode: Ein Wiener Zionist mußte plötzlich im Krieg einrücken und seine Frau, fern von ihrer Familie, in Wien unversorgt zurücklassen. Da erschien Torczyner unaufgefordert bei dieser Frau und erklärte ihr: «Sie sind allein hiergeblieben, Sie können auf mich rechnen.» In tiefster Rührung erzählten dies diese Gesinnungsgenossen nach vielen Jahren. So lange unser Volk Menschen wie Eisig Torczyner hervorzubringen vermag, braucht ihm um seine Zukunft nicht bange zu sein. Dr. Chaim Tartakower. « Die Beliebtheit und das Ansehen des verstorbenen Gg. Eisig Torczyner kam am Sonntag beim Leichenbegängnis zum Ausdruck, wo eine unübersehbare Menge sich beim Hause des Verblichenen versammelte. Der Sarg wurde dann zur Polnischen Schul Leopoldsgasse getragen, wo ihn der Gesamtvorstand mit dem Präsidenten Dr. Leo Landau erwartete und Herr Oberkantor F r ä n k e 1 die Ritualgesänge verrichtete. Am Friedhof sprachen als erster namens der Israel Kultusgemeinde Präsident Dr. Desider Friedmann, ferner namens der Zion. Landesorganisation Dr. Michael Steinberg, namens der Histadruth Iwrith und des persönlichen Freundeskreises Dr. David R o t h b 1 u m, ferner die Kultusräte Dr. Leopold Plaschkes, namens des Bethausvereines «Beth Israel» Prof. Moses Rath, namens der Brodyer Dr. Dagobert Rybaczewski und als engster Freund des Verstorbenen J. H. W a 111 u c h. Die kantorale Funktion am Friedhof verrichtete Oberkantor Fr ä nkel